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Aus ISRAEL - Echo der Ewigkeit, von Abraham J. Heschel

KAPITEL II
Bindung an das Land
(2. von 3 Teilen)

Die Wiedergeburt Israels:
Einzigartigkeit

Die Wiedergeburt Israels ist ein Durchbruch in völlig neue Bereiche der Erfahrung und des Verstehens. Sie entzieht sich konventionellen Vorstellungen und normalen Erwartungen. Sie ist ihrem Wesen nach Verkündigung.

Aus diesem Grund betrachten viele von uns die Rückkehr nach Zion mit Unbehagen; denn ihr Denken ist abhängig von der Übereinstimmung mit gewohnten Denkstrukturen. Bei unseren wissenschaftlichen Untersuchungen benutzen wir Begriffsmodelle, um eine empirische Situation zu charakterisieren. Wir lassen uns vom Prinzip der Verallgemeinerung leiten und suchen ein spezielles Objekt in ein allgemeines Modell einzupassen. Die Beziehung zwischen dem Modell und den danach gestalteten Objekten beruht auf Analogie.

Mit anderen Worten: Unser Denken ist gewöhnt, in Begriffen von Gleichheit zu denken und anzunehmen, daß die zu betrachtenden Objekte bloße Kopien, Wiederholungen sind, und das Nie-Dagewesene, Besondere und Einmalige nicht zu beachten. Wir arbeiten mit vorgefertigten Schablonen, mit Rubriken.

Dies ist in der Tat das Dilemma der Religion in der Moderne. Die geheimnisvollen Ereignisse, die für Juden und Christen gleichermaßen zentral sind, erscheinen so fremd, weil sie ohne Vorgang, einmalig sind.

Die Rückkehr nach Zion ist ein Schauspiel ohne Vorgang, ein Ereignis sui generis, für das es kein Modell, keine Analogie gibt.

Der Staat Israel ist eine Überraschung; aber der moderne Verstand haßt es, überrascht zu werden. Niemals zuvor ist ein Volk nach einer Zwischenzeit von 1897 Jahren in seine alte Heimat zurückgekehrt. Dieser außergewöhnliche Aspekt muß notwendigerweise für das konventionelle Denken einen Schock bedeuten, für den mittelmäßigen Verstand ein Skandal und für die Positivisten eine Narrheit sein. Er fordert eine Neuorientierung mancher Vorstellungen.

Hier ist eine wichtige Lektion zu lernen. Gerade die Nivellierung geschichtlicher Ereignisse verhindert oft unser Verstehen.

Echte Geschichte ist nicht bloße Wiederholung, bloße Kreisbewegung. Sie ist ein frischer Versuch, ein neuer Einstieg. Die Heilige Schrift beginnt mit den Worten: »Am Anfang...« Für die griechische Mythologie z.B., die annimmt, daß die Welt immer existiert hat, ist die Vorstellung von einem Anfang undenkbar. Zum jüdischen Verständnis gehört, daß es auch in der Geschichte Neues, Anfänge geben kann.

Israel ist ein verborgenes Wunder. Die Dinge sehen ganz natürlich aus und verbergen das, was radikal überraschend ist. Das wiedererbaute Zion wird zum Künder einer neuen Einsicht, dessen, wie Geschichte und Geheimnis miteinander verwoben sind.

Israel ist das Gegenteil eines Allgemeinbegriffs, ist ein außerordentlicher Ort, und am Rande des Außerordentlichen können wir vielleicht dem Wunder begegnen. Israel als etwas Neues ist kein absoluter Neuanfang sondern eine Auferstehung im Sinne Ezechiels. Es ist der Zusammenklang einer göttlichen Verheißung und einer menschlichen Tat.

Das Schauspiel

Thema ist nicht eine Idee, sondern eine Geschichte, ein Schauspiel. Dramatis personae: ein Volk, ein Land und die Gegenwart Gottes. Das Schauspiel hat viele Szenen.

Zuerst kommt die Erwählung eines Mannes, der dazu berufen wird, die Herrschaft des Einen zu verkünden, der Gerechtigkeit und höchste Opferbereitschaft fordert; er soll Vater vieler Völker und ein Segen für alle Völker werden. Seine Berufung soll auf seine Nachkommen übergehen, ein Volk, das erst noch geboren werden muß, ein Volk, dem eine Heimat, ein Land gegeben werden soll. Bevor es aber das Land erbt, muß es durch die Nöte der Sklaverei gehen, durch die Erlösung und die Prüfungen der vierzig Jahre in der Wüste.

Nach Jahrhunderten von Kriegen und schweren Prüfungen ererbt das Volk das Gelobte Land. David ist König, Jerusalem die Hauptstadt, und der Tempel wird gebaut.

Für die Nachbarn und später auch für einige hebräische Herrscher selbst ist der Staat Davids ein Staat wie andere. Es gibt Kriege, Eifersucht, Götzendienst und Korruption. Es ist ein Land mit offenen Grenzen, die einzige Festung ist der heilige Bund und die Treue zu ihm. Die Krise kommt, ihr folgt der Zusammenbruch. Jerusalem wird zerstört, das Volk in die Verbannung gerührt.

Zerstörung und Verbannung sind im Alten Orient alltäglich. Viele Völker erlebten sie; ihre Kultur wurde ausgelöscht, ihre Identität ging verloren, sie gerieten in Vergessenheit. Das Land wird von anderen besetzt.

Im scharfen Gegensatz dazu geschieht das Unvorhergesehene. Das jüdische Volk weigert sich, den Bund, seine Liebe zu Jerusalem, seine Bindung an das Land aufzugeben. Königreiche kommen und gehen. Nach siebzig Jahren ermöglicht Kyros ihnen die Rückkehr ins Land.

Die Geschichte ist bekannt. Andere Völker hatten inzwischen ihr Land besetzt, und einige Zeit später trachteten heidnische Herrscher danach, das religiöse und kulturelle Leben im Land zu bestimmen. Hier müssen wir einhalten und nachdenken. Hätten Esra und Nehemia versagt, hätten die Samaritaner gesiegt, wären die Makkabäer besiegt worden - was wäre das geistliche Schicksal der Welt gewesen?

Im Sturmwind der Geschichte wäre die Heilige Schrift in Vergessenheit geraten, es gäbe weder Judentum noch Christentum oder Islam; Abraham, Mose, Jesaja wären nur blasse Erinnerungen.

Und wieder geschah es. Im Jahre 70 wurde Jerusalem zerstört, das Volk in die Verbannung getrieben oder in die Sklaverei verkauft. Aber Juden klammerten sich an das Land.

Unseren Rechtsanspruch immer aufrechterhalten

Die Wiederherstellung Zions begann am Tag seiner Zerstörung. Das Land wurde in der Zeit wiedererbaut, lange bevor es im Raum wiederhergestellt war. Fast 2000 Jahre lang haben wir es täglich gebaut.

Im Segensspruch der Danksagung sprechen wir: »Gesegnet bist Du, der Du Jerusalem baust. Amen.« Wir sagen nicht:».. .der Du Jerusalem bauen wirst.« Er ist dabei, Jerusalem zu bauen.

Wenn man etwas mit Gewalt nimmt und der Eigentümer die Hoffnung nicht aufgibt, es zurückzugewinnen, kann es keiner von beiden weihen (d.h. einem Heiligtum geben): der eine nicht, weil es ihm nicht gehört, der andere nicht, weil es sich nicht tatsächlich in seinem Besitz befindet.(1) Das Land wurde dem jüdischen Volk mit Gewalt genommen, und wir haben niemals die Hoffnung aufgegeben, es zurückzugewinnen.

Zu allen Zeiten haben wir nein zu allen Eroberern Palästinas gesagt. Wir haben nein gesagt vor Gott und Menschen, nachdrücklich, täglich. Wir erhoben Einspruch gegen die Besetzung, wir lehnten ihre Ansprüche ab, wir vertieften unsere Bindung, weil wir wußten, daß die Besetzung durch die Eroberer ein vorübergehendes Abenteuer war, während unsere Bindung an das Land ein ewiges Band ist.

Das jüdische Volk hat nie aufgehört, seinen Rechtsanspruch auf das Land Israel geltend zu machen. Dieses beständige, ununterbrochene Beharren, ein innerster Bestandteil des jüdischen Bewußtseins, ist der Kern der jüdischen Geschichte, ein lebenswichtiges Element des jüdischen Glaubens.

Wie haben die Juden die Besetzung des Landes durch die mächtigen Reiche von Ost und West bekämpft und in Frage gestellt? Wie haben sie an ihrem eigenen Rechtsanspruch festgehalten?

Unser Protest war nicht auf den Marktplätzen der großen Städte zu vernehmen. In unseren Häusern, in unseren Heiligtümern, unseren Büchern und Gebeten wurde er ausgesprochen. Ja, unsere Existenz selbst als Volk war eine Proklamation unserer Verbindung zum Land, unserer Gewißheit, daß wir zurückkehren werden.

Das Argument mag ganz einleuchtend klingen, daß die ganze Weltkarte neu gezeichnet werden müßte und ein Chaos die Folge wäre, wenn man den Juden das Recht auf Rückkehr nach Palästina aufgrund der Geschichte zugestehen würde. Aber stellt sich die Frage wirklich? Fordern z.B. die Nachfahren der Römer, England in Besitz zu nehmen? Brauchen sie England? Hängt ihre Zukunft, ihre ganze Existenz davon ab, daß sie sich dort niederlassen? Oder dringen z.B. Araber darauf, nach Andalusien in Spanien zurückzukehren? Ist es für sie eine Sache auf Leben und Tod? Die Analogie ist falsch und irreführend. Es gibt keine entsprechende Bindung an ein Land irgendwo in der Welt.

Der zweite jüdische Staat wurde von den Römern im Jahre 70 zerstört, der Staat Israel wurde im Jahre 1948 geboren.

In dieser langen Zwischenzeit wurde Palästina nie eine nationale Heimstätte für irgendein anderes Volk, wurde nie als geo-politische Einheit betrachtet, war nie ein unabhängiger Staat. Nicht weniger als vierzehnmal wurde es in dreizehn Jahrhunderten erobert und wiedererobert. Jede Eroberung nahm es als besetztes Gebiet in Besitz, das von außen regiert wurde ... Und jede Eroberung hinterließ ein Erbe in Gestalt von Soldaten und Sklaven und ihren Nachkommen, die ethnisch und kulturell nichts gemein hatten, und erzwang während der arabischen Eroberung die Annahme des Islam als Religion oder drohte mit erheblichen Beeinträchtigungen. Allen gemein war das Erbe der Verwüstung. Der größte Teil des Landes sank zurück in die Vergessenheit von Sümpfen im Norden und ausgewaschenem Boden und Sand im Süden. Das 19. Jahrhundert fand in dem Land einen wahren Mischmasch von nationalen, ethnischen und sprachlichen Gruppen und Religionen. Außer den Juden betrachtete niemand Palästina als seine Heimat, als nationale politische Einheit, die wert wäre, ein unabhängiger Nationalstaat zu sein. Für die Türken war es bloß eine entfernte Provinz des osmanischen Reichs, für einige Araber ein schmaler Abschnitt, der einem größeren arabischen Reich angegliedert werden oder diesen oder jenen dynastischen Expansionstraum - wenn es denn einen solchen geben sollte - verstärken könnte; für wieder andere mochte es lediglich religiöse oder andere Assoziationen und Gefühle wecken.

Für die Juden und allein für sie war es das eine und einzige Heimatland, der einzig vorstellbare Ort, wo sie Befreiung und Unabhängigkeit finden könnten, das Land, dem sich ihre Sinne und Gefühle jahrhundertelang entgegengestreckt hatten, wo sie fest verwurzelt waren trotz aller Widerstände. Für die nationale Bewegung der Juden war daher das Land nicht irgendein Ort, wo, historisch gesprochen, die Juden einmal gewohnt hatten. Es war die Heimat, mit der man ein unzerstörbares Band nationalen, physischen, religiösen und spirituellen Charakters bewahrt hatte und wo die Juden im wesentlichen ein Hauptbestandteil der Bevölkerung geblieben waren - und wo sie es jetzt faktisch wieder waren. Was immer an Größe in diesem Land entstand in Dichtung, in menschlichen Persönlichkeiten, in Ideen, in Inspiration, war das Ergebnis jüdischen Lebens im Land.

Hier entstanden die großen Werke des jüdischen Volkes: die Heilige Schrift, die Mischna, der Jerusalemer Talmud, die Midraschim, der Schulchan Aruch, die Mystik Lurias. Kein anderes Volk hat originale literarische Werke von entscheidender Bedeutung im Land Israel geschaffen.

Die Worte, die Lieder, die Gesänge der jüdischen Liturgie, die das Gebetsleben im Judentum und Christentum geprägt haben, wurden im Heiligen Land geboren. In diesem Land hat ein Mann aus Israel, Sohn eines israelitischen Zimmermanns, der heidnischen Welt das Evangelium der Liebe verkündet und den Weg für die Tage des Messias bereitet.

Die großen arabischen Beiträge kamen aus Mekka, Kairo, Damaskus, Bagdad, nicht aus Jerusalem. Für die arabischen Völker ist Erez Israel [Land Israel] 2 % des weiten Gebiets, das sie bewohnen; für das jüdische Volk ist Erez Israel Heimat, Hoffnung und alles, was sie ihr eigen nennen können.

Nicht nur die Erinnerung, unsere Vergangenheit bindet uns an das Land; es ist unsere Hoffnung und Zukunft.

>> Zum 3.Teil:
Zwiesprache mit dem Land

1 Kidduschin 52b; Rabbi ].]. Reines, S. Sefer Hamizrachi, Jerusalem 1946, S. 10.



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