| GEDENKEN AN DIE SGHOA GEBET
Wir gedenken der sechs Millionen Toten und aller, die starben, als Wahn sinn
die Welt regierte und das Böse in der Welt wohnte. Wir gedenken derer, die
wir gekannt haben und derer, von denen selbst der Name verloren ist.
Wir trauern um alle, die mit ihnen starben, um ihre
Güte und um ihre Weisheit, die die Welt hätten retten und so viele Wunden
hätten heilen können. Wir trauern um den Geist und den Humor, der starb, um
das Lernen und das Lachen, das für immer verloren ist. Die Welt ist ärmer
geworden, und unsere Herzen werden kalt, wenn wir an die gro ßen Dinge
denken, die hätten sein können.
Wir sind dankbar für ihr Beispiel an Anstand und Güte.
Wie Kerzen leuchten sie aus der Dunkelheit jener Jahre heraus, und in ihrem
Licht erkennen wir, was gut ist — und was böse.
Wir gedenken jener nichtjüdischen Männer und Frauen,
die den Mut hatten, außerhalb der Masse zu stehen und mit uns zu leiden.
Auch sie sind deine Zeuginnen und Zeugen, eine Quelle der Hoffnung, wenn wir
zu verzweifeln drohen.
Um des Leids unseres Volkes willen möge eine solche
Zeit nie wieder kommen. Möge ihr Opfer nicht umsonst gewesen sein. In
unserem täg lichen Kampf gegen Grausamkeit und Vorurteile, gegen Tyrannei
und Verfolgung gibt uns die Erinnerung an sie Kraft und leitet uns.
In der Stille gedenken wir derer, die Gottes Namen auf
der Erde ge heiligt haben.
STUDIENTEXTE
Mit dem vollen Gewicht meiner Autorität als euer
Rabbiner befehle ich euch, mich hier zu verlassen. Ihr müsst fliehen und
euch retten. Gebt Acht auf eure Körper und auf eure Seelen. Bringt euer
Leben nicht un nötig in Gefahr wegen des Blitzstrahls, der von außen
einschlägt, aber denkt auch nicht nur einen flüchtigen Moment lang, dass ihr
euer Le ben opfern müsstet um innerer, geistlicher Werte willen. Ich bitte
euch und beschwöre euch, dass ihr stets all jener aus unserem Volk gedenkt,
die der Hand der Mörder zum Opfer fielen. Es ist nicht Sache von Men schen,
darüber zu urteilen, wer von ihnen heilig ist und wer nicht. Jeder Mensch,
der von den Bösen abgeschlachtet wurde, ist als heilig anzuse hen. Meine
lieben Studierenden, behaltet das Nehardea Lirauens, die Jeschiwe von
Slabodka, stets in Erinnerung. Und wenn wieder Sicher heit und Ruhe in der
Welt eingekehrt sind, werdet nicht müde, den Ruhm, die Weisheit, die Thora
und die lirauischen Lehren weiterzuge ben, dieses schöne und ethische Leben,
das die Juden hier lebten. Wer det nicht verbittert durch die Klagen und
Tränen. Redet mit Ruhe und Gelassenheit über diese Dinge, so wie es unsere
Weisen in dem Midrasch Echa Rabbati getan haben und handelt so, wie es
unsere heiligen Ge lehrten getan haben: Lasst eure Worte strömen und druckt
sie als Buch staben ab. Das ist die größte Vergeltung, die ihr an diesen
bösen Men schen üben könnt. Trotz des wütenden Zorns unserer Feinde werden
die heiligen Seelen unserer Brüder und Schwestern dann lebendig blei ben.
Diese Bösen planten, ihre Namen von der Erdoberfläche zu vertil gen, aber
Menschen können Buchstaben nicht vernichten. Denn Worte haben Flügel. Sie
erheben sich zur himmlischen Höhe und bleiben bis in Ewigkeit.
(Rabbi Nahum Janchiker — die letzte
Mahnpredigt in der Musar-Jeschiwe in Slabodka. Kovno, wenige Augenblicke vor
der deutschen Invasion.)
Wir sind sehr stark daran erinnert worden, daß wir uns
verstecken, daß wir gefesselte Juden sind, gefesselt an einen Fleck, ohne
Rechte, mit Tausenden Pflichten. Wir Juden dürfen unser Gefühl nicht gelten
las sen, müssen mutig sein und stark, müssen alle Beschwerlichkeiten auf uns
nehmen und nicht murren, müssen tun was in unserer Macht liegt und auf Gott
vertrauen.
Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch wohl
vorbeigehen, ein mal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden
sein.
Wer hat uns das auferlegt? Wer hat uns Juden zu einer
Ausnahme unter allen Völkern gemacht? Wer hat uns bis jetzt so leiden
lassen? Es ist Gott gewesen, der uns so gemacht hat, aber es wird auch Gott
sein, der uns aufhebt. Wenn wir all dieses Leid ertragen und doch noch im
mer Juden übrig bleiben dann werden die Juden einmal von Verdamm ten zu
Vorbildern werden. Wer weiß darf es unser Glaube noch mal sein der die Welt
und alle Völker das Gute lehrt und dafür, dafür allein müs sen wir auch
leiden.
Seid mutig! Wollen wir uns unserer Aufgabe bewußt
bleiben, und nicht murren, es wir ein Ausweg kommen, Gott hat unser Volk nie
im Stich gelassen; durch alle Jahrhunderte hin sind Juden am Leben geblie
ben, durch alle Jahrhunderte hin mußten Juden leiden, aber durch alle
Jahrhunderte hin sind sie auch stark geworden, die Schwachen werden
ausgesucht und die Starken werden übrig bleiben und niemals unterge hen!
Wenn Gott mich leben läßt, werde ich mehr erreichen
als Mutter es je tat, ich werde nicht unbedeutend bleiben, ich werde in der
Welt und für die Menschen arbeiten!
Und nun weiß ich daß Mut und Fröhlichkeit, das zuerst
notwendige sind!
(Anne Frank, Tagebuch, Dienstag, 11.
April 1944)
Gott und Gott unserer Vorfahren, in deiner
Hand liegt das Geschick unseres Volkes und die Zukunft aller Nationen jeder
Sprache. Du hast uns über die ganze Erde zerstreut, und du sammelst uns
wieder. Du führst uns aus der Knechtschaft zur Freiheit, aus Zeiten der Not
zur Freude. Als deine Zeugen lassen wir dein Licht unter den Völkern leuch
ten. Stärke uns, damit wir deinen Willen erfüllen.
Wir wenden uns nach Zion wie unsere Vorfahren vor uns.
Die Erin nerungen daran bringen uns einander näher. Die Visionen darüber
brin gen uns dir näher. Erweise uns die Gnade, dass wir den Bau Jerusalems
in unseren Tagen sehen. Seine Stärke möge darin liegen, dass Recht in ihm
wohnt und seine Sicherheit darin, dass sich gerechte Taten in ihm finden.
Friede sei Jerusalems Lohn.
Deinem Namen erweisen wir die Ehre für die Wunder, die
unsere Au gen gesehen haben. Aus der Vernichtung wuchs Hoffnung, in der
Dürre entsprang eine Quelle, ,,die Steppe blühte wie die Lilie" (Jes
35,1).
Mitten in der Zeit der Not haben wir die Worte
deiner Propheten gehört und die Erfüllung deiner Worte gesehen. Wahrhaftiger
Gott, von neuem hast du uns erlöst. Stärke uns nun und gib uns Mut, dein
Werk zu vollenden. Öffne die Pforten zum Heil für Israel und für alle
Völker. Amen. |