Chanukka:
Was können
wir von Immobilien lernen?
Und was von Rabbinern?
Rabbiner W. Rothschild
Die jüdische Welt in Deutschland
erlebte in den letzten Monaten zwei bedeutende Ereignisse, die auch in der
allgemeinen Öffentlichkeit Wellen geschlagen haben.
- Im September wurden in Dresden
neue Rabbiner ordiniert. Diese Rabbiner werden in deutschen Gemeinden
arbeiten und dazu beitragen, das Judentum hier zu beleben, Menschen zu
lehren, zu trösten und ihnen zu helfen.
- Im November wurde in München ein
riesiges Gemeindezentrum ‘eingeweiht’, ein sehr teurer Bau in der
Stadtmitte von München. Ein Nebenbemerkung: Im Stadtplan ist der Ort mit
"Sankt-Jakobs-Platz" eingezeichnet – und dieser "Sankt Jakob" wird im
Neuen Testament Jakobus genannt und gilt als ein Bruder von Jesus. Die
jüdische Gemeinde dagegen redet nur von "Jakobsplatz", als ginge es um
Ja’aqov, also Jakob, dem Sohn von Jitzhaq. Sie nennen dieses Zentrum
"Ohel Jakob" (Zelt Jakobs).
Zugegeben, das ist nicht so wichtig.
Wichtig aber ist, welche Prioritäten eine Gemeinde hat. Was ist wichtiger?
Ein Rabbiner, oder ein Gebäude?
Die Chanukka-Geschichte, die wir aus den beiden Makkabäerbüchern kennen,
ging ja weiter. Die Makkabäer nahmen den Jerusalemer Tempel in Besitz, sie
reinigten das Gebäude und schließlich weihten sei den Tempel erneut. Doch
der blieb ohne vernünftige und gute Führung. Noch schlimmer, die Rabbiner
beschreiben in der Mischna Korruption und Unwissen unter den Priestern. Das
Traktat Joma zum Beispiel verdeutlicht, dass die Beziehungen zwischen dem
Hohen Priester, der Priesterschaft und der Politik viel zu eng geraten
waren. Tatsächlich war die Monarchie des makkabäischen Hasmonäer-Geschlechts
alles andere als ‘ideal’ und idealistisch. Zum Ende seiner 127 Jahre (164
v.d.Z. - 37 v.d.Z.) währenden Herrschaft verloren sie die Macht an die
Römer. Die delegierten sie an ihre Herodeanischen Günstlinge, und an deren
Ende waren Tempel, Priesterschaft und die Monarchie selbst vollständig
zerstört.
Die Rabbiner hatten daraus gelernt, dass für ein erfolgreiches Judentum mehr
notwendig ist als große, schöne und heilige Gebäude. Man braucht
intelligente und gut ausgebildete Gelehrte, die durch ihre Lehre und ihr
Leben das Volk auf den richtigen Weg führen können. Lieber ein voller
lebendiger Gottesdienst oder ein Schiur in einer kleinen Gemeinde, als ein
großer, leerer Tempel. Das ist auch eine liberale jüdische Perspektive für
die Juden heute in Deutschland. Eine entsprechende Infrastruktur ist
natürlich hilfreich. Eine Gemeinde braucht einen Ort als Bet HaKnesset, als
Versammlungsstätte. Aber die Menschen sind wichtiger als die Immobilien.
Viele Rabbiner aus der Zeit des zweiten Tempels und auch aus der
Mischna-Periode werden noch immer zitiert. Dagegen sind die Orte an denen
sie lehrten seit Jahrhunderten zu Staub zerfallen. Und schaut man in die
jüngere Zeit zurück: Auch Bücher von Vor-Kriegs Rabbinern werden heute noch
gelesen - obwohl viele ihrer Synagogen niedergebrannt worden sind.
Vor bald 2200 Jahren bezeichnete man es als ein ‘Wunder’, dass Öl für einen
Tag acht Tage brannte. Niemand aber spricht von einem Wunder, wenn ein
Mensch für 800 oder mehr Menschen hebräisch lesen und vorbeten muss. Es wäre
ein echtes Wunder, wenn alle Achthundert auch lernen wollten, wie man selbst
jüdisch beten kann und sich entscheiden würden, im kommenden Jahr mehr zu
lernen und mehr zu tun!
Schalom!
Landesrabbiner Walter Rothschild
http://www.synagogengemeinde.de
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