| Das wird
man sich in den Kalender schreiben, sei er nun gregorianisch oder jüdisch:
Dezember 1997, Kislew 5758, fand zum erstenmal eine Chanukkafeier im
Regensburger Kolpinghaus statt. Im jahre '97 war es ohnehin ein seltenes
"Weihnukka-Fest": Der erste Tag Chanukka fiel auf den Heiligen Abend, und so
zündeten Christen und Juden in seltener Eintracht Lichter in ihren Häusern.
Die einen am Baum, die anderen an der Chanukkija und nicht wenige sogar an
beiden Lichtträgern.
Chanukka in Regensburg:
Hier hab' ich zum erstenmal
das Ma'os Zur gehört...
Die Raumnot stellte die
Gemeindevorstände vor die Alternative, entweder Chanukka an vier Tagen zu
feiern oder einen öffentlichen Saal zu mieten. Die Entscheidung für das
Kolpinghaus erwies sich als richtig: Nahezu die gesamte Gemeinde kam und
füllte den großen Saal. Es gab Käsekuchen, Krapfen, Kaffee und Tee auf
Rechnung der Gemeinde.
Da der Regensburger Karnevalsverein
schon mit seinen Vorbereitungen begonnen hatte, regierte im Kolpingsaal
bereits der Herrscher aus dem Reich Lustikanien. Vom Tischtuch bis zur
Saaldecke hatte König Karneval alles im Griff. "40 Jahre Lusticania" – diese
Botschaft verkündete ein ganzer Schilderwald.
Die russischen Zuwanderer, die mit der
Regensburger Narrengeschichte und den lateinischen Buchstaben noch nicht so
vertraut sind, haben den Faschingsflitter für etwas anderes gehalten. Man
hatte hier schon Giora Feidmann spielen hören. Die Stanniol-Sterne im
Saalhimmel mißdeuteten viele als Sterne Davids. "Ist das aber schön
geschmückt für Chanukka!"
Schließlich leuchtete vom Samt des
Bühnenvorhangs eine große, grüne Menorah. Und von einem Tischchen am linken
Bühnenaufgang verströmte der alte Chanukka-Leuchter aus dem Vorstandszimmer
die Würde des Feiertags. Majestätisch stand er da vorne und strahlte vor
Freude über seinen ersten öffentlichen Auftritt, sofern sich Leuchter freuen
können.
Wenn Juden feiern, dann im Lichte ihrer
jahrtausendealten Tradition. Als Dominik Greger um 16.25 Uhr sechs Lichter
am achtarmigen Chanukka-Leuchter zündete, erhoben sich alle auf Geheiß des
Kantors. Der Religionsschüler aus Burglengenfeld (5. Klasse) sang die
Segenssprüche und zündete die weißen Kerzen. Die Festgemeinde antwortete ein
feierliches Amen.
Chanukka ist keine Ersatzveranstaltung
für die armen Judenkinder, die an Weihnachten leer ausgehen. Es ist auch
keine bloße Erinnerung an das Lichtwunder zu Zeiten des
Makkabäer-Aufstandes, als der geschändete Tempel wieder eingeweiht wurde.
Damals soll das wenige Öl in der Menorah so lange gereicht haben, bis neues
koscheres Öl hergestellt werden konnte.
Chanukka handelt vom spirituellen
Überleben des jüdischen Volkes, wie der Blick auf die Geschichte des Festes
zeigt. Antiochus wollte die Juden weder vernichten noch vertreiben oder
versklaven. Sie durften sogar die Tora studieren – vorausgesetzt, sie
betrachteten sie nicht als das Buch der Bücher, sondern als ein
literarisches Werk unter vielen. Seine Angriffe richteten sich auf den Kern:
den Schabbat und den Bund der Beschneidung.
Antiochus
war im 20.Jahrhundert erfolgreicher. Die meisten der neuen Regensburger
Juden erlebten im Kolpinghaus ihr erstes gemeinsames Chanukkafest. Die
meisten kamen auch spirituell mit nichts nach Deutschland. Sie müssen ihre
Religion genauso buchstabieren lernen wie die deutsche Sprache. Die Kinder
gehen voran. Je kleiner sie sind, desto leichter haben sie es mit der
Sprache und mit der Religion. Die Mädchen aus den unteren Religionsklassen
von Kantor Danny Morag erzählten beim Diavortrag die Geschichte von Chanukka
bereits mit bayerischem Zungenschlag.
Die Gemeinde hat mit dem Gang ins Kolpinghaus Neuland betreten. Wege
entstehen beim Gehen. Dabei wurde auch deutlich: Vorbei sind die Zeiten der
intimen Jüdischen Gemeinde. Anonymität breitet sich aus. Hans Rosengold und
Otto Schwerdt versuchten das Gespenst zu verjagen, indem sie als gute
Gastgeber durch die Tischreihen gingen. Beim Programmteil verhallten ihre
Bitten um Ruhe ungehört. Die von den Kindern einstudierten Sketche wurden
vom Publikum einfach niedergemurmelt.
Als dann die Kaffeetassen leer, der
Kuchen aufgegabelt und die Päckchen unter den Kindern verteilt waren,
lichteten sich die Reihen schlagartig. Die dreiköpfige Klezmerband "Schalom"
aus München spielte schon vor halbleerem Saal und hatte es nicht nur wegen
der mangelnden Technik sehr schwer, zum Rest durchzudringen. Erst als die
israelische Sängerin die Kindergartenkinder auf die Bühne bat, sprang ein
Funke über. Unentwegte formierten sich sogar zu Reigentänzen.
Aber da war der Abend schon so
fortgeschritten, daß die Bedienungen die Tischdekoration abzuräumen
begannen. Rosengold und Schwerdt sprachen von "Generalprobe", während
Ehrengast Dr. Andreas Angerstorfer die Veranstaltung bereits in den großen
historischen Rahmen eingeordnet hatte: "Das war die größte Chanukkafeier
seit 1946/47. Damals war die Gemeinde durch die 'displaced persons’ auf
mehrere tausend Personen angewachsen und feierte Chanukka im Neuhaussaal.
Und die hatten damals mit Sicherheit noch mehr Sprachprobleme."
Uwe
Moosburger
und Helmut Wanner
Schabbat - Schalom
Juden in Regensburg
Gesichter einer lebendigen Gemeinde
[Bestellen?]

[HANUKAH]
Gesichter einer lebendigen Gemeinde:
Preisverleihung in Regensburg
11-1999: Der Journalist Helmut Wanner und der Fotojournalist Uwe Moosburger
wurden im November für ihr Buch "Schabbat Schalom - Juden in Regensburg,
Gesichter einer lebendigen Gemeinde" mit dem Preis des Regensburger
Presseclubs ausgezeichnet. Die Entscheidung der 15köpfigen Jury war
einstimmtig. Der Preis, der den Namen des verstorbenen Presseclub-Gründers
Eberhard Woll trägt, wurde erstmals verliehen. Er ist mit 3000 Mark dotiert. |