Der Redaktionsschluss zwang mich, diese Zeilen über Chanuka
schon einige Wochen vor dem Fest zu schreiben. Vieles kann noch passieren -
die Welt steht im Krieg gegen Terror und Seuchen. Aber bereits jetzt ist uns
schon klar, dass in diesem Jahr Chanuka eine andere Feier sein wird, als in
den letzten Jahren üblich.
Wieso? Weil wir gerade gelernt haben, wie teuer es sein
kann, wenn man vergisst, dass Religion nicht nur für Kinder da ist.
Wieso? Weil wir gerade gelernt haben, wie teuer es sein
kann, wenn man vergisst, dass Religion nicht nur für Kinder da ist. Seit
Jahrzehnten haben wir unsere Feiertage und unsere Theologie so hingebogen,
damit es für die Kinder immer nett sein kann. Und wenn man in den vielen
Büchern zum Judentum nachschaut, wird man Chanuka als ein fröhliches Fest
finden, mit Kerzen, Sufganiot, Dreidel, Schokolade-Geld, Latkes in Öl und
ähnlichem mehr.
Ja – das alles trifft zu, aber Chanuka ist mehr, viel mehr.
Bei diesen Feiertagen geht es um Freiheit - religiöse und politische. Es
geht um Widerstand und Krieg, um Bereitschaft zum Selbstopfer (sogar, in
einigen grausamen Geschichten in die Makkabäerbüchern, um Eltern, die stolz
sind, dass ihre Söhne zur Märtyrern werden, um Selbstmordattentate auf einen
gepanzerten Kriegselefanten), um Aufstand und Bürgerkrieg in einen
Berglandschaft, um Koalitionen mit anderen Mächten, um Belagerung einer
Hauptstadt, um Eroberung, um Zerstörung von religiösen Symbolen der
anderen.....
Manchmal hat man das Gefühl, es ist mehr makaber als
Makkabäer. Die Makkabäerbücher sind nicht in der Bibel zu finden, sondern in
den "Apokryphen" - ‘extra’ oder ‘zusätzliche’ und
‘nicht-göttlich-inspirierte’ Bücher. Es gibt deren sogar vier, von den
eigentlich nur die ersten zwei richtig relevant sind. Es lohnt sich aber
diese Bücher, wenn man sie in den christlichen Bibeln findet, zu lesen. Aber
nicht mit den Kindern, bitte........
Wir werden feiern. Warum? Wir werden feiern, weil wir einen
Sieg zu feiern haben. Einen Sieg vor mehr als 2.200 Jahren. Unsere
Tradition, unsere Religion und Kultur sowie unsere politische Identität
wurden bedroht. Der Tempel - geschändet; ein "Persönlichkeitskult" wurde
eingeführt; wir waren besetzt und unterdrückt. Und einige waren bereit,
dagegen zu kämpfen und den Preis dafür zu bezahlen. Sie haben - endlich,
nach vielen Schwierigkeiten und nach viel Blut - gesiegt. Ihre Gegner (nicht
nur Fremde und Großmächte, sondern auch andere Juden) haben sie beseitigt,
erledigt. Ihren Kultus haben sie wieder eingeführt, wieder aufgebaut.
Die Tradition - aber nicht die Makkabäerbücher selber –
berichtet über ein Wunder. Eine kleine Menge Öl brachte viel Licht hervor.
Eine kleine Flasche reichte für ein Feuer, das mehr Ausdauer, mehr Kraft
hatte, als man erwarten konnte. Noch ein Wunder - und darüber lesen wir in
dem Gebet "Al HaNissim" - war, dass Gott "die Starken in die Hände der
Schwachen gegeben und die Menge in die Hände der Minderheit"; die Starken
würden von den kleinen Schwachen besiegt (siehe ‘Seder Hatefilot’ S. 199.).
Was können wir daraus heute lernen? Auf welchen Seite sind
wir in dem gegenwärtigen Konflikt? Sind wir Opfer oder Besetzer oder Sieger?
Sind wir die "Starken" mit viel Technologie, oder die "Schwachen" mit viel
Mut ? Wie bereit werden wir sein, uns selbst aus so einem Grund zu opfern ?
Es geht hier um so viele Fragen - schwierige Fragen, Fragen
zum Kopfzerbrechen. Religion ist nicht nur für Kinder, und gerade
jetzt haben wir es wieder erfahren, was passieren kann, wenn auch Erwachsene
ihre Traditionen zu ernst nehmen.
Denke daran, wenn wir leckere Sufganiot essen und "Ma’oz
Tzur" singen werden...............
Aus dem
Rundbrief zu
November/Dezember 2001 der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Schalom