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Zum 9.Aw am 2.August 1998
Ahawath Jisrael:
Toleranz und Gemeinsamkeit
Erinnern an das Gemeinsame
Noch vor zehn Jahren gab es in Deutschland kaum 40.000 Juden, jetzt sind es
etwa 80.000, viele sprechen auch von 100.000. Die jüdische Gemeinschaft der
Bundesrepublik ist damit die am schnellsten wachsende der Welt. Die damit
verbundenen sozialen und finanziellen Probleme brachten jüdische
Sozialeinrichtungen zwar an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit, trotzdem
ist klar, daß die Zuwanderung vor allen Dingen eine einmalige Chance zur
Belebung und kulturellen Bereicherung des Judentums in Deutschland ist.
Ähnlich wie in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts ist
wieder einmal von einer Renaissance des Judentums in diesem Lande die
Rede. Ähnlich wie in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts befinden
wir uns in Zeiten vielfältiger Umgruppierung, Umverteilung und Bewegung.
Im Zuge berechtigter oder unberechtigter Verunsicherung finden auch
Wahnideen und längst vergessen geglaubte Parolen wieder Gehör. In den 72
jüdischen Gemeinden wird derweil (wieder einmal - und auch dies ähnlich
wie in den zwanziger Jahren) hauptsächlich Trennendes betont und in
unbeweglicher Dissonanz Abspaltung gefordert bzw. vollzogen.
In vielen Gemeinden in der Bundesrepublik kristallisieren sich
die Streitigkeiten an der Frage der Organisationsform: Einheitsgemeinde
oder nebeneinander existierende, um eine Synagoge gruppierte,
Betgemeinschaften. Die Einheitsgemeinde bedeutet, daß (vor allem nach
außen hin) alle Strömungen, von orthodox bis liberal, von einer
Gemeindeleitung repräsentiert werden. In diesem Leitungsgremium sollen
alle Richtungen vertreten sein um gleichberechtigt für die Interessen
ihrer jeweiligen Richtung (nach innen) eintreten zu können. Dabei geht
es sowohl um die innere Struktur der Gemeinde, ihre politische
Organisation, als auch um religiöse Fragen. Wie weit diese
Einheitsgemeinden gehen sollen, welche Unterschiedlichkeiten in einer
eventuellen Einheit in Vielfalt integriert werden sollen, darüber
bestehen enorme und zum Teil unüberbrückbar scheinende Differenzen.
Schon aus praktischen und politischen Gründen tritt Ignatz
Bubis, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und des
Zentralrats der Juden in Deutschland, unbedingt für die Einheit ein.
Seiner Ansicht nach sollten sich in den Einheitsgemeinden allerdings vor
allem orthodoxe Gläubige wiederfinden können. Julius Schoeps, Leiter des
Moses-Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien der
Universität Potsdam, meint, daß sich viele, die sich zwar nicht der
Orthodoxie, wohl aber der Tradition verpflichtet fühlen, im Ritus der
meisten sich selbst als 'orthodox' bezeichnenden Synagogen nicht
wiederfänden.
Andreas Nachama, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin,
fordert mehr Beweglichkeit und Integrationsfähigkeit von jenen, die
orthodoxe Positionen als unveränderlich vertreten und ausweiten wollen.
Auf die besonders ausgeprägten Veänderungen, gerade in der Neuzeit,
könne man erstens durch Ausgrenzung, zweitens durch Aufnehmen der
verschiedenen Strömungen reagieren. Nachama plädiert hier für die
Möglichkeit der Integration. In diesem Zusammenhang warf er vor allem
der Münchner Gemeinde vor, nicht genug auf die liberale Haltung einiger
eingegangen zu sein, so dass sich diese letztendlich in einer eigenen
Betgemeinde abspalten musste.
Dem Argument, das Judentum habe sich seit seinem Bestehen - auch
in der Orthodoxie - stets verändert und weiterentwickelt und habe gerade
auch deshalb, als lebendige Religion, Tradition und Kultur auf alle
bisherigen Lebensumstände und Strömungen Antworten gefunden und sich
unter allen Schwierigkeiten und Erfordernissen bewahrt, stimmt auch
Ignatz Bubis zu. Auch er rief die Gemeinden in München, Niedersachsen,
Halle, Kassel und Freiburg zur Toleranz auf. Problematisch sei in diesem
Zusammenhang auch die Tatsache, dass russische Einwanderer in
politischen Auseinandersetzungen und bei Wahlen als "Manövriermasse"
mißbraucht und manipuliert werden.
Weitere Zersplitterung und Unversöhnlichkeit kleiner
Betgemeinschaften untereinander schwächt die gemeinsame politische
Vertretung aller Juden. Ausgrenzung und Abspaltung können sich
vielleicht die Juden Amerikas leisten, wo erstens wesentlich mehr Juden
leben und zweitens keine so homogene Mehrheit wie in
Deutschland existiert. Hierzulande sollte von allen Seiten eine
Besinnung auf das Gemeinsame erfolgen und auch das vermeintlich oder
tatsächlich Trennende mehr im Sinne einer Vielfalt und damit eines
kulturellen und gedanklichen Reichtums wahrgenommen und verstanden
werden.
haGalil onLine - 08-98 |