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Der Neunte Aw
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Brüder im Lande Kanaan

Israel und der Tempelberg:
Weder verheißen noch heilig

Von Rabbiner David Meyer

Während die täglichen Nachrichten aus Tel-Aviv und Jerusalem, Gaza und sogar New York die Möglichkeit eines Friedensvertrages im Nahen Osten bald greifbar nahe, bald unerreichbar fern erscheinen lassen, ist es wohl die Frage der Souveränität über die Heiligen Stätten, die auch am Beginn des dritten Jahrtausends im Mittelpunkt der politischen und psychologischen Pattsituation steht, die in dieser Weltgegend seit über fünfzig Jahren herrscht.

Im Herzen der Heiligen Stätten, des „verheißenen Landes“, des „heiligen Landes“, liegt Jerusalem, die „heilige“ Stadt, Gründungsstätte des Judentums und – wenngleich für manche in minderem Maße – auch des Islam. Eine „verheißene“ und „heilige“, vor allem aber eine tabuisierte Stadt, da sich bis heute niemand Jerusalem als Objekt künftiger Verhandlungen vorzustellen wagt. Denn kann man über Heiligkeit und göttliche Verheißung verhandeln?

Diese Verheißung und diese Heiligkeit sind nun aus jüdischer Sicht von einem tiefen Widerspruch geprägt. Denn im Gegensatz zu landläufigen Vorstellungen ist die Idee eines „heiligen Landes“ oder einer „unbedingten Verheißung“ in Bezug auf das Land Israel der jüdischen Tradition fremd. Es gibt vielleicht ein heiliges Volk oder ein heiligmäßiges Verhalten, aber es gibt keine Räume, die per se heilig oder sakral wären; es gibt weder eine „unbedingte Verheißung“ noch ein „heiliges Land“.

In der jüdischen Tradition hängen der Heilige und das Heilige sowie die Vorstellung der göttlichen Verheißung vom sittlichen Verhalten der Menschen ab, nicht vom inneren Wert eines Fleckchens Erde, wo immer es sei. Wer diese Feststellungen schockierend, ja geradezu ketzerisch findet, braucht nur die biblischen Quellen zu studieren, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. 

So können wir beispielsweise das 4. Kapitel des 5. Buches Mose aufschlagen, wo die Vorstellung einer bedingten Verheißung ebenso klar wie radikal ausgesprochen wird. Wenn das Volk an einer ethischen Verhaltenslinie festhält, wird es im Lande Israel leben. Im gegenteiligen Fall wird es schonungslos aus ihm vertrieben werden: „Und nun höre, Israel, die Gebote und Rechte, die ich dich lehre, dass ihr sie tun sollt, auf dass ihr lebet, und hineinkommet, und das Land einnehmet, das euch der Ewige, deiner Väter Gott, gibt. .  .  . Siehe, ich habe euch gelehrt Gebote und Rechte, die mir der Ewige, mein Gott, geboten hat, dass ihr also tun sollt in dem Lande, darein ihr kommen werdet, dass ihr’s einnehmet. So behaltet’s nun, und tut es. Denn das wird eure Weisheit und Verstand sein bei allen Völkern .  .  . Wenn ihr nun Kinder zeuget und Kindeskinder, und im Lande wohnet, und verderbet euch, und machet euch Bilder irgend einer Gestalt, dass ihr übel tut vor dem Ewigen, deinem Gott, und ihr ihn erzürnet: so rufe ich heutigestags über euch zu Zeugen Himmel und Erde, dass ihr werdet bald umkommen von dem Lande, in welches ihr gehet über den Jordan, dass ihr’s einnehmet; ihr werdet nicht lange darin bleiben, sondern werdet vertilgt werden.“

Und sie zankten sich

Die Botschaft dieses Textes und vieler ähnlicher ist für uns völlig klar: Das Land gehört nicht dem jüdischen Volk und auch keinem anderen Volk. Die Verheißung der Inbesitznahme dieses Landes bleibt eine bedingte, weil das Land Gott gehört, und Ihm allein: Er entscheidet, ob er es uns gibt oder es uns nimmt, und zwar nach Maßgabe unseres sittlichen Verhaltens. Einige Jahrhunderte später knüpft die talmudische Tradition an diese Warnung an. 

Als das jüdische Volk ins Exil ging und der Tempel von den römischen Heeren zerstört wurde, gaben uns die Weisen folgende schmerzliche Reflexion über den Grund dieser Situation zu bedenken: „Einmal spielten auf dem Vorplatz des Jerusalemer Tempels zwei Priestersöhne und begannen, sich zu zanken. Beim Spielen hatten sie arglos das Messer ergriffen, das für die Opfer benutzt wird. Als sie nun zankten, fielen sie übereinander her, und das Messer drang dem einen Knaben in den Leib, so dass er vor Schmerz aufheulte. Auf das Geschrei hin eilten die Priester zum Schauplatz des Dramas; entsetzt sahen sie das Blut fließen, zogen die Klinge aus dem Leib des Knaben und begannen, miteinander über das Ausmaß der Verunreinigung des Opfermessers zu streiten. Während sie noch stritten, starb der Knabe; Gott aber beschloss, den Tempel zu zerstören und die Kinder Israels aus ihrem Lande zu vertreiben.“

Wie diese furchtbare Geschichte uns lehrt, verschwinden die Vorstellungen von Heiligkeit und Verheißung, wenn die Werte der Moral und Ethik auf den Kopf gestellt werden, wenn das Äußerliche wichtiger wird als das Wesentliche, wenn die Reinheit oder das Heilige höhere Werte sind als die Achtung vor dem menschlichen Leben. Solange es keinen Sinn für das Ethische gibt, gibt es weder ein „verheißenes Land“ noch ein „heiliges Land“. Befinden wir uns heute nicht in einer ähnlichen Lage, wie sie diese Textstellen aus der Bibel und dem Talmud beschreiben?

Wenn die Thora uns vor einem bestimmten Götzendienst warnt, der unser Verbleiben im Land Israel gefährden könnte, müssen wir dann nicht über jene neue Form des Götzendienstes nachdenken, die in der Vergötzung des Landes Israel, eines „Groß-Israel“ besteht? Eine Vergötzung des Landes, die das religiöse Denken der Juden aushöhlt und die Vorstellung vom Heiligen und Sakralen über die Achtung vor dem menschlichen Leben stellt.

Wenn uns der Talmud die furchtbaren Folgen einer Umkehrung der sittlichen Werte zu bedenken gibt, müssen wir dann nicht das übermäßige Gewicht hinterfragen, das in der heutigen Welt der Begriff der Souveränität, zum Schaden der Achtung vor dem Leben, gewonnen hat? Wie mir scheint, sollten wir uns heute mehr an jene Lehre des Midrasch – der homiletischen Überlieferung der Rabbiner – erinnern, die, anstatt die Heiligkeit der Stadt Jerusalem in einer angeblichen Nähe der Gegenwart Gottes zu suchen, in ihr lieber den Ort des Vollzugs der höchsten menschlichen Werte sieht: „Vor vielen Jahren lebten einmal zwei Brüder im Lande Kanaan. Der eine hatte eine Familie und Kinder, der andere war ledig.

Gemeinsam bebauten sie ihre Felder und teilten die Ernte untereinander auf. Eines Tages sprach der Bruder, der eine Familie hatte, zu sich: ,Ich brauche meine Hälfte der Ernte nicht, denn bald werden meine Kinder alt genug sein, um selbst den Acker zu bestellen, und so werden sie mir helfen, meinen Bedarf zu decken. Mein Bruder, der ledig ist, soll von nun an beginnen, Vorräte für seine alten Tage zurückzulegen; denn er wird allein sein und niemanden haben, der ihm hilft. Heute nacht will ich zu ihm gehen und ihm etwas vom Überfluss meiner Ernte bringen.‘

Der ledige Bruder aber hatte im gleichen Augenblick diesen Gedanken: ,Ich bin allein und benötige nicht so viel von der Ernte wie mein Bruder, der nicht nur sich selbst zu ernähren hat, sondern auch seine Familie ernähren muss. Ich kann mit weniger auskommen als er. Heute nacht noch will ich ihm etwas vom Überfluss meiner Ernte bringen.‘ In dieser Nacht begegneten sich die Brüder, wie sie einander etwas von ihrem Überfluss brachten. Als aber Gott die Gedanken und Taten dieser Brüder ansah, sprach er zu sich: ,Wo ein solches Denken aufgekeimt ist, da will ich meinen Tempel errichten.‘“

An uns ist es heute, ein solches Denken in unseren Herzen wieder aufkeimen zu lassen. Dann wird dieses Land unseren schönsten Hoffnungen gerecht werden, ein Land der Eintracht und des Friedens für alle.

Aus dem Französischen von Irene Adler, SZ vom 20.01.2001 im Feuilleton.

haGalil onLine 21-01-2001

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