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Selbst
die Zerstörung des Tempels mit allen weiteren Schrecken des 'Neunten Aw'
vermochten nicht das Judentum zu zerstören. Der Ewige hat uns niemals
verlassen: Es ging weiter - immer!
LERNEN UND LEHREN
IN JAWNEH
Der harte Krieg, den die Römer gegen die
Juden unternommen hatten, war schlimmer gewesen als jeder, den sie bisher
durchgemacht hatten. Die Juden erlitten damals mehr Schrecken und
Grausamkeit als zur Zeit Nebukadnezars, als der erste Tempel zerstört worden
war. Manchen schien es, als könnte sich die jüdische Nation von diesen
Schlägen nie mehr erholen und als ob das Judentum für immer untergehen
würde.
Die Juden in der Galluth, die auf Jerusalem und
das Sanhedrin geblickt hatten, um Führung und Weisung von dort zu erhalten,
waren verzweifelt. Jerusalem lag in Ruinen, und das Sanhedrin gab es nicht
mehr. Die Zukunft erschien finster und ungewiss.
Aber der Faden der Tora durfte und konnte nicht zerrissen werden. Die
Tora war nun die einzige Kraftquelle, die einzige Hoffnung auf einen
Neubeginn für das jüdische Volk. Der Mann, der den goldenen Faden der Tora
zu schützen wusste, war Rabban Jochanan ben Sakkai, der geistige Führer der
Juden in dieser Zeit.

'Bitte um Frieden und jage ihm nach!'
Raban Johanan Ben-Sakaj
Rabban Jochanan ben Sakkai war ein
hervorragender Rabbi, Mitglied des Sanhedrins in Jerusalem. Als Leiter einer
eigenen Schule hatte er viele Schüler, die zu seinen Füssen studierten und
Worte der Weisheit von ihm hörten. Jochanan ben Sakkai hatte sich immer
wieder bei den eifernden Zeloten, den Kana'im, dafür eingesetzt, mit Rom
Frieden zu schliessen. Er sah, dass aus Krieg und Blutvergiessen nichts
Gutes kommen würde. Er sah die Zerstörung Jerusalems und den Verlust des
Tempels voraus.
Aber die Erbitterung gegen Rom war zu gross.
Die Zeloten glaubten das Unrecht und die Demütigungen, die sie durch die
Römer zu erdulden hatten, nicht mehr länger ertragen zu können. Die
Warnungen von Jochanan ben Sakkai wurden nicht beachtet. Der Galil war die
erste Verteidigungslinie Israels gewesen und die Römer hatten dort grausamst
gewütet. Die Hauptstadt Jerusalem war voller Flüchtlinge, die im Galil
(Galiläa) bereits schrecklichste Greuel gesehen und alles verloren hatten.
Ihre Verbitterung und Verzweiflung machte sie für jeden Kompromissvorschlag
unzugänglich.
Voller Trauer erkannte der grosse Rabbi, dass,
wenn ein Krieg gegen Rom tatsächlich ausbrach, die Juden geschlagen und
Jerusalem zerstört würden. Wie konnten die Juden weiterleben ohne die
heilige Stadt und ohne ihren geliebten Tempel?
Eines aber erkannte Rabban Jochanan ben Sakkai
ganz klar: die Juden würden auch ohne Tempel durch das Lernen und Studieren
der Tora und durch das Hochhalten der Tradition überleben können. Die
jüdische Religion konnte das jüdische Volk lebendig erhalten. Das war der
einzige Weg, auf dem die Juden überleben würden. Er erkannte, wie es
Jahrhunderte vor ihm der Prophet Jirmejahu erkannt hatte, dass das Judentum
auch ohne den Tempel existieren konnte, wenn das Volk an seiner
überlieferten religiösen Kultur festhielt.
Aber wie konnte Rabban Jochanan ben Sakkai
planen und wirken, um das Judentum lebendig zu erhalten, wenn er in
Jerusalem mit den übrigen Juden untergehen sollte? Es wurde ihm klar, dass
er Jerusalem verlassen musste.
Raban Johanan Ben-Sakaj flieht
aus Irushalajim
Die Kanaim liessen niemand aus Jerusalem hinaus
und die Römer töteten jeden, der die Stadt verliess. Die einzigen Juden, die
durch die Stadttore gelangten, waren die, die ihre Toten begruben. Rabban
Jochanan ben Sakkai ersann einen geschickten Fluchtplan. Er wies seine
Schüler an, das Gerücht zu verbreiten, er sei gestorben. Ruhig und ohne
Furcht befahl er seinen Studenten, ihn in einen Sarg zu legen.
Vertrauensvoll taten die Jünger, wie ihr Meister verlangte. Bei
Sonnenuntergang bewegte sich der Leichenzug zu einem der Stadttore. Die
Kanaim machten nach anfänglichem Widerstand Platz für die Jünger, die den
schweren Sarg trugen, und erlaubten ihnen, die Stadt zu verlassen. So
geschah es, dass RabbanJochanan ben Sakkai aus Jerusalem entkam, ein
lebender Mann in einem hölzernen Sarg.
Der Aufbau von Jawne
Rabban Jochanan ben Sakkais erste Aufgabe
bestand darin, zum Heerführer der Römer, Vespasian, zu gelangen. Das war für
ihn um so leichter, da er bekannt war als einer von denen, die zum Frieden
mit Rom geraten hatten.
Rabban Jochanan sprach zu Vespasian mit grosser
Ehrerbietung und redete ihn als «Imperator» an. Mitten in der Unterredung
eilte ein atemloser Bote hinzu: «Der Kaiser ist gestorben! Nun bist du der
Kaiser (d.h. Imperator)!» Das nahm Vespasian als gutes Zeichen. Er
verwunderte sich über Jochanan ben Sakkais Vorwissen. Infolge der
glücklichen Nachricht war er in so guter Laune, dass er bereit war, die
verschiedenen «kleinen» Begehren des Rabbi zu gewahren.
Darauf sagte Rabban Jochanan ben Sakkai zu dem
General: «Ich bitte um die Verschonung der Nachkommen Hillels, um einen Arzt
für meinen kranken Freund Gamliel und ich bitte darum, das Städtchen Jawne
und seine Gelehrten zu verschonen.»
Vespasian fand, dies seien harmlose Wünsche. Er
erkannte nicht, dass er durch die Verschonung von Jawne tatsächlich dem
Judentum verhalf, Rom zu überleben. Jawne war ein Ort, wo viele jüdische
Gelehrte sich während des Krieges zusammengefunden hatten, um ihre Studien
fortzusetzen.
Der General, der die ganze Zeit nur an sein
Reich dachte, entsprach dem Wunsche des ehrwürdigen Rabbi und befahl, Jawne
zu verschonen. Rabban Jochanan ben Sakkais innigstes Anliegen war
Wirklichkeit geworden. Die Hochschule in Jawne würde als neues Zentrum der
Tora, des Lernens und des Lehrens, weiterleben. Sie sollte die gefahrvolle
Leere in den jüdischen Herzen ausfüllen helfen, die durch die Zerstörung des
Tempels zu entstehen drohte.
Jawne
wird zum religiösen Mittelpunkt für
die Juden Rabban
Jochanan ben Sakkai und seine Schüler liessen sich inJawne nieder; sie
lernten und lehrten die Tora. Wenig Zeit blieb für Organisationsfragen, denn
die Tage waren erfüllt von grosser Sorge um das Schicksal Jerusalems. Als
schliesslich die Nachricht kam, dass die Mauern Jerusalems gefallen und der
Tempel zerstört war, fiel Jawne in tiefe Trauer.
Aber Rabban Jochanan ben Sakkai war auf diesen
Augenblick vorbereitet. Es war ihm bewusst, dass es für die übriggebliebenen
Juden entscheidend war, dass ein neues religiöses Zentrum aufgebaut würde.
Deshalb schuf der grosse Rabbi ein neues Sanhedrin von 71 Mitgliedern, so
wie es in Jerusalem bestanden hatte. Rabban Jochanan ben Sakkai wurde als
Vorsitzender, d.h. Nassi, anerkannt. Für viele Juden war es ein ungewohnter
Gedanke, dass das Sanhedrin ohne den Tempel existieren könnte. Aber nach und
nach anerkannten sie seine Rechtmässigkeit.
Jawne trat an die Stelle Jerusalems. Das
Sanhedrin wurde bekannt als Bet Din, das Haus des Rechts, des Gerichts. Der
Vorsitzende war als Oberhaupt des Gerichtshofes anerkannt und geachtet. Für
die Juden war das Sanhedrin ein wesentlicher Teil ihres nationalen Lebens,
und sie verehrten den Nassi als unbestrittenes Oberhaupt.
Fragt!
Bei den Sitzungen des Sanhedrins pflegte der
Nassi das Gespräch mit einem Thema, das er selber angab, oder mit dem Wort:
«Fragt!» zu eröffnen. Das war die Aufforderung an irgendeinen unter den
Rabbis, über ein Problem, das ihn beschäftigte oder das ihm zur Begutachtung
vorgelegt worden war, zu sprechen.
Jeder Rabbi hatte das Recht, Probleme
vorzubringen. Während der Diskussion pflegte sich das Sanhedrin in kleine
Gruppen zu teilen und das Für und Wider zu erörtern. Wenn der Nassi die
Diskussion abschloss, war keine weitere Erörterung mehr gestattet.
Halachische Diskussion (Sefer Minhagim um 1700)
Dann wurde die Abstimmung vorgenommen, indem
die jüngeren Rabbis zuerst aufgerufen wurden. Das geschah so, damit sie
nicht durch die Autorität und die Ansichten der älteren Gelehrten
beeinflusst wurden. Der Mehrheitsbeschluss wurde dann durch Boten an alle
jüdischen Gemeinden der Diaspora ebenso wie an diejenigen in Palästina
gesandt.
Die Takkanot
Rabban Ben-Sakajs
Viele Gelehrte und Abgesandte aus allen
Teilen der Welt kamen nach Jawne. Das Bet Din, das Rabban Jochanan ben
Sakkai gegründet hatte, einte alle
jüdischen Gemeinschaften in der ganzen damaligen Welt.
Eine der allerwichtigsten Aufgaben des
Sanhedrins war es, den jüdischen Kalender festzulegen und die Daten für die
Festtage anzusetzen. Es war Aufgabe des Sanhedrins anzukündigen, wann ein
neuer Monat begann. Da es keinen festen Kalender gab, wurden die Monate nach
dem Erscheinen des Neumondes berechnet. Sobald zwei vertrauenswürdige Zeugen
aussagten, dass sie den Neumond gesehen hatten, erklärte das Sanhedrin den
Beginn eines neuen Monats.
Dann wurden auf hohen Bergen Feuer entzündet.
Sobald nahegelegene Gemeinden die Signale sahen, wurden neue Feuer entfacht,
die ihrerseits wieder von weiter entfernten Gemeinschaften gesehen werden
konnten. Später wurden die Feuersignale durch Boten ersetzt. Solcherart
wurde der Monatsbeginn verbreitet. So konnten die Gemeinden erkennen, wann
die verschiedenen Festtage zu feiern waren. Zum Beispiel begann Pessach am
15. Nissan, d.h. 15 Tage nach der Festlegung des neuen Monats. Auf diese
Weise erhielt das Sanhedrin in Jawne den jüdischen
Kalender lebendig.
Rabban Jochanan ben Sakkai drängte das Volk,
die Tora zu studieren und die jüdische Lebensart durch Lernen und Lehren zu
bewahren. Denen, die um die Zerstörung Jerusalems und des Tempels trauerten,
sagte Rabban Jochanan folgende Worte des Trostes: «Wenn auch der Tempel
gefallen ist, die Tora kann niemals zerstört werden.» Um das Andenken an den
Tempel («Secher leMikdasch») im Volke wachzuhalten, erliess RabbanJochanan
ben Sakkai verschiedene Anordnungen (Takkanot), die noch heute gültig sind,
zum Beispiel, dass an Sukkot der Feststrauss (Lulav und Etrog) alle sieben
Tage zum Segensspruch genommen wird, wie dies vorher nur im Tempel
vorgeschrieben war.
Raban Ben-Adam!
Der grosse Gelehrte hielt in der Hochschule zu
Jawne viele Vorträge über die Tora und die Propheten. Er kannte das ganze
mündliche Gesetz, das seit den Tagen Mosches durch alle Generationen
hindurch weitergegeben worden war. Er kannte alle Auslegungen des Gesetzes
bis zu den Tagen HilleIs zurück. Er überlieferte die «Halacha», wie das
mündliche Gesetz genannt wird, allen seinen Schülern.
Rabban Jochanan ben Sakkai war freundlich und
sanft zu Juden und Nicht-Juden und wurde von allen, die ihn kannten,
geliebt. Es war ja eine sehr schwierige Zeit für die Juden, als das Land in
Trümmern lag und alle Freude dahin war. Rabban Jochanan gelang es, den Geist
seines Volkes lebendig zu erhalten. Er lehrte, dass die Liebe zu G'tt und
der Glaube an Ihn und die Erfüllung seiner Gebote das höchste Ziel des Juden
ist.
Rabban Jochanan ben Sakkai starb in seinem
Hause, umgeben von seinen Schülern, die ihn so sehr verehrten. Seine letzten
Worte waren ein Symbol für sein ganzes Leben: «Möge die G'ttesfurcht eure
Taten wenigstens ebenso beeinflussen wie die Furcht vor den Menschen».
Das war die Art des grossen Rabbi zu lehren, dass man zu jeder Zeit an G'tt
denken soll und dass, genau wie wir Dinge tun, weil die Gesellschaft es
verlangt, wir noch mehr dem Willen G'ttes nachkommen sollen.
Der Einfluss von Jawne dehnt
sich aus
Nach dem Tode von Jochanan ben Sakkai wurde
Rabban Gamliel, ein Nachkomme Hillels, zum Nassi gewählt. Neue Schulen
wurden in der Nachbarschaft Jawnes eingerichtet; denn jeder von den Jüngern
Rabban Jochanans eröffnete eine eigene Schule. Studenten scharten sich um
diese Schulen. Jawne wurde zu einem grossen Zentrum der Gelehrsamkeit.
Wie Rabban Jochanan erhielt auch Gamliel den
Titel «Rabban», « unser Lehrer». Diesen Titel trugen die Häupter des
Beth-Din seit der Zeit von Rabban Jochanan. Alle übrigen Gelehrten nannte
man «Rabbi».
Der Nassi Rabban Gamliel II.
Während fast 40 Jahren war Rabban Gamliel der
Vorsitzende des Sanhedrins. Er war ein weiser Gelehrter mit strengen
Grundsätzen. Zu seiner Zeit, einer Zeit politischer Wirren, wurden die
Unterschiede in der Auslegung der Tora, die schon zwischen Hillel und
Schammai bestanden hatten, immer stärker. Rabban Gamliel versuchte, das
Sanhedrin in allen seinen Entscheidungen zur Einmütigkeit zu bringen und die
Differenzen auf ein Minimum zu reduzieren. Oft erschien er unnachgiebig in
seinen Beschlüssen. Viele Rabbinen waren mit Rabban Gamliel nicht
einverstanden, er erschien ihnen zu streng, aber sie anerkannten ihn als
grossen Lehrer und Führer.

Eine Darbringung des Herzens!
Rabban Gamliel führte den Gebrauch von
vorgeschriebenen Gebetstexten ein. Manche dieser Texte waren schon sehr alt.
Aber bis dahin hatte jeder so gebetet wie es ihm gerade ums Herz war.
Rabban Gamliel nahm die alten Gebete und
ordnete sie in einer festen Reihenfolge. Unter diesen Gebeten sind auch die
18 Berachot der Schemone Esre und
die Gebete für den Schabbat und
die Festtage, wie wir sie noch heute beten.
Gebete traten nun an die Stelle der früheren
Opfer, die in den Tagen des Tempels dargebracht worden waren. Die Opfer
waren «Korbanot - Darbringungen» genannt worden. Die Gebete wurden nun
«Darbringungen des Herzens» genannt.
Quellen:
Gilbert und Lilly Klapermann:
Geschichte des jüdischen Volkes, I,
Morascha
1958 Feldheim, Schulbuch auf traditioneller jüdischer
Grundlage mit vielen Karten, Bildern und Fragen. 1958 Feldheim, Schulbuch
auf traditioneller jüdischer Grundlage mit vielen Karten, Bildern und
Fragen.
Band I: 220 S. / Band II: 300 S. / pro Band 29.- / im Set 50.-
(SFr)
haRaw Adin Steinsaltz: Persönlichkeiten aus dem Talmud,
Morascha
1993
Zu den Rabanim von Mischna und Gemara - 180 Seiten 29.-
(SFr)
RABAN JOHANAN BEN-SAKAJ
Zur Eingangsseite: Judentum
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