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Jüdische
Riten und Symbole:
Fastentage und Allgemeine
Trauerzeiten
Jüdische Riten und Symbole, aus
dem Kapitel Fasten, p.138, i.d. Aufl. v.
1990, von Rabbiner S.Ph. De Vries, bearbeitet und neu übersetzt von Miriam
Magall
An den fünf großen Trauertagen
fastet man, und das bedeutet für den gewöhnlichen Fastentag weder essen noch
trinken.
Den ganzen Tag lang. Also von
Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang. Solch ein langer Tag wird allerdings
nur für den finstersten dieser Fastentage, den 9. Aw, vorgeschrieben. Für
die anderen Tage wurde das Fasten etwas leichter gemacht, nämlich nur von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Am Abend oder nachts darf man also noch
Speise und Getränke genießen. Außerdem darf an diesen Tagen gearbeitet
werden.
Das Besondere dieser Tage kommt
natürlich in den Gebeten und im synagogalen Dienst zum Ausdruck und wird
dadurch auch beeinflusst. Denn ein Fastentag bedeutet nicht nur Qual für den
Magen, nicht nur körperliche Züchtigung. Ein Fastentag ist auch ein
Trauertag. Und für einen Trauertag gibt es Ursachen. Darüber hinaus ist die
Trauer stets mit Reue und Buße verbunden.
Warum Reue? Wozu Buße? Schließlich
kann man heute nicht mehr die Ursachen ungeschehen machen, die vor vielen
Jahrhunderten zum Ende der politischen Unabhängigkeit Israels und zur
Zerstörung seiner Heiligtümer geführt haben. Es ist doch unmöglich, für die
Versäumnisse und Fehler unserer Vorfahren zu büßen, ihre Irrtümer und Mängel
zu bereuen! Aber wir können Vergleiche anstellen. Wir können in uns
einkehren und prüfen, ob wir nicht die gleichen Sünden begehen, ob wir uns
nicht der gleichen Fehler, der gleichen Vergehen schuldig machen. Ebenso
müssen wir bedenken und uns bewusst sein, dass wir im Schmelztiegel der
Leiden und Prüfungen geläutert werden sollen. Und noch gehören die
Katastrophen, die stets über unser Volk hereinbrechen können, nicht der
Vergangenheit an. Noch lodert die Flamme unter dem Schmelztiegel immer
wieder auf.
So wandern die Gedanken ganz von
selbst zur Not der Verbannung, die ja auch heute noch kein Ende gefunden
hat. Weiter zu den ersichtlichen und den tieferen Ursachen, die zu dieser
Diaspora geführt haben und dafür verantwortlich sind, dass sie andauert.
Dieser Zweck am Reue- und Bußetag würde nicht allein durch Enthalten von
Essen und Trinken völlig zum Ausdruck kommen, und auch die Arbeit könnte uns
ohne weiteres davon ablenken. Da schaffen Synagoge und der Gottesdienst
Abhilfe.
In das tägliche Hauptgebet, das
Achtzehngebet oder das Gebet der
achtzehn Bitten, wird eine passende Bitte eingeschoben:
»Erhöre uns Gott, erhöre uns an unserem Fasten- und Bußetag, denn in
großer Not sind wir. Wende dich nicht zu unserer Gesetzlosigkeit, verbirg
nicht dein Angesicht vor uns, und entziehe uns nicht die Gnade, uns unsere
Bitte zu gewähren. Sei unserem Flehen nahe, damit Deine Liebe uns tröstet.
Erhöre uns gemäß des Wortes: 'Es wird sein, bevor sie rufen, antworte ich,
sie sprechen noch, und ich erhöre schon' (Jes. 65, 24). Denn Du, Gott, bist
es, der in Zeiten der Not antwortet, Erlöser und Retter in der Zeit der Not
und der Drangsal.«
Im Morgengottesdienst werden auch
Bußgebete, die Selichoth,
gesagt. Sie weisen den gleichen Stil auf wie zu den schrecklichen Tagen, in
denen die Leiden der jahrhundertelangen Zerstreuung, vor allem die des
Mittelalters, das Hauptthema sind.
Morgens und mittags wird die Thora bis zu der Stelle abgerollt, die nach der
Sünde des Goldenen Kalbs die Fürbitte Mose und die Gnade Gottes beschreibt.
Auch aus den Propheten wird vorgelesen. »Suchet den Herrn, solange er zu
finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem
Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so
wird er sich seiner erbarmen, und zu unserem Gott, denn bei ihm ist viel
Vergebung« (Jes. 55, 6).
Das alles gilt vor allem für die vier
leichteren Fastentage. Am 9. Aw wird jedoch mehr getan. Auf diesem Tag
lastet eine dunkle Wolke, die sich schon lange vorher bemerkbar macht und
sein Herannahen finster verkündet.
Jüdische
Riten und Symbole
von S. Ph. De Vries
Gebundene Ausgabe - 380 Seiten - Marixverlag, ISBN: 386539017X, Neuauflage
03-2005
Neu übersetzt und bearbeitet von
Miriam Magall
Dieses Buch gilt sowohl für Juden als auch für Nichtjuden noch immer als das
Standardwerk über die jüdische Religion, über die Bräuche und Vorschriften
innerhalb des jüdischen Alltags...
>> weiteres zu diesem Buch:
buecher.hagalil.com
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