Judentum und Israel
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Der Neunte Aw
Zum Neunten Aw

Hoffnungen in einer persönlich schwierigen Zeit:
Der Schabbat und die Erhaltung der Juden

Von Rabbiner Tom Kučera

Wie am Ende jedes Schuljahres haben auch diesmal alle Schüler des jüdischen Religionsunterrichts an einer Kulturveranstaltung teilgenommen. Dieses Jahr war es die Oper Nabucco, die mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch den babylonischen König Nebukadnezar (in der Oper Nabucco genannt) im Jahre 586 v. d. Z. anfängt.

An dieses tragische Ereignis in der altjüdischen Geschichte, eigentlich zusammen mit der noch tragischeren Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 n. d. Z., wird am Tischa be-Aw erinnert, der dieses Jahr auf den 10. August fällt. Während der Opernvorstellung haben wir im berühmten Gefangenenchor eine Aktualisierung einer modernen, katastrophischen Zerstörung gesehen – die Israeliten auf der Bühne haben ihr Lied hinter einem Stacheldraht gesungen.

Während der Nabucco-Oper haben wir über vieles nachgedacht: Wie werden Hoffnungen in einer persönlich schwierigen Zeit zum Ausdruck gebracht? Wie erkläre ich mir die Vernichtung dessen, was ich als unantastbar betrachtet habe? Wo ist – in Bezug auf das Ideal der Einheit der Gemeinde – eine Grenze zwischen dem Verrat und der Loyalität? Wie wird die historische Tatsache in der aktuellen Wirklichkeit dargestellt?

Über diese Fragen hinaus war es für mich beeindruckend zu sehen, dass mitten in der Woche das Opernhaus für eine altbekannte Vorstellung ausverkauft war. Ich verstehe es als unser Bedürfnis, das Bekannte immer wieder zu wiederholen und das Bewusste immer wieder durchzudenken.

Das Bekannte und Bewusste, das gepflegt werden soll, wäre mehr als die Zerstörung des historischen Tempels im Raum die Wiederherstellung des abstrakten Tempels in der Zeit. Damit hat schon Rabbiner Jehoschua Heschel den Schabbat gemeint.

Das Judentum heutzutage ist zwar ausschließlich rabbinisch, d. h. von Rabbinern des Talmuds geprägt, doch ihre biblischen Grundlagen sind dabei nicht zu verkennen. Im vierten Teil des Dekalogs (der sogenannten Zehn Gebote, die wir Zehn Worte nennen) steht: „Sechs Tage kannst du deine melacha verrichten. Der siebte Tag ist aber ein Schabbat (der Ruhetag), den du als besonders betrachten (also: heiligen) sollst.“

Das Wort melacha wird als eine Arbeit übersetzt. Was kann man sich jedoch darunter vorstellen? Die genauen Definitionen haben die Rabbiner eingeführt und auf die 39 Kategorien verteilt. Viele von ihnen haben eine heutzutage weniger nachvollziehbare landwirtschaftliche Bedeutung (z. B. Garben binden, gerben, Windschaufeln), viele andere können auch heutzutage eindeutig beachtet werden (Feuer anzünden oder löschen, tragen, schreiben). Die Auflistung aller 39 Kategorien der Arbeit erfordert besonders in der Modernität weitere Definitionen, die oft subjektiv geprägt sind und deren Verbindlichkeit in den zeitgenössischen Strömungen des Judentums differenziert angesehen wird.

Im Rahmen des progressiven Judentums versuche ich immer, das folgende Schabbat-Denken zu vermitteln: Man soll am Schabbat etwas machen, wofür man während der Woche keine Zeit hat. Und umgekehrt: Man soll am Schabbat auf etwas verzichten, was man während der Woche immer macht. Die Vorschläge vom Unterricht mit Jugendlichen enthalten für die erste Richtung z. B. einen Spaziergang, das Studium des Tora-Abschnittes, das Hören eines lieb gewordenen Musikstücks, den Besuch der Familie, der Freunde oder der Synagoge. Die zweite Richtung kann durch den Verzicht auf Telefon, Computer, Geld oder Feuer vertreten sein. Über beide Richtungen nachzudenken, eine persönliche Entscheidung zu treffen und ihr gegenüber loyal zu sein, gehört zu den soliden Grundlagen des progressiven Schabbat-Denkens.

Im Text der hebräischen Bibel wird die Ansicht hervorgehoben, der Schabbat sei eine Widerspiegelung der Vollendung der Schöpfung. Deswegen symbolisiert er eine Rückkehr zum Ursprung, zum schlummernden Potenzial, zum Gleichgewicht, zum Aufgeben einer Kontrolle. Ich glaube, dass mit ähnlichen Worten auch die Urlaubszeit beschrieben werden kann. Lasst uns während des Urlaubs nachdenken, warum wir diese Zeit brauchen. Lasst uns dann unsere Gedanken auf den Schabbat übertragen.

Dieser Gedankengang kann als eine Vorbereitung für die Hohen Feiertage genommen werden – Rosch haschana, mit dem wir das neue jüdische Jahr mit neuen Hoffnungen betreten, und Jom Kippur, der in der Tora als Schabbat schabbaton bezeichnet wird. Damit wird das Wöchentliche mit dem Jährlichen verbunden. Oder anders ausgedrückt: „Mehr als die Juden für die Erhaltung des Schabbat getan haben, hat der Schabbat für die Erhaltung der Juden getan.“ (Achad Ha-Am)

Tom Kučera ist Rabbiner der liberalen Gemeinde Beth Shalom in München.

haGalil 08-08-2008



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