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[Pessach-Entrance]
Midraschim von Rabbiner
Pinchas Paul Biberfeld: Altes und neues Wunder
Vorbemerkung: Rabbi Meïr, einer der
bedeutendsten Tannaiten (Lehrmeister der Mischna), verschmähte es nicht,
Tora zu lernen bei dem Häretiker Ascher - alias Elischa ben Abuja, ebenfalls
ursprünglich ein Tannaiter, der aber infolge persönlicher tragischer
Erlebnisse vom Judentum abgefallen war.
»Ich übernehme von meinem Lehrmeister
nur den essentiellen Wahrheitskern, aber die äußere unwesentliche Schale
beachte ich nicht.« So erklärt Rabbi Meïr seinen eigenartigen
Studiengang.
In diesem Sinne möchte ich von dem großen
Anti-Judaisten Sigmund Freud das Grundprinzip vom überwältigenden
Einfluß des Unterbewußtseins auf die menschliche Persönlichkeit akzeptieren,
aber ohne die materialistische Auffassung von der Seele als einem kausal
prädestinierten restlos determinierten Mechanismus. Nur so erklärt sich
unter anderem die elementare ursprüngliche Verbundenheit des jüdischen
Volkes, einschließlich der vom Glaubenszentrum entferntesten Mitglieder, zum
Pessach-Fest.
Mit traditionellem Nationalgefühl kommen
wir hier als Erklärung nicht weiter. Vielmehr muß man annehmen, daß auch der
- scheinbar - ungläubige Jude zutiefst in seinem Innern von der Wahrheit der
jüdischen Glaubenslehre durchdrungen ist: von der übersinnlichen wunderbaren
Existenzgrundlage des jüdischen Volkes. Unser surviving während der
sogenannten vier Exile - Arba Galujot - spottet jeder natürlichen
Erklärungsmethode, wie das Überleben im ägyptischen Exil - ein Holocaust en
Miniature: unter anderem wurden ja alle neugeborenen Knäblein im Nil
ertränkt!
Die Midrasch-Chronik berichtet uns auch
von einer schwangeren Mutter, welche ihrem Mann bei der unmenschlichen
Fronarbeit helfen wollte, um ihn vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Zur
Strafe für diese 'Unbotmäßigkeit' erhielt sie vom Fronvogt einen
derartigen Schlag, dass sie auf der Stelle abortierte. Sie durfte aber die
Zwangsarbeit nicht unterbrechen. Der Fötus fiel in den frischen Lehm und
wurde in einen Ziegelstein gebacken. (Diesen Ziegelstein, so berichtet der
Midrasch weiter, habe unter den Füßen der himmlischen Majestät
sichtbar geschwebt während der g'tlichen Offenbarung der zehn Gebote am
Berge Sinai!)
Instinktiv blieben alle jüdischen
Individuen verbunden, wieweit sie sich auch offiziell
von der jüdischen Glaubenslehre entfernt haben mochten - im Unterbewußtsein
gibt es kein Entkommen von der Verbundenheit mit dem traditionellen
Glaubensgrundsatz. Und so sind wir in jeder Generation Zeugen eines zweiten
Pessach-Wunders, am Pessach wird er durch unsichtbare und unzerreißbare
Bande zum traditionellen Pessach-Fest mit allen seinen Vorschriften und
Regeln angezogen und mit ihm verhaftet. Dies ist nach den Wundern des
Auszuges die Erlösung eines ganzen Volkes aus der Knechtschaft, Errettung
vor dem sicheren Völkertod - ein zweites Pessach-Wunder, über die
Jahrtausende des Exils und der Diaspora hinweg war das Volk zerstreut über
viele Erdteile - arba kanfot ha-olam. Aber überall wo Juden sich auch
angesiedelt haben, sobald die Pessach-Zeit naht, erwachen - fast möchte ich
sagen, wie ein urhafter Instinkt - die Sehnsucht und der unwiderstehliche
Wunsch, das Fest der Erlösung gemäß der uralten Tradition zu feiern.
Wie gesagt, das zweite Pessach-Wunder: Die
jahrtausendalte und dennoch ewig junge lebendige Freude an der Begehung des
Pessach-Festes auch seiten der entferntesten säkularen
Kreise unserer Nation. Geheimnisvolle Strahlen, die aus dem Urgrund der
jüdischen Seele - tief aus den Unterbewußtsein - zu Tageslicht des
Bewußtseins hervorbrechen, bringen die verlorenen Söhne zurück -
volens oder auch nolens!
Wir haben es ja schon ganz weit gebracht.
Unsere diese Welt zählt bereits 5748. Was hat unserer Generation -
Bürger des Jahres 1988 - das Pessach-Fest an aktuellem Gedankengut zu
vermitteln? Die menschliche Geistesgeschichte stellt eine Linie dar, eine
Komponente aus den divergierenden Kräften von Statik und Dynamik. Das
statische Element stellen die Grundereignisse dar: Schöpfung, Erlösung und
Offenbarung. Es ergeht aber an jede neue Generation das geistig-sittliche
Postulat, alle seelischen religiösen Aktivitäten täglich in gleichwie
neugeborener Jugendfrische zu begehen. »Bechol jom jihju beenecho
kachadoschim«. Die Mizwot - die g'tlichen Tatgebote - dürfen niemals wie
ein altes Testament aufgefaßt werden, sondern wie ein neues taufrisches Gesetz.
(Der Ausdruck 'Altes Testament' für unsere
Bibel stammt wohl von [übel] wollenden christlichen Theologen).
Viele Einzelvorschriften im Zusammenhang
mit dem Pessach-Fest realisieren oder symbolisieren diese dynamisch
jugendliche Grundhaltung: »Und so sollt Ihr das (Pessach-Lamm) essen: Den Gürtel um die Lenden geschnallt, die Schuhe angeschnürt, den
(Wander-) Stab in der Hand, eßt es
(schnell) am offenen Feuer gebraten, denn es ist ja
ein Pessach-Opfer für Ihn!«
Auch die Zubereitung der Mazzot deutet auf
den Begriff von hingebungsvoller Eilbereitschaft: Die Mazzot müssen in
behender Geschicklichkeit gebacken werden - möglichst soll die ganze
Prozedur von A bis Z nur 18 Minuten dauern. »Der erste Nissan ist kalendarisch Neujahrstag für die
Regierungsjahre der jüdischen Könige.«
Zusammenfassend kann gesagt werden: Die
g'tlich inspirierten Propheten sehen das Verhältnis Israels zu seinem
Schöpfer unter dem Gleichnis eines Liebesverhältnisses von Braut zu
Bräutigam. Bekanntlich ist die Fest-Megilla von Pessach Schir ha-Schirim
(Lied der Lieder), welches durchwoben und durchzogen ist von der Schilderung
einer glühendheißen Liebesbeziehung eines jugendlichen Brautpaars.
So kann man mit Berechtigung definieren:
Das Verhältnis Israels zum Weltenlenker beruht auf opferwilliger
Liebeshingabe - die Geburtsstunde der jüdischen Nation bringt in seinen
Einzelvorschriften und Grundgedanken diese erhabenen Ideen zum Ausdruck, wie
es auch der Prophet Jesaja ausdrückt: »So wie sich freut der Bräutigam
mit seiner Braut freuen wird sich freuen mit Dir (Israel)
Dein Herr«. Ahawat klulotajich: im Liebesüberschwang einer
Braut bist Du mir nachgefolgt.
(aus: Jüdische Zeitung, Heft 25, 1. April
1988)
in: ©
Chaim Frank (hrsg.) Rabbiner Pinchas Paul Biberfeld:
Kommentare.
Biographische Notizen, Erinnerungen und Anekdoten; München, 1998
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