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Koscher leben...
 
 

Artikel zum Thema 'Awodah sarah' - 2.Teil

Sei vorsichtig im Urteil:
Verachtung und Beleidigung

Im Kap. 167 des Kizur Schulchan Arukh lesen wir in §10:
"Jede Verspottung ist verboten, außer der Verspottung von Götzendienst
- diese ist erlaubt".

Die in einigen Diskussionen immer wieder zum "Eckstein rechtschaffenen Handelns" erhobene Erlaubnis zum Spott in der Auseinandersetzung mit dem Götzendienst kann vor dem Hintergrund der Geschichte Terachs und Awrahams betrachtet werden.
Heisst es doch 'Ehre Deinen Vater und Deine Mutter'... und ist dies nicht sogar das fünfte der Gebote der Bundestafeln? Wie ist es zu verstehen, dass Awraham seinem Vater mit einer spöttischen Geschichte entgegentritt, die ich im folgenden kurz zusammenfassen möchte:

Awram Ben-Terach kam zur Welt im Jahre 1948 nach Erschaffung der Welt, das ist im Jahre 2040 vor der allgemeinen Zeitrechnung. Seine Eltern, welche ein Geschaeft besassen, in welchem sie Goetzenbilder bzw. Devotionalien handelten, wanderten von Ur Kasdim (in der Naehe des persischen Golfes) nach Charan in Padan Aram (im Tal des Habur, eines Nebenflusses des Euphrat, Mesopotamien). Eine rabbinische Legende berichtet uns, dass Awram, als er eines Tages alleine im Laden seines Vaters war, die Statuen der Goetzen zerstoerte. Sein Vater war sehr zornig und fragte was geschehen sei. Awram antwortete, der groesste der Goetzen habe die kleineren zerstoert. Sein Vater geriet jetzt erst recht in Zorn: 'Du weist ganz genau, dass die Goetzen sich nicht bewegen koennen'. Awram entgegnete: 'Wenn diese sich nicht selbst helfen koennen, dann sind wir ihnen doch ueberlegen - weshalb also sollten wir uns vor ihnen niederwerfen?'

Als Antwort auf die Frage: "Wie konnte sich Awram seinem Vater gegenüber so spöttisch verhalten? können wir den Kizur Schulhan Arukh (Kap. 167 §10) heranziehen, wo es heisst: "Jede Verspottung ist verboten, außer der Verspottung von Götzendienst - diese ist erlaubt". Es heisst wohlgemerkt erlaubt, nicht geboten!
Die Bedeutung dieses Satzes erschliesst sich erst in Kenntnis des hohen Respekts, den die Weisen jedem Menschen entgegenbringen. Unter einer fast endlosen Fülle entsprechender Aussagen sei nur eine erwähnt: "Komme jedem Menschen im Grusse zuvor".

Im Respekt vor dem Nebenmenschen, in der Achtung vor jedem Wesen liegt der Kern der Lehre. Ein Herausreissen dieses Zitats aus dem Zusammenhang und die Erhebung einer Erlaubnis zum Gebot ist, vorsichtig formuliert, eine sehr eigenwillige Deutung dieses Paragraphen.

Gerade um solch übereifrige Interpretation zu vermeiden, gibt es die Verpflichtung zum "Zaun um die Lehre". Ein bekanntes Beispiel ist die sehr unterschiedliche Darstellung der Geschichte des Eiferers Pinhas in der schriftlichen Lehre und ihre Interpretation in der mündlichen Lehre. Weitere Beispiele finden sich unter: Kanaim oder auch in einem Artikel von Rabbiner Levinson).

Ein Beispiel 'spöttischer Auseinandersetzung' mit Freidenkern bzw. Abtrünnigen finden wir im talmudischen Traktat Schabath 116. Wir finden hier eine humorvolle Auseinandersetzung, die zwar mit Klugheit und Hintergründigkeit arbeitet, nicht aber mit beissender Verachtung, ätzender Beschimpfung und von ungezügeltem Hass getriebener Lust an der Erniedrigung des Nächsten. Der Nebenmensch bleibt in seiner Würde erhalten. Die epochalen Worte des Nachmanides an seinen Sohn sind weit mehr als eine blosse Anregung.

Die mündliche Lehre berichtet hier von Ima Schalom, der Schwester des Raban Gamliel. Sie war verheiratet mit Rabi Elieser.
Aus Awodah sarah 16ff wissen wir, dass Rabbi Elieser zeitweise im Ruf stand, der nazarenischen Anschauung (dem Christentum) nahezustehen. Dort lesen wir auch wie jener von keinem geringeren als Rabi Akiba in seiner Traurigkeit aufgefangen und mit grossem Respekt gestützt wird.
Doch zurück zu Schabath 116, wo Rabi Eliesers Frau und Raban Gamliel ihn, am Beispiel eines vermutlich dem christlichen Denken nahestehenden Freigeistes, darauf aufmerksam machen wollen, dass das Christentum zwar positive Aspekte haben mag - nicht aber mit der Lehre Israels in Einklang zu bringen sei.
Zu besagtem Freigeist brachten sie also eine goldene Lampe, und Ima Schalom trat vor ihn und sagte, sie fordere ihr Erbteil an diesem Gut. Der Freidenker willigte ein. Raban Gamliel, Ihr Bruder, hielt dagegen: 'Es steht geschrieben: Wo ein Sohn, da soll eine Tochter nicht miterben'. Der Freidenker liess diesen Einwand nicht gelten und behauptete: 'Seit dem Tage, da ihr aus eurem Lande verbannt worden seid, ist die Weisung Moshes aufgehoben. Es gilt nun: 'Sohn und Tochter sollen zusammen erben'.
Am folgenden Tag kam Raban Gamliel wieder und brachte dem Freidenker einen Esel aus Luw. Der Denker sagte nun: 'Ich habe geforscht und sage Euch, dass die Weisung des Moshe nicht gemindert, sondern gemehrt sein soll'. Also: 'Wo ein Sohn, soll eine Tochter nicht miterben'. Ima Schalom sagte: 'Laß doch dein Licht leuchten wie eine Lampe!' Raban Gamliel: 'Da kam der Esel und stieß die Lampe um'.

Um die genannte 'Erlaubnis zum Spott' in ihrem Zusammenhang zu betrachten, ist es notwendig auf die zitierte Textstelle und die sie umgebenden Kapitel genauer eingehen.

Fortsetzung >> Teil 3 - Sei nicht abergläubig:
Gegossene Götzen mache dir nicht!

dg / haGalil onLine 13-01-2000
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