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Koscher leben...
 
 

Anfrage von Joka999@aol.com
im ehem. Forum zum Judentum / Jahaduth - Nov. 1998

Ich habe gehört, dass es in der jüdischen Religion ein Bilderverbot gibt, also dass die Menschen sich kein Bild von G'tt machen sollen. Wenn ja, was ist der tiefere Sinn dieses Ver- oder Gebotes?
Jo

Antwort:
In den ersten drei der 'Zehn Gebote' (Übersetzung Buber-Rosenzweig) heisst es:

  • I.
    ICH bin dein G'tt, der ich dich führte aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Dienstbarkeit.

  • II.
    Nicht sei dir andere G'ttheit mir ins Angesicht.
    Nicht mache dir Schnitzgebild, - und alle Gestalt, die im Himmel oben, die auf Erden unten, die im Wasser unter der Erde ist, neige dich ihnen nicht, diene ihnen nicht, denn ICH dein G'tt bin ein eifernder G'ttherr, zuordnend Fehl von Vätern ihnen an Söhnen, am dritten und vierten Glied, denen die mich hassen, aber Huld tuend ins tausendste denen, die mich lieben, denen, die meine Gebote wahren.

  • III.
    Trage nicht SEINEN deines G'ttes Namen auf das Wahnhafte, denn nicht straffrei läßt ER ihn, der seinen Namen auf das Wahnhafte trägt.

Zum tieferen Sinn eines Gebots kann ich sicher keine Antwort geben, ich kann nur einige Gedanken als Anregungen zum weiteren Denken äußern.

Götzen sind Bilder, die unsere Freiheit bei der Vergegenwärtigung des G'ttlichen einschränken und begrenzen, die uns unterdrücken und mit ihrer vermeintlichen Macht erschlagen. Sie verlagern die G'ttlichkeit aus dem alles umfassenden Bereich - also auch aus uns selbst, heraus und materialisieren sie in Statuen (Bildern). Die Statue wird zum Symbol (Idol oder Abbild) der Macht. Die G'ttlichkeit erstarrt und stirbt. Sie wird nicht mehr von uns gelebt. Die Menschlichkeit - als die Ebenbildlichkeit G'ttes - verlässt die Welt.

Die Propheten, die immer wieder vor kommendem Unheil gewarnt hatten, haben fast nie mangelndes Ausführen der Rituale, Geiz beim Tempelopfer oder Unpünktlichkeit beim Gebet angeklagt.
Was sie einzuklagen versuchten, war in der überwiegenden Hauptsache das füreinander Einstehen, die Erfüllung der sozialen Verantwortlichkeit, das auch unaufgeforderte aufeinander Zugehen, die vorbehaltlos annehmende Zuwendung zum Nächsten - zu allen unseren Nächsten.
Gemeint haben Sie damit fast immer die wenig Beachteten: die Witwe (die Einsamen), die Waise (die Bedürftigen) und den Fremden, der in Deinen Toren (die Machtlosen).

Was sie am meisten verurteilt haben, waren Oberflächlichkeit und von unserer menschlichen Verantwortung ablenkende Ausschweifung: Das Hochachten von Statussymbolen vor dem Menschen, die Liebe zum Schein vor dem Sein. Die Hinwendung zu materialistischen (toten) Werten, zum 'fremden Dienst' in falscher Verehrung (Awodah Sarah), zum Götzendienst.

In Verkennung der Tatsache, dass G'tt nicht nur gegeben hat, sondern auch fordert, wird ein über der Welt schwebendes 'Schweigen G'ttes' wahr- und zum Anlass genommen, an der Existenz G'ttes überhaupt zu zweifeln. G'tt ist tot, heißt es dann, denn wie könnte er all' den Schrecken um uns zulassen?

Von dieser Frage aus gelangen wir direkt zum Kernpunkt der jüdischen Weltbetrachtung: Der Mensch ist frei, er ist sogar zur Freiheit verpflichtet. Die Befreiung aus Ägypten führte nicht nur zur Freiheit von Sklaverei, sondern auch auch zur Freiheit zum Dienst für G'tt (Awodath haShem). Aus dieser Freiheit folgt die Verantwortung des Menschen - für sich und für alle seine Taten. Jeder einzelne von uns ist ein Vertreter G'ttes auf Erden, denn ''...nur um ein ganz weniges geringer als G'tt selbst hat er den Menschen erschaffen'' (Tehilim/Psalmen) ...

Es sind also wir, die der Welt ein g'ttliches - und damit menschliches - Antlitz geben müssen.
Kein Bild soll unseren Blick auf uns, auf unsere Aufgabe und auf G'tt verstellen.

"Siehe ich habe Dir vorgelegt,
das Leben und den Tod,
den Segen und den Fluch,
Du aber sollst das Leben wählen,
Du und Dein Same".

Diese Betrachtung kann uns - etwas weiter gedacht, sogar die grauenhafte Frage nach "G'tt in Auschwitz" beantworten. Hätte G'tt Auschwitz verhindert, hochgehoben zu sich, in seine Arme genommen und hinweggetragen zur Stadt Iruschaljim. Hätte er die Stätten der Vernichtung zum Galil oder in den Negew versetzt, er hätte unermessliches Flehen erhört und grenzenloses Sehnen beantwortet. Er hätte sich verherrlicht und erhöht, er hätte sich erwiesen als unser Vater unser König zu dem wir beständig rufen, er hätte sich bewiesen über allen Lob und über allen Dank hinaus. Unsere Freude wäre grenzenlos gewesen und das Erstaunen und Erschrecken der Völker hätte alle Welt erschüttert.

G'tt hätte sich erhoben, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm, die Welt und die Menschheit aber hätte er erniedrigt. Er hätte damit bekundet, dass er selbst am Menschen verzweifelt sei. Er hätte das g'ttliche wie auch das menschliche Leiden gemindert und gleichzeitig dem Menschen die Freiheit zu glauben genommen - die Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben, zu wählen oder abzulehnen. G'tt hätte dem Menschen für immer die Chance abgesprochen diese Welt - aus eigenem freien Willen - zu G'tt zurückzubringen.
Wir haben diese Chance noch immer, denn es scheint, dass G'tt noch immer an seine Schöpfung glaubt. G'ttes Hoffnung sei auch unsere Hoffnung. Die Frage die ich mir stelle ist also nicht die Frage nach dem Bild G'ttes, die Frage ist "Wo war und wo ist der Mensch - das Ebenbild (Zelem) G'ttes in dieser Welt?"

David / Nov.'98

Reaktion: - 

Siehe hierzu auch einen späteren Beitrag:
Awodah sarah (5) Ethik und Monotheismus:
Tikun Olam - die Errettung der Welt

 



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