Judentum und Israel
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In der evangelischen Landeskirche in Württemberg wurde am Sonntag, dem 9. November 2008, erstmals der Gedenktag "Erinnerung und Umkehr" begangen. In diesem Zusammenhang bin ich zum Gedenkgottesdienst In der Tübinger Martinskirche hielt der Rabbinatsstudent Yoav Sapir, Heidelberg, folgende Ansprache.

Erinnerung und Umkehr:
Über die Suche nach dem Sinn und Zweck des Holocausts

Yoav Sapir, JZ, Nr. 11, Nov. 008, p.28

In Deutschland wird zur Zeit vielerorts der Reichskristallnacht 1938 gedacht, die eine wichtige Zäsur auf dem Weg in die Tiefe des Bösen darstellt. Bald, nämlich am 27. Januar, wird hier auch der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen, an dem die letzten Auschwitz-Häftlinge 1945 befreit wurden und der eine Zäsur auf dem Weg aus dem Bösen heraus bildet.

Zu gleicher Zeit, d.h. zwischen den beiden Gedenktagen des Jahres 2008, stehen im jüdischen Kalender des Jahres 5769 jene Wochenabschnitte, die uns vom Weg in die Versklavung in Ägypten, aber auch von der Erlösung von diesem Schicksal erzählen.

Dieser Zusammenhang lädt uns zum Vergleich ein: Was dachten sich die Kinder Israels bei der Verfolgung, als die Ägypter sie versklavten und deren Söhne, wie uns die Bibel mitzuteilen weiß, ermorden wollten? "Und sie schrien", erzählt uns die Bibel (Ex. 2:23) und lässt vermuten, dass sie sich fragten, was sie denn getan hätten, aufgrund dessen sie jetzt so sehr bestraft werden müssten. Da könnte man auch heute fragen, worauf Gott damals noch wartete, warum er dieses Schicksal überhaupt zuließ.

An dieser Stelle drängt sich eine schwierige Frage auf: Hat Gott wirklich alles zu vertreten, was auf Erden geschieht? Oder hat der Mensch, etwa die ägyptischen Täter von unserem Fall, die freie Wahl zwischen Gutem und Bösem?

Inwiefern der Mensch sich wirklich frei für das eine Vorhaben und gegen das andere entscheiden darf, wird heutzutage nicht mehr nur von Theologen und Philosophen, sondern nunmehr auch von Hirnforschern untersucht. Außer Zweifel steht jedoch, dass im Ermessen des Menschen noch längst nicht die Entscheidung darüber liegt, ob die Verwirklichung seiner Absicht ihm auch gelingen würde, d.h. ob er sein womöglich frei gewähltes Vorhaben auch erfolgreich durchführen dürfte.

Dass Einzelpersonen für ihre jeweiligen Absichten verantwortlich sind, erklärt mithin noch nicht, warum es bei der Versklavung in Ägypten und anderen Katastrophen so vielen Tätern gelungen ist, ihre bösen Absichten während so langer Zeit mit so großem Erfolg in die Tat umzusetzen. Aus solchen Sachverhalten kann man Gott also nicht hinaustreiben. Ganz im Gegenteil: Man muss Gott seine eigene Schöpfung zumuten, und zwar samt allem, was dazugehört, das Gute wie auch das Böse.

Vor diesem Hintergrund fordert uns die Geschichte von der Versklavung in Ägypten umso mehr heraus: Warum ließ es Gott überhaupt zu?

Diese Schwierigkeit wird noch verstärkt, wenn wir bei der Lektüre der Bibel erfahren, dass es gerade Gott war, der das Herz des Pharao immer und immer wieder verhärtete und verstockte (Ex. 7:3, 10:1, 10:20, 10:27, 14:4, 14:8 u. v. a.), der also mittels des Pharao die Verfolgung seines eigenen Volkes verschlimmerte. Die ganze Katastrophe war mithin eine rein göttliche Produktion! Aber was wäre denn die Sünde des Volkes gewesen, die diese Katastrophe erklären könnte?

Heutzutage meint mancher, dass es Begebenheiten gibt, die sich einfach nicht erklären lassen. Eine solche Begebenheit soll etwa der Holocaust darstellen, dessen wir heute gedenken. Muss man also für die Verfolgung in Ägypten unbedingt eine Erklärung finden?

In der Tat können wir im Pentateuch keine Sünde finden, infolge deren Gott die Kinder Israels bestraft hätte, geschweige denn eine so schlimme, um damit die Verfolgung in Ägypten erklären zu können.

Nichtsdestoweniger sind wir in der Lage, dieses Rätsel zu lösen.

Dazu müssen wir mehrere Jahrhunderte, bis in die Zeit des ersten Erzvaters Abraham zurückgehen. Im Wochenabschnitt "Lech Lecha", der erst gestern weltweit in allen jüdischen Bethäusern vorgelesen worden ist, wird uns von Abrahams – der damals noch Awram hieß – erstem Bündnis mit Gott erzählt (Genesis 15), in dem Gott ihm u. a. verspricht, dass seine Nachkommenschaft im Exil noch verfolgt und versklavt werden wird. Wichtig ist jetzt für uns nicht nur, dass jene frühere Katastrophe von Gott vorherbestimmt wurde, sondern vor allem auch, dass sie vom Initiator selbst auf keine Ursache zurückgeführt wird! Ganz im Gegenteil, denn Gott verspricht dort ferner, dass die Opfer dieser Verfolgung später "mit großer Habe" ausziehen werden. Der Sinn der Katastrophe ist folglich nicht in deren Vergangenheit, sondern in deren damaliger Zukunft zu suchen.

Tatsächlich lesen wir dann in den Wochenabschnitten "Wa’era" und "Bo", die heuer zufälligerweise - oder nicht - unmittelbar vor und nach dem 27. Januar gelesen werden, dass Gott den Pharao immer wieder dazu bringt, den Gräuel der Verfolgung weiterzuführen. Dies tut Gott jedoch nicht wegen einer Ursache, sondern zu einem Zweck, und zwar um sein Volk mit vielen "Zeichen und Wundern" (Ex. 7:3) aus Ägypten herauszuführen.

Mit diesem mythologischen Musterbeispiel will uns die Bibel lehren, dass der Schlüssel zum Verständnis der Geschichte von einem gläubigen Gesichtspunkt aus nicht in der Vergangenheit, sondern vielmehr in der Zukunft der jeweiligen Begebenheit liegt.

Kehren wir nun zum heutigen Anlass zurück: Warum hat es also den Holocaust gegeben? Diese Frage teilt sich, wie wir nun wissen, in zwei: "Weshalb?" und "Wozu?", d.h. in Ursachen einerseits und Zwecke andererseits. Um die Ursachen bemüht sich noch immer die Geschichtswissenschaft, die schon sehr interessante Interpretationsversuche anbieten kann. Nach dem bzw. den Zwecken dieser jüngeren Katastrophe muss jedoch jeder von uns selbst suchen.

Womöglich ist es noch zu früh, zumal wir ja noch keine richtige Perspektive haben und selbst das Schicksal des wieder auferstandenen Jerusalems, also die Zukunft des modernen Staates Israel, eines der wichtigsten Ergebnisse der europäischen Katastrophe, nicht mehr so sicher erscheint wie früher. Vielleicht werden erst künftige Generationen beurteilen können, welche der vielen Vermutungen bezüglich des Sinn und Zwecks des Holocaust in Anbetracht der Entfaltung der Geschichte sinnvoll erscheinen.

Nichtsdestoweniger obliegt es uns, unsere Nachkommen mit Interpretationsmöglichkeiten auszustatten. Unsere Aufgabe ist es, die kräftigen Worte des Propheten Jesaja (II.) nunmehr auf unsere Zeit anzuwenden; jenes Propheten also, der auf den ersten Untergang Jerusalems - jene traumatische Katastrophe, die das Judentum ein für allemal veränderte - zurückblickt und zugleich auch die Wiederkehr nach Zion voraussieht (Jesaja 45, 7):

"Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der das alles vollbringt!"

Wir müssen also gemeinsam den Rückblick in die Katastrophe hinein wagen, in die Tiefe des Bösen, und dort nach Gott suchen, nach dem Göttlichen an der Katastrophe, um uns mit Gott als Ganzem erst recht versöhnen zu können - und somit unsere eigenen Erwartungen an ihn und an unsere Zukunft zu heilen.

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hagalil.com/lexikon/holocaust-theologie

hagalil.com 19-11-2008



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