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Koscher leben...
 
 

Überlegungen zum Jom haSchoah vehaGwurah:
Katastrophe und Heldentum

Rabbiner Andrew Steiman

"Schoah" ist einer der Begriffe, mit denen versucht wird, den millionenfachen Mord an den Juden während des Dritten Reiches zu umschreiben; "Holocaust" ist ein anderer. Es gibt aber wohl keinen Begriff, der angemessen das wiedergeben kann, um was es hierbei geht.

Genausowenig kann es ein angemessenes Gedenken geben – aber deswegen gar nicht zu gedenken wäre erst recht und auf gar nicht angemessen.

Das fängt beim Namen an, und geht mit den Fragen nach dem Wie und Wann des Gedenken weiter. Unbequeme Fragen, die sich stellen, und die wir uns stellen müssen – in jeder Hinsicht.

Gestellt haben sich diese Fragen schon gleich nach dem Ende des Krieges. Für viele Überlebende war es auch eine religiöse Frage: in den wenigsten Fällen war bekannt, an welchem Datum ihre Angehörigen ermordet worden sind. Es ist nämlich religiöse Pflicht, am Jahrestag des Todes eines Angehörigen für diesen den "Kaddisch" zu beten, wenn möglich auch das Grab zu besuchen.

In Ermangelung eines Datums und erst recht eines Grabes für ihre ermordeten Angehörigen standen die Überlebenden vor der Herausforderung, ihre religiöse Pflicht zu erfüllen.

Viele jüdische Autoritäten meinten, die Ermordeten an Trauertagen zu beweinen, die bereits lange im jüdischen Kalender gepflegt werden, so z.B. der Trauertag zur Erinnerung an die Zerstörung des Tempels. In der Tat markiert die Zerstörung des Tempels zugleich auch den Beginn des Leidenswegs der Juden als Volk im Exil. Frühere Generationen haben ihr Leid – und ihre Toten - an diesem Datum geklagt: die Ermordeten der Kreuzzüge, der Inquisition, der Verbannungen; der wegen angeblichen Gottesmordes, Blutsbeschuldigungen und zugeschobener Schuld an der Pest Ermordeten ebenso.

Die Stimmen aber überwogen, die meinten, dass der Mord der Nazis an den Juden aus der unsäglichen Reihe an Grausamkeit und Unvernunft aller bisherigen Verfolgungen herausragt. Diesen Massenmord in die Reihe der vorherigen einzufügen, so schrecklich die vorherigen auch waren, empfanden auch die meisten Überlebenden als nicht angemessen.

In den unmittelbaren Nachkriegsjahren wurde nun in vielen jüdischen Gemeinden am zweiten Seder-Abend des Aufstandes im Warschauer Ghetto gedacht. Während der Sederfeier erhob man sich zum Gedenken und zu Ehren der Aufständischen, die sich an diesem Datum gegen die SS erhoben – und 6 Wochen lang hinhalten konnten (zum Vergleich: die gesamte polnische Armee konnte der Übermacht der Deutschen gerade mal einen Monat wiederstehen).

Die Kämpfer des Warschauer Ghettos wählten bewusst den Seder-Abend als Beginn ihres Aufstandes – weiß doch jedes jüdische Kind, dass an diesem Abend das Ende der Sklaverei gefeiert wird.

Als der Staat Israel 1948 ausgerufen wurde, empfanden viele der Überlebenden die Staatsgründung als Konsequenz des Freiheitskampfes, der in den Ghettos und Lagern begonnen wurde. Dies sollte auch durch einen Staatsakt zum Ausdruck gebracht werden, und so wurde bereits beim ersten Jahrestag der Staatsgründung das Gedenken an die Ermordeten den Feierlichkeiten zur Erinnerung an die Staatsgründung vorangestellt. Zugleich wurde auch an die Toten gedacht, die zur Verteidigung des jungen Staates gefallen sind: Israels Nachbarn haben die Staatsgründung nicht anerkannt und diesen durch Gewalt zu verhindern versucht (seither gibt es den "Nahost-Konflikt").

Es wurde wieder deutlich: die Ermordeten der Schoa sind mit den anderen Toten nicht vergleichbar. Da die Schoa aber der Staatsgründung vorausging, und aus der Mitte der Überlebenden der größten Tragödie der Menschheit sogar eine neue Gesellschaft entstanden ist, sollte eben ein eigenes Datum gesucht werden, um dies zum Ausdruck zu bringen. Es war klar, dass dieses Datum zwischen Pessach und dem Unabhängigkeitstag liegen soll. Damit sollte zum Ausdruck kommen, dass der uralte Drang der Juden zur Freiheit den Beginn auch des Aufstandes im Warschauer Ghetto beflügelte – und dass dieser Kampf der Staatsgründung vorausging.

Nach intensiver öffentlicher Debatte einigte man sich: es soll der achte Tag vor dem Unabhängigkeitstag sein. Diese Konstruktion erfüllt die gestellten Anforderungen. Die acht Tage sind ein Hinweis darauf, dass auch Pessach acht Tage dauert, und der Aufstand war eben an Pessach. So ist der Unabhängigkeitstag symbolisch am Tag nach Pessach, und kann als Konsequenz des Aufstandes interpretiert werden.

So erklärte 1959 die "Knesseth", das israelische Parlament, per Gesetz den 27ten Tag des biblischen Monats Nissan zum nationalen Gedenktag Jom haSchoah vehaGwurah ("Tag der Schoah und des Heldentums"). Da an beides gedacht wird, an Opfer wie an Kämpfer, soll der Tag nicht nur Trauer, sondern auch Hoffnung zum Ausdruck bringen.

Pessach, Jom haSchoah und Jom ha'Atzma'ut stehen seither als Kette im jüdischen Kalender, die den Freiheitsdrang der Israeliten in Ägypten mit dem der Kämpfer im Ghetto zu jener Kraft verbinden, die hinter dem modernen Staat Israel steht.

Rabbiner Andrew Steiman ist Rabbiner an der Frankfurter Budge-Stiftung.

In der Frankfurter Budge-Stiftung:
Gedenken an die Schoah

Am Freitag, den 2. Mai, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus versammelten sich die BewohnerInnen und Gäste der Frankfurter Budge-Stiftung im Paul-Arnsberg-Saal zu einem "Moment des Innehaltens"...



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