Das Jahr 1492, das Jahr des Kolumbus und des Falls von
Granada - Ende der Maurenherrschaft in Spanien - brachte die bedeutendste
Einwanderungswelle nach Marokko. Die katholischen Könige Ferdinand II von Aragonien und
Isabella von Kastilien vertrieben die in Spanien ansässigen Juden und Muslime. Sie
bildeten die Gruppe der "Megoraschim", der Ausgewiesenen. Die Juden nannten sich
"Sephardim" (aus
"Spanien" kommend, hebr.). Sie hatten sofort ihren festen Platz in der
marokkanischen Gesellschaft. Der Islam gestattete den "Buchgläubigen"
(ahl-el-kitab) als geschützte Untertanen im Hause des Islam (Dar-el-Islam) zu leben. Für
den Schutz durch den Sultan mussten die Juden jedoch eine besondere Steuer entrichten.
Weitere jüdische Flüchtlingsströme kamen im 16. Jahrhundert aus Andalusien,
wo die Inquisition die Juden besonders grausam verfolgte. Unter ihnen befanden sich auch
zahlreiche Marranen (zur Verleugnung ihrer Religion gezwungene Juden), um in Marokko
wieder zum Judentum zurückzufinden. Juden aus Frankreich und Italien kamen im 17. und 18.
Jahrhundert, welche sich vor allem in den nordmarokkanischen Küstenstädten
niederliessen. Zu Beginn des französisch-spanischen Protektorates in Marokko im Jahre
1912 öffneten sich die seit dem Mittelalter bestehenden Judenviertel, die
"Mellahs". So gelang es deren Bewohnern in wenigen Jahrzehnten den Sprung aus
der sozialen Rückständigkeit zu vollziehen, und wie ihre muslimischen Landsleute
verantwortliche Posten im Bankenwesen, Handwerk, in der Industrie und Verwaltung zu
übernehmen.
Die letzte Einwanderungswelle erreichte Marokko während des II. Weltkrieges.
Bis heute haben die marokkanischen Juden nicht vergessen, dass sich Sultan Sidi Mohammed
Ben Jussuf (König Mohammed V) geweigert hatte, die "Ausnahmegesetze" des
französischen Vichy-Regimes über die "Behandlung der Israeliten" zu
unterzeichnen.
Infolge der grossen Auswanderungswelle im Jahre 1948 nach Israel, als auch in
den Jahren 1956 (zweiter arabisch-israelischer Krieg) und 1967 (Sechstagekrieg) leben
heute lediglich noch 10-15'000 Juden in kleinen Gemeinden über das ganze Land verstreut,
vor allem aber in den grösseren Städten.
Marokkos Juden verstehen sich heute als Hüter einer vergangenen Kultur. Nicht
zu Unrecht sind sie stolz auf ihr sephardisches Kulturerbe, das eine nicht zu
unterschätzende Bedeutung für das gesamte Judentum hat und in Marokko ein nicht
wegzudenkender Bestandteil des täglichen Lebens geworden ist.