"Plötzlich war ich Jude! Eine Welt brach zusammen!"
Zuhause
wurde darüber nie gesprochen. Als Marcus 15 Jahre alt war, erzählte seine
Mutter ihm seine Geschichte. Drei Jahre später starb sie. "Plötzlich war ich
Jude. Für mich brach eine Welt zusammen!" Marcus beschäftigte sich zwei
Jahre lang viel mit der Religion, bis er merkte, dass seine Homosexualität
spannender sei als seine Religion.
"Mit meinem Schwulsein bin ich sehr
offen umgegangen. Als Weihnachten das Gespräch auf Kinder und Enkelkinder
kam, sagte ich, von mir müsse man keine Kinder erwarten, ich sei schwul.
Mein Bruder meinte, das habe er sich gleich gedacht", lacht Marcus. "Mein
Vater, der 1929 geboren ist, meinte, wenn das meine Lebenseinstellung sei,
dann wäre das in Ordnung. Das rechne ich ihm angesichts seines Alters und
seiner Erfahrungen sehr hoch an."
Mit 25 Jahren wandte sich Marcus
verstärkt seiner Religion zu. Nach einem Aufenthalt in London wurde das
Judentum immer wichtiger für ihn: "Ich lebe jetzt explizit mein Jüdischsein.
Die ganzen Symbole wie die Mesusa im Türrrahmen, Menora oder der
Chanukka-Leuchter nehmen viel mehr Raum in meinem Leben ein", erzählt
Marcus, der am Schabbat eine Kippa trägt. Das sorgte bei der Stellensuche
schon mal für Unverständnis, denn Marcus, der nicht so streng religiös lebt,
dass er am Schabbat nicht arbeitet, will wenigstens im Büro die Kippa
tragen. Und wieso nur am Schabbat? Marcus zögert und lacht: "Weiß ich nicht.
Ich habe am Schabbat und an hohen Feiertagen das Bedürfnis. Immer und für
alle sichtbar trage ich den Magen David, den meine Mutter mir vererbte."
"Klemmschwestern" sind den Gemeinden willkommen
"Uns ist es wirklich wichtig, dass
wir unsere Religion leben können ohne die Angst haben zu müssen, als
minderwertig betrachtet zu werden, weil Schwule keine vollen
Gemeindemitglieder sein können", bringt Marcus die Idee, die hinter Yachad
Hamburg steckt, auf den Punkt. So selbstverständlich wie Marcus Schwulsein
und Jüdischsein unter einen Hut bringt, ist es nämlich für die zumeist
konservativen deutschen Gemeinden nicht. Theoretisch könnten schwule Juden
nach der Halacha auch immer noch gesteinigt werden. In der Bibel steht das
strikte Verbot: "Du sollst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer
Frau schläft; ein Greuel ist das." Weiter heißt es: "Wenn ein Mann mit einem
Mann schläft wie mit einer Frau - ein Greuel haben beide verübt, sterben, ja
sterben sollen sie, ihr Blut über sie!" Die Verbote sind eingebettet in eine
ganze Reihe von Restriktionen verschiedenster sexueller Praktiken.
"Ich
kann mich noch gut an mein erstes Gespräch mit dem Hamburger Rabbiner
Barslai (Foto rechts) erinnern, als ich neu hier war. Es gab ein
persönliches Gespräch über die Gemeinde-Arbeit in Hamburg, und irgendwann
kam dann die Frage aller Frage: Würde meine Frau oder Freundin denn auch in
der Gemeinde mitarbeiten wollen?" erinnert sich Marcus. Das sei nicht
möglich, entgegnete er dem Rabbiner, aber sein Mann würde gerne in der
Gemeinde mitarbeiten. "Das Gespräch wurde dann sehr einseitig, bis Herr
Barslai mir zu verstehen gab, dass ich bitte gehen sollte."
"Klemmschwestern" hingegen sind in
jüdischen Gemeinden willkommen: "Dann weiß der Rabbi das ja nicht", so
Marcus. "Wie jedes heterosexuelle Paar darf man unter der Chuppa mit
Mazel-tov und Kindersegen heiraten, und die Gemeinde hofft, dass dann
spätestens nach zwei Jahren mindestens drei Kinder da sind. Etwas anderes
wird nicht erwartet."
Schwules Paar mit Kinderwunsch
Marcus
wird seinen afro-amerikanischen, nicht-jüdischen Freund so schnell kaum
unter der Chuppa heiraten können. Der neun Jahre ältere Clifford ist
Rastafari jamaikanischen Ursprungs. Die beiden setzen ihre Hoffnung auf die
"Homo-Ehe", um ihre Liebe absichern zu können. Mit dem Kindersegen könnte er
aber schon dienen, denn Marcus und sein Freund wünschen sich Kinder, würden
gerne welche adoptieren. Beide wollen nächstes Jahr im April in Deutschland
heiraten und perspektivisch nach San Francisco auswandern, weil Clifford
dort leichter leben kann. Den Kinderwunsch allerdings könnten die beiden in
Deutschland leichter verwirklichen, überlegt Marcus und setzt hinzu, ihre
Pläne seien "noch etwas unausgegoren".
Gilt das Sprichwort "Ein Jude, der in
Deutschland lebt, kauft sich kein Haus, sondern ein Auto" für Marcus? Er
lacht: "Ja, klar, ein Auto, um notfalls fliehen zu können." Dann
wird Marcus nachdenklich. Es gab Zeiten, da sei er ungern nach Hause
gegangen, erinnert er sich. "Ich ging mit einem Bodybuilder aus meinem
Sportverein, der auch schwuler Jude ist, zu einer Demo in Hamburg. Wir waren
als Schwule zu erkennen und trugen eine Israel-Flagge. Irgendjemand muss
mich bis nach Hause verfolgt haben, denn vor meiner Haustür stand ein paar
Tage später ein Karton mit einer toten Ratte und einem Zettel: 'Das nächste
Mal bist du das.'"
Die tote Ratte habe ihn gar nicht mal
so empört, sondern die Tatsache, dass man ihm sein Deutschsein aberkennen
wollte. "Man wird als Jude automatisch mit Israel verbunden. Israel ist für
mich das Land, in dem meine Glaubensbrüder wohnen. Ich bin aber Deutscher
und Jude. Ich bin kein Israeli, ich kann nichts anderes als Deutsch sein. Wo
soll ich denn hin?" Nach Israel würde er nicht gehen, eher nach England
oder, wenn es dort gefährlich würde, nach Amerika.
"Ich will mich nicht verstecken!"
Und
die Gay-Skins? Marcus lacht. "Ich mag gerne die Fetischsachen wie Leder,
Gummi und auch Skin. Viele schockierte, dass ich selbst auch eine Glatze
trug, weil es für mich Fetisch war". Dann wird Marcus nachdenklich und
erinnert sich an seinen Besuch bei der German-Mister-Leather-Wahl in Berlin.
Die Skin-Szene, die sich dort entwickele, sei sehr extrem, vieles erschrecke
und ängstige ihn.
"Es war immer so, dass der
rechtsradikale Skin weiße Schnürsenkel trägt. Es scheint zurzeit aber Trend
in der schwulen Szene zu sein, sich diesem anzuschließen. Inzwischen finde
ich, die Szene pervertiert, kennt keinen Respekt mehr. Mir als schwulem
Juden macht es Angst, weil ich nicht mehr unterscheiden kann, ob mein
Gegenüber mir gleich ein Messer in den Rücken rammt oder mich in den Arm
nimmt und abknutscht." Es könne nicht Sinn und Zweck sein, dass seine
eigenen Brüder und Schwestern in der schwulen Bewegung ihm Angst machen.
Marcus'
Arbeitgeber zeigte sich flexibel, als ihm die Bedrohung durch einen anonymen
Verfolger geschildert wurde, und schickte ihn sechs Wochen in eine andere
Stadt. Danach hatte Marcus Ruhe vor seinem Verfolger. Mundtot wurde er
dadurch nicht. "Sobald ich anfange, mich zu verstecken, als Schwuler oder
als Jude, haben die anderen gewonnen. Ich werde diesen Idioten keinen
Zentimeter von meinem Freiraum abgeben. Ich habe ewig und drei Tage
gebraucht, um der zu werden, der ich bin. Da werde ich nicht aufgeben!"