antisemitismus.net / klick-nach-rechts.de / nahost-politik.de / zionismus.info

Judentum und Israel
haGalil onLine - http://www.hagalil.com

  

hagalil.com

Search haGalil

Veranstaltungskalender

Newsletter abonnieren
e-Postkarten
Bücher / Morascha
Musik

Koscher leben...
Tourismus

Aktiv gegen Nazi-Propaganda!
Jüdische Weisheit
 
EUROGAY - Kontakte, Infos und Fun für die Gay-Community

Schwul, jüdisch, deutsch - geht das?
"Ich will mich nicht verstecken!"
von Sabine Homann
 

Erschienen in eurogay.de am 27.Juli 2001

(27.7.01 - sh) Selbstbewusst offen schwul und jüdisch leben - geht das überhaupt? Wir sprachen mit Marcus Kretschmer (Foto links), Mitglied der Hamburger Gruppe Yachad. Fühlt er sich als Minderheit in der Minderheit? Wie fühlt er sich in der Gegenwart von Gay-Skins?

Das hebräische Wort "Yachad" heißt "gemeinsam" und steht für Gruppen schwuler, lesbischer oder bisexueller Juden in Köln, Hamburg, München, Nürnberg, Frankfurt und Berlin. Die Gruppen arbeiten weitgehend unabhängig voneinander. In Hamburg heißt "gemeinsam" auch, dass von den 40 Menschen, die zur Regionalgruppe gehören, nur 15 schwul sind, der Rest hingegen "im klassischen Sinne heterosexuell, mit Kindern und allem, was dazu gehört", schmunzelt Marcus.

Als liberaler Rabbiner (ein Glossar jüdischer Begriffe findet sich am Ende des Textes) kümmert sich Kai Eckstein um die Hamburger Gruppe, die sich im Februar diesen Jahres neu gründete.  Neben dem gemeinsamen Feiern des Schabbats oder hoher jüdischer Feiertage steht bei den Yachad-Gruppen auch das Sich-Zeigen im Vordergrund, zum Beispiel auf den CSDs oder, wie die etwa 50 Personen starke Kölner Gruppe, mittels einer eigenen Zeitung (Foto rechts: Yachad Berlin auf dem Berliner CSD).

Wenig Akzeptanz von konservativen Juden

Die meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland sind konservativ-orthodox geprägt und wenig tolerant gegenüber Homosexuellen. Nach der Shoah waren die jüdischen Gemeinden in Deutschland so klein, dass an Vielfalt kaum zu denken war. Mit der Zuwanderung vor allem osteuropäischer Juden wurde auch das Gemeindeleben bunter, die Anforderungen änderten sich.

Die Münchner Yachad-Gruppe um Fred Fischer herum ist stolz darauf, dass im letzten Monat in München die sechste europäisch-israelische Regionalkonferenz des Weltkongresses der schwulen, lesbischen, bisexuellen und transsexuellen Juden (WCGLBTJ) stattfand - zum ersten Mal auf deutschem Boden. Auch hier zeigte sich die orthodoxe Gemeinde ablehnend, während die liberale Gemeinde ihre Räumlichkeiten für einen Gottesdienst zur Verfügung stellte.

"Mit 15 erfuhr ich, dass ich Jude bin", erzählt der 33-jährige Marcus, der als Reiseverkehrskaufmann ein Firmenreisebüro leitet und ehrenamtlich im lesbisch-schwulen Radio-Projekt Pink Channel mitarbeitet. "Und mit 16, 17 merkte ich, dass noch was anderes viel, viel interessanter wird, nämlich mein Schwulsein." Marcus ist "halachischer Jude", seine Mutter ist Jüdin, sein Vater nicht. Als Opfer der Shoah wurde Marcus' Mutter mit ihrer gesamten Familie in ein Konzentrationslager deportiert. Sie konnte mit ihren Geschwistern aus dem Zug nach Treblinka fliehen. Sie überlebten in England und gingen nach 1945 nach Deutschland zurück. Die anderen Familienmitglieder wurden vergast.

"Plötzlich war ich Jude! Eine Welt brach zusammen!"

Zuhause wurde darüber nie gesprochen. Als Marcus 15 Jahre alt war, erzählte seine Mutter ihm seine Geschichte. Drei Jahre später starb sie. "Plötzlich war ich Jude. Für mich brach eine Welt zusammen!" Marcus beschäftigte sich zwei Jahre lang viel mit der Religion, bis er merkte, dass seine Homosexualität spannender sei als seine Religion.

"Mit meinem Schwulsein bin ich sehr offen umgegangen. Als Weihnachten das Gespräch auf Kinder und Enkelkinder kam, sagte ich, von mir müsse man keine Kinder erwarten, ich sei schwul. Mein Bruder meinte, das habe er sich gleich gedacht", lacht Marcus. "Mein Vater, der 1929 geboren ist, meinte, wenn das meine Lebenseinstellung sei, dann wäre das in Ordnung. Das rechne ich ihm angesichts seines Alters und seiner Erfahrungen sehr hoch an."

Mit 25 Jahren wandte sich Marcus verstärkt seiner Religion zu. Nach einem Aufenthalt in London wurde das Judentum immer wichtiger für ihn: "Ich lebe jetzt explizit mein Jüdischsein. Die ganzen Symbole wie die Mesusa im Türrrahmen, Menora oder der Chanukka-Leuchter nehmen viel mehr Raum in meinem Leben ein", erzählt Marcus, der am Schabbat eine Kippa trägt. Das sorgte bei der Stellensuche schon mal für Unverständnis, denn Marcus, der nicht so streng religiös lebt, dass er am Schabbat nicht arbeitet, will wenigstens im Büro die Kippa tragen. Und wieso nur am Schabbat? Marcus zögert und lacht: "Weiß ich nicht. Ich habe am Schabbat und an hohen Feiertagen das Bedürfnis. Immer und für alle sichtbar trage ich den Magen David, den meine Mutter mir vererbte."

"Klemmschwestern" sind den Gemeinden willkommen

"Uns ist es wirklich wichtig, dass wir unsere Religion leben können ohne die Angst haben zu müssen, als minderwertig betrachtet zu werden, weil Schwule keine vollen Gemeindemitglieder sein können", bringt Marcus die Idee, die hinter Yachad Hamburg steckt, auf den Punkt. So selbstverständlich wie Marcus Schwulsein und Jüdischsein unter einen Hut bringt, ist es nämlich für die zumeist konservativen deutschen Gemeinden nicht. Theoretisch könnten schwule Juden nach der Halacha auch immer noch gesteinigt werden. In der Bibel steht das strikte Verbot: "Du sollst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; ein Greuel ist das." Weiter heißt es: "Wenn ein Mann mit einem Mann schläft wie mit einer Frau - ein Greuel haben beide verübt, sterben, ja sterben sollen sie, ihr Blut über sie!" Die Verbote sind eingebettet in eine ganze Reihe von Restriktionen verschiedenster sexueller Praktiken.

"Ich kann mich noch gut an mein erstes Gespräch mit dem Hamburger Rabbiner Barslai (Foto rechts) erinnern, als ich neu hier war. Es gab ein persönliches Gespräch über die Gemeinde-Arbeit in Hamburg, und irgendwann kam dann die Frage aller Frage: Würde meine Frau oder Freundin denn auch in der Gemeinde mitarbeiten wollen?" erinnert sich Marcus. Das sei nicht möglich, entgegnete er dem Rabbiner, aber sein Mann würde gerne in der Gemeinde mitarbeiten. "Das Gespräch wurde dann sehr einseitig, bis Herr Barslai mir zu verstehen gab, dass ich bitte gehen sollte."

"Klemmschwestern" hingegen sind in jüdischen Gemeinden willkommen: "Dann weiß der Rabbi das ja nicht", so Marcus. "Wie jedes heterosexuelle Paar darf man unter der Chuppa mit Mazel-tov und Kindersegen heiraten, und die Gemeinde hofft, dass dann spätestens nach zwei Jahren mindestens drei Kinder da sind. Etwas anderes wird nicht erwartet."

Schwules Paar mit Kinderwunsch

Marcus wird seinen afro-amerikanischen, nicht-jüdischen Freund so schnell kaum unter der Chuppa heiraten können. Der neun Jahre ältere Clifford ist Rastafari jamaikanischen Ursprungs. Die beiden setzen ihre Hoffnung auf die "Homo-Ehe", um ihre Liebe absichern zu können. Mit dem Kindersegen könnte er aber schon dienen, denn Marcus und sein Freund wünschen sich Kinder, würden gerne welche adoptieren. Beide wollen nächstes Jahr im April in Deutschland heiraten und perspektivisch nach San Francisco auswandern, weil Clifford dort leichter leben kann. Den Kinderwunsch allerdings könnten die beiden in Deutschland leichter verwirklichen, überlegt Marcus und setzt hinzu, ihre Pläne seien "noch etwas unausgegoren".

Gilt das Sprichwort "Ein Jude, der in Deutschland lebt, kauft sich kein Haus, sondern ein Auto" für Marcus? Er lacht: "Ja, klar, ein Auto, um notfalls fliehen zu können." Dann  wird Marcus nachdenklich. Es gab Zeiten, da sei er ungern nach Hause gegangen, erinnert er sich. "Ich ging mit einem Bodybuilder aus meinem Sportverein, der auch schwuler Jude ist, zu einer Demo in Hamburg. Wir waren als Schwule zu erkennen und trugen eine Israel-Flagge. Irgendjemand muss mich bis nach Hause verfolgt haben, denn vor meiner Haustür stand ein paar Tage später ein Karton mit einer toten Ratte und einem Zettel: 'Das nächste Mal bist du das.'"

Die tote Ratte habe ihn gar nicht mal so empört, sondern die Tatsache, dass man ihm sein Deutschsein aberkennen wollte. "Man wird als Jude automatisch mit Israel verbunden. Israel ist für mich das Land, in dem meine Glaubensbrüder wohnen. Ich bin aber Deutscher und Jude. Ich bin kein Israeli, ich kann nichts anderes als Deutsch sein. Wo soll ich denn hin?" Nach Israel würde er nicht gehen, eher nach England oder, wenn es dort gefährlich würde, nach Amerika.

"Ich will mich nicht verstecken!"

Und die Gay-Skins? Marcus lacht. "Ich mag gerne die Fetischsachen wie Leder, Gummi und auch Skin. Viele schockierte, dass ich selbst auch eine Glatze trug, weil es für mich Fetisch war". Dann wird Marcus nachdenklich und erinnert sich an seinen Besuch bei der German-Mister-Leather-Wahl in Berlin. Die Skin-Szene, die sich dort entwickele, sei sehr extrem, vieles erschrecke und ängstige ihn.

"Es war immer so, dass der rechtsradikale Skin weiße Schnürsenkel trägt. Es scheint zurzeit aber Trend in der schwulen Szene zu sein, sich diesem anzuschließen. Inzwischen finde ich, die Szene pervertiert, kennt keinen Respekt mehr. Mir als schwulem Juden macht es Angst, weil ich nicht mehr unterscheiden kann, ob mein Gegenüber mir gleich ein Messer in den Rücken rammt oder mich in den Arm nimmt und abknutscht." Es könne nicht Sinn und Zweck sein, dass seine eigenen Brüder und Schwestern in der schwulen Bewegung ihm Angst machen.

Marcus' Arbeitgeber zeigte sich flexibel, als ihm die Bedrohung durch einen anonymen Verfolger geschildert wurde, und schickte ihn sechs Wochen in eine andere Stadt. Danach hatte Marcus Ruhe vor seinem Verfolger. Mundtot wurde er dadurch nicht. "Sobald ich anfange, mich zu verstecken, als Schwuler oder als Jude, haben die anderen gewonnen. Ich werde diesen Idioten keinen Zentimeter von meinem Freiraum abgeben. Ich habe ewig und drei Tage gebraucht, um der zu werden, der ich bin. Da werde ich nicht aufgeben!"  

 

Begriffe aus dem Judentum:
Chanukka: Fest zur Erinnerung der Einweihung des Tempels im Jahre 165 vor Christus
Chuppa
: Hochzeitsbaldachin, unter dem das Brautpaar während der Trauung steht
Halacha: wörtlich übersetzt "Weg" oder "Lebenspfad". Der Begriff umfasst das gesamte gesetzliche System des Judentums, Lebensinhalt und Lebensführung, legt unter anderem fest, dass das Judentum über die Mutter weitergegeben wird 
Kippa oder Jarmulke: Kopfbedeckung männlicher Juden
Magen David: Sechszackiger Stern, benannt nach König David, seit etwa 1.800 Jahren Symbol des Judentums
Mazel-tov: wörtlich "viel Glück", Segenswunsch zum Beispiel bei Hochzeiten
Menora: Siebenarmiger Leuchter, nach dem Vorbild des Leuchters aus dem "Zweiten Tempel", der im Jahre 70 nach Christus zerstört wurde
Mesusa: Schriftkapsel, die am Türpfosten der Haustür und anderer Türen in der Wohnung angebracht wird
Rabbiner: wörtlich "Lehrer", Schriftgelehrter mit religiösem Studium und akademischem Studienabschluss. Innerhalb einer Gemeinde übernimmt der Rabbiner Aufgabe als Lehrer, Prediger und Seelsorger. Die Gemeinde wählt und bezahlt den Rabbiner
Schabbat: Ruhetag, von Freitag abend bis Samstag abend. Aus Respekt vor Gott und der Schöpfung darf an diesem Tag zum Beispiel nicht gearbeitet werden
Shoah: Verfolgung und Ermordung der Juden im Nationalsozialismus
Synagoge: Versammlungshaus, in dem man sich trifft, um gemeinsam zu beten und die Tora zu studieren
Tora: wörtlich "Lehre", bezeichnet einerseits die fünf Bücher Mose (in etwa das "Alte Testament" des Christentums), andererseits die gesamte religionsgesetzliche jüdische Tradition.

 
Glossar jüdischer Begriffe
 
HaGalil: Judentum in Europa
 
Mehr zum Thema Homosexualität im Judentum

Fotos: Sabine Homann (2), Yachad Berlin (1), dpa (2)

haGalil 01-08-2001

 

 


DE-Titel
US-Titel


Spenden Sie mit PayPal - schnell, kostenlos und sicher!
Werben in haGalil?
Ihre Anzeige hier!

Advertize in haGalil?
Your Ad here!

haGalil.com ist kostenlos! Trotzdem: haGalil kostet Geld!

Die bei haGalil onLine und den angeschlossenen Domains veröffentlichten Texte spiegeln Meinungen und Kenntnisstand der jeweiligen Autoren.
Sie geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber bzw. der Gesamtredaktion wieder.
haGalil onLine

[Impressum]
Kontakt: hagalil@hagalil.com
haGalil - Postfach 900504 - D-81505 München

1995-2006 © haGalil onLine® bzw. den angeg. Rechteinhabern
Munich - Tel Aviv - All Rights Reserved