Der Anteil von Juden am wirtschaftlichen und
geistig-kulturellen Leben Deutschlands an
der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert
In Handel, Gewerbe und Industrie
In der Zeit der Industrialisierung setzte eine zunehmende Landflucht ein.
Aufgrund ihrer Vergangenheit und ihrer Ausbildung fanden die jüdischen
Zuwanderer Eingang in unabhängigen Berufen , als Ladenbesitzer, Kleinfabrikant,
Exporteure und Importeure,
als Vertreter der Großfabrikanten und Industrieunternehmer, als Bankangestellte
bzw. Bankiers und als Arbeiter vor allem in der Zigaretten- , Lederwaren- und
Pelzindustrie. In diesen Berufen konnten sich viele Juden gerade in der Zeit der
Weimarer Republik geschäftlich etablieren, jedoch schwebt auch über dieser neuen
Normalität der bedrohliche Schatten des Antisemitismus. Aufgrund der Zuwanderung
aus Osteuropa blieb die Zahl der Handwerker, Arbeiter und Kleinhändler konstant.
Gleichzeitig stieg der Anteil von Künstlern jüdischer Herkunft. 1925 lebten etwa
2/3 aller Juden in Deutschland in Großstädten. In der Industrie waren auf 1000
Einwohner gesehen etwa nur halb so viele Juden wie Deutsche beschäftigt, im
Handel und Bankwesen dagegen doppelt so viele. Dies spiegelt die historische
Entwicklung der Juden in Deutschland bzw. allgemein in Europa wider, wurde aber
häufig Unsachlicherweise von Antisemiten als Beweis angesehen, dass sich die
Juden schwerer körperlicher Arbeit entziehen und dass sie sich letztlich auf
Kosten der Deutschen bereichern wollen.
Gegen Ende der Weimarer Republik ist besonders das Engagement jüdischer
Unternehmer im risikoreichen Filmgeschäft erwähnenswert.
In der Geisteswissenschaft
Der wohl bekannteste Name in dieser Richtung ist sicherlich Sigmund Freud (
1856 - 1939 ). Er begründete die Psychoanalyse und erweiterte die Psychologie
durch Einbeziehung des Unbewussten und durch neue Einsichten der Triebdynamik.
Obwohl er in
Wien praktizierte und dort Professor war, blieb Berlin in den Jahren der
Weimarer Republik das Zentrum jüdischer Geisteswissenschaft. Aber es gab noch
weitere bedeutende Persönlichkeiten jüdischer Herkunft, die das Gesicht dieser
Zeit prägten, wie z.B. Ernst Cassirer ( 1874 - 1945 ). Er beschäftigte sich mit
Erkenntnisproblemen und einer Philosophie der symbolischen Formen, sowie auch
mit der Relativitätstheorie von Einstein. Weitere wichtige Philosophen waren Leo
Strauss und Ernst Bloch, der eine Philosophie der Hoffnung entwickelte. Sein
Hauptwerk ist „Das Prinzip Hoffnung" (3 Bände 1954 bis 1959). Das Tätigkeitsfeld
der einzelnen Juden war auch zu dieser Zeit schon breitgefächert. So
beeinflusste in der Soziologie (Wissenschaft von der Gesellschaft, ihren Formen,
Gesetzlichkeiten und ihrer Entwicklung ) Karl Mannheim mit seiner
Wissenssoziologie und der Demokratielehre das Leben folgender Generationen. Auch
wagten sich die Juden an Gebiete, die keine akademische Forschung benötigten wie
Siegfried Kracauer als Filmsoziologe und in der Fotographie. Fast könnte man die
Liste bedeutender Persönlichkeiten mit jüdischer Herkunft beliebig erweitern,
hier noch einige Beispiele: Gerhard Scholem ( 1897 - 1982, Kabbalaforscher ),
Walter Benjamin (1892-1940, Literaturhistoriker, Kunstkritiker,
Übersetzer); Hans Kelsen (1881 -1973, Staatsrechtslehrer und Rechtsphilosoph ),
Max Horkheimer ( Direktor des Instituts für Sozialforschung).
In der Naturwissenschaft
In der Weimarer Republik waren unter fünfzehn Nobelpreisträger fünf deutsche
Juden: Albert
Einstein ( Physik ), Otto Meyerhof ( Medizin ), James Franck ( Physik ),
Gustav Hertz (Physik), Otto H. Warburg ( Medizin ).
Einstein ist zwar sicher der prominenteste Vertreter, aber es gab auch
andere Naturwissenschaftler jüdischer Herkunft, die auf ihrem Gebiet Bedeutendes
geleistet haben. So entwickelte Paul Ehrlich eine Methode zum Färben von
Blutzellen, die Hämatologie. Außerdem war er der Begründer der Chemotherapie,
welche noch heute in der modernen Pharmazeutik angewandt wird. Fritz Haber
erfand ein Verfahren zur synthetischen Herstellung von Ammoniak, welches für die
Produktion von Kunstdünger eingesetzt werden konnte.
Angesichts der Geschehnisse unter Hitler mussten viele Juden, unter ihnen
auch Albert Einstein in das Ausland emigrieren, was sie aber nicht von ihrem
Forscherdrang abbrachte. So erhielt Otto Meyerhof eine Gastprofessur an der
Universität Philadelphia. Gustav Hertz überlebte die schwere Zeit in Deutschland
und wurde, nachdem er einige Jahre in Russland verbracht hatte, in Leipzig
Professor an der Universität ( 1954 ). So erhielten wenigstens einige nach dem
Krieg die lange verweigerte Anerkennung für ihre harte und
entbehrungsreiche Arbeit im Dienste der Wissenschaft.
 
Frauenemanzipation
Die erste Frau in Deutschland die sich damit beschäftigte war wohl Rahel
Levin-Varnhagen. Sie lehnte die Hegemonie des Mannes ab und forderte schon in
der Mitte des 19. Jahrhunderts eine gesetzliche sowie gesellschaftliche
Gleichstellung der Frau. Ihre Ideen wurden von Fanny Lewald (1811-1889)
weitergeführt. Sie sah die Emanzipation der Frauen im engen Zusammenhang mit der
Emanzipation der Juden und Befreiung der Arbeiter. Ebenfalls kritisierte die
Schriftstellerin in ihren Romanen die Konventionsehe. Sie veröffentlichte
1870 eine Kampfschrift, in der sie die uneingeschränkte Gleichberechtigung der
Frau forderte. Ein Jahr zuvor veröffentlichte Friederike Kempner eine
Schrift zur Abschaffung der Einzelhaft. Sie kämpfte mit Erfolg für die
Errichtung von Leichenhäusern und erreichte die Aufhebung der Einzelhaft bei
lebenslänglich Inhaftierten. Allerdings wurden ihre Leistungen auf sozialem
Gebiet und gegen den Antisemitismus durch ihren Ruf als "schlesische
Nachtigall" (Sie verfasste Gedichte, deren Komik den Leser zum Lachen brachte.)
geschmälert. Eine weitere bedeutende Persönlichkeit in der Frauenbewegung war
Bertha Pappenheim (1859-1936). Sie gründete 1904 in Frankfurt den Jüdischen
Frauenbund, welcher eng mit der deutschen Frauenbewegung
zusammenarbeitete. Außerdem kämpfte sie gegen Prostitution und die
Benachteiligung uneheliche Kinder. In der Nähe von Frankfurt gründete sie ein
Heim für Prostituierte. Sie wurde 1936 durch Gestapo-Beamte ermordet. Alice
Coblens-Bensheimer (1864-1957) war 25 Jahre lang die Schriftführerin des Bundes
Deutscher Frauenvereine. Von großer Bedeutung war ebenfalls Alice Salomon
(1872-1948). Sie leitete unter anderem eine Soziale Frauenschule und die
Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit in Berlin. Henriette
Katzenstein-Fürth (1861-1939) war die Mitbegründerin der Deutschen
Mutterschutzbewegung und sie war in der Jüdischen Sozialfürsorge tätig.
Kunst
In der Kunstgeschichte der Juden vollzog sich im 19./20. Jahrhundert eine
Revolutionierung. Wichtig für diesen Zeitabschnitt war der 1887 geborene
Herwarth Walden. Er komponierte, schrieb Dramen und Kritiken. Durch seine
Erfahrung als Redakteur literarischer Zeitschriften gründete er 1910 die
Zeitschrift „Der Sturm". 1912 eröffnete er den Sturm-Kunstsalon, in der
die Gruppe des „Blauen Reiter" in der Ausstellung präsentiert wurde. Kurz darauf
zeigte er Künstler des französischen und deutschen Expressionismus und wurde
damit zu einem bedeutenden Förderer moderner Kunst. Werke von Paul Klee und
Oscar Kokoschka, Marc Chagall, LyonelTeininger, Wassily Kandinsky, Franz Marc
und August Macke sind Beispiele für Bilder seiner Galerie. Der Kurt Wolff Verlag
in Leipzig und München stellte damals das Zentrum expressionistischer Literatur
dar. Kurt Wolff (1887-1963), welcher mütterlicherseits aus einer jüdischen
Familie stammte, veröffentlichte auch viele Werke jüdischer Schriftsteller in
der aus 86 Bändern bestehenden, expressionistischen Buchreihe „Der Jüngste Tag".
Darunter waren Mynona, Oscar Baum, Max Brod, Carl Einstern, Franz Kafka, Ludwig
Rubiner und Ferdinand Bruckner.
Jüdische Maler, Bildhauer und Graphiker in Deutschland wirkten vor allem in
der allgemeinen Kunstbewegung der Zeit. Künstler, wie Herman Strunk, Ephraim
Mose Lilien, Jaseph Budko, Jakom Steinhardt, Lesser und Jankel Adler
beschäftigten sich vorwiegend mit jüdischen Themen. Einige entwickelten ihre
eigene Weltanschauung. Otto Freundlich, der 1943 ermordet wurde, sprach von
einer „kosmischen Moral", was sich auch in seinen Werken (Beispiel: Die Mutter)
deutlich wird. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg widerspiegelte vielfältigste
Eindrücke. Nikolaus Brauns malte 1921 im typischen Berliner Kunststil seine
Straßenszenen realistisch. Er gibt die beängstigende Entfremdung, Hektik und
Tempo als Vertreter der Großstadtmalerei wieder. Viele zu dieser Zeit
entstandene Werke vermitteln Ängste, Schwermut und Notstände jüdischer Familien.
Felix Nußbaun, 1904 geboren und 1944 in Auschwitz ermordet, entwarf das Motiv
des Leierkastenmanns ebenfalls im Berliner Kunststil. Berliner Arbeiterviertel,
Hinterhöfe und traurige Augen sind Elemente vieler Werke von jüdischen
Künstlern.
Die Stadt Weimar war zu dieser Zeit eine Metropole für Literatur, Politik
und Kunst der Juden. Obwohl es viele jüdische Redakteure und Herausgeber gab,
waren diese oft nicht daran interessiert, jüdische Einstellungen zu
Zeitereignissen zu formulieren und wiederzugeben. 1918 wurde auch aus diesem
Grund die linksintellektuelle Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“
herausgebracht. Daneben gab es die Monatszeitschrift „Der neue Merkur“, wo
Literatur über aktuelle Probleme gedruckt wurde. „Die Neue Rundschau" berichtete
besonders über die etablierten Literatur und die „Die literarische Welt"
galt vornehmlich unter den Autoren der modernen künstlerischen Bewegungen als
aufgeschlossene Wochenzeitschrift. Auch die Zeitschrift „Kunst und Künstler"
sollte ein Wegbereiter der modernen Kunst sein. Dagegen war „Corona"
anspruchsvoll und veröffentlichte Literatur von Hugo von Hofmannsthal, Paul
Valery und Hermann Hesse. Zeitgenössische Bestrebungen in der Kunst und
das Bemühen um modernere Lebensformen wurden brillant mit photographierten
Experimenten und Zeichnungen von Künstlern aus aller Welt in „Der Querschnitt"
illustriert. Der Herausgeber der Zeitschrift „Die Fackel“ (1899-1936) und „Die
Zukunft“ (1892-1922) war Maximilian Harden. Er war politisch und weltanschaulich
engagiert und hieß eigentlich Felix Ernst Witkowsky. Er lebte von 1861 bis 1927
und war ein starker Gegner von Wilhelm II. und seiner Politik. 1922 überlebte er
ein Attentat und emigrierte darauf in die Schweiz. Ein bedeutender jüdischer
Autor und Literaturkritiker war auch Karl Kraus. Er lebte von 1874 bis 1936 und
galt als sehr streitsüchtig und spitzfindig. Seine Anhänger verehrten ihn als
kompromisslosen Ethiker, Gesellschaftskritiker und rücksichtslosen Satiriker. Er
fühlte sich selbst dabei als höchste Autorität der deutschen Sprache.
verfasst von:
Franziska Lehmann
Maria Hohl
Patrick Starke
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