antisemitismus.net / klick-nach-rechts.de / nahost-politik.de / zionismus.info

haGalil onLine - http://www.hagalil.com
     

hagalil.com

Search haGalil

Newsletter abonnieren
Bücher / Morascha
Musik

Koscher leben...
Tourismus
Jüdische Weisheit
 
Sie finden hier zahlreiche Artikel aus dem 90er Jahren, d.h. aus den Anfangsjahren des WWW. Aktuellere Meldungen finden Sie im Nachrichtenarchiv unter Jüdisches Leben in Deutschland..., Antisemitismus, Rechtsextremismus..., Europa und die Welt... oder in den täglich aktuellen Nachrichten von haGalil.com...
Etliche Artikel in diesem Ordner entsprechen in Formatierung und Gestaltung nicht den heutigen Internetstandards. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.
Geschichte der ostjüdischen Kultur
Das Leben im Schtetl

Die ostjüdischen ,,Schtetl" waren durch unvorstellbare Armut und Enge gekennzeichnet. Die Juden lebten hier von der übrigen Welt abgeschlossen und verharrten in mittelalterlichen Lebensformen. Die Aufklärung und die Emanzipation der Juden in Westeuropa gingen an den Ostjuden spurlos vorüber. Trotzdem blieb das Schtetl stets ein Ort jüdischen Zusammenhalts.

Ostjüdische FesttrachtInnigste Frömmigkeit gab auch dem ärmsten Juden Würde und machte das Schtetl zu einem ,,in Lumpen gehülltes Königreich des Geistes". Im Schtetl entstand dadurch eine spezifische jüdische Kultur und Religiosität. Dennoch war für viele die Not erdrückend und versuchten ihr Heil in der Auswanderung ( häufig nach Amerika ) zu finden. Die eigentliche Vaterpflicht der religiösen Erziehung wurde im Schtetl von der armen Bevölkerungsmehrheit oft dem Cheder, einer Art Grundschule überlassen. Jeder Cheder wurde von einem Lehrer, dem Melammed, geleitet und privat finanziert. Das karge Einkommen und die Missachtung dieser Kinderlehrer in der Öffentlichkeit entsprach der oft mäßigen Qualität ihres Unterrichts. Bettelarm und ohne jegliche Ausbildung lehrten sie den Jungen im Alter von 3-15 Jahren ziemlich unsystematisch Abschnitte der Tora im Original und in jiddischer Übersetzung sowie leichtere Talmud-Stellen. Der Schultag dauerte oft acht bis zwölf Stunden, denn vielen Eltern ging es vordergründig um die Beaufsichtigung ihrer Kinder, während sie Ostjuden in Wien 1915arbeiten gingen, um für das Wohl der Familie zu sorgen. Nur die Knaben besuchten bis zu ihrer Bar Mizwa den Cheder. Für die Mädchen gab es, jeweils den häuslichen Verhältnissen entsprechend, eine recht unterschiedliche Erziehung, deren Ziel es war, später einen rituell korrekten Haushalt führen zu können. Für Mädchen und Frauen gab es besondere Gebetbücher und Erbauungsliteratur, welche zum größten Teil in Jiddisch geschrieben waren. Außerdem hatten die Frauen einen gewissen Freiraum für weltliche Lektüre. So konnte es vorkommen, dass die Frauen über einen weiteren Horizont verfügten als ihre ,,nur" rabbinisch gebildeten Männer, welche sich ausschließlich den heiligen Schriften widmen sollten. Nach dem Abschluß des Cheders mußte entschieden werden, ob der Junge das Talent für ein lebenslanges Studium besitzt oder ob er ins Geschäftsleben eintreten muss. Ist der Junge befähigt für das Studium, kam er auf die Jeschiwa, eine Art theologischer Hochschule, und war nun ein Jeschiwe-Bocher ( ,,Jeschiwa-Junge" ). Nur wenig Eltern konnten das Studium finanzieren. Die Lösung dieses Problems beweist, welchen Stellenwert das religiöse Studium im Schtetl hatte, denn die Gemeinde übernahm nicht nur die Unterhaltung der Jeschiwa, sondern auch die der ärmeren Studenten . Die Ausbildung beschränkte sich fast ausschließlich auf die traditionellen Texte des Talmud und die rabbinischen Gesetzessammlungen. Profane Fächer waren verpönt. Durch die Förderung begabter armer Studenten bestand für sie die Chance eines sozialen Aufstiegs, da die Absolventen der Jeschiwot ein hohes Prestige in den Gemeinden besaßen. Reiche Familien waren durchaus bereit, ihre Tochter mit einem armen, aber gelehrten Mann zu verheiraten und diesem ein lebenslanges Studium zu finanzieren. Weil die Bildung im Schtetl einen hohen Stellenwert einnahm, gehörten die Gelehrten zur Oberschicht, den Schejnen Jidn. Ein idealer Schejner war gelehrt und vermögend; er war wohltätig  und sein soziales Verhalten entsprach den Normen der ostjüdischen Kultur. In der Unterschicht, der Proste Jidn, zeigten sich die gleichen Abstufungen wie in der Oberschicht. Die Rangfolge reichte vom selbständigen Handwerker, Kleinhändler, Hausierer und Schankwirt bis hin zu den ärmsten, den Wasser- und Lastenträgern, Musikanten, Totengräbern, Bettlern und den häufig beschriebenen ,,Luftmenschen".
 

Jiddisch

Wo immer sich Juden für längere Zeit in der Diaspora niederließen, entstanden ,,Judensprachen“. Diese waren eine Mischung aus der Sprache der jeweiligen Umwelt und den traditionellen jüdischen Sprachen Hebräisch und Aramäisch. Die beiden wichtigsten Judensprachen waren das  Judäospanische (Ladino) und das Jüdisch - Deutsche (Jiddisch).
Jiddisch entstand im mittelhochdeutschen Sprachraum, wo Juden seit dem 9.Jh. nachgewiesen sind, und fand vor allem in Osteuropa als Umgangssprache Verbreitung. Hier entwickelte es sich weiter; es wurde die Alltagssprache des Schtetl.
Seit Ende des 13.Jh. wurde Jiddisch auch zur Literatursprache. Im 19.Jh. haben vor allem zwei Bewegungen die Herausbildung einer modernen jiddischen Literatursprache gefördert: der Chassidismus und die Haskala (innerjüdische Aufklärung). Der Chassidismus verhalf der Volksliteratur zu einer neuen Blüte, während die Aufklärer Texte veröffentlichten, in denen sie Kritik an den bestehenden Verhältnissen im Schtetl übten. Viel lieber hätten sie in der ,,reinen“ jüdischen Sprache ,dem Hebräischem, geschrieben, doch hätten sie damit die breiten Volksmassen einschließlich der Frauen nicht erreicht. So griffen sie zunächst aus pragmatischen Gründen aufs Jiddische zurück.
Als Väter der modernen jüdischen Literatur gelten Mendele Mocher Sforim (1835 - 1917), Isaak Leib Perez (1851 - 1915) und Scholem Aleichem (Pseudonym für Schalom Rabbinowitsch, 1859 - 1916).
Überzeugt von den Ideen der Aufklärung schrieb Sforim ursprünglich in Hebräisch. In der Absicht, ein breites Publikum zu erreichen, wandte er sich aber bald dem Jiddischen zu. Der nachfolgenden Schriftstellergeneration galt er als der Schöpfer und Begründer der neueren jiddischen Literatur; sie bezeichneten ihn liebevoll als ihren Seide (Großvater).
Perez begann in den 80er Jahren unter dem Einfluss grausamer Pogrome nach der Ermordung des Zaren Alexander II. (1881) auf Jiddisch zu schreiben. Ab 1891 gab er die Jiddische Bibliothek heraus, in der  neben der jiddischen Literatur auch populärwissenschaftliche Texte zum Zweck der Volksbildung erschienen. Er war Mitarbeiter vieler jiddischen Zeitungen und Journale und bemühte sich um das jiddische Theater. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören die Erzählbände „Volkstümliche Geschichten“ und „Chassidische Erzählungen“. Auf der Konferenz der Jiddischisten in Czernowitz (1908), bei der es darum ging, die jiddische Literatur als zeitgemäßes, ernstzunehmendes Schrifttum bewusst zu machen, war Perez einer der Wortführer. Bei seinem Begräbnis sollen sich 100 000 Trauernde versammelt haben.
Auch Aleichem  wandte sich in der Hoffnung , die Volksmassen mit Geschichten erziehen zu können, der jiddischen Sprache zu. Er beschrieb den Typ des ewig Scheiternden, der doch immer wieder Hoffnung schöpft und sich bemüht, mit Humor seinen oft traurigen Alltag zu bewältigen. Im Roman „Tewje, der Milchmann“ (1894) hat er diesen Typ verewigt. Tewjes Geschichten wurden zur Vorlage des Musicals „Fiddler on the Roof“  („Anatevka“), das 1964 mit großem Erfolg am Broadway vorgestellt wurde und seither auf den Bühnen der ganzen Welt gespielt wird.

Für die weniger gebildeten Männer, vor allem aber für die Frauen, die nur am Rande in das traditionelle Bildungssystem einbezogen waren und die Sprache der Gebildeten, das Hebräische, nicht beherrschten, entstand eine umfangreiche Literatur in ,,Weiberdeutsch“ – wie das Jiddische nicht selten abfällig genannt wurde. Ein Beispiel dafür ist die „Zenne Renne“, eine Sammlung von volkstümlichen, frei ausgeschmückten Bibelübertragungen, die mit Erläuterungen versehen sind. In den Jahrhunderten war die „Zenne Renne“ das grundlegende Erziehungs- und Bildungsbuch der jüdischen Frau. Etwa um dieGestern...Die Überfahrt nach Amerika (1922, Zeichnung von Ephraim Mose Lilien  1874 - 1925) gleiche Zeit entstanden die Tchines (von techinna, ,,Flehen“), persönliche Bittgebete für die Frauen, die in einem gefühlsbetonten Stil verfasst waren und der Erbauung dienten. Einige wurden sogar von Frauen geschrieben, ein Phänomen, das in der religiösen Literatur nicht häufig war.
Ein jiddischer Text ganz besonderer Art sind die Memoiren der Glückel von Hameln (1646 - 1724), einer selbstbewussten Tochter aus reicher Hamburger Familie, Ehefrau, Mutter von 12 Kindern und Geschäftsfrau. In ihren Erinnerungen, die sie für ihre Kinder schrieb, spiegelt sich das Alltagsleben der begüterten jüdischen Kreise in Norddeutschland Ende des 17. und Anfang des 18. Jh. wider.

Noch vor dem Zweiten Weltkrieg war das Jiddische weltweit die Muttersprache von etwa 12 Mio. Menschen. Während des Krieges wurde die jiddische Sprache und Literatur mit ihren Autoren und Lesern in Mittel - und Osteuropa vernichtet. Viele wanderten aber auch aus. Unter den eingewanderten Autoren bildete sich bald eine rege Literaturszene heraus. Schriftsteller wie Isaac Bashevis Singer, sein älterer Bruder Israel Joshua Singer, Scholem Asch u.a. erwiesen sich als bedeutende Erzähler, die durch Übersetzungen in europäische Sprachen auch viele Leser in nichtjüdischen Kreisen gefunden haben. Mit der Verleihung des Literatur – Nobelpreises an Isaac Bashevis Singer im Jahr 1978 wurde die gesamte jiddische Literatur geehrt.

erarbeitet von

Daniel Schmidt
Kristian Kunz
Jana Zerche


Spenden Sie mit PayPal - schnell, kostenlos und sicher!

Werben in haGalil?
Ihre Anzeige hier!

Advertize in haGalil?
Your Ad here!

haGalil.com ist kostenlos! Trotzdem: haGalil kostet Geld!

Die bei haGalil onLine und den angeschlossenen Domains veröffentlichten Texte spiegeln Meinungen und Kenntnisstand der jeweiligen Autoren.
Sie geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber bzw. der Gesamtredaktion wieder.
haGalil onLine

[Impressum]
Kontakt: hagalil@hagalil.com
haGalil - Postfach 900504 - D-81505 München
1995-2014 © haGalil onLine® bzw. den angeg. Rechteinhabern
Munich - Tel Aviv - All Rights Reserved