|
|
Sie finden
hier zahlreiche Artikel aus dem 90er Jahren,
d.h. aus den Anfangsjahren des WWW.
Aktuellere Meldungen finden Sie im
Nachrichtenarchiv unter
Jüdisches Leben in Deutschland...,
Antisemitismus, Rechtsextremismus...,
Europa und die Welt... oder
in den täglich aktuellen Nachrichten von
haGalil.com...
Etliche Artikel in diesem Ordner entsprechen
in Formatierung und Gestaltung nicht den
heutigen Internetstandards. Wir bedanken uns
für Ihr Verständnis. |
Joseph Roth und sein Roman "Hiob"
Zur Person Joseph Roths:
- geboren am 02.09.1894 in Brody / Galizien
- Vater gehörte der chassidischen Bewegung an
- lernte jedoch seinen Vater nie kennen
- 1905 - 1913 besuchte er das deutsche Gymnasium in Brody
- war beeindruckt von Goethe, Schiller, Lessing und Hesse
- 1913 Umzug mit seiner Mutter nach Wien
- studierte dort Germanistik und Philosophie
- 1915 Veröffentlichung seines ersten Gedichtes "Welträtsel"
- 1916 - 1918 Kriegsdienst in Galizien -> Veröffentlichung von
Gedichten und Feuilletons in Prager und Wiener Zeitungen
- Krieg machte ihn zum Alkoholiker; materielle Unsicherheit durch seine
Tätigkeit als Journalist und Schriftsteller sowie Verzweiflung über
politische Entwicklungen und private Schicksalsschläge verstärkten seine
Alkoholsucht
- seit 1919 verfasste er Beiträge für den linksliberalen "Neuen Tag"
- vorwiegende Themen seiner Werke: das Leben in Wien und der Niedergang der
kaiserlichen und königlichen Monarchie
- 1919 lernte er Friederike Reichler kennen -> 1922 Heirat
- 1923 Arbeit bei der "Frankfurter Zeitung" als Feuilletonkorrespondent
- er wendet sich nach einer Reportagereise in der Sowjetunion (1926)
zunehmend vom Sozialismus ab
- 1928 erkrankte seine Frau an Schizophrenie -> seit 1929 Behandlung in
verschiedenen Nervenheilanstalten -> 1940 Ermordung durch
Nationalsozialisten
- Roth etabliert sich zunehmend als politischer engagierter, linksliberaler
Journalist und Romancier
- 1933 ging er ins Exil nach Paris -> Enttäuschung über Sozialdemokratie
- engagierte sich in österreichisch-monarchischen Kreisen gegen den
Nationalsozialismus
- der verabscheuten Gegenwart setzte er in Romanen der 30er Jahre die
geschichtslose, von Armee und Beamten verkörperte Ordnung der Monarchie
entgegen
- nahm Veränderungen im Roman vor: gesprengte oder gebrochene Form
- bei früheren Werken: Brüche in Handlungen und schlagartige Verwandlung der
Figuren; Werke sind geprägt von sozialistischen Engagement und
Auseinandersetzungen mit dem Stil der "Neuen Sachlichkeit"
- bei späteren Werken: Entwicklung von Pessimismus und Forderung nach
Menschlichkeit
- am 27.05.1930 starb Joseph Roth in einem Pariser Armenhospital aufgrund
seiner Alkoholsucht
- Werke u.a.: "Spinnennetz"(1923), "Flucht ohne Ende"(1927), "Zipper und
sein Vater"(1928), "Rechts und Links"(1929), "Hiob"(1930),
"Radetzkymarsch"(1932)
Der Roman "Hiob"
Der Roman "Hiob" erschien im Jahre 1930 und
markiert den Wendepunkt. Mit diesem Roman
vollzieht Roth eine Wandlung vom
gesellschaftspolitisch engagierten
Reportagenautor der Neuen Sachlichkeit zum
poesievoll konservativen Mythendichter. Roth
greift für seine Darstellung der
ostjüdischen Existenz auf die Elemente
traditionellen Erzählens zurück. "Hiob"
bedeutete für Roth den Durchbruch als
Romancier.
Mendel
Singer, ein frommer, gottesfürchtiger und
gewöhnlicher Jude, lebt in dem idyllischen
Schtetl Zuchnow und führt dort mit seiner
Familie ein bescheidenes Leben als
Dorflehrer. Doch die Ruhe in seinem Leben
währt nicht lange, da er durch eine Kette
harter Schicksalsschläge aus der
Bedeutungslosigkeit seiner Existenz gerissen
wird. Vorerst noch gläubig nimmt
er demütig Unglück für Unglück als
Prüfung Gottes hin. Der erster
Schicksalsschlag erfasst ihn als sein
jüngster Sohn Menuchim schwachsinnig
und als Epileptiker geboren wird. Darauf
folgt die Einberufung seines ältesten Sohnes
Jonas zum Militär, was sich mit dem
jüdischen Glauben nicht vereinbaren lässt.
Sein zweiter Sohn Schemarjah flieht nach
Amerika. Letztendlich muss Mendel Singer
entdecken dass sich seine Tochter Mirjam mit
Kosaken einlässt, was für den
strenggläubigen Juden der Inbegriff von
Verworfenheit ist. Um Mirjams Liebschaften
zu unterbinden entschließen sich die Singer
nach Amerika auszuwandern. Diese Fahrt kann
jedoch nur mit dem Opfer erkauft werden,
Menuchim zurückzulassen. Kranke bekommen von
den amerikanischen Einwanderungsbehörden
keine Einreisegenehmigung. In New York
treffen Mendel neue Schicksalsschläge. Er
verliert beide Söhne im I. Weltkrieg, seine
Frau stirbt vor Gram darüber. Als
schließlich seine Tochter wahnsinnig wird,
ist seine Kraft, zu dulden und zu glauben,
erschöpft. Aus Demut und Frömmigkeit werden
Rebellion und Trotz. Dies führt soweit, dass
Mendel seinen Glauben an Gott verliert. Von
nun an betet er nicht mehr und lebt still
und in sich gekehrt. Doch jetzt, da er an
Gott verzweifelt, erfährt er die Gnade des
Herrn. Die Prophezeiung eines Wunderrabbis,
dass sein kranker Sohn Menuchim einst gesund
werden würden, erfüllt sich. Als der
begnadete Komponist und Dirigent Alexej
Kossak bereist Menuchim Amerika und nimmt
den Vater zu sich.
Joseph Roth erzählt die Geschichte des
Mendel Singer in einer Sprache biblischer
Direktheit, deren Thema die göttliche
Heimsuchung und das Wunder der göttlichen
Gnade ist. Hierbei versucht Roth, die Frage
nach dem Sinn des Leidens im Geist der Bibel
zu beantworten; doch es ist die Antwort
eines Skeptikers, dessen Leben Heimsuchung
war, der die erlösende Gnade inbrünstig
herbeisehnte, aber nicht an sie glauben
konnte.
verfasst von:
Kerstin Hoffmann und Katja Köpke
|
|
|