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Der jüdische
Lebenskreis
Die Beschneidung (Brit Mila)
In der jüdischen Religion gilt jeder als Jude, der von einer jüdischen
Mutter geboren ist. Aber erst durch den Akt der Beschneidung wird der Knabe in
den Bund Gottes mit Abraham aufgenommen. Die Beschneidung ist das
unauslöschliches
Zeichen der Zugehörigkeit zu diesem Bund. Angeordnet wird die Beschneidung am
achten Tag nach der Geburt, auch wenn er auf einen Sabbat oder hohen Feiertag
fällt. Die Beschneidung wird nur aufgeschoben, wenn der Säugling zu schwach oder
krank ist, denn die Achtung vor dem Leben hat Vorrang vor allen Geboten. Zehn
jüdische Männer, ein Minjan, soll als Vertretung der Gemeinde Israels anwesend
sein. Die Zeronomie beginnt, indem der festlich gekleidete Säugling auf den
"Elias-Stuhl" gelegt wird. Nach der Tradition ist der Prophet Elias wegen seines
Eifers für den "Bund des Herrn" bei jeder Beschneidung als unsichtbarer
Ehrengast anwesend. Die Beschneidung wird durch einen religiösen und
medizinischen geschulten "Beschneider", dem sogenannten Mohel, durchgeführt. Der
Pate hält den Säugling während der Beschneidung auf den Schoß und nach der
Beschneidung, wird zum erstenmal der hebräische Name und der Name in der
Landessprache des Kindes laut verkündet. Anschließend folgt die Pflichtmahlzeit,
ein Festmahl, bei dem der Neugeborene beschenkt und gesegnet wird, mit dem
Spruch: "Er wachse heran zur Tora, zur Chuppa und zu guten Werken". Auf
Tora-Wimpeln erscheint dieser Spruch gestickt oder gemalt. In Deutschland werden
die Wimpel aus der Beschneidungswindel hergestellt und von dem Knaben bei seinem
ersten Synagogenbesuch der Gemeinde gestiftet. Bei einem neugeborenen Mädchen
wird der Name am Sabbat nach der Geburt vor der versammelten Gemeinde
verkündet, wenn ihr Vater zur Toralesung aufgerufen wird. In verschiedenen
Ländern wird der Name des Mädchen bei der Hollekreisch-Zeremonie verkündet.
Kinder aus der Nachbarschaft heben die Wiege des Neugeborenen hoch und rufen:
"Hollekreisch (von haut la crŠche, "hoch die Krippe"), wie soll das Kindchen
heißen?" Darauf nennt der Vater den Namen des Kindes und dieser Name wird
dreimal wiederholt, und danach erhalten die Kinder Geschenke.
Bar Mizwa und Bat Mizwa
Bar Mizwa und Bat Mizwa beziehungsweise die dazugehörigen Feierlichkeiten
stellen eine der wichtigsten Stationen des jüdischen Lebenskreises dar. Der
jüdische Junge wird mit der Vollendung seines 13. Lebensjahres zur Bar Mizwa,
das aus dem Hebräischen übersetzt "Sohn der Pflicht" oder "Sohn des
Gottesgebots" bedeutet, gebeten. Das heißt, dass er ab nun für seine Taten
selbst verantwortlich ist und alle Gebote der Tora beachten muß. Diese Gebote,
Mitzwot (Mehrzahl von
Mizwa), sind einerseits religiöse Vorschriften, die die Juden als Gläubige
gegenüber Gott befolgen müssen und andererseits Gebote, die sich auf das
menschliche Miteinander beziehen. Der Knabe wird religionsmündig und somit zu
einem vollwertigen Mitglied der jüdischen Gemeinde. Er zählt beim Minjan, der
Mindestanzahl von zehn religionsmündigen Männern, die für einen Gottesdienst
anwesend sein müssen, mit. Außerdem trägt der Junge beim Morgengebet an den
Wochentagen nun den Tefillin (Gebets- riemen) und den Tallit (Gebetsmantel).
Die Bar-Mizwa-Feier findet am auf den 13. Geburtstag folgenden Sabbat statt.
Beim Synagogengottesdienst wird der Junge erstmals zur Toralesung aufgerufen.
Nach dem Gottesdienst, bei dem der Heranwachsende sein Gelerntes unter Beweis
stellt, folgt eine gemütliche Feier im Kreis der Familie, zu der natürlich
Glückwünsche, aber auch Geschenke gehören. Meist hält der Jugendliche noch eine
kleine Rede über den in der Synagoge verlesenen Torabschnitt. Die
Bar-Mizwa-Feier ist im Mittelalter entstanden, geht aber auf wesentlich
ältere Bräuche zurück. Zum Beispiel ist aus dem Jerusalem des 1. Jahrhunderts
bekannt, dass der dreizehnjährige Sohn dem Ältesten der Gemeinde
vorgestellt wurde, dass dieser ihn segnete und für ihn betete.
Früher wurde Bar Mizwa als Rechtsstand angesehen, der sich auf körperliche
Reife gründete. Deshalb erhalten Mädchen sicherlich auch schon mit 12 Jahren
ihre Bat Mizwa (Tochter der Pflicht) und sind somit an die Gebote der Tora
gebunden. Es entwickelte sich diesbezüglich auch eine Bat-Mizwa-Feier, die dem
"männlichen Pendant" ähnelt. Dieser Brauch wird allerdings nicht in allen
jüdischen Gemeinden begangen. Zuletzt sollte noch erwähnt werden, dass eine
Zeremonie eigentlich nicht nötig ist, damit das Mädchen oder der Junge in den
Rang der Religionsmündigkeit erhoben wird, sondern eher eine feierliche
Bestätigung des Erreichten darstellt.
Eine jüdische Hochzeit
"Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet die Erde" (1.Buch Mose) - es ist
eine göttliche Absicht, die menschliche Gattung zu Vermehren, deren
Verwirklichung die Juden durch die Eheschließung Ausdruck verleihen. Der
Hochzeit kommt somit besondere Bedeutung zu, weshalb sogar das Thora-Studium
unterbrochen werden darf, um mit den Brautleuten zu feiern. Im Judentum wird die
Ehe als wesentliche Grundlage für eine gesunde Existenz, als Mittel gegen
Einsamkeit betrachtet. Im Talmud kann man lesen, dass jeder, der keine Frau hat,
ohne Freude, ohne Glück, ohne Seligkeit lebt. Sich der Fortpflanzung zu
verweigern, gilt ohnehin als Sünde.
Der
Hochzeitstag wird in orthodoxen Kreisen besonders gern auf einen Dienstag
gelegt, da in der Bibel über den 3. Schöpfungstag die Worte "ki tow", "und Gott
sah, dass es gut war" wiederholt werden. Allerdings ist das Heiraten zwischen
Pessach und Schawuot verboten, da diese Zeit teilweise als Trauerzeit gilt, in
der Eheschließungen verboten sind. Wissenschaftler vermuten einerseits, dass die
Niederlage gegen die römische Besatzungsmacht (134 n.Chr.), bei der viele
tausend Soldaten ihr Leben verloren, in diese 7 Wochen fiel und sie deshalb für
die Juden heute eine Zeit des Gedenkens bedeutet. Andererseits sollen einem
römischen Aberglauben nach in der sefira (Zählung der 49 Tage zwischen den
beiden Festen) die Seelen der Verstorbenen auf die Erde zurückkehren und den
Lebenden Schaden zufügen. Nur selten wird zwischen Rosch ha-Schana und Jom
Kippur geheiratet. Von vielen Juden werden diese 10 Tage als Moment der ernsten
Besinnung angesehen, was keinesfalls zum Geist der Ausgelassenheit, wie er zu
Hochzeiten oftmals herrscht, passt.
Die Eheschließung bedeutet für Braut (kala) und Bräutigam (chatan) einen
Neubeginn, den Anfang einer Reise. So hat sich die Tradition herausgebildet, am
Hochzeitstag zu fasten, um wie zu Jom Kippur die Vergebung der begangenen Sünden
zu erbitten.
Die Hochzeitszeremonie, von einem Rabbiner geleitet, wird meist im Freien
durchgeführt, um Gottes Segen zu erhalten. Sie findet unter der Chuppa statt,
ein von vier Stangen gehaltener Hochzeitsbaldachin aus verzierter Seide, Satin
oder Samt. Obwohl das Wort Chuppa ursprünglich "mit Girlanden schmücken"
bedeutet, wollen die Juden hiermit auch an die alten Israeliten erinnern,
die noch in Zelten lebten, sowie an die Beduinen, welche für das Brautpaar ein
besonderes Zelt errichteten. Als Schutzsymbol für die Frau wird manchmal auch
der Tallit als Chuppa benutzt, der im modernen Israel auf vier Gewehren
hochgehalten wird.
Unter dem Baldachin trägt der Bräutigam ein einfaches weißes Kleid, ein
Ausdruck von Reinheit, was den Mann ebenso an Ehrlichkeit im neuen
Lebensabschnitt erinnern soll. Die Braut dagegen verhüllt ihr Gesicht mit
einem Schleier, der ihr vollstes Vertrauen in ihn zeigt. Im ersten Teil der
Zeremonie, der Erussin (Angelobung ) spricht der Rabbiner den Segen über
einen Becher Wein, aus dem beide Brautleute trinken. Dann folgt im Beisein der
zwei männlichen nicht mit dem Paar verwandten Zeugen der eigentliche Rechtsakt.
Der Mann streift der Frau einen Ring auf den Zeigefinger der rechten Hand und
sagt dabei: "Durch diesen Ring bist du mir angelobt nach dem Gesetz Moses und
Israels." Danach verliest der Rabbiner den Ehevertrag, die Ketubba, der danach
vom Bräutigam an die Braut ausgehändigt wird. Mit der Ketubba verpflichtet sich
der Mann seine Frau zu ehren, zu kleiden, zu ernähren und ihre sexuellen
Bedürfnisse zu befriedigen. Außerdem verspricht er, der Braut 200 Sus zu geben.
Dadurch ist die Frau finanziell abgesichert. Beim Tod des Mannes oder im Falle
einer Scheidung wird ihr die gesamte Ketubbasumme ausgezahlt. Wenn aber die Frau
eine Scheidung verursacht, erlischt ihr Anspruch auf die Ketubbasumme.
Die eigentliche Eheschließung (Nissuin ) folgt darauf. Der Rabbiner spricht
die sieben Hochzeitssegenssprüche, und wieder trinkt das Brautpaar einen Schluck
Wein.
Am Ende der Zeremonie zerbricht der Mann ein Glas, was die Zerstörung des
Tempels in Jerusalem zum Ausdruck bringt. Zugleich mahnt es aber auch die
Menschen, heitere Moment durch nüchterne Gedanken dämpfen zu müssen. Im
Mittelalter versuchten die Leute mit dem Lärm die angeblich aus Norden kommenden
bösen Geister zu vertreiben. Mit masel tow ("viel Glück") bei den
Aschkenasen oder siman tow ("gute Aussichten" ) bei den Sephardim werden Braut
und Bräutigam dann in den Bund der Ehe verabschiedet. In manchen Kulturen wird
das Paar zudem mit Reis und Wallnüssen beworfen, die allgemein als
Fruchtbarkeitssymbole gelten.
Das Judentum sieht eine Scheidung nicht mit freundlichem Auge. Nach dem
Talmud gilt die Ehe als heiliger Vertrag, dessen Auflösung ein unfrommer Akt
wäre. Nach biblischem Gesetz hat jedoch nur der Ehemann das Recht, sich von der
Frau scheiden zu lassen, die Frau darf nie die Initiative zur Scheidung
ergreifen.
Tod und Begräbnis
Da die jüdische Religion mehr auf das Diesseits konzentriert ist als alle
anderen Religionen, gehört der Tod zum Leben, wie die Nacht zum Tag. Wer den Tod
nahen sieht, bereitet sich auf ihn vor mit Gebeten, Bekenntnis zu den eigenen
Sünden und man segnet die Kinder. Beim Eintreten des Todes sollen die Anwesenden
zusammen mit dem Sterbenden den Glauben an die Einzigartigkeit Gottes bekennen
(Hebr. "echad" - dt. "einzig" = letztes Wort des Schma' Jisrael soll letztes
Wort des Sterbenden sein). Ist der Tod eingetreten, soll der Tote zunächst nicht
berührt werden. Der Leichnam wird auf die Erde gebettet und ein Licht
angezündet. Der Tote wird gewaschen und in ein schlichtes, leinenes Totenhemd
gekleidet. Dieses Totenhemd schenkt die Braut dem Bräutigam zur Hochzeit und
trägt es nur am Neujahrstag und am Versöhnungstag. Bei allen Verrichtungen im
Zusammenhang von Tod und Beerdigung helfen Mitglieder der Heiligen Bruderschaft,
der sogenannten Chewra Kaddischa. Bis zur Beerdigung wird der Tote nie allein
gelassen, das wird als Mangel an Respekt angesehen, deshalb sitzt ein schomer
(Wächter) neben dem Toten und sagt verschiedene Psalme auf. Das Begräbnis findet
traditionell noch am Todestag statt, außerhalb
Israels wird jedoch meist eine Wartepflicht von 48 Stunden verlangt. Die
Trauerfeier findet in einer Leichenhalle statt. Ein Rabbiner hält eine
Trauerrede und dann spricht der Sohn des Toten bzw. der nächste Angehörige das
Kaddisch, das Totengebet, in dem Gott gepriesen wird. Danach wird der Tote zum
Grab begleitet. Ihn zum Grab zu begleiten, gilt als Mizwa, als religiöse Pflicht
und gute Tat. Auf dem Friedhof reißen sich die Angehörigen zum Zeichen ihrer
Trauer die Kleider ein, heute meist symbolisch durch das Abreißen eine Krawatte
oder ein auf die Kleidung geheftetes Band. Die jüdische Religion lehnt die
Totenverbrennung ab. Dies begründet man mit der biblischen Vorstellung, daß der
Körper in seinem ursprünglichen Zustand zurückkehrt und zweitens gilt die
Verbrennung als übereiltes, unnatürliches Mittel , um sich des Leichnams einer
Person zu entledigen, die geliebtes Mitglied der Familie war. Wegen dem
biblischen Gebot "Du sollst zu Erde werden." wurde früher die sterbliche Hülle
nur mit Leichentüchern umwickelt. In Israel wird dieser Brauch heute noch
angewandt, aber in den meisten westlichen Ländern fordern örtliche Schriften die
Verwendung von Särgen. Meist verwendet man Särge aus weichen Holz, da sie
rascher zerfallen, als Särge aus hartem Holz. Außerdem werden Löcher in den Sarg
gebohrt, damit die Leiche schneller zerfällt . Bei vielen Juden gibt es den
Wunsch in Jerusalem begraben zu sein, da es die Vorstellung gibt, dass die in
Jerusalem Begrabenen bei der Ankunft des Messias zuerst auferstehen und die Erde
aus dem Heiligen Land soll sündenerlassende Wirkung haben. Da es nicht möglich
ist, alle Juden in Israel zu bestatten, legt man vielen Verstorbenen ein
Säckchen mit Erde aus dem Heiligen Land unter den Kopf. Bei einem jüdischen
Begräbnis wird auf Blumenschmuck und prunkvolle Grabmäler verzichtet, denn es
soll deutlich werden, dass im Tode alle gleich sind. Beim Verlassen des
Friedhofes wäscht man sich die Hände, ohne sie abzutrocknen, um die Erinnerung
an den Verstorbenen zu verlängern. Vom Friedhof fahren die Trauernden zum Haus
des Verstorbenen, um dort "Schiwa" zu sitzen. "Schiwa" bedeutet sieben und
bezeichnet die siebentägige Trauerperiode, die dem Begräbnis folgt. Trauernde
sollen an diesen Tagen zu Hause bleiben und keine Arbeit verrichten. Man sitzt
auf niedrigen Schemeln, trägt keine ledernen Schuhe und verzichtet auf Baden,
Rasieren, Schminken, Haareschneiden und Geschlechtsverkehr. Selbst das Lesen in
der Tora ist verboten, da es ein Quell der Freude ist. Es dürfen nur Klagetexte
wie Hiob, die Klagelieder und Teile aus Jeremia gelesen werden. Nach dem Ende
der "Schiwa" gehen die Trauenden um den Häuserblock einmal herum, um die
Rückkehr in die Gesellschaft und in die Welt zu zeigen. Danach beginnt die
30tägige Trauerzeit Schloschim, die vom Zeitpunkt der Beerdigung an gezählt wird
und in der gelockerte Trauervorschriften gelten. Handelt es bei dem Toten um
Mutter oder Vater, verlängert man die 30 Trauertage zu einem Trauerjahr. Am
Jahrestag des Todes oder des Begräbnisses begeht man die "Jahrzeit". An diesem
Tag wird für gewöhnlich der Grabstein gesetzt. Auf dem Grabstein sind
meist nach dem Namen noch hebräische Buchstaben. Wenn Ain, He nach dem Namen
steht, kommt es von alaw ha-schalom und bedeutet: "Friede über ihn". Außerdem
gibt es noch Sain, Lamed, das kommt von sichrona/sichrono li-wracha und
bedeutet: "Gesegnet sei die Erinnerung an sie/ihn" oder auf dem Grabstein steht
sain, zadi, lamed und das kommt von secher zadik liwracha und das bedeutet:
"Gesegnet sei die Erinnerung an diesen Gerechten". Der Friedhof hat als Ort des
Gedenkens an die Toten einen besonderen Stellenwert. Als "Haus der Ewigkeit"
kann er nicht aufgelöst werden, da die Grabesruhe auf ewig gesichert sein soll.
Auf jüdischen Gräbern sieht man häufig Steinchen liegen, die bei jedem Besuch
des Grabes abgelegt werden, um die Erinnerung an den Verstorbenen zu bewahren.
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