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Ritualmordlegende, Hostienfrevel, Vorwurf der
Brunnenvergiftung
Die Anklage, das Blut getöteter Menschen für rituelle Zwecke zu verwenden,
wurde bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert erhoben, und zwar von
Römern gegen die Christen. Daraus entstand später die Umkehrung, Juden würden
Hostien stehlen und sie durchbohren. Tatsächlich kam in der ersten Hälfte des
13. Jahrhunderts das Gerücht vom Ritualmord an christlichen
Kindern auf und vom Frevel an der geweihten Hostie.
Obgleich viele Päpste, Kaiser, Ge- lehrte und Richter jene Beschul- digungen
immer wieder als Lügen bezeichnet haben, blieben sie über Jahrhunderte hinweg
Verleum- dungsmittel ohne Beweiszwang. Die Folgen waren für die Juden tödlich.
Im Jahre 1298 wurde die Be- schuldigung der Hostienschändung im fränkischen
Röttingen kolportiert. Ein verarmter Ritter namens Rindfleisch sei durch die
persönliche Botschaft vom Himmel zum Vernichter aller Juden ernannt worden. Ein
halbes Jahr lang zog er mit einer Rotte von Totschlägern durch über 140
fränkische und schwäbische Ortschaften. Sie folterten, schändeten und
verbrannten Tausende von Juden und Jüdinnen und töteten die Kinder. Nur die
Bürger von Augsburg und Regensburg schützten ihre jüdischen Einwohner. Auch
konnte ein Anteil der Verfolgten nach Polen und Litauen fliehen.
Die nächste Verfolgung traf die jüdischen Gemeinden vom Elsass bis hinüber nach
Schwaben und Österreich. Im Jahre 1336 hatten sich verarmte Bauern, Raubritter
und wanderndes Raubgesindel zusammengefunden; sie gaben sich den Namen
"Judenschläger" und rotteten viele jüdische Gemeinden aus.
Die schlimmsten Verfolgungen spielten sich in den Jahren 1348/49 ab. In Europa
wütete die Pest. Wie man heute weiß, wurde diese Seuche durch Flöhe von Ratten
auf Menschen übertragen. Doch damals suchte man einen Schuldigen und machte im
Zusammenhang mit der Epidemie den Juden den Vorwurf der Brunnenvergiftung. Man
ließ Juden verfolgen, folterte und quälte sie anschließend so lange, bis sie
gestanden Brunnen vergiftet zu haben. Zum göttlichen Strafgericht, als das der
schwarze Tod galt, war damit als Sündenbock der Jude gefunden. Ihr tausendfacher
Tod auf dem Scheiterhaufen, dem Rad und am Galgen vernichtete die meisten
jüdischen Gemeinden. Und was man den Juden schuldig war, das war alles
abgegolten, und alle Pfänder und Briefe, die sie über Schulden hatten, wurden
zurückgegeben. Wo das Land von der Seuche verschont blieb, wurden die Juden
dennoch verbrannt. Wo es keine gab, verbrannte man die zum Christentum
übergetretenen Juden.
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