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Sophie, Elisabeth, Gertrud und Lotte:
Die Danns - eine Augsburger Familie

Von Gernot Römer

Es ist nicht alltäglich, daß vier Schwestern ihre Lebenserinnerungen zu Papier bringen. Dies allein rechtfertigt schon, sie zu drucken. In diesem Fall kommen weitere Gründe hinzu. Die privaten Aufzeichnungen geben Einblicke in das Leben einer deutsch-jüdischen Augsburger Bürgerfamilie und sind zugleich zeitgeschichtliche Dokumente. Und wenn Sophie, Elisabeth, Gertrud und Lotte Dann schildern, was sie aus ihren Leben gemacht haben, dann läßt sich auch erahnen, was Deutschland durch die Vertreibung und Ermordung seiner jüdischen Bürger menschlich und geistig verloren hat.

Die Danns Elisabeth, Lotte, Sophie und Gertrud Dann

"Mein Elternhaus war vom Geist der Eintracht, der Gottesfurcht, der gegenseitigen Achtung und Liebe durchweht", hat der Kommerzienrat Albert Dann einmal geschrieben. Das gleiche gilt ohne Zweifel auch für die Familie, die er selbst mit seiner Frau Fanny geborene Kitzinger aus Fürth gründete, nachdem er 1897 aus Frankfurt in die Stadt an Lech und Wertach gekommen war. Dann war ein Nachfahre des Leviten Rabbi Josef von Mantua, der um 1530 nach Frankfurt am Main gekommen war. Damals gab es noch keine Namensschildchen an den Haustüren. Im jüdischen Wohnviertel zeigten Schilder mit Symbolen an, wer im Haus wohnte: Rothschilds, Schwarzschilds usw. Der Name Dann erklärt sich wahrscheinlich aus einem Schild mit einer Tann(e).

Augsburg wurde mehr als der Ort, an dem Albert Dann mit den Seinen den Wohnsitz hatte und in dem er seinem Beruf als Mitinhaber und später alleiniger Inhaber des Großhandels für Kurz- und Manufakturwaren Gebrüder Heymann nachging. Der Bürgersinn, den einzufordern heute die Politiker nicht müde werden - Albert Dann praktizierte ihn wie selbstverständlich und beispielhaft. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war Dann 46 Jahre alt und kam nicht mehr für den Kriegsdienst in Frage. Er meldete sich jedoch sofort freiwillig. Von 1914 bis 1916 bildete er als Offiziers-Stellvertreter Rekruten des 1. Landwehr-Infanterieregiments in Augsburg aus. Den Sold behielt er nicht für sich. Er übergab ihn dem Stadtkämmerer - heute wäre so etwas undenkbar. Als ihm dann 1916 Offiziere, die nicht mehr für den Dienst an der Front tauglich waren, die Ausbildung der Rekruten abnahmen, zog sich Albert Dann nicht ins Privatleben zurück. Viele Beamte und Angestellte der Stadtverwaltung Augsburg waren damals Soldaten, das Personal knapp. Also bot Albert Dann 1917 der Stadt Augsburg seine Dienste an und übernahm die Fleischstelle - wiederum ehrenamtlich. Bis zum Kriegsende war er verantwortlich für die gewissenhafte Abrechnung der Fleischmarken, mit denen die Bevölkerung das rationierte Fleisch zugeteilt bekam. "Dies war eine verantwortungsvolle Tätigkeit, die seit März 1917 meine ganze Arbeitskraft erforderte", schrieb er 1919 in einem Brief an den Oberbürgermeister. Ubrigens war Albert Dann nicht der einzige jüdische Augsburger, der so selbstlos handelte. Auch Webstoffamt und Kleiderabgabe der Stadtverwaltung wurden in diesen Zeiten großer Not ehrenamtlich von Männern israelitischen Glaubens geleitet. Bürgersinn und Gemeinsinn waren damals keine leeren Worte.

Albert Dann erwarb sich auch bei einer Art Wunder Meriten. Oder wie sonst soll man bezeichnen, daß mitten im Ersten Weltkrieg - 1917 - die neue Synagoge in der Halderstraße, damals und heute eine Zierde der Stadt, fertiggestellt und ihrer Bestimmung übergeben wurde? Albert Dann scheint sich besonders um die Inneneinrichtung gekümmert zu haben. Mit den Architekten Heinrich Loempel und Fritz Landauer reiste er nach Frankfurt, Mainz, Offenbach, Regensburg, Essen, Berlin, um das Innere neuer Synagogen zu studieren, um gute Erfahrungen zu übernehmen und dort gemachte Fehler zu vermeiden. Dann später nicht ohne Stolz: "Dem ist es wohl zu danken, daß sich in unserer Synagoge im Laufe der Zeiten kaum ein Mangel herausgestellt hat".

Mit der neuen Synagoge trat auch eine neue Hausordnung in Kraft - und Albert Dann oblag es, diese durchzusetzen. Streng waltete er von seinem Sitz unterhalb der Kinderloge aus dieses Amtes. Wurden beispielsweise Ruhe und Andacht durch Sprechen gestört, dann schickte er den Schammes genannten Synagogendiener mit einer Art Verwarnung zu den "Sündern". Zwei verschiedene Mahnungen standen dafür zur Verfügung. Die mildere lautete: "Sie werden hiermit höflich gebeten, die Unterhaltung während des Gottesdienstes zu unterlassen". Das strengere Kärtchen warnte: "Sie werden hiermit zu wiederholtem Male dringend aufgefordert, die gottesdienstliche Handlung nicht zu stören". Ja, der Herr Synagogenkommissar war ein gar strenger Mann; doch heißt es, daß der Schammes die letztgenannte Version nur einmal in all den Jahren bis 1938 einem Gemeindemitglied überbringen mußte.

Was für ein aufrechter Mann dieser Albert Dann war, das macht ein Vorgang aus dem Jahr 1924 deutlich. Damals sollte er mit dem Titel eines Kommerzienrats geehrt werden. Die Auszeichnung galt in erster Linie seiner ehrenamtlichen Tätigkeit während des Ersten Weltkriegs; jedoch schuldete die Stadt ihm auch für Spenden und manche Tätigkeit mehr zugunsten der Allgemeinheit Dank. Aber Verdienste hin oder her - Titel dieser Art hatten ihren Preis. "Da wäre allerdings noch eine Kleinigkeit zu erledigen. Man sieht es beim Ministerium gern, wenn aus diesem Anlaß ein gewisser Betrag für öffentliche Zwecke gespendet wird. In Ihrem Fall will ich weder die Höhe der Summe noch den Zweck vorschreiben. Überlegen Sie sich das und sagen Sie mir bald Ihre Antwort", merkt der Oberbürgermeister an. Albert Dann gibt die passende Antwort: Daß er nicht bereit sei, sich einen Titel zu kaufen. So dauert es bis 1927, ehe er Kommerzienrat wird - ohne dafür zu bezahlen.

1933, Hitler an der Macht. Albert Dann wird ein Bürger zweiter Klasse, weil er jüdisch ist. Der Vorsitzende des Arbeits- und Kaufmannsgerichts läßt ihn und drei weitere jüdische Beisitzer durch christliche ersetzen - es könne ihm nicht zugemutet werden, sich mit Juden an einen Tisch zu setzen. Die Vorstandschaft des "Turnvereins von 1847" sträubt sich, das jüdische Mitglied auszuschließen, muß sich aber schließlich fügen. Mut beweist der Kriegsgräberfürsorge-Verein. Eine Deputation, angetan mit Zylinder und Glacehandschuhen, überreicht Dann ein Diplom und macht ihn noch schnell zum Ehrenvorstandsmitglied.

Von da an reißt die Kette aus Entrechtung und Demütigungen nicht mehr ab: Die "Juden unerwünscht"-Schilder allerorten, die Schändung "seiner" Synagoge im November 1938 müssen einen Mann wie Albert Dann tief verletzt haben. Er muß sogar acht Tage und Nächte im Gefängnis am Katzenstadl verbringen. "Jeden Morgen mußte man eine Stunde im Hof im Kreis herumgehen, immer in drei Schritten Abstand und ohne Hut und Mantel ... Aller Tascheninhalt wurde uns abgenommen ... Mein einziges Taschentuch diente mir gleichzeitig als Waschlappen ... Ich verlangte, täglich dem Arzt vorgeführt zu werden, da ich mich mitten in einer Kur gegen Rheumatismus befand und häufig Schmerzen hatte, die mich am Schlafen auf der harten Pritsche verhinderten; ich bin jedoch nie dem Arzt vorgestellt worden."

Mit zehn Reichsmark verlassen Albert und Fanny Dann Augsburg schließlich. Sie finden Zuflucht in Palästina: "Wir mußten uns dort kärglich ernähren und aus dem mitgebrachten Lift alles Entbehrliche verkaufen, um unser Leben fristen zu können. Unsere Töchter Sophie und Gertrud, die als Dienstboten ihre Laufbahn in England antraten, haben jeden Penny gespart und uns ihren kärglichen Lohn regelmäßig nach Palästina überwiesen". Ein Satz, der zugleich verdeutlicht, wie bei den Danns stets jeder für jeden und jede für jede da war. Beispielhaft - wie der Gemeinsinn - war und ist bis heute der Zusammenhalt der Familie.

Keine der Töchter vergißt in ihren Erinnerungen, das liebevolle und harmonische Familienleben herauszustellen. Wärme und Geborgenheit, die heute so vielen Kindern abgehen - das Haus Hochfeldstraße 151/6 in Augsburg war erfüllt davon.

Daß sie ihre Stadt Augsburg einmal unfreiwillig verlassen müßten, ist wohl weder Albert und Fanny Dann noch ihren Töchtern Sophie, Elisabeth, Gertrud und Lotte vor 1933 je in den Sinn gekommen. "... daß sich die Stadt Ihrer Dienste zur Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung (im Ersten Weltkrieg) stets dankbar erinnern wird", hatte der Oberbürgermeister dem Bürger Albert Dann 1919 ja sogar schriftlich versichert. Aber dies blieben Worte, nichts als Worte ...

20 Jahre später lebte die scheinbar unzertrennliche Familie in drei verschiedenen Ländern - vertrieben von den Nationalsozialisten wie so viele Juden, die glühende Patrioten und in ihrer Heimat verwurzelte Bürger gewesen waren.

Die Familie Dann auseinanderzureißen, das gelang den Nazis, doch deren Zusammenhalt zu zerstören schafften sie nicht. Das machen die Lebensläufe deutlich. Sie entstanden - wie anders sollte es bei den Danns auch sein - aus familiärem Anlaß: Zum 8o. Geburtstag wünschte sich Elisabeth Stern geb. Dann von den Schwestern keine Geschenke, sondern - deren Lebensgeschichten. Erinnerungen an schöne und an schwere Zeiten also: Familienleben, Schicksale, Zeitgeschichte. Sie enden mit der Feststellung: "Wir haben es trotzdem geschafft".

dann-b.jpg (8933 Byte)

Gernot Römer (Hrsg.)

Vier Schwestern
Lebenserinnerungen
Elisabeth, Lotte, Sophie und Gertrud Dann
aus Augsburg

ISBN 3-89639-098-8 / Wißner-Verlag

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