Oleg Kuzenko:
Das neue Format
Mal sehen, was hinter der Verpackung
ist. Oleg Kuzenko, der Neo-Realist, entfaltet den Schein der ihm noch immer
neuen Waren-Welt. Er verwendet ihn als Untergrund für seine Kunst.
"Reisfit", "Dr. Oetkers Pack mich. Back mich" bieten dem Maler
aus St. Petersburg neue Formate und Ausdrucksmöglichkeiten. Das Mitglied des
Berufsverbandes bildender Künstler Niederbayern/Oberpfalz hat sich im
westlichen Kulturbetrieb eingelebt. Er spielt mit den Formen, aber er
bewahrt seine Prinzipien: "Ich will einen Dreck nicht tausendfach variieren.
Mein Thema sind die Menschen."
Schon nach einem Jahr verließ er das Übergangsheim, um mit Frau
Dora, Sohn Eugen und 500 Bildern in eine Dachwohnung gegenüber der
Regensburger Kirche St. Anton zu ziehen. Er hat dort ein kleines Atelier
nach Norden hinaus. Vom Fenster aus blickt er auf Bäume, Hinterhaus-Fassaden
und den Parkplatz der Norma in der Landshuter Straße. Ähnliches könnte er
auch von einem Atelier in Petersburg aus sehen.

Am Newski-Prospekt steht einer, durchsichtig
wie Glas. Schon längst fort und doch immer noch da. Tausende gehen durch ihn
hindurch. Dieses großformatige Ölgemälde ist eines seiner unverkäuflichen
Werke. Es hängt bei Oleg Kuzenko über dem Sofa, wie ein Spiegel seiner
Lebenssituation. "Vergangenheit und Zukunft", sagt der Maler des Bildes,
"sind in der Gegenwart enthalten. Ich liebe es, die Gleichzeitigkeit des
Lebens festzuhalten."
Von St. Anton schlägt die Uhr. In der
Landshuter Straße heulen immer wieder Martinshörner. Oleg Kuzenko, der Mann
aus dem Venedig des Nordens, lebt zwischen Hermann-Geib-, Furtmayr- und
Landshuter Straße auf einer Verkehrsinsel. Oder besser: Er schwebt darüber,
in seiner Mansarde.
Sein Blick ist ruhig und klar, dunkel gefaßter
Bernstein. Oleg Kuzenko kommt aus dem Volke. Der Sohn einer Schneiderin und
eines Kraftfahrers aus Priluki (Ukraine) wurde mit elf Jahren von einem
Lehrer entdeckt. Heute ist der Künstler, dessen Bilder in München, Frankfurt
und Köln ausgestellt wurden, selbst Lehrer. In seiner "Klasse" studieren
zwei deutsche Spätaussiedlerkinder aus Rußland und zwei russische Mädchen
aus der Jüdischen Gemeinde.
"Russische Leute" machen da keine Unterschiede.
Stolz zeigt Oleg Kuzenko ihre Fortschritte. "Eine gute handwerkliche
Grundlage ist für einen Maler wichtig", sagt er. Er selbst hat elf Jahre
Ausbildung hinter sich. Er besuchte die Kunsthochschule in Dnepropetrowsk
und ging schließlich an die Kunstakademie in Riga. Trotz früher
Ausstellungen im In- und Ausland: Ein "Offizieller" wurde er nie. Aber er
ist trotzdem stolz auf die Ausbildung, die er genoß. Was die Sowjetunion für
die Heranbildung von Künstlern getan habe, sei in der Welt ohne Beispiel.
Der kommunistische Staat ließ
"underground"-Künstler wie Oleg leben. Sie erhielten eine staatliche
Unterstützung und mußten dafür lediglich zwei, drei Stunden täglich als
"dwornik" in der Straßenreinigung arbeiten. Die 100 Rubel monatlich reichten
für Essen und Wein. Die Wohnung war umsonst. "Heute ist dort alles anders."
Besser? Oleg Kuzenko weiß es nicht. "Früher war keine politische Freiheit,
heute ist keine ökonomische Freiheit."
"Talent kommt von Gott." – "Zur Kunst muß die
Seele kommen. Eine andere Kunst ist leer." Sätze wie diese markieren den
inneren Wandel. Oleg Kuzenko ist kein Jude. Er wurde als orthodoxer Christ
getauft, wuchs als Atheist auf und wendet sich jetzt dem Judentum zu, das
seine Frau, Leiterin der Sozialfürsorgestelle der Gemeinde, und sein Sohn,
ein jüdischer Jugendsekretär, für sich wiederentdeckt haben. "Es ist gut,
wenn in einer Familie ein einziger Glaube ist", sagt er. "Christen", meint
er lächelnd, "gibt es schließlich auf der Welt genügend." Er kann sich nicht
vorstellen, daß sein Übertritt die orthodoxe Kirche in ihrem Bestand
gefährde.
Als er seine Frau Dora, eine jüdische
Chemikerin aus Osipovic in Weißrußland, kennenlernte, hatte die Frage der
Religion in ihrer Beziehung noch nicht im Vordergrund gestanden. Seine Frau
brachte ihn bei Synagogenbesuchen an hohen Feiertagen allerdings erstmals
wieder mit dieser anderen Realität in Berührung, die es noch neben diesem
allgegenwärtigen sozialistischen Alltag geben mußte. Gott war damals ein
"Inoffizieller", einer, mit dem man sich an den Rand stellte, wenn man sich
zu ihm bekannte.
Wer glaubt, im Westen sei es leicht, Jude zu
werden, frage Oleg Kuzenko. Selbst für den Mann einer in der Gemeinde stark
engagierten Jüdin ist es ein Hindernislauf. Oleg ist in einem Stadium, das
er als "Stufe drei" bezeichnet. "Beim ersten Mal sagt der Rabbi nein. Beim
zweiten Anlauf meint der Rabbi, alle guten Menschen kommen ins Paradies, man
muß dazu nicht Jude sein." Oleg kennt diese Worte und "läßt sich nicht
abschütteln".
Einige seiner Arbeiten haben seit 1994 Themen
der Bibel zum Gegenstand. Moses, Abraham und David tauchen in seinen
Blättern auf. Die jüdische Kultur fasziniert ihn. "Sie geht immer zum Leben
hin. Und damit zum Menschen." Oleg Kuzenko will mit seinen Bildern ein
Menschenheiler sein. "Ich hoffe, daß Farben, Formen und Linien positiv auf
das Unterbewußtsein einwirken."
| Aus:
Uwe Moosburger und Helmut Wanner
Schabbat - Schalom
Juden in Regensburg. Gesichter einer
lebendigen Gemeinde |
 |
|