DORIT RABINYAN über
Erzählen
In meiner Familie wurde immer
viel erzählt, von früher – auch auf Persisch, zumindest die Sachen,
die wir Kinder nicht verstehen sollten.
Aber ich bin die erste, die
schriftlich erzählt. Die Wirkung auf meine Verwandten ist
erstaunlich: es tut ihnen gut, ihre Erlebnisse literarisch
wiederzuentdecken, es tröstet sie über schlimme Erinnerungen hinweg,
weil diese im Buch eine traurige Schönheit gewinnen, und an den
guten Erinnerungen erfreuen sie sich umso mehr.
Meine Großmutter kann nicht
Hebräisch lesen, für sie habe ich alles auf Kassetten gesprochen –
aber sie trägt immer eines meiner Bücher in ihrer Einkaufstasche
herum, um ihre Nachbarn damit zu beeindrucken! Und wenn sie dann auf
dem Markt handeln will, bietet sie den Leuten das Buch mit ihrem
Autogramm an, und manche sagen dann, sie hätten es aber lieber mit
meiner Signatur – eine Haltung, für die meine Großmutter keinerlei
Verständnis hat, schließlich ist sie ja die Inspiration!!!
eigene und
fremde Sprache
Meine Eltern kamen kurz vor
meiner Geburt aus dem Iran nach Israel. Und die Sprache, die sie
ihren kleinen Kindern dann beibringen sollten, war für sie selbst
noch ganz frisch, neu und ungewohnt.
Als ich vier oder fünf war,
fragte mich meine Mutter schon oft nach Worten – das waren
Erwachsenenworte, die ich oft noch gar nicht kannte, und ich musste
suchen gehen und jemanden danach fragen – und dann ging ich zurück
nach Hause und sagte es meiner Mutter. Meine Muttersprache ist also
eine Sprache, die meine Mutter nicht gut spricht. Ich glaube, daran
liegt es, dass die Sprache zu meinem Instrument wurde.
Aber zunächst einmal war es
diese besondere Lebenserfahrung von Einwandererkindern: dass die
Eltern ihre Kinder lehren, etwas anderes zu sein, als sie selbst
sind, weg von den eigenen Wurzeln und Traditionen. Sonst ist es
umgekehrt – und bei uns erzogen die Eltern sich selbst mit uns
zusammen, für eine neue Zukunft. Wirkliche Bürger Israels wurden sie
erst mit meinem ersten Buch, das unsere Geschichte erzählte – eben
in einem israelischen Buch.
Schreiben
Als ich zur Armee kam, wurde
ich nach der Grundausbildung Reporterin bei der Armeezeitung. Ich
war aber keine gute Journalistin. Wenn ich eine Reportage schreiben
musste, bin ich, anstatt zu recherchieren, einfach nach Hause
gegangen und habe mir alles selbst ausgedacht – in dem Moment wurde
ich Autorin!
Die Redaktion fand meine
Reportagen dann immer ganz toll. Bis sie eines Tages einen
Fotografen schicken wollten, um ein Bild zu meiner Reportage zu
machen, und mich nach der Telefonnummer von dem Typ fragten, den ich
beschrieben hatte... peinlicher Moment! Und deswegen wurde ich aus
der Armee gefeuert!
Ich schreibe immer nur
nachts. So um 11 Uhr fange ich an, und dann schreibe ich bis 8 Uhr
morgens. Die Nacht, die Dunkelheit und die Stille geben meinen
Figuren Platz zum Leben, erst wenn der Alltag ruht, kann ich mich
richtig auf das Schreiben konzentrieren.
Oft bin ich selbst
überrascht, was meinen Figuren im Laufe der Nacht so widerfährt, und
manchmal bin ich so begeistert davon, dass ich am liebsten laut
schreien möchte – aber ich habe Angst, die Nachbarn zu erschrecken,
wenn ich nachts um drei wild herumjubele...
Israelische
Literatur & Identität
Die israelische Literatur,
die wir in der Schule kennen lernen, ist europäisch, unsere
Geschichte auch. Leute wie meine Familie, meine Herkunft, die
Geschichte der nichteuropäischen Juden, all das kommt da praktisch
nicht vor. Das große Epos des Holocaust bestimmt die Identität
unseres Volkes, auch wenn die Hälfte der Schüler ganz andere, und
wiederum verschiedene, Wurzeln haben.
Bei einer meiner Lesungen
sprach mich eine Leserin in meinem Alter an. Sie erzählte mir, sie
habe sich nach der Lektüre meines Buches ihren eigentlichen
Familien-Namen zurückerobert: ihr Großvater hatte bei der
Einwanderung seinen persischen Namen in einen europäisch-jüdischen
geändert, weil er glaubte, sonst in Israel nicht bestehen zu können.
Die Enkelin hat dann den ursprünglichen Namen wieder angenommen,
denn er drückte ihre Identität auch am besten aus. Der Großvater
hält sie für verrückt: niemand würde sie ernst nehmen, wenn sie mit
diesem Namen herumliefe. Ich kann beide sehr gut verstehen – es ist
eine absurde, aber sehr typische Situation.
Wir möchten an unserem Land
teilhaben, aber seine Kultur wurde von großen Teilen der Bevölkerung
nicht mitgeprägt. Leute wie meine Eltern bekamen erst durch mein
Buch eine Stimme in der israelischen Literatur.
haGalil onLine
18-08-2000 |