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Ein Interview mit Dorit Rabinyan
Israelisches Schreiben und die Frage 
nach der Identität

DORIT RABINYAN wurde 1972 als Tochter persischer Immigranten in einer kleinen Siedlung in der Nähe von Tel Aviv geboren. Während sie ihren Militärdienst ableistete, veröffentlichte sie bereits einen Lyrikband. Ihr erster Roman »Die Mandelbaumgasse« wurde enthusiastisch aufgenommen, gleich zum Bestseller und in acht Sprachen übersetzt.

Auch ihr neuer Roman »Unsere Hochzeiten« führte die Bestsellerlisten in Israel monatelang an. Die junge Autorin wurde mit dem Jewish Book Award und dem Platinum-Preis ausgezeichnet. Auch für ein Drehbuch erhielt sie 1997 den Preis für das beste Drama. Dorit Rabinyan lebt in Tel Aviv. Das Interview führte Gitta Zimmer

 

DORIT RABINYAN über
Erzählen

In meiner Familie wurde immer viel erzählt, von früher – auch auf Persisch, zumindest die Sachen, die wir Kinder nicht verstehen sollten.

Aber ich bin die erste, die schriftlich erzählt. Die Wirkung auf meine Verwandten ist erstaunlich: es tut ihnen gut, ihre Erlebnisse literarisch wiederzuentdecken, es tröstet sie über schlimme Erinnerungen hinweg, weil diese im Buch eine traurige Schönheit gewinnen, und an den guten Erinnerungen erfreuen sie sich umso mehr.

Meine Großmutter kann nicht Hebräisch lesen, für sie habe ich alles auf Kassetten gesprochen – aber sie trägt immer eines meiner Bücher in ihrer Einkaufstasche herum, um ihre Nachbarn damit zu beeindrucken! Und wenn sie dann auf dem Markt handeln will, bietet sie den Leuten das Buch mit ihrem Autogramm an, und manche sagen dann, sie hätten es aber lieber mit meiner Signatur – eine Haltung, für die meine Großmutter keinerlei Verständnis hat, schließlich ist sie ja die Inspiration!!!

eigene und fremde Sprache

Meine Eltern kamen kurz vor meiner Geburt aus dem Iran nach Israel. Und die Sprache, die sie ihren kleinen Kindern dann beibringen sollten, war für sie selbst noch ganz frisch, neu und ungewohnt.

Als ich vier oder fünf war, fragte mich meine Mutter schon oft nach Worten – das waren Erwachsenenworte, die ich oft noch gar nicht kannte, und ich musste suchen gehen und jemanden danach fragen – und dann ging ich zurück nach Hause und sagte es meiner Mutter. Meine Muttersprache ist also eine Sprache, die meine Mutter nicht gut spricht. Ich glaube, daran liegt es, dass die Sprache zu meinem Instrument wurde.

Aber zunächst einmal war es diese besondere Lebenserfahrung von Einwandererkindern: dass die Eltern ihre Kinder lehren, etwas anderes zu sein, als sie selbst sind, weg von den eigenen Wurzeln und Traditionen. Sonst ist es umgekehrt – und bei uns erzogen die Eltern sich selbst mit uns zusammen, für eine neue Zukunft. Wirkliche Bürger Israels wurden sie erst mit meinem ersten Buch, das unsere Geschichte erzählte – eben in einem israelischen Buch.

Schreiben

Als ich zur Armee kam, wurde ich nach der Grundausbildung Reporterin bei der Armeezeitung. Ich war aber keine gute Journalistin. Wenn ich eine Reportage schreiben musste, bin ich, anstatt zu recherchieren, einfach nach Hause gegangen und habe mir alles selbst ausgedacht – in dem Moment wurde ich Autorin!

Die Redaktion fand meine Reportagen dann immer ganz toll. Bis sie eines Tages einen Fotografen schicken wollten, um ein Bild zu meiner Reportage zu machen, und mich nach der Telefonnummer von dem Typ fragten, den ich beschrieben hatte... peinlicher Moment! Und deswegen wurde ich aus der Armee gefeuert!

Ich schreibe immer nur nachts. So um 11 Uhr fange ich an, und dann schreibe ich bis 8 Uhr morgens. Die Nacht, die Dunkelheit und die Stille geben meinen Figuren Platz zum Leben, erst wenn der Alltag ruht, kann ich mich richtig auf das Schreiben konzentrieren.

Oft bin ich selbst überrascht, was meinen Figuren im Laufe der Nacht so widerfährt, und manchmal bin ich so begeistert davon, dass ich am liebsten laut schreien möchte – aber ich habe Angst, die Nachbarn zu erschrecken, wenn ich nachts um drei wild herumjubele...

Israelische Literatur & Identität

Die israelische Literatur, die wir in der Schule kennen lernen, ist europäisch, unsere Geschichte auch. Leute wie meine Familie, meine Herkunft, die Geschichte der nichteuropäischen Juden, all das kommt da praktisch nicht vor. Das große Epos des Holocaust bestimmt die Identität unseres Volkes, auch wenn die Hälfte der Schüler ganz andere, und wiederum verschiedene, Wurzeln haben.

Bei einer meiner Lesungen sprach mich eine Leserin in meinem Alter an. Sie erzählte mir, sie habe sich nach der Lektüre meines Buches ihren eigentlichen Familien-Namen zurückerobert: ihr Großvater hatte bei der Einwanderung seinen persischen Namen in einen europäisch-jüdischen geändert, weil er glaubte, sonst in Israel nicht bestehen zu können. Die Enkelin hat dann den ursprünglichen Namen wieder angenommen, denn er drückte ihre Identität auch am besten aus. Der Großvater hält sie für verrückt: niemand würde sie ernst nehmen, wenn sie mit diesem Namen herumliefe. Ich kann beide sehr gut verstehen – es ist eine absurde, aber sehr typische Situation.

Wir möchten an unserem Land teilhaben, aber seine Kultur wurde von großen Teilen der Bevölkerung nicht mitgeprägt. Leute wie meine Eltern bekamen erst durch mein Buch eine Stimme in der israelischen Literatur.

haGalil onLine 18-08-2000

 


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