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Judentum und Israel
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[Reihe: Jüdisches Denken - Philosophie, Religion und Gesellschaft]

"Vom Tode, von der Furcht des Todes, 
hebt alles Erkennen des All an ... 
Denn der Mensch will ja gar nicht 
irgendwelchen Fesseln entfliehen; 
er will bleiben, er will - leben . 
Ja, der Jude ist eigentlich der einzige Mensch..., 
der den Krieg nicht ernst nehmen kann, 
und so ist er der einzige echte 'Pazifist'."

Franz Rosenzweig
(Kassel 25.12.1886 - Frankfurt 10.12.1929)

Von Paul Mendes-Flohr

Rosenzweig starb am 10. Dezember 1929, nur zwei Wochen vor seinem 43.Geburtstag. Bei seiner Beerdigung auf dem neuen Friedhof der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main fanden, seinem Wunsch entsprechend, keine Trauerreden statt. Sein Freund Martin Buber las Psalm 73, der die von Rosenzweig gewählte Grabinschrift enthält ''ani tamid imakh'' (Ich bleibe stets bei dir).

Mit Buber zusammen hatte er vorher eine kühne, neuartige Übersetzung der hebräischen Bibel erarbeitet. Geboren und aufgewachsen in einer Familie des assimilierten Judentums aus Kassel, hatte er sich zu einem tiefreligiösen Juden entwickelt, ein repräsentatives Beispiel für den Vorgang, den man in den Jahren der Weimarer Republik die "Renaissance des deutschen Judentums" genannt hatte.

Anfang 1914 schrieb er einen Essay, der mit dem verblüffenden Oxymoron "Atheistische Theologie" überschrieben war.(1) Er beinhaltete eine Kritik dessen, was er als durchgehende Tendenz des religiösen Denkens seit der Aufklärung ansah, nämlich, den Begriff der Offenbarung aus seinem Horizont zu verdrängen und so in Wirklichkeit die Absurdität einer G'tt-losen Theologie zu vertreten. Dieser Essay sollte Rosenzweigs Debüt als jüdisch-religiöser Denker sein. Als Beitrag zu einem Band über die Erneuerung des Judentums eingereicht, wurde er von dessen Herausgeber, Martin Buber (mit dem er sich erst noch anfreunden mußte) abgelehnt. Buber sah ihn vermutlich als zu ausgefallen an. An dem Versuch (der erst nach Rosenzweigs Tod veröffentlicht wurde) störte Buber möglicherweise die neophytische Begeisterung seines Urhebers, der erst kurze Zeit vorher zum Glauben seiner Vorväter zurückgefunden und damit eine überraschende Wende nach seinem früheren Übertritt zum Christentum vollzogen hatte. Der Essay mag außerdem bei Buber eine wunde Stelle getroffen haben. Buber hing nämlich damals - wie übrigens viele seiner Zeitgenossen - einer Art romantischem Mystizismus an, der wohl die ursprünglich-eigenständigen religiösen Einstellungen der Juden hochschätzte, gleichzeitig aber das Offenbarungswort eines transzendenten G'ttes nur sehr gedämpft wahrnahm.

Rosenzweig sah zweifellos diese Reaktion Bubers voraus, denn er war sich des radikalen Charakters seiner Aufforderung, den Begriff der Offenbarung wieder ernst zu nehmen und zu einem theozentrischen Judentum zurückzukehren, voll bewußt. Nachdem G'tt praktisch aus dem modernen jüdischen Diskurs entfernt worden war - der lebendige G'tt, zu dem die frommen Juden beteten, dessen Gnade und Liebe sie sich anvertrauten, - erscheint er plötzlich bei Rosenzweig wieder im Zentrum der jüdischen theologischen Vorstellungswelt.

Mit der für ihn kennzeichnenden Bescheidenheit schrieb Rosenzweig den Anfang dieser theozentrischen Wende im modernen jüdischen Denken Hermann Cohen zu, dem Begründer der Marburger neokantianischen Schule, der gegen Ende seines Lebens eine sorgfältig-geniale Auslegung des Judentums als religiösem System vorlegte. Um seine Behauptung abzustützen, erzählte Rosenzweig gern die folgende Geschichte:

In einer seiner letzten Vorlesungen an der Universität Marburg sprach der angesehene Philosophieprofessor über den "G'ttesbegriff", den er als ein rationales Konstrukt an sah, das den ewigen Fortbestand der physischen Welt garantierte und so die notwendige Voraussetzung für die der vernünftigen Menschheit durch die Vernunft auferlegten ewigen moralischen Pflichten sei. Am Schluß der Vorlesung kam ein einfacher osteuropäischer Jude auf Cohen zu - das heißt ein traditionell erzogener Jude, der von der Bildung und der kritischen Reflektiertheit des Westjuden unbeeinflußt war. In gebrochenem Deutsch räumte dieser Besucher aus dem Osten ein, daß er von dem gelehrten Vortrag zwar nicht viel begriffen, aber dennoch eine Frage hätte: Herr Professor Cohen, wo ist bei all Ihren Worten über G'tt Ribono shel ha'Olam, der Schöpfer und Erhalter der Welt, der G'tt des traditionellen jüdischen Gebets? Tief betroffen soll der alte Cohen, der von seinem Vater, einem Hasan (Kantor) in einem deutschen Dorf in der Nähe der polnischen Grenze in traditioneller Weise erzogen worden war, daraufhin reuig den Kopf gesenkt haben und in Tränen ausgebrochen sein. Dieser Augenblick der Wahrheit weist nach Rosenzweigs Meinung hin auf die bei Cohen einsetzende Abkehr von einem starren Rationalismus und philosophischen Idealismus und seine Hinwendung zu einer Art religiösem Existentialismus der es ihm erlaubte, die ontologische Bedeutung religiöser Empfindungen und Erfahrungen anzuerkennen. Es ist jedoch überzeugend nachgewiesen worden, daß diese und ähnliche Anekdoten, die er über den Mann erzählte, den er als seinen Mentor ansah, uns wenig Aufschluß über Cohens tatsächliche Entwicklung geben, sondern offenkundig von Rosenzweigs geistlicher Phantasie ausgehende Projektionen sind, die uns einen tiefen Einblick in seine eigene religiöse Orientierung verleihen.(2)

Der G'tt der Offenbarung

Auf der theologisch-begrifflichen Ebene war Rosenzweigs Ausgangspunkt das, was er Offenbarungsglaube nannte, also ein auf Offenbarung gründender Glaube.

Echter religiöser Glaube, so behauptete er, beharrt darauf, daß es Offenbarung wirklich gibt, sowohl als geschichtlichen Vorgang am Sinai als auch als ihre jederzeit mögliche Weiterführung in der Form eines existentiellen Ereignisses, in dem G'tt sich im Hier und Jetzt an einzelne Menschen wendet und dabei jeden von ihnen bei seinem "Vor- und Zunamen" ruft, d.h. den einzelnen in seiner bzw. ihrer freien Wesenheit anerkennt und sie dadurch vom Fluch der Endlichkeit, der sich in der Angst vor dem Tod manifestiert, befreit.

Der G'tt der Offenbarung, so betonte Rosenzweig, ist der G'tt Abrahams, Isaaks und Jakobs, der allmächtige Schöpfer der Erde und des Himmels und dieser G'tt spricht aus der Höhe seiner absoluten Transzendenz die Menschheit mit gnädigen Geboten und Liebesworten an. Ein solcher Offenbarungsglaube, so betonte Rosenzweig mit Nachdruck, müsse wieder zum Mutterboden und "Herz" des Judentums werden, sonst verewige es den Skandal einer atheistischen Theologie, die den Glauben des Volkes Israel aller seiner geistlichen und geistigen Lebenskraft beraubt habe.

Rosenzweigs eigener Hinwendung zum Offenbarungsglauben ging eine schwere geistige Krise voraus im Zusammenhang mit seiner Entfremdung vom Neu-Hegelianismus, den er als Student übernommen hatte. Sie brach aus während seiner Arbeit an einer Dissertation über Hegel, die er unter der Anleitung von Friedrich Meinecke verfaßte und die später von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften als zweibändiges Werk mit dem Titel Hegel und der Staat (1920) veröffentlicht wurde. Die von Hegel weg - und zum religiösen Glauben hinführende Entwicklungstendenz war schon in einem Brief aus dem Jahre 1910 zu erkennen, in dem er einem Mitstudenten erklärte, daß Hegel der Geschichte irrtümlicherweise einen ontologischen Status zuschrieb. Die Geschichte sei nicht die Entfaltung des Seins, sondern lediglich das eigenständige Handeln von Menschen (Tat der Täter): "Wir sehen G'tt in jedem ethischen Geschehen, aber nicht in dem fertigen Ganzen, in der Geschichte." In der Tat könne die Geschichte, die in der Welt der Phänomene Gestalt annehme, nicht als Gefäß für die G'ttheit dienen: "Jede Tat wird sündig, wenn sie in die Geschichte tritt" - obwohl die handelnden Subjekte etwas anderes beabsichtigt haben mögen, so wird der positive moralische Wert einer Hand lung eo ipso durch die Zwänge der materiellen Welt wieder aufgehoben. Uns bleibt, so notierte Rosenzweig, nur eine mögliche Schlußfolgerung:

G'tt erlöst die Menschheit nicht durch die Geschichte, sondern, - "es bleibt uns nichts anderes übrig" - durch den religiösen Glauben.(3) Dies war keine Glaubensaussage, sondern ein philosophischer Satz, eine logische Deduktion. Einen auf der Offenbarung gründenden, lebendigen Glauben sollte er erst drei Jahre später annehmen.

In Verbindung mit seinem Eintreten für die Tatsache der Offenbarung behauptete Rosenzweig auch die zentrale Bedeutung von Schöpfung und Erlösung, wiederum Kategorien, die im modernen religiösen Denken in Deutschland meist unbeachtet geblieben oder dichterisch verbrämt, d.h. als Metaphern ohne eigentlichen theologischen Gehalt benutzt worden waren. Jeder dieser Begriffe, wie Offenbarung, Schöpfung und Erlösung, lehren uns laut Rosenzweig, nicht nur G'ttes gnädige Zuwendung zur Welt, sondern auch etwas über die Eigenart und Bedeutung der Existenz. Es sei folglich die zwingend notwendige Aufgabe der Theologie, die phänomenologische und theologische Bedeutung dieser Begriffe zu retten (genauso wie die der eher untergeordneten und bedauerlicherweise ähnlich vernebelten des Wunders, der Vorsehung und der g'ttlichen Liebe). Dieser erhabenen Aufgabe widmete Rosenzweig sein Buch Der Stern der Erlösung (1921), das er zum großen Teil auf Militärpostkarten und -briefpapier während seines Einsatzes in der kaiserlichen Armee an der Balkanfront schrieb und dann seiner Mutter schickte.

Ein Stern, leuchtend in Deutschland

Rosenzweigs Bestreben, den zahlreichen Kategorien der klassischen, durchaus biblisch ausgerichteten Theologie neuen Wert zu verleihen, bedeutete nicht, daß er eine romantische Rückkehr zu einem ursprünglichen, traditionalistischen, von der modernen Kultur unbeeinflußten Glauben empfahl.

Rosenzweig blieb fest im modernen Leben und philosophischen Denken verwurzelt. Schon eine flüchtige Lektüre von Der Stern der Erlösung und seiner übrigen Schriften wird unschwer seine bleibende Verbundenheit mit der westlichen Kultur, insbesondere in ihrer deutschen Spielart, erkennen lassen. Ohne weiteres gab er zu, daß die gleichzeitige Treue zum Judentum wie zur deutschen Kultur spannungsgeladen sei, aber es sei eine Spannung, die man liebevoll akzeptieren müsse. Denn, so behauptete er, diese Spannung diene dazu, einen zu veredeln, als Juden wie als Deutschen. Außerdem, so lehrte er, würde die Verleugnung oder das Abwerfen dieser Spannung der existentiellen Wirklichkeit des deutschen Juden Gewalt antun. So trat Rosenzweig durch sein Bekenntnis zum Judentum mit größerer Überzeugung als irgend jemand vor oder nach ihm für die Vision einer deutsch-jüdischen Symbiose ein. In einem Brief an einen Freund bekannte er:

"Ich habe ja vielleicht eine besondere Harmlosigkeit gegenüber dem Problem Deutschtum und Judentum. Ich glaube, die Verjudung hat aus mir keinen schlechteren, sondern einen besseren Deutschen gemacht. Ich halte die Generation vor uns wirklich für keine besseren Deutschen als uns. ... Wenn das Leben mich einmal auf die Folter spannen würde und mich in zwei Stücke reißen, so wüßte ich freilich, mit welcher der beiden Hälften das Herz, das ja unsymmetrisch gelagert ist, mitgehen würde; ich wüßte auch, daß ich diese Operation nicht lebendig überstehen würde."(4)

Was Rosenzweigs Zeitgenossen an seiner Lehre so überzeugend fanden, war die Tatsache, daß er von denjenigen, die einen unverfälschten jüdischen Glauben mit der entsprechenden religiösen Lebensweise wiedererlangen wollten, nicht verlangte, sich einer Art Gehirnwäsche zu unterziehen und alle "fremden", nichtjüdischen Elemente aus ihrem Geist- und Seelenleben zu verbannen. Ein solches Vorgehen, so behauptete Rosenzweig, wäre nicht nur absurd, sondern auch ein großes Hindernis für die äußerst wichtige Aufgabe der Erneuerung des Judentums.

Aus der engen Bindung der Juden an die westliche Kultur ergaben sich natürlich viele Hürden auf dem Weg zu einer religiösen Erneuerung. Eine Verhaltensweise, die Rosenzweig besonders kritisch sah, war die verständliche, aber dennoch fatale Neigung des modernen jüdischen Denkens, eine defensive, "apologetische" Haltung einzunehmen. Deutsch-jüdische Intellektuelle, ob liberal oder orthodox eingestellt, versuchten seiner Erfahrung nach ständig, die verschiedenartigen und oft gehässigen Angriffe der deutschen "Philosophen" und Gelehrten abzuwehren. Die Antwort der jüdischen Apologeten auf einen spezifischen Angriff sei notwendigerweise selektiv und entstellend. Eine nicht-apologetische jüdische Philosophie, wie z. B. im Stern der Erlösung bewege sich innerhalb des Judentums und stelle auf systematische und durchsichtige Weise die Grundsätze und praktischen Spielregeln des Glaubenslebens dar. Eine nicht-apologetische Methode der theologischen Auslegung des Judentums erfordere außerdem, daß sie nicht nur abgeschirmt vom polemischen Umfeld der aktuellen geschichtlichen Situation erarbeitet werden müsse, sondern sogar getrennt vom Leben selbst: Das Judentum müsse nicht in seinem Gegensatz oder Kontrast zum Leben definiert werden, sondern als ein Existenzmodus mit apriorischem Charakter.

Synagoge und Welt

Dieser archimedische Punkt, von dem ein echtes, nicht-apologetisches jüdisches Denken ausgehen müßte, scheint für Rosenzweig nicht nur von methodologischer, sondern von substantieller Bedeutung gewesen zu sein. Diese Betrachtung des Judentums als einen dem praktischen Leben vorausgehenden Existenzmodus scheint in dialektischer Beziehung zu seiner Auffassung vom Judentum als metahistorischer Tatsache zu stehen, für die er mit Vorliebe den Begriff der "Synagoge" verwendete.

Sich auf ihre einzigartige Beziehung zum ewigen G'tt beschränkend, also außerhalb der Geschichte, d.h. von Politik und Nationalem stehend, verkörpert die "Synagoge" die messianische Verheißung und treibt die in die Geschichte verwickelte Kirche dazu an, die Geschichte über sich selbst hinaus zum eschaton hinzuführen. Mittlerweile solle die Synagoge in seliger Abgeschiedenheit von der Welt nach innen schauen. Diese Sicht der Bestimmung Israels ist von eindrucksvoller Erhabenheit, andererseits fanden viele sie auch äußerst besorgniserregend. Denn sie erweckt den Eindruck, daß die Absonderung von der Welt eine essentielle Eigenschaft der jüdischen Spiritualität sei. Obwohl Rosenzweig diesem Rückzug der "Synagoge" eine dialektische, eschatologische Bedeutung zuschrieb, wurde ihm sein Lobpreis einer bewußten Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte von seinen Zeitgenossen, die lebhaft Anteil nahmen an den akuten Problemen der jüdischen und der Weltgeschichte, übelgenommen. Hier stellte sich Rosenzweigs Freund Buber als die wegweisendere Persönlichkeit heraus, trotz oder gerade wegen seiner Schwäche für das "apologetische" Denken.

Andererseits erwies sich Rosenzweig als einflußreicher Ratgeber für eine Generation deutscher Juden, die den Bann des Antisemitismus brechen und ihr Leben wieder in den Kontext der jüdischen Tradition integrieren wollte. Rosenzweig lehrte diese nach dem Ersten Weltkrieg lebende Generation, wie sie die Quellen der jüdischen Tradition lesen und ohne die Preisgabe ihrer bisherigen intellektuellen Basis begegnen sollte, sie als religiöse Texte zu erfahren, die Geist und Seele ansprechen. Er lehrte sie außerdem, daß, wolle man sich die geistige Wirklichkeit der jüdischen Tradition zu eigen machen, man sie von innen her, d.h. "hymnisch", wie er sich einmal ausdrückte, erfahren müsse.(5) Eine bloß verstandesmäßige Bekanntschaft mit ihr genüge nicht, denn das Judentum sei schließlich ein Lebensstil und schließe als solcher die Praxis des Judentums, das Umsetzen der Thora und ihrer Mizvoth (Gebote) im täglichen Leben ein. Sicher, Rosenzweig räumte ein, daß einem außenstehenden Beobachter die Thora mit ihren Mizvoth als ein sklavischer Legalismus erscheinen müssen, als zwanghafte Vorschriften, die, wie z.B. Buber meinte, die spontane Beziehung zu G'tt behindern. Wenn aber die Welt der Thora und Mizvoth von innen, aus ihrer G'tt lobenden und G'tt dienenden (hymnischen) Wirklichkeit erlebt würden, könnten sie sogar die Beziehung der Juden zu G'tt und Seiner bzw. Ihrer offenbarten Gegenwart beleben - dies war Rosenzweigs Herausforderung an seine Generation.

Eine bittere Ironie in Bezug auf die geistige Erneuerung des Judentums liegt in der Tatsache, daß diese Erneuerung zur gleichen Zeit geschah, als sich die dunklen Gewitterwolken der Barbarei über Deutschland zusammenzuziehen begannen. Die Bemühungen jener Generation, inmitten der fortgeschrittenen Assimilation aufs neue eine geistig und geistlich lebenskräftige jüdische religiöse Gemeinschaft zu schaffen, sollten auf grausige Weise abgewürgt werden. Diese so tragisch unvollendet gebliebene Aufgabe, die eng mit dem Namen Franz Rosenzweigs verknüpft ist, ist vielleicht das bleibendste Vermächtnis des deutschen Judentums.

(Aus dem Englischen übersetzt von Siegfried Singer)

''Meinetwegen
ist die Welt erschaffen''

Das intellektuelle Vermächtnis des deutschsprachigen Judentums.

Hans Erler, Ernst Ludwig Ehrlich, Heid, Ludger (Hg.)
58 Porträts, CAMPUS VERLAG, Sept.'97

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Anmerkungen

Motto aus Franz Rosenzweig, Der Stern der Erlösung, Frankfurt am Main 1988, 5. 368.

  1. "Atheistische Theologie", F. Rosenzweig, Der Mensch und sein Werk. Gesammelte Schriften, 3: Zweistromland. Kleinere Schriften zu Glauben und Denken, hrsg. von Reinhold u. Annemarie Mayer (Dordrecht: Martinus Nijhoff, 1984), 5. 687-97.
  2. Steven 5. Schwarschild, "Franz Rosenzweig's Anecdotes about Hermann Cohen", Gegenwart im Rückblick. Festgabe für die jüdische Gemeinde Berlin (Heidelberg: Lambert Schneider, 1970), S. 35ff.
  3. Rosenzweig an Hans Ehrenberg, 26.9.1910, in: Rosenzweig, Der Mensch und sein Werk. Gesammelte Schriften, 1: Briefe und Tagebücher, hrsg. von Rachel Rosenzweig u. Edith Rosenzweig-Scheinmann unter Mitwirkung von Bernhard Gasper (Haag: Martinus Nijhoff, 1979) 1. Band, 5. 112.
  4. Rosenzweig an Rudolf Hallo, Ende Januar 1923, Briefe und Tagebücher, 2. Band, 5. 887f.
  5. Vgl. "Denn ich müßte jetzt das Judentum von innen zeigen, nämlich hymnisch, wie Sie mir, dem Draußenstehenden, das Christentum zeigen können."; Rosenzweig an Eugen Rosenstock, 7.11.1916, in Briefe und Tagebücher, 2. Band, 5. 283.

CAMPUS VERLAG / ISBN 3-593-35842-5

Athen und Jerusalem:
Die religionsphilosophische Stellung Franz Rosenzweigs
Philosophie und Religion hatten geschichtlich getrennte Entwicklungen, was stets zur traurigsten Verwirrung der Geister den Anlass gab. Tritt der junge jüdische Akademiker in die Lehrhallen der Universität ein, dann wird ihm gesagt: Hellas ist das Land der Philosophie...

Religionsphilosophie:
Hermann Cohen

Gibt es denn noch immer eine zwiefache Wirklichkeit, die eine der Universität, die andere der Welt, die eine der Philosophie, die andere der Religion? Gewiss! Man bezeichnet das dann wohl durch die Formel vom Gegensatz von "Glauben und Wissen"...

Vom Verhältnis Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott:
Monotheismus und Heidentum
Das Heidentum, der Götzendienst, die Vielgötterei redet nur von den Göttern oder Götzen. Der Monotheismus redet vom Menschen...

Die Geheimnisse der Weltzusammenhänge:
Die Schlafenden zu erwecken
In Rosenzweigs Werk kommt das Wort Religion nicht vor. Philosophie wollte er geben, keine Religionsphilosophie, aber die Philosophie eines Juden. Aus dieser folgt der Blick auf das Ganze des Weltprozesses...

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