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"Wenn das ehemals große deutsche Judentum noch heute einen Sinn für
die deutsche Umwelt hat, so vielleicht den, daß darüber nachgedacht wird, ob
nicht auch heutige Deutsche das benötigen, was die besten dieser ermordeten
oder vertriebenen Juden einte: kritisches Bewußtsein und der Wille zur
Humanität".
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Aus der Einführung von Hans
Erler
Das 20. Jahrhundert geht zu
Ende, das 21. Jahrhundert öffnet sich. Wir blicken zurück, um die
Erfahrungen einzusammeln, die uns das zu Ende gehende Jahrhundert bescherte,
um mit ihnen auf den Gang des nächsten einzuwirken - soweit dies in unserer
Macht steht.
Das 20. Jahrhundert
hat zwei Weltkriege gesehen - mit bis dahin unvorstellbaren
Grausamkeiten und Zerstörungen.
Es hat zwei
totalitäre Ideologien zur Herrschaft gebracht.
Dieses Jahrhundert
hat Menschen jüdischer Herkunft schrittweise - über Diffamierung,
Beraubung, willkürliche Verfolgung und Ermordung bis zum planmäßigen
technisch-industriell organisierten Massenmord - aus der Gemeinschaft
der menschlichen Gattung ausgegrenzt. Es hat in diesem Ausmaß nie
dagewesene Gräben zwischen Opfern und Tätern, Millionen von Claqueuren,
Helfern, Helfershelfern und schweigenden Mitläufern gezogen.
Es hat eine in dieser
Menge nie dagewesene Warenfülle, ungeheuer ungerecht verteilt und sich
einem aus dem Kampf zwischen ökonomischem Liberalismus und ökonomischer
Planung als Sieger hervorgegangenen wissenschaftlich-technischen
Veränderungsprozeß weitgehend unterworfen.
Das Politische, als der
Raum, in den der Mensch geboren wird, der Raum, der seinem Leben und Erleben
angemessen ist, dessen Begrenzungen »Verzeihen« und »Versprechen« (Hannah
Arendt) sind, wurde fast gänzlich seiner Legitimität und Schutzfähigkeit
beraubt.
Die exponiertesten Opfer
des 20. Jahrhunderts (aber auch schon lange vorher) waren jüdische Menschen
in Deutschland und im vom nationalsozialistischen Deutschland mit Krieg
überzogenen und unterdrückten Europa. Schon früh, auf Grund ältester
Traditionen Herausgehobenste und Ausgesetzteste und - soweit sie deutsche
Bürger waren - gerade in ihrem Verhältnis zu Deutschland Gutwilligste und
Integrationsbereiteste wurden Juden die ersten Opfer von Diffamierung und
definitivem Ausschluß aus einer Gemeinschaft von Menschen ihresgleichen, in
deren gesellschaftlichen Zusammenhang sie ihre persönlichen Lebenshoffnungen
und Lebensleistungen eingebracht haben.
Und nicht zuletzt deshalb
ist es auch das deutschsprachige Judentum, soweit es der Shoah entgehen
konnte, das den Angriff des 20.Jahrhunderts auf das Menschsein des Menschen,
insbesondere in Gestalt des deutschen Nationalsozialismus, am
grundsätzlichsten reflektiert, nach Motiven und Ursachen befragt und nach
Strategien der Vermeidung von Inhumanität für die Zukunft gesucht hat. In
ihren wissenschaftlich fundierten Gegenstrategien gegen die Bedrohung und
Vernichtung des Menschen waren Juden sich selbst - teils eingestanden,
explizit, teils uneingestanden, implizit - das 'erkenntnisleitende'
Interesse: Wissenschaft sollte die Bedingungen ihrer eigenen und aller
Menschen Zukunft bloß legen.
Das Erinnern an das Leiden
der übergroßen Mehrheit der europäischen Judenheit als Opfer der
nationalsozialistischen Verbrechen kann in einer solchen Perspektive -
anders, als es Mahnmale, Gedenkstätten, Orte des Bewahrens, dokumentierenden
Gegenwärtighaltens versuchen und versuchen müssen - nicht 'Selbstzweck'
sein, sondern mutiert zwangsläufig zur reflektierenden Sorge um
wissenschaftlich begründeten Einspruch, strategischen Konzeptualismus, um
das 21.Jahrhundert auch vor ihm möglichen Unmenschlichkeiten zu bewahren.
Die Publikation
''Meinetwegen ist die Welt erschaffen'' versteht sich als der Versuch,
herauszuarbeiten, wie jüdische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im
20.Jahrhundert auf die unverhohlenen Angriffe auf die europäische Judenheit
und schließlich ihre Vernichtung mit ihren intellektuellen Mitteln reagiert
haben und welche Konsequenzen sie meinten, für die zukünftige Ordnung des
menschlichen Zusammenlebens in Gesellschaft und Politik ziehen zu müssen.
Jüdische
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben die Bedrohungs- und
Vernichtungspotentiale aus den religiösen, philosopischen,
sozialpsychologischen, soziologischen, juristischen, ökonomischen und
politischen Strukturen herauspräpariert. Diesen Potentialen gilt es zu
widerstehen und so die Ängste des Einzelnen in der Gesellschaft, die ihm
unverzichtbar ist, zu bannen.
Jüdischer moralischer
Einspruch, Widerstand und Gegenentwurf in aus weglosester, ausgesetztester
Zeit gegen die Barbareien des 20.Jahrhunderts ermutigt und macht das
Jüdische als Kategorie der zukünftigen menschlichen Welt unverzichtbar.
Keine Humanität ohne
Aufklärung, keine Aufklärung ohne Humanität - dieses Fazit aus zwei
Jahrhunderten konvulsivischer Geschichte mag über der Schwelle zum 21.
Jahrhundert stehen.

Die Publikation ''Meinetwegen ist die Welt
erschaffen'' vereint 58 Essays über Wissenschaftler jüdischer Herkunft. Nur
vier von ihnen haben die Machtübernahme der Nationalsozialisten in
Deutschland nicht erlebt:
Hermann Cohen (1842-1918), Iwan Bloch (1872-1922), Hugo Preuß (1860-1925)
und Eduard Bernstein (1850-1932).
Alle übrigen wurden Opfer
der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und Europa.
ReginaJonas (1902-1944) wurde im Konzentrationslager Auschwitz, Käthe
Leichter auf dem Transport nach Auschwitz ermordet, Alice Rühle-Gerstel
(1896-1943) nahm sich in der Emigration in Mexiko das Leben, Walter Benjamin
(1892-1940) tötete sich auf der Flucht vor der GESTAPO kurz vor der
spanischen Grenze.
| Die anderen
Wissenschaftler haben in der Emigration überlebt. Nur Husserl starb 1938
in Freiburg, wo er 1933 seinen Lehrstuhl für Philosophie verloren hatte.
Herrmann Cohen starb bereits 1918 in Berlin, während seine Frau, Martha
Cohen, 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt ums Leben kam. Auch
Leo Baeck war dorthin deportiert worden, überlebte aber durch einen
Irrtum der Lagerverwaltung.
Leo Baeck, the leader of German Jewry during its darkest hour.
One of the great teachers of Judaism in our
times, he lived his life according to his teachings. Baeck remained in
Germany out of choice, as he felt it was his duty. When he was sent to
the concentration camp, he continued to teach and guide his people. |
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Ernst Ludwig Ehrlich
schrieb 1983:
»Wenn das ehemals
große deutsche Judentum noch heute einen Sinn für die deutsche Umwelt
hat, so vielleicht den, daß darüber nachgedacht wird, ob nicht auch
heutige Deutsche das benötigen, was die besten dieser ermordeten oder
vertriebenen Juden einte: kritisches Bewußtsein und der Wille zur
Humanität«.
An dieses für unser
humanes Weltgefühl und Weltwissen unverzichtbare Denken soll mit den
Essays erinnert werden. Der es begründende und in seinen Wertsetzungen
sich ausdrückende Wille, Gesellschaft, Staat und Wirtschaft so zu
ordnen, daß sie dem Menschen die Erfahrung von Glück ermöglichen, ist
das Vermächtnis des vertriebenen und ermordeten deutschsprachigen
europäischen Judentums.
Die Mottos, die für die
Essays ausgewählt wurden, stehen für beides: kritisches Bewußtsein und
den Willen zur Humanität. Sie belegen einen geistig-moralischen,
sozialen und politischen Widerstandswillen, dem ein fester Platz im
Bewußtsein der politischen Öffentlichkeit gebührt, ebenso wie dem
militanten und militärischen Widerstand deutscher und österreichischer
Juden gegen den Terror des Nationalsozialismus, den das Londoner Leo
Baeck Institut zur Erforschung der Geschichte der deutschen Juden
aufarbeitet. Beide Ebenen des Widerstands, die konkret politische gegen
die Herrschaft des Nationalsozialismus und die des geistig-moralischen
und politischen, wissenschaftlich begründeten kritischen Bewußtseins
radikaler Humanität, werden in ihrer Intensität nur verständlich, wenn
sie aus einer Glaubenstradition begriffen werden, die Martin Buber
unmißverständlich formulierte:
»Der Glaube Israels
an die Erlösung der Welt bedeutet nicht, daß diese Welt durch eine
andere abgelöst werde, sondern es ist der Glaube an eine neue Welt auf
dieser Erde. Jenseits und Diesseits gibt es nicht im Hebräischen«.
Ein solcher Glaube, den
auch der Titel der Publikation ausspricht: »Meinetwegen ist die Welt
erschaffen«, ist radikal humanistisch.
Erich Fromm findet ihn bei
seinem Lehrer, Rabbiner Rabinkow. In ihm ist, wie Rabinkow sagt, »jedes
menschliche Wesen ... Selbstzweck und ... gleichsam mit der Verantwortung
für die gesamte Schöpfung beladen«. - Hans Jonas hat dies in seinem Werk
»Das Prinzip Verantwortung« in der Interpretation des gegenwärtigen
Geschichtsprozesses deutlich gemacht. - Die »Erlösung« des Menschen, von der
Rabinkow spricht, kann »nicht durch eine äußere Macht bewirkt werden,
sondern allein durch die ihm als autonomes Wesen innewohnende Kraft, sich
über sich selbst zu er heben«.
Leben und Werk der für die
Publikation ausgewählten Wissenschaftler jüdischer Herkunft bezeugen diesen
radikalen Humanismus besonders eindrücklich und sind doch nur wenige
ausgewählte Beispiele...
Die sieben Teile des Buches
werden jeweils durch umfangreiche Beiträge eingeleitet, die den Umkreis
abstecken, den die Themenkomplexe der Teile vorgeben. Die thematische
Einteilung des Bandes ergibt sich aus dem Geltungsbereich der Begriffe
'kritisches Bewußtsein', 'radikaler Humanismus' und 'politische Humanität',
Begriffsfelder, die sich überschneiden, die sich durchdringen, die als
wissenschaftliche Disziplinen ausdifferenziert sind: als
Religionsphilosophie, Erkenntnistheorie, Sozialpsychologie, Sozialforschung,
Recht, Okonomie und schließlich: Politik.
- Religion und Aufklärung:
Martin Buber - Sigmund Freud - Leo Baeck -
Franz Rosenzweig
- Ludwig Wittgenstein - Regina Jonas - Hans
Jonas
- Erkenntnistheorie und
konkrete Utopie:
Karl Popper - Hermann Cohen - Edmund Husserl -
Margarete Susman - Ernst Bloch - Helmuth Plessner - Jeanne Hersch
- Sozialpsychologie und
aufrechter Gang:
Erich Fromm - Iwan Bloch - Magnus Hirschfeld -
Melanie Klein - Helene Deutsch - Margarete Berent - ...
- ...
''Meinetwegen ist die Welt erschaffen''
Das intellektuelle Vermächtnis des deutschsprachigen Judentums.
58 Porträts, CAMPUS VERLAG '97
ISBN 3-593-35842-5, Sept.'97, 560 S.
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