Eindrücke als deutscher Journalist in Israel
Als deutscher Journalist wurde ich während meiner fast
zehnjährigen Korrespondentenzeit in Israel nur dreimal wegen meiner Herkunft
unfreundlich behandelt. Im Golfkrieg beschimpfte mich in Jerusalem während
eines Statements für die „Tagesschau“ ein betrunkener Ultraorthodoxer, der
anschließend von einem Polizisten gerüffelt wurde. In Hebron erklärte mir
ein Offizier, daß er mich nicht ausstehen könne, weil er in Bergen-Belsen
geboren sei. Und bei einer Reportage über eine Demonstration der
Friedensbewegung im Westjordanland sagte ein blutjunger Soldat zu mir: „Du
bist ein Nazi, alle Deutschen sind Nazis.“ Mehr als diese kleinen Beispiele
kann ich nicht aufzählen, und das zeigt, daß in meinem Gastland, das zur
Zufluchtstätte der Überlebenden des Holocaust geworden ist, ein hohes Maß an
Versöhnungsbereitschaft gegenüber Deutschen besteht.
Was empfindet man als Deutscher in Israel? Wie ist es, wenn man unter
lauter Juden lebt? Wie wird man da behandelt? Solche Fragen wurden mir in
Deutschland fast ebenso oft gestellt wie die Frage nach den Gefahren im
Golfkrieg oder nach den Chancen eines Friedens. Als Deutscher in Israel
leben und arbeiten: Darüber nachzudenken hatte ich sehr oft Gelegenheit – in
sehr sensiblen Momenten und in enger Berührung mit Menschen, die großes Leid
erfahren haben.
Jom haShoah
Ich denke dabei vor allem an den Jom haSchoah, den „Tag der
Katastrophe“, den Gedenktag zum deutschen Völkermord an den Juden. Um 10.00
Uhr morgens heulen im ganzen Land die Sirenen. Wo immer sich die Menschen
gerade befinden, in Städten oder Dörfern, auf Straßen oder in Büros – sie
bleiben stehen, erheben sich oder verlassen ihre Autos. Während der
langgezogene, klagende Sirenenton ertönt, verharrt die ganze Nation
regungslos in andächtiger Haltung. Kein Nicht-Jude kann nachempfinden, was
die Israelis in diesen zwei Minuten der nationalen Trauer bewegt. Im
kollektiven Gedächtnis des jüdischen Volkes verbinden sich mit dem Holocaust
die Katastrophen seiner dreieinhalbtausendjährigen Geschichte: die
Vertreibungen, die Zerstörungen ihrer Tempel durch Babylonier und Römer, die
Verfolgungen im christlichen Europa von der Zeit der Kreuzzüge über die
spanische Inquisition bis zu den russischen Pogromen und dann den Versuchen
der Deutschen, das ganze Volk der Juden auszurotten. Sechs Millionen Juden
erschlagen, erschossen oder vergast: Es wird immer schwierig bleiben, sich
einen geschichtlich so einmaligen Genozid vorzustellen.
Die israelische Nation versucht, durch die Aktion „Für jeden Menschen
gibt es einen Namen“ die Barriere der Anonymität dieser Millionenzahl zu
durchdringen und die Identität und das Schicksal jedes einzelnen Opfers in
Erinnerung zu rufen. Am Holocaust-Gedenktag werden an vielen Orten des
Landes Hunderttausende von Namen verlesen. Am 2. Mai 1989 trat Jitzchak
Schamir an das Rednerpult vor dem Knesset-Gebäude und sprach zum ersten Mal
in seinem Leben öffentlich über das Schicksal seiner Familie: „Mein Vater,
Schlomo Yisernitzky, auf der Flucht vor dem Transport ins Vernichtungslager
von polnischen Bauern erschlagen, die er seit seiner Kindheit kannte. Meine
Mutter Perl Yisernitzky getötet, meine Schwestern Miriam und Rivka getötet,
zusammen mit ihren Männern und ihren Kindern.“ Schamirs Familie wurde in den
Gaskammern von Treblinka ermordet. Im Januar 1989 war Schamir sehr
eindringlich mit dem Schicksal seiner Familie und seines Volkes konfrontiert
worden. In der Cinématheque von Jerusalem wurde eine Spielfilmdokumentation
des Bayerischen Rundfunks über die „Wannsee-Konferenz“ zur „Endlösung der
Judenfrage“ vorgeführt. Wir drehten während und nach der Premiere in
deutscher Sprache mit hebräischen Untertiteln. Schamir saß mit versteinertem
Gesicht im Zuschauerraum, als er sah und hörte, wie die Darsteller
Heydrichs, Kaltenbrunners, Franks und Eichmanns in ihren schwarzen und
braunen Uniformen und im scharfen SS-Jargon – wie über einen
Geschäftsvorgang – von der Vernichtung seines Volkes sprachen. Nach der
Vorführung gingen Jitzchak Schamir, Staatspräsident Chaim Herzog und
Bürgermeister Teddy Kollek in einen Nebenraum. Es kostete mich viel
Überwindung, ihnen nach dieser für sie qualvollen Vorführung noch Fragen zu
stellen.
Schamir war bereit, mir zu antworten: „Mir fällt es zwar schwer, jetzt
darüber zu sprechen. Aber fragen Sie nur. Wir müssen darüber sprechen. Und
es ist gut, daß dieser Film in Deutschland produziert und gesendet wurde.
Ihre Jugend muß das sehen.“ Im November 1989, als sich nach der Öffnung der
Mauer die Wiedervereinigung Deutschlands abzeichnete, tauchte vor Jitzchak
Schamir das Trauma eines neuen „Großdeutschland“ auf. Bei einem
Fernsehgespräch äußerte er die Sorge, ein größeres und erstarktes
Deutschland könnte an die dunklen Zeiten seiner unseligen Vergangenheit
anknüpfen. Schamir war nicht der einzige prominente Israeli, der diese
Befürchtung zeigte. Doch sehr viel mehr als die Wiedervereinigung entsetzten
die ausländerfeindlichen und antisemitischen Gewalttaten im neuen
Deutschland das israelische Volk.
Als im August 1991 dieser unheimliche neonazistische Terror in
ostdeutschen Städten wie Spremberg, Cottbus, Schwedt, Leipzig, Dresden und
Hoyerswerda begann, herrschte in Israel zunächst Verwunderung; man hielt
diese Exzesse für moralische Auflösungserscheinungen der ehemals
kommunistischen DDR. Als dann aber der xenophobische Haß in Ost- und
Westdeutschland zunahm, als Rechtsextremisten in Solingen, Rostock, Mölln
und Lübeck Ausländerheime „abfackelten“ und dadurch viele Menschen
ermordeten, als dann auch wieder jüdische Friedhöfe und KZ-Gedenkstätten
geschändet wurden, empörten sich in Israel einhellig Regierung, Parteien,
Presse und Bevölkerung. Die Bilder von Rostock vom 22. August 1992 schockten
viele Israelis. Im Fernsehen wurde die Stelle, wo der rechtsradikale Mob
beim Anzünden des Hauses „Zugabe, Zugabe“ brüllte, nicht übersetzt. Der
Moderator erklärte den Zuschauern, was diese Worte bedeuteten. In Jerusalem
und Tel Aviv demonstrierten Jugendgruppen gegen den Ausländerhaß in
Deutschland. Viele marschierten zur deutschen Botschaft und zwangen Otto von
der Gablentz, den Vertreter der Bundesrepublik, zu harten Debatten. Diese
antideutsche Stimmung explodierte, als das israelische Fernsehen am 27. und
28. November 1992 einen Beitrag des ARD-Magazins „Panorama“ zweimal
ausstrahlte. Zuerst sahen die israelischen Zuschauer rechtsradikale
Trommler, die häßliche Fratze des ewiggestrigen Deutschlands und zugleich
den Alptraum einer neuen nazistischen Gefahr; dann erlebten sie eine
Neonazi-Versammlung, auf der die jugendlichen Rabauken grölten: „Kennst Du
seine Nase? Seine Nase kennst Du nicht? Ist sie krumm und häßlich, dann
schlag ihm ins Gesicht.“ Und: „Das ist kein Mensch. Das ist ein Jud. Schlag
ihn kaputt! Mach ihn kaputt!“ Der Film wurde in deutscher Sprache mit
hebräischen Untertiteln gezeigt. Die Wirkung war unbeschreiblich. Mosche
Katzav, der Vorsitzende der Likud-Fraktion in der Knesset, sagte uns: „Wenn
Deutschland nicht ernsthafte Schritte gegen die Nazi-Gruppen unternimmt,
dann ist Israel gezwungen, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen.“
Ministerpräsident Rabin und Knesset-Vorsitzender Schewach Weiß mußten
Sondersitzungen von Regierung und Parlament einberufen. Vor der
Kabinettssitzung hatte Schulamit Aloni, die Vorsitzende der linksliberalen
Meretz-Partei, öffentlich aufgefordert: „Fahrt nicht nach Deutschland! Kauft
keine deutschen Produkte!“ Nach der Sitzung, als sie von Außenminister Peres
etwas beruhigt worden war, sagte sie uns: „Vielleicht habe ich übertrieben,
als ich dazu aufforderte, nicht mehr nach Deutschland zu fahren.“ Rabin
formulierte nach der Kabinettssitzung die Haltung der israelischen
Regierung: „Israel fordert von der deutschen Regierung, daß sie Neonazismus
und Antisemitismus gezielt und gründlich bekämpft.“ Am Tag darauf
debattierte die voll besetzte Knesset über die rassistische Gewalt in
Deutschland. Schewach Weiß, selbst Holocaust-Überlebender, betonte: „Es ist
unser Recht und unsere Pflicht, genau zu beobachten, was in Deutschland
passiert.“ Er lobte Rita Süßmuth und alle „aktiven Demokraten“ in
Deutschland und forderte sie auf, die Demokratie energisch zu verteidigen.
Die Abgeordneten der beiden großen Parteien äußerten sich weniger
diplomatisch. Der sozialdemokratische Politiker Abraham Burg: „Wir Juden
sind der Aufschrei aller Minderheiten in der Welt, auch der Ausländer in
Deutschland.“
Dann der ultraorthodoxe Abgeordnete Schmuel Halper: „Das Blut von sechs
Millionen Juden schreit aus der Erde: Verhindert die Wiedergeburt des
Hitlerismus.“ Am schärfsten reagierte der frühere Parlamentssprecher Dov
Schilanski, der ein Zwangsarbeitslager von Dachau und den letzten
Todesmarsch überlebt und sich geweigert hatte, seiner Amtskollegin Süßmuth
die Hand zu reichen: „Es gibt kein neues Deutschland. Es ist geblieben, wie
es war: ein Land des Rassismus, der Erniedrigung, des Mordens, das
Deutschland von Maidanek, Auschwitz, Buchenwald, Bergen-Belsen, Treblinka,
Sobibor und Dachau.“
Außenminister Peres dämpfte im Namen der Regierung diese zornigen Töne:
„Es gibt kein ‘Deutschland über alles’. Wer das vergißt, bekommt dies
wirtschaftlich zu spüren. Und den Tausenden von Deutschen, die gegen den
Neonazismus demonstrieren, sprechen wir unsere Hochachtung aus.“ Die
Lichterdemonstration von 400.000 Bürgern in München, die am 6. Dezember 1992
unter der Devise „München – Eine Stadt sagt nein“ stattfand, wirkte geradezu
befreiend auf das tiefverletzte Bewußtsein der Israelis. Viele fragten
jedoch: Warum nicht eher und warum nicht mehr solche Demonstrationen?
Yad Vashem: Auge in Auge mit dem deutschen Abgrund
In diesen nicht zuletzt auch für deutsche Juden bedrückenden
Wochen trat Ignatz Bubis in Israel für den politischen Anstand der
Bundesrepublik ein. An der Spitze des Zentralrats der Juden in Deutschland
besuchte er im Februar 1993 Jerusalem, als viele deutsche Juden sagten:
„Wenn es so weitergeht, packen wir die Koffer.“ Ich habe Bubis bei seinem
Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem begleitet und ihn gebeten, mir
in dem eindrucksvollen Mahnmal „Tal der zerstörten Gemeinden“ ein Gespräch
über die rechtsradikale Gewalt in Deutschland zu gewähren. Diese Anlage ist
ein riesiges Labyrinth aus mächtigen Steinquadern, in die die Namen aller
vernichteten jüdischen Gemeinden eingemeißelt sind.
Ich fragte Bubis, ob er vor dem Namenszug „Breslau“ stehen wolle, wo er
geboren wurde und bis 1935 gelebt hat, vor dem polnischen Ort Deblin, wo
sein Vater von der SS vor seinen Augen zum „Transport“ ins Vernichtungslager
Treblinka getrieben worden war, oder vor „Frankfurt“, wo er nach der
Befreiung ein neues Leben begonnen habe. Bubis sagte Breslau, als wolle er
trotz der jüngsten Geschehnisse manifestieren: Ich bin als Deutscher
geboren, und ich bekenne mich zum demokratischen Deutschland. Auf die Frage,
ob er trotz der brennenden „Asylanten“-Heime und der
Hakenkreuz-Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen seinen Glaubensbrüdern
empfehle, in Deutschland zu bleiben, zögerte er lange, und es traten ihm
Tränen in die Augen.
Dann sagte er mit bedächtiger Stimme „Ja“. Nach dem Gespräch erklärte er
mir ernst und zugleich trotzig: „Ich bleibe in Deutschland. Aber begraben
lasse ich mich in Israel. Der Gedanke, daß mein Grab einmal geschändet
würde, wäre mir unerträglich.“
In Yad Vashem begegnet man als Deutscher dem Leid der Juden und den
größten Verbrechen des eigenen Volkes am eindringlichsten. Wir haben viele
deutsche Politiker in die Ehrenhalle der Holocaust-Gedächtnisstätte
begleitet, wo sie die in den Boden eingemeißelten Namen der Konzentrations-
und Vernichtungslager vor sich haben. In Yad Vashem habe ich aber auch
Szenen erlebt, in denen Deutsche, die während der Nazi-Herrschaft Juden
geholfen haben, auf bewegende Weise geehrt worden sind. Ein Teil von Yad
Vashem ist parkartig gestaltet; viele Bäume und Büsche wurden in der „Allee
der Gerechten der Völker“ gepflanzt. Nicht-Juden, die während der Nazi-Zeit
unter Lebensgefahr Juden gerettet haben, werden dort durch die Pflanzung
eines Baumes gewürdigt.
Am 7. Mai 1990 wurde diese Ehre Berthold Beitz zuteil, dem ehemaligen
Generalbevollmächtigten der Firma Krupp. Als junger Manager von
Wirtschaftsunternehmen in Polen, die jüdische Zwangsarbeiter beschäftigten,
hat er Hunderte von Juden aus den Händen der SS befreit. In Borislav, einer
Stadt in Galizien, standen sie bereits an der Bahnrampe vor geöffneten
Viehwaggons für den „Transport“ ins Vernichtungslager Sobibor. Beitz zog ein
Papier aus der Tasche, das diese Zwangsarbeiter für „kriegswichtig“
erklärte, und entriß sie so in allerletzter Minute der Mordmaschinerie der
SS. Bei seinem Besuch in Yad Vashem spielten sich ergreifende Szenen ab.
Viele der Menschen, die er in Polen vor dem sicheren Tod bewahrt hatte,
sahen ihren Retter zum ersten Mal wieder. Sie nahmen seine Hände, küßten
sie, weinten. Ihre Kinder und Enkel beobachteten mit Respekt den Mann, dem
sie letztendlich auch ihr eigenes Leben verdankten. Beitz blieb äußerlich
sehr beherrscht und still, ließ diese Szene sehr ruhig und zurückhaltend
über sich ergehen.
Aber dann ergriff ihn doch die Rührung, als zwei junge Burschen, ein
blonder und ein dunkelhaariger, sich umarmten: sein eigener Enkel und der
Enkel von Zygmund Spiegler, einem der Überlebenden.
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