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Hamas bombt - Netanjahu regiert
Die Ermordung Jitzchak Rabins durch einen
rechtsradikalen Juden war ein politisch-psychologischer Schlag für die
gesamte Opposition. Die überwiegende Mehrheit des Volkes, schockiert und
emotionalisiert durch diesen innerjüdischen Mord an einem verdienten
Soldaten der Nation, sympathisierte mit der Familie Rabins, mit seiner
Politik, mit seiner Partei. Peres, der Nachfolger Rabins, lag in
Meinungsumfragen 20 Prozent vor dem Likudchef. Viele Politiker der
gemäßigten Rechten wie Netanjahu, die vor dem Mord mit radikaler Rhetorik
den Haß gegen Rabin entfacht hatten, äußerten nun lauthals Entrüstung. Die
rechtsradikalen Vorkämpfer der monatelangen Hetzkampagne schienen von der
Bildfläche verschwunden, schwiegen, entfernten ihre agitatorischen
Autoaufkleber.
Es herrschte eine beklemmende Stille wie nach dem
Verhallen einer gewaltigen Detonation. Aber das trügerische Schweigen währte
nicht lange. Die Lautlosigkeit war nur die Ruhe vor einem neuen Sturm –
diesmal durch fundamentalistische Gewalt von der anderen Seite. Noch in der
Mordnacht wurde Schimon Peres vom Kabinett zum kommissarischen
Ministerpräsidenten bestellt, und am 22. November 1995 sprach das Parlament
ihm und seinem Kabinett mit 62 gegen 38 Stimmen bei 8 Enthaltungen das
Vertrauen aus. Peres trieb den von Rabin geplanten Friedensprozeß zügig
voran. Im November und Dezember wurden bei der Verwirklichung des
Oslo-2-Abkommens für das Westjordanland erhebliche Fortschritte erzielt: In
den Städten Tulkarem, Kalkilija, Nablus, Ramallah und Bethlehem fand der
überfällige Machtwechsel statt.
Die Palästinenser jubelten; Arafat hatte seine großen
Auftritte. Auch die unter Rabin zuletzt sehr erfolgversprechenden
Verhandlungen mit Syrien wurden zügig fortgeführt. Meinungsumfragen
signalisierten der sozialdemokratisch geführten Regierung ein sicheres
Mandat für die Fortsetzung ihrer Friedenspolitik. Peres wollte diese
emotionale Schubkraft in eine solide Parlamentsmehrheit umsetzen. Nie zuvor,
trotz vieler Anläufe, war er als Sieger aus Wahlen hervorgegangen. Jetzt
verhießen ihm die Demoskopen einen überwältigenden Vorsprung. Diese wohl
letzte Chance seines politischen Lebens wollte er sich nicht entgehen
lassen. Peres plante Neuwahlen. Das neue Direktwahlrecht für den
Ministerpräsidenten würde sein politisches Prestige verstärken. Eine größere
Mehrheit der Linkskoalition sollte die schwierigen Verhandlungen über den
Final Status der Palästinensergebiete und eine zumindest teilweise Rückgabe
der Golanhöhen an Syrien parlamentarisch absichern. An der Jahreswende
1995/96 blickte Schimon Peres optimistisch in die Zukunft.
Der religiöse Abgrund des Rabin-Mords
Pessimismus oder Entsetzen schienen eher angebracht,
wenn man die Entwicklung der rechtsextremen Szene beobachtete. Mehrere
Wochen lang hatten sich die Aktivisten der radikal-fundamentalistischen
Siedlerbewegung vorsichtshalber unter der Schockwelle geduckt, die die
Ermordung Rabins ausgelöst hatte. Aber ihr ruchlosester Protagonist, Jigal
Amir, ermunterte sie mit unerbittlichen Parolen zur Fortsetzung ihres
Feldzugs gegen die Friedenspolitik. Der Strafprozeß, der am 19. Dezember
1995 vor dem Landgericht in Tel-Aviv begann, bot ihm dazu ein Forum, das er
dreist für die Verbreitung seiner kriminellen Heilslehre benützte.
Mit mokantem Lächeln betrat er den Gerichtssaal.
Selbstsicher wiederholte er die Motive seiner Tat: Gott habe ihm befohlen,
Rabin zu töten. Sein Blut habe er vergossen, um dem Volk Israels weiteres
Blutvergießen zu ersparen. Im Rampenlicht der internationalen Presse und mit
trotzigem und zugleich triumphierendem Seitenblick zur Publikumstribüne
sagte er dem Richter: „Alles, was ich tat, tat ich für Gott, für den
jüdischen Glauben, für das israelische Volk und den Staat Israel.“ Das klang
wie ein Echo der fundamentalistischen Gusch-Emunim-Ideologie: Eine Thora,
ein Volk, ein Land. Als Prozeßbeobachter erhielt man den Eindruck, daß in
Amirs Gehirn die großen Lehren der Thora und des Talmud zu einem
faschistoiden Erlösungskult mutiert waren: Bibel, Blut und Boden – Mord für
den Messias.
Im Rahmen des Amir-Prozesses deckten die Polizei und
der Inlandsgeheimdienst Schabak Amirs Verschwörergruppe und die fatalen
Strukturen der radikal-religiösen Szene auf, in der er sich getummelt hatte.
Aus einer jemenitischen Familie stammend und in einem kleinbürgerlichen
Milieu aufgewachsen, entwickelte der junge Amir politisches
Sendungsbewußtsein, als er an der orthodoxen Bar-Ilan-Universität in Tel
Aviv Rechtswissenschaft studierte. Dort fand er Anschluß an die radikale
Siedlerbewegung – und deren Rabbiner, die nach ihrer absurden
Din-Rodef-Doktrin die Ermordung des „Verfolgers“ Rabin zu einem halachischen
Gebot erklärten. Für den angehenden Juristen hatte seine Auslegung der
Halacha, des aus der Thora abgeleiteten Gesetzes, Vorrang vor den Normen des
demokratischen Rechtsstaates.
Beim Lokaltermin, als er sein Attentat rekonstruieren
mußte, erklärte er dem Untersuchungsrichter: „Rabin war ein Malschin, ein
Jude, der sein Volk verraten und deshalb sein Leben verwirkt hatte.“ Für
Amir war die Rechtslage klar: Mit dem Mord am Ministerpräsidenten
verschaffte er der Halacha Geltung. Denn Rabins Politik im Westjordanland
war doch ein Fall von Din Rodef. Deshalb mußte er den „Verfolger“ des
jüdischen Volkes töten. Als er im Gerichtssaal dozierte: „Ich handelte nach
dem Din Rodef, das in der Thora steht; es war keine Bestrafungsaktion, für
die ich juristische Anweisungen brauchte“, brach der Richter die Befragung
ab. Er konnte nicht ertragen, daß Amir das Tribunal in eine
fundamentalistische Propagandaveranstaltung umfunktionierte.
[…] Polizei und Gericht zerstörten die Alibithese, die
dem rechten Lager, insbesondere der militanten Siedlerbewegung, so genehm
gewesen wäre: Jigal Amir ein verrückter Einzeltäter, ohne Komplizen, ohne
Mitwisser. Er war Inspirator und „Terminator“ einer dreiköpfigen
Verschwörergruppe, die in seinem Elternhaus ein gut ausgerüstetes
Waffenlager mit Pistolen, Munition, Handgranaten und Sprengstoff angelegt
hatte. Sein mitangeklagter Freund Dror Adani besorgte die Waffen, sein
ebenfalls angeklagter Bruder Haggai bohrte die Geschosse auf, um sie in
Dum-Dum-Munition mit verheerender Wirkung zu verwandeln.
Ein sehr großer Personenkreis war in seinen Mordplan
eingeweiht, ohne die Polizei zu verständigen. Unter seinen Mitwissern
äußerte sich am offensten seine ehemalige Freundin und Kommilitonin Margalit
Har-Schefi. Im Zeugenstand sagte sie: „Von seiner Idee, Rabin zu töten,
erzählte Jigal Amir Hunderten von Leuten, vielleicht sogar Tausend.“ Die
Studentin wohnt in Bet El, einer Hochburg der national-religiösen
Siedlerbewegung, und nicht nur dort, sondern auch in anderen militanten
Siedlungen ging ihr Freund ein und aus. In Bet El wußten viele von seinem
Vorhaben. Amir wollte von dem Mädchen wissen, wie er in das Waffenlager der
Siedlung einbrechen könne, und ob sie einen Chemiker kenne, der wisse, wie
man Bomben baut. Er bat sie auch, in den Siedlungen einen Rabbiner zu
suchen, der seinen Mordplan mit einer Hechscher, einer Vollmacht, absegnen
würde.
Einen Monat vor dem Mord hatten Rabbiner vor dem Haus
von Jitzchak und Lea Rabin in Tel Aviv eine Pulsa de-Nura ausgesprochen, ein
alttestamentliches Beschwörungs- und Verwünschungsritual, das den Tod eines
Verräters herbeiwünscht. Der Todesfluch, der in dreißig Tagen in Erfüllung
gehen soll, erfleht, „daß die Engel das Schwert gegen diesen bösen Mann
erheben und ihn töten, weil er Eretz Jisrael unseren Feinden ausliefern
will, den Söhnen Ismaels“. Ismael ist der erstgeborene Sohn Abrahams, den
die Moslems als ihren Stammvater betrachten. Viele Israelis – und auch Juden
in der Diaspora – frohlockten über die Mordtat Amirs und feierten ihn als
heiligen Helden. In den Hochburgen der militanten Siedlerbewegung, die durch
den Gebietskompromiß tief im Palästinenserland liegen sollten, herrschte die
größte Genugtuung. Ein Bewohner von Kirjat Arba sagte befriedigt vor
laufender Kamera: „Rabin hat, mit Gottes Hilfe, bekommen, was er verdiente.
Wir sind sehr glücklich.“ In der Stadt Kirjat Gat bei Tel Aviv gründeten
Teenager einen „Jigal Amir Fan Club“.
Die größte Verehrerschar fand der Rabin-Mörder in
Brooklyn, dem New Yorker Stadtteil, aus dem auch der Begründer der
Kach-Bewegung, Rabbi Meir Kahane, und sein Gefolgsmann Baruch Goldstein, der
Hebroner Mörder, stammten. Dort organisierten Amir-Anhänger in New Yorker
Zeitungen eine Anzeigenaktion, um für den ledigen Attentäter eine Braut zu
finden. Im ultraorthodoxen Wohngebiet Crown Heights wurde ein Yigal Amir
Defense Fund gegründet, der Geld für die Verteidigung Amirs sammeln sollte.
Seine Brooklyn-Connection installierte einen automatischen Ansagedienst, die
Yigal Amir Defense Line, die die These verbreitete, Rabins Ermordung sei
moralisch so zu beurteilen wie eine „Ermordung Hitlers vor dem Holocaust“.
Zur Begründung sagte die anonyme Stimme der Amir-Hotline, er habe
Hunderttausenden von Juden das Leben gerettet. Um vielen Juden in Brooklyn
zu ermöglichen, sich mit dem Täter zu identifizieren und ihn zu
glorifizieren, verkauften sie Plaketten mit einem Davidstern und der
Aufschrift: „Wahrer jüdischer Held“.
Die israelische Amir Connection heroisierte nicht nur
seine Vergangenheit; sie blickte mit ungebrochenem Fanatismus in die Zukunft
und verhieß Peres ein ähnliches Schicksal wie Rabin. Nach dem Attentat wurde
der Autoaufkleber „Schalom Chawer“ („Leb wohl, Kamerad“) zum Zeichen der
Trauer um Rabin. Bill Clinton hatte diese Worte als erster ausgesprochen. In
König Hussains Grabrede fanden sie ein Echo. Einige Wochen nach der
Ermordung Rabins und Peres’ Regierungsantritt tauchten Autoaufkleber mit der
Aufschrift „Schalom Chawer Nr. 2“ auf. In der Josef-Ben-Matitjahu-Straße im
Jerusalemer Ultraorthodoxen-Viertel Kerem Abraham war zu lesen: „Rabin ist
ein Opfer des Friedens, und Peres wird das nächste sein.“ Bei Dreharbeiten
während einer regierungsfeindlichen Demonstration in Jerusalem schrien junge
Männer deutlich vernehmbar in unsere Kamera: „Peres, Du bist der nächste in
der Reihe.“
Arafats Wahlsieg, Hamas’ Bombenstrategie
Da Peres Rücksicht auf diverse Wünsche der religiösen
Parteien nahm, verkündete er erst am 12.Februar'96 den Termin für die
vorgezogenen Parlamentswahlen und die erste Direktwahl des
Ministerpräsidenten. Sie wurden auf den 29.Mai gelegt. Diesen langen
Aufschub sollte er später bereuen. Am 12.Februar fühlte sich Peres noch
sicher. Schon zwei Wochen später sollte er eines Besseren belehrt werden.
Aber zunächst hatten seine palästinensischen Partner einen großen
Fortschritt in Richtung Frieden erzielt. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte
waren die Palästinenser am 20.Januar 1996 in einer „nationalen“ Wahl zu den
Urnen gegangen.
Entsprechend dem Oslo-2-Abkommen durften sie einen
Präsidenten und ein Parlament mit 88 Abgeordneten wählen. Trotz der Bedenken
vieler, die postrevolutionäre PLO würde den Urnengang des Volkes in ihrem
Sinne beeinflussen, verliefen die Wahlen vor Hunderten von internationalen
Beobachtern nach demokratischen Regeln. Für die Präsidentenwahl kandidierte
neben Jassir Arafat mit Samiha „Umm“ Chalil eine Frau, die sich mit ihrem
Sozialzentrum für Frauen hohes Ansehen erworben hatte und dem linken
PLO-Lager zugerechnet wurde. Bei der Wahl für die Madschlis bewarben sich
672 Männer und Frauen um die 88 Sitze. Beide Wahlgänge gerieten zu einem
massiven Votum der palästinensischen Bevölkerung des Gasastreifens, des
Westjordanlands und Ostjerusalems für die Friedenspolitik mit Israel. Die
Wahlbeteiligung lag fast überall bei 80 Prozent, auch unter den Frauen.
Ausgerechnet in Ostjerusalem und in Hebron betrug sie nur etwa 30 Prozent.
Arafat gewann mit 87,1 Prozent der Stimmen; Umm Chalil erhielt 9,6 Prozent.
Von den 88 Sitzen gingen 50 an Arafats Fatach-Liste. Von den 35 unabhängigen
Abgeordneten standen weitere 15 Fatach nahe. Nur vier „Unabhängige“
sympathisierten mit der Hamas-Bewegung, die die Wahlen offiziell
boykottierte.
In Meinungsumfragen vor und nach diesen Wahlen kam
Hamas selten über zwölf Prozent hinaus. Eine Teilnahme an der Wahl hätte
ihre Schwäche im politischen Kräftespiel gezeigt; ihre Stärken lagen
woanders. Schimon Peres meinte, er habe zuvor schon an der
Palästinenserfront einen wichtigen Erfolg erzielen können – gegenüber dem
Terrorapparat von Hamas. Am 5. Januar 1996 war Jachija Ajasch, der
Bombenkonstrukteur der Hamas-Terrorgruppe Eis ed-Din al-Kassam, durch einen
Sprengstoffanschlag getötet worden. Der israelische Geheimdienst Schabak
hatte offensichtlich mit Hilfe eines palästinensischen Kollaborateurs eine
Sprengladung im Batteriebehälter von Ajaschs Mobiltelefon installiert. Als
er bei einem Anruf seiner Eltern abhob, den Hörer ans Ohr legte und seinen
Namen sagte, löste ein Agent per Funk die Zündung aus. Der „Ingenieur“ hatte
eine notorische Berühmtheit erlangt, weil er die Sprengsätze für die
Selbstmordattentäter von Hamas produzierte – Bomben, durch die etwa 70
Israelis einen grausamen Tod starben. Die „Überbringer“ machte er durch sein
mörderisches Talent zu „Märtyrern“. Daran glaubten die Attentäter, wie
einige von ihnen in einem letzten Video-Gruß bekundeten. Sogar Arafat hielt
es für angebracht, Jachija Ajasch als „Helden und Märtyrer“ zu würdigen. Er
wußte, was es bedeutete, daß beim Trauerzug von der „Palästina-Moschee“ in
Gasa zum Friedhof im Slumviertel Schedscheije etwa 100.000 Männer hinter dem
Sarg des „Ingenieurs“ herzogen – mehr als bei Arafats Ankunft in Gasa.
Hamas und auch ihre Schwesterorganisation Dschihad
el-Islami schworen blutige Rache. Die Liquidierung Ajaschs erwies sich für
Peres als folgenreicher Pyrrhussieg. Am 25. Februar zündeten zwei
Selbstmordattentäter von Eis ed-Din al-Kassam in Jerusalem und Aschkelon
ihre Sprengsätze. Der eine bestieg im jüdischen Westjerusalem während des
morgendlichen Stoßverkehrs den Linienbus Nr. 18, der vom Stadtviertel
Katamon ins Geschäftszentrum fährt. In der Jaffastraße löste er den
Zündmechanismus aus. 25 Israelis starben. Zur selben Zeit brachte der zweite
Täter bei Aschkelon an einer Bushaltestelle eine Sprengladung zur Explosion.
Er riß einen Soldaten mit in den Tod. In ihrem Bekennerschreiben nannte
Hamas für diesen Doppelschlag zwei Motive: Vergeltung für die Ermordung von
„Märtyrer Jachija“ und die Erinnerung an den zweiten Jahrestag des
Massakers, das Baruch Goldstein in Hebron verübt hatte. Ein Hamas-Flugblatt
war mit „Kommandos der neuen Anhänger des Märtyrers Ajasch“ unterzeichnet.
Während Regierung, Geheimdienste und Journalisten noch
mutmaßten, ob es sich bei den beiden Anschlägen um eine von „Hamas-Inland“
oder „Hamas- Ausland“ befohlene Aktion handelte, bereiteten sich die wahren
Hintermänner schon auf den zweiten Doppelschlag vor. Am 3. März schlug Hamas
in Jerusalem wieder zu – mit einem Bombenattentat, das dem letzten genau
glich: Linienbus Nr. 18 in Richtung Innenstadt, Explosion in der
Jaffastraße. 20 Israelis wurden getötet. Tags darauf trat ein
Dschihad-Aktivist aus dem Flüchtlingslager Chan-Junis im Gasastreifen in
Aktion. Er ließ sich von einem arabisch-israelischen Lkw-Fahrer mit seiner
Bombe unter dem Sitz aus dem Gasastreifen hinausschmuggeln und bis in die
King-George-Straße im Geschäftszentrum von Tel Aviv fahren. Dort stieg er
aus, ging noch ein paar Meter bis zur Kreuzung an der Diesengoffstraße und
löste dann, als bei „Grün“ viele Menschen die Straße überquerten, die
Explosion aus. Er tötete 13 Israelis. Wir erreichten 30 Minuten nach diesem
dritten Massaker in kurzer Folge den Tatort. Eine Überlebende sagte: „Es war
schrecklich: Auf der Straße lag ein Kopf, der mich anschaute.“ Es war der
Kopf Ramsi Obeids, des Attentäters aus dem autonomen Gasastreifen, in dem
Arafat für Ruhe, Ordnung und Sicherheit verantwortlich war.
Arafat und Peres schienen machtlos gegen dieses
terroristische Untergrundnetz. Die israelische Regierung sperrte wieder die
„Grüne Linie“ und hinderte damit die palästinensischen Tagelöhner daran, in
Israel zu arbeiten – und das paßte in die Strategie von Hamas: Armut und
Elend trieb viele arbeitslose Palästinenser in die Sozialstationen von
Hamas, auch in die von ihr beherrschten Moscheen; das wirtschaftliche Chaos
machte sie empfänglich für die Heilslehren der militanten Prediger; neue
„Märtyrer“ konnten rekrutiert werden – ein Teufelskreis. Diese neue
Terrorwelle durch Hamas und Dschihad, die vielen schrecklichen Bilder, die
die Israelis im Gegensatz zu den deutschen Fernsehzuschauern immer wieder
sahen, erzeugten einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung und führten
damit auch zu einer Wende der israelischen Innenpolitik.
Während es das Ziel von Hamas war, den Friedensprozeß
durch einen Sturz der Linksregierung zu stoppen, warf Netanjahu dem
Nachfolger Rabins vor, durch seine Untätigkeit zur Eskalation des Terrors
beizutragen. Peres tappte in diese innenpolitische Falle und steigerte seine
Rhetorik zu einem bei ihm ungewohnten martialischen Tonfall: „Die gesamte
Nation Israel ist entschlossen, Hamas zu Staub zu zermalmen.“ Die Führung
von Hamas, die vom Ausland aus die Operationen der Inlandsorganisation
befehligte und finanzierte, konnte zufrieden sein.
In Israel war die öffentliche Meinung umgekippt; die
Bevölkerung verlor das Vertrauen in den Friedensprozeß. Und Arafat, der
unter israelischem Druck hart gegen Aktivisten von Hamas und Dschihad
vorgehen mußte, erschien vor dem eigenen Volk als Büttel der ehemaligen
Besatzungsmacht. Unter diesen Gegebenheiten gingen die israelischen Parteien
im Frühjahr 1996 in den Wahlkampf. Schimon Peres hatte vier Gegner:
Likud-Chef Netanjahu, die religiösen Parteien, Hamas und Hisballah.
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