Vor 60 Jahren wurde ich beschnitten. Ich war acht Tage alt, der Mohel reiste im Winter von ich-weiß-nicht-wo nach Ravensburg an. Die Prozedur war vielleicht nicht besonders gesund; meine Mutter berichtet, dass der Kinderarzt mir Penicillin verschreiben musste. Ob das übertrieben war – wie mein Onkel mir später zu verstehen gab – , lässt sich schwer beurteilen. Jedenfalls habe ich danach gut gelebt, als Jude in Deutschland…
Rolf Verleger
Plötzlich geschieht aber etwas, was ich zu meinen Lebzeiten nicht mehr für möglich gehalten hätte. Die Beschneidung steht im Mittelpunkt einer öffentlichen Diskussion. Es geht dabei um die uneingeschränkte Wohlfahrt aller Menschen: Juristen wollen eine unwiderrufliche Körperverletzung vermeiden, Professoren der Psychosomatik und die Gilde der Psychotherapeuten wollen schwere seelische Traumata verhindern, und in den Leserbriefforen der Zeitungen spenden gebildete, differenzierte Menschen diesem Kölner Urteil im Namen der Vernunft Beifall: Beschneidung passt nun einmal wirklich nicht mehr in unsere aufgeklärte Gesellschaft und moderne Welt.
Haben sich all diese gebildeten Menschen eigentlich nicht klar gemacht, was sie mit der Ablehnung der sicherlich körperverletzenden, vermutlich nicht traumatischen (im Säuglingsalter), jedenfalls völlig altertümlichen Beschneidung zum Ausdruck bringen? Hiermit gibt das deutsche moderne, aufgeklärte Bürgertum seinen deutschen Muslims und seinen deutschen Juden zu verstehen, sie sollten aufhören, die islamische oder jüdische Religion zu befolgen. Schlicht und ergreifend. Dies geschieht selbstverständlich nicht im Namen irgendeines rassistischen Vorurteils, darüber sind wir doch schon lange hinweg. Nein, im Gegenteil, es geht nur um die allgemeine Wohlfahrt, es ist eine Frage der Vernunft.
Das Streben nach allgemeiner Wohlfahrt und nach Herrschaft der aufgeklärten Vernunft ist zu begrüßen. Aber es hat auch eine problematische Seite. Bekanntlich war Robespierre von diesem Streben beseelt. Er führte eine neue Religion ein: den Kult der Vernunft. Danach führte er den Terror ein.
Ebenso träumten – wie Klaus Dörner und andere herausgearbeitet haben – deutsche junge aufgeklärte Psychiater vor hundert Jahren davon, seelischen Leiden ein für allemal durch vernünftige Therapien ein Ende zu machen. Als dies nicht gelingen wollte, fanden sich viele dieser modernen Akademiker – in ihrem Streben, Leiden und Behinderungen abzuschaffen – auf der Seite der radikalsten Modernisierer wieder. Dies waren Leute, die nach eigenem Selbstverständnis “mit einem eisernen Besen” durch Europa wischten: Alles, was die moderne Zeit aufhielt, musste weg.
Was daher offensichtlich die Kehrseite des Strebens nach Vernunft sein muss – sonst geht es leicht schief – ist Toleranz: Toleranz für andere Menschen, für andere Kulturen, für andere Lebensarten. Das Bestürzende am Kölner Urteil und an seiner Unterstützung durch Juristen, Psychosomatiker und andere Wohlmeinende ist genau dies: Dass das Ziel der Vermeidung von Körperverletzung und Traumata bei diesem einfachen Eingriff als schwerwiegender angesehen wird als der Wert der Toleranz. Am Ende dieser verfehlten Wertung ist dann nicht nur das Leid aus Deutschland vertrieben, sondern auch die Menschen, die vor diesem Leid geschützt werden sollten.



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Warum darf man eigentlich seine Kinder nicht körperlich züchtigen mit der Begründung, dass man es aus religiöser (und pädagogischer) Überzeugung macht (z.B. nach Sprüche Salomons 13, 24) und Religionsfreiheit und Erziehungsrecht gegeben sind und diese stets über dem Recht auf körperliche Unversehrtheit stehen? Es gibt doch sicherlich einige sehr Gläubige z.B. die Zeugen J., die hier den biblischen Leitfaden für den Besten halten und sich daran halten wollen.
>Für mich ist diese Debatte geprägt von einem sich
>fundamentalistisch gestaltenden Atheismus, der in
>Alleinvertretungsanspruch diskursive Monopolstellung
>beansprucht.
Das mit den Ressentiments scheint mir nun keine einseitige Sache zu sein, Chaim… Und die Diskussionen darüber, so scheint mir, nehmen einen viel größeren Raum ein als das eigentliche Thema der Beschneidung. Deshalb, und aus einer Reihe anderer Gründe, lese ich hier nur noch selten. Das muss ich fairerweise erwähnen, falls Antworten von mir erwartet werden.
Meine Gründe, eine nicht medizinisch indizierte Beschneidung an Neugeborenen abzulehnen, sind tatsächlich ziemlich profan und weltlich. [Deswegen laufen die hier so oft wiederholten Äußerungen, die da so klingen "Entweder können Sie es wirklich nicht begreifen, oder Sie weigern sich." (Jim) ins Leere.]. Auf solche provozieren wollende Projektionen gehe ich nicht mehr ein.
Ja, meine Gründe sind weltlich, wie die meisten Erwägungen in unserem Leben, denen wir mehr oder minder Wichtigkeit beimessen und in denen wir uns ja auch nicht unterscheiden (Autokauf, “Haben wir noch Salz?”, oder “Überhole ich den Laster?”)
Selbst wenn ich vollkommen begreife und akzeptiere, dass für die Aufnahme in die Gemeinschaft der Juden die Beschneidung unabdingbar ist, bleiben die medizinischen Risiken der Beschneidung bestehen. Diese Risiken geht jeder ein, der sein Kind beschneiden lässt, sei er jetzt Jude, Muslim, Atheist oder Marsmensch (zumindest wenn auf der Erde operiert wird). Und über diese Risiken sollten Eltern sich informieren bzw. aufgeklärt werden, bevor sie ihr Kind unters Messer legen.
Bereits Legende ist ja die Geschichte des Mohels, der 11 Jungen mit Herpes angesteckt hat (Metzitzah b’peh, das Aussaugen der Wunde). Zwei Kinder überlebten die Infektion nicht.
Generell gilt: Bei jeder Operation kann es Komplikationen geben. Und ein acht Tage alter Säugling ist ein zerbrechliches und noch ziemlich immunschwaches Menschlein, das manche Dinge nicht so leicht wegsteckt, wie wir Erwachsenen vielleicht manchmal denken.
- Wieviel ml Blut/Kg Körpergewicht hat ein Säugling? Und welchen Blutverlust infolge einer Beschneidung kann er verkraften?
“Infants have a miniscule amount of blood in their tiny bodies and can tolerate only about a 20 percent blood loss before hypovolemia, hypovolemic shock, and death.”
Ja, das Kind ist tot. Eine seltene Komplikation, aber Statistik ist unerbittlich- irgendjemanden trifft es irgendwann. Mehr dazu und über die Schwierigkeiten, den Blutverlust als Eltern überhaupt zu erkennen, hier:
http://www.drmomma.org/2010/05/death-from-circumcision.html
- Ein anderer Punkt sind Infektionen aller Art. Auch im Krankenhaus kann eine Infektion nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden. Es können die Eltern, das Krankenhauspersonal oder das Baby selbst sein, die einen Keim einführen (Man denke auch schlicht an die Windel und was dort alles so drin ist- steril ist jedenfalls anders).
Es sei noch einmal in Erinnerung gerufen, dass ein Säugling noch sehr immunschwach ist und Keimen gegenüber nicht viel aufzubieten hat. Hier ein sehr trauriger Fall von nekrotisierender Fasciitis durch Staphylokokken. Ein kleiner Junge, zehn Tage alt, Plastibell- Beschneidung. (Nur etwas für Leute, die OP-Bilder vertragen!):
http://www.cirp.org/library/complications/bliss/
- Bei aller Vorsicht und Routine kann auch in einer Klinik etwas schieflaufen. Ärzte können Fehler machen, die man später beheben muss (Die Komplikation hier: eine dichte Harnröhre, bedingt durch die Beschneidung). Wenn so etwas geschieht, muss das Kind schleunigst ein weiteres Mal unters Messer und eventuell mehr als nur lokal betäubt werden. Und dann hängt alles davon ab, ob der Anästhesist die richtige Dosis findet, die ein erst drei Wochen altes Herzchen aushält. In diesem Fall ging es schief.
“You think, ‘What could go wrong with a circumcision?’ ” Evans said. “The next thing I know he’s dead.”
http://www.noharmm.org/evansdeath.htm
Man muss dazu sagen, dass der Tod eine wirklich seltene Komplikation ist. Andere Komplikationen sind weniger gravierend, dafür häufiger.
http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/medizinische-aspekte/komplikationen/stanford-university-komplikationen-der-beschneidung.html
Aber gerade bei den gravierenden Fällen wird klar, warum unter Ärzten das Prinzip “zuerst einmal nicht schaden” so enorm wichtig ist. Diese Todesfälle waren vermeidbar. Man geht in der Medizin das Risiko einer Operation nur dann ein, wenn der zu befürchtende Schaden des nicht-Operierens größer ist.
Im Fall der rituellen Beschneidung gibt es eine solche medizinische Indikation nicht.
Also bleiben aus medizinischer Sicht nur die Risiken.
Da muss sich jeder selbst überlegen, ob Religion, Tradition oder eventuelle Sanktionen der Gruppe Gründe genug sind, diese Risiken einzugehen. Meine Gründe, die nicht medizinisch indizierte Beschneidung bei Säuglingen abzulehnen, haben also rein gar nichts mit dem Judentum, dem Islam oder einer schlecht zusammenphantasierten atheistischen Mission zu tun. Staphylokokken nehmen keine Rücksichten auf unsere In-Group-Tümeleien oder metaphysischen Verträge. Und Herpesviren geht es kaudal am Kapsid vorbei, ob jemand den Talmud, den Koran, die Bibel oder den Dawkins studiert hat. Für die sind wir alle gleich…
Wer sein Kind beschneiden lässt, geht ein Risiko ein.
Grüße
Basko
Wissen Sie, es ist sehr schwer mit Ihnen:
Selbst wenn ich vollkommen begreife und akzeptiere, dass für die Aufnahme in die Gemeinschaft der Juden die Beschneidung unabdingbar ist, bleiben die medizinischen Risiken der Beschneidung bestehen.
[...]
Staphylokokken nehmen keine Rücksichten auf unsere In-Group-Tümeleien oder metaphysischen Verträge.
In-Group-Tümeleien? Metaphysische Verträge?
Was genau meinen Sie damit?
Wer sein Kind beschneiden lässt, geht ein Risiko ein.
Wenn das jüdische Volk all die im Zuge der Jahrtausende an es von außen herangetragenen Belehrungen und nur allzugut gemeinten Ratschläge je zum Anlaß genommen hätte, sich in seinen grundsätzlich feststehenden Überzeugungen zu ändern, hätte es schon lange aufgehört zu existieren.
Woher, so frage ich mich, nehmen Sie die Chuzpe, zu glauben, derart überheblich sein zu dürfen?
Bleibt nur ein Fazit: Sie haben überhaupt nichts begriffen!
Zum Abschluss vielleicht ne coole Nummer?
Okay: I’m Jewish And You Know It
Diese Diskussionen hier sind immer so komisch, ich liebe das. Wie früher auch im Forum, das es leider irgendwie nicht mehr gibt? Da reden Leute nur aneinander vorbei und jemand schreibt zwanzig Zeilen, dann pickt ein anderer einen Nebensatz heraus und fragt “Aha! Was meinst du mit xy? Hm? Na! Sag schon!” Obwohl wirklich völlig, so völlig klar ist, was derjenige gemeint hat.
Wie auch immer, das Lied ist lustig
Damit die Beschneidungsgegner auch noch was zu lachen haben bei einem Thema, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt:
http://www.youtube.com/watch?v=6xqOjTg0z8w
(Hebräisch mit englischn Untertiteln)
Ja, Schlupp, jims Manöver sind so durchschaubar wie effektiv…
[...] Vernunft und Toleranz sind gefragt Vor 60 Jahren wurde ich beschnitten. Ich war acht Tage alt, der Mohel reiste im Winter von [...]
Guten Tag.
Sie schreiben: “Haben sich all diese gebildeten Menschen eigentlich nicht klar gemacht, was sie mit der Ablehnung der sicherlich körperverletzenden, vermutlich nicht traumatischen (im Säuglingsalter), jedenfalls völlig altertümlichen Beschneidung zum Ausdruck bringen? Hiermit gibt das deutsche moderne, aufgeklärte Bürgertum seinen deutschen Muslims und seinen deutschen Juden zu verstehen, sie sollten aufhören, die islamische oder jüdische Religion zu befolgen.”
Ich frage jetzt Sie einmal: Haben Sie verstanden, was Sie da sagen?
Offenbar nicht. Und offenbar haben wir hier ein Problem.
Wie ich heute gelernt habe, hatten die jüdischen Gemeinden bis Abraham Geiger eine eigene Gerichtsbarkeit. Und das ist genau der Punkt. Bis dahin waren Juden, die in Deutschland lebten, kein Teil der deutschen Zivilgesellschaft. Das haben Juden mit Muslimen traditionell gemeinsam: Es gibt keine Trennung von Religion und Staat.
Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Staat. Dieser Staat hat Werte und Normen, die demokratisch festgelegt werden und die für alle Menschen im Geltungsbereich unseres Grundgesetzes gelten. Für Sie, für mich, für alle.
Es gibt da weder einen “Sonderstaat” der Juden noch einen “Sonderstaat” der Muslime noch einen Sonderstaat “Scientology” oder einen Sonderstaat “Zeugen Jehovas”.
Wir haben ein Grungesetz, und in diesem Grundgesetz überwiegt das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes die Freiheit der Eltern zur ungestörten Religionsausübung.
Punkt.
Das ist so seit Bestehen dieser Republik, es hat sich nie jemand daran gestört, auf einmal gibt es ein Geschrei.
Warum? Weil das alte Schweigegelübde, was Juden tun, ist immer gut (und so wurde es mir mein Leben lang eingebleut) im Fall einer muslimischen Familie (die in Sachen Beschneidung brav im jüdischen Windschaftten segelte) auf einmal gebrochen wurde.
Und seit diesem Augenblick vrweigere ich, Detlef Bosau, Juden und Muslimen ihre Religion, bin ich Antisemit, bin ich persönlicher Gasmann von Hitler und kriege alle Zyklon-B Rechnungen, die letzterer nicht bezahlt hat, nach Hause geschickt.
Herr Verleger, mir ist Religion, erlauben Sie mir die Deutlichkeit, scheißegal. Von mir aus können Sie glauben, was Sie wollen. Nur: Solange wir im Geltungsbereich desselben GG leben, haben wir uns an dasselbe GG zu halten. Und wenn ein Streitfall vor Gericht gebracht wird, in Köln ist das passiert, haben Richter nach Recht und Gesetz zu urteilen, sie machen sich sonst strafbar.
Bisher gab es keinen Kläger – folglich wurde kein Richter tätig.
Nun wurde ein Richter wegen einer religiös begründeten Beschneidung gefragt – und hat Recht gesprochen nach dem Recht und Gesetz, das seit 63 Jahren für jederman einsichtig ist.
Und seit diesem Augenblick kommt ein jüdischer Lautsprecher nach dem nächsten und jagt mich, Detlef Bosau, mit seinem Deutschenhaß aus meinem eigenen Land!
Darf ich mal höflich fragen, was das soll?
Wir wissen beide, ich erwähnte nur den Namen Abraham Geiger, daß die Bris im Judentum verzichtbar ist, die halbe jüdische Welt redet darüber, und das kann mir auch egal sein.
Nur: In Deutschland findet die Bris bei Neugeborenen nicht staat. So will es unser weltliches Gesetz – und nur dieses zählt.
Wenn Sie letzteres negieren, stellen Sie sich außerhalb unseres Staates – Sie sollten dann auch so konsequent sein, Ihren Pass abzugeben.
Nur sollten Sie bitte aufhören, mich nur deshalb, weil ich an unserem GG festhalte, ausbürgern zu wollen.