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Gedenken an Raoul Wallenberg

In diesem Jahr begehen wir am 4. August den 100. Geburtstag von Raoul Wallenberg. Dies ist ein guter Anlass, an seine mutigen Taten zu erinnern, um sein Andenken auch für die nächsten Generationen lebendig zu halten…

Von Tal Gat

Nachdem die ersten Augenzeugenberichte aus den deutschen Vernichtungslagern die Weltöffentlichkeit erreichten, gründeten die USA das War Refugee Board. Aufgabe des Board war die Rettung der noch lebenden europäischen Juden vor der Vernichtung. Raoul Wallenberg, Sohn einer reichen schwedischen Unternehmerfamilie, wurde 1944 als Leiter der schwedischen Gesandtschaft mit Unterstützung des War Refugee Boards nach Budapest entsandt, um bei der Rettung der ungarischen Juden zu helfen.

Wallenberg konnte für seine Mission bereits auf einer Vorarbeit aufbauen: Per Anger, ein junger Diplomat der schwedischen Gesandtschaft, hatte bereits begonnen, schwedische Pässe für Juden auszustellen, die Verwandte oder Geschäftspartner in Schweden hatten. Und Anger stellte auch spezielle Dokumente für Juden aus, die sich um eine schwedische Staatsbürgerschaft beworben hatten.

Wallenbergs erste Amtshandlung war der Entwurf sogenannter Schutzpässe. Diese besaßen zwar eigentlich international keine Gültigkeit, doch durch seine geschäftlichen Erfahrungen mit Deutschland wusste Wallenberg, dass eine aufwendige Gestaltung mit offiziellen Wappen und Stempeln den Nationalsozialisten Respekt einflößen würde. Wallenberg erreichte ein Abkommen mit den ungarischen Behörden, 4.500 solcher Pässe anfertigen lassen zu dürfen – und druckte schließlich drei Mal so viele.

Doch die Schutzpässe waren erst der Anfang. Wallenberg eröffnete sogenannte „Schwedische Häuser“, in denen sich Juden verstecken konnten. 15.000 Juden fanden Zuflucht in den Häusern, die lediglich durch eine schwedische Flagge geschützt waren – und durch Wallenbergs Behauptung, dass es sich bei den Häusern um schwedisches Staatsgebiet handele.

Die Diplomaten anderer Länder waren anfangs von Wallenbergs Bemühungen überrascht, doch bald überzeugten sie seine Erfolge bei der Rettung von Juden von der Richtigkeit seines Handelns. Gesandtschaften anderer neutraler Länder folgten seinem Beispiel, stellten Schutzpässe aus und eröffneten Schutzhäuser.

Obwohl das Ende des Zweiten Weltkriegs bereits abzusehen war, ging die Judenvernichtung weiter. Adolf Eichmann, verantwortlich für die „Endlösung der Judenfrage“, befahl Todesmärsche der ungarischen Juden, bei denen zehntausende hungernder Männer, Frauen und Kinder gezwungen wurden, bei eisigen Temperaturen hunderte Kilometer weit zu laufen. Unzählige starben dabei.

Auch angesichts dieser grausamen Verbrechen blieb Raoul Wallenberg nicht untätig. In seinem Auto folgte er den Todesmärschen und versorgte die Menschen mit Essen, Kleidung, Medizin und seinen Schutzpässen. Durch Drohungen und Bestechung konnte er diejenigen Juden freipressen, die schwedische Pässe besaßen und sie mit zurück nach Budapest nehmen.

Auch die Deportationen in Zügen versuchte Wallenberg aufzuhalten: Unter den Augen bewaffneter Wehrmachtssoldaten kletterte er in Zugwaggons, die nach Auschwitz fahren sollten, verteilte seine Pässe und forderte, dass die Juden mit schwedischen Schutzpässen sofort aus den Zügen aussteigen dürften.

Mitte Januar 1945 plante Eichmann die Ermordung aller Juden im Budapester Ghetto. Wallenberg erfuhr von dem Plan und wurde sofort aktiv. Da er selbst diesen Plan nicht aufhalten konnte, musste er sich an den Mann wenden, der dazu in der Lage war, den deutschen Wehrmachtsoffizier Generalmajor Gerhard Schmidhuber. Über einen Vermittler ließ Wallenberg dem Generalmajor einen Brief zukommen, indem er Schmidhuber drohte, ihn nach Ende des Krieges persönlich für das Massaker verantwortlich zu machen und als Kriegsverbrecher anzuklagen. Diese Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht, und das Massaker wurde in letzter Minute verhindert.

Kurze Zeit später marschierte die Rote Armee in Ungarn ein. 120.000 ungarische Juden waren der „Endlösung“ entkommen. Es ist nicht genau bekannt, wie viele von ihnen durch die Hilfe von Raoul Wallenberg überleben konnten, doch wird ihm nachgesagt, mehreren zehntausend Juden das Leben gerettet zu haben.

Nach dem Krieg hätte Wallenberg nach Schweden zurückkehren sollen, um dort als gefeierter Held bis an sein Lebensende glücklich zu leben, geehrt von denen, die er gerettet hatte und ihren Kindern und Enkeln. Doch leider kam es anders.

Am 17. Januar 1945 wurde Raoul Wallenberg von sowjetischen Soldaten abgeholt und in ihr Budapester Hauptquartier gebracht. Bereits auf dem Weg dorthin sagte er zu einem Kollegen, er werde nun entweder Gast oder Gefangener der Russen sein. Seit diesem Tag ist Raoul Wallenberg verschollen, sein Schicksal ist bis heute unbekannt.

In den dunklen und grausamen Jahren 1944 und 1945 waren Wallenbergs Handlungen ein heller Hoffnungsschimmer für viele von der Vernichtung bedrohte Juden in Ungarn. Deshalb bewahren wir und die Generationen von Familien, die dank seiner mutigen Taten am Leben sind, die Erinnerung an sein Erbe. Der US-Kongressabgeordnete Tom Lantos, der dank Wallenberg die Schoah überlebt hat, hat bewirkt, dass Wallenberg zum Ehrenbürger der USA ernannt wurde. Wallenberg ist außerdem Ehrenbürger von Kanada und Israel.

Wenn wir des 100. Geburtstags von Raoul Wallenberg gedenken, erinnern wir an sein Erbe, an seinen Beitrag zu unserer Welt, in einer Zeit, in der der Antisemitismus erneut sein hässliches Haupt erhebt. Raoul Wallenberg darf niemals vergessen werden.

Der Autor ist Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit an der Botschaft des Staates Israel in Berlin.

Newsletter der Botschaft des Staates Israel

5 comments to Gedenken an Raoul Wallenberg

  • Uri Degania

    Ja: “Raoul Wallenberg darf niemals vergessen werden.”

  • mfb

    Völlig unabhängig über die Frage, wem Raoul Wallenberg sein Schicksal zu verdanken hat ..

    .. wenn es eine “internationale, religions- und staatsunabhängige Zentraldatei über die “Gerechten unter den Völkern”” gebe .. Raoul Wallenberg wäre auf jeden Fall dabei ..

    .. die katholische Kirche hat ihre “Heiligen” .. muss mensch dran glauben (oder auch nicht) ..

    ..   ich fände es toll, wenn die UNO .. sozusagen in Parallelität zu UNESCO- Weltkulturerben .. das Gedenken an Menschen ehren würde, deren Handeln die Welt gerechter/besser/menschlicher gemacht hat ..

    .. und unbestreitbar einer meiner Favoriten wäre Raoul Wallenberg!!!
         

    • efem

      @ mfb

      Träumer. Sowas kanns nicht geben. Wat dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall. Das gäb Zoff ohne Ende.

      Beispiel Mahost. Für die (zumindest die jüdischen) Israelis und viele Leute weltweit gehörte auf jeden Fall Ben Gurion dazu. Für die arabische Seite westlich des Jordan zweifellos Yassir Arafat, und keine der beiden Seiten würde die jeweils andere Nomininierung dulden. Das ließe sich endlos fortsetzen, nur noch ein Beispiel: Albert Schweitzer. Ganz klar vor Ort ein Kämpfer gegen tödliche und andere Krankheiten in Afrika. AfrikanerInnen aber sehen ihn als nicht zu preisendes Symbol der Kolonialgeschichte.

      Nee. Es genügt, dass die, die um das Verdienst eines Menschen wissen, ihn ehren, evtl. verehren.

      Ich habe hier eine ältere Broschüre zu Raoul Wallenberg. Titel: “A taste of honey”. Dem ist nichts hinzuzufügen.

      Oben steht: “Gesandtschaften anderer neutraler Länder folgten seinem Beispiel”. Nicht nur. Es gab Diplomaten im Dienst mit Deutschland verbündeter Staaten, die ähnlich handelten. Der Rumäne Constantin Karadja, selbstverständlich geehrt in Yad Vashem, rettete ca. 51.000 vor Deportation und wahrscheinlicher Ermordung. Das Nachkriegsrumänien dankte es ihm nicht. Er starb, verfemt und bei gestrichener Pension, im Jahre 1950. Ähnlich traurig erging es Dimitar Peschew, der die 48.000 Jüdinnen und Juden des mit Deutschland verbündeten Bulgariens nicht allein vor der Deportation per bereits für die Fahrt nach Auschwitz bereitgestellter Güterzüge bewahrte, sondern es auch erreichte, dass ihre Unterdrückung und Diskriminierung beendet wurde. Der Rumäne Traian Popovici rettete in seiner Position als Bürgermeister von Czernowitz
      (ein Posten, den er trotz seiner antifaschistischen Überzeugung aus taktischen Gründen, nach Unterredungen mit Freunden, annahm) ca. 20.000 Jüdinnen und Juden der Bukovina vor der Deportation.

      Als und solange Finnland mit Deutschland verbündet war, ließ es nicht zu, dass die Nazis seine Jüdinnen und Juden antasteten. Das von Deutschland besetzte Albanien schaffte das fast Unvorstellbare, nämlich nicht allein den Abtransport aller seiner Jüdinnen und Juden zu verhindern, sondern nahm auch noch aus anderen Ländern geflohene auf. Das lag allerdings vor Allem an der generell antirassistischen Einstellung der albanischen Bevölkerung. Nicht zu vergessen seien japanische Diplomaten, wie Chiune Sugihara, Konoe Fumimaro, Seishirō Itagaki, die, z.T. unabhängig voneinander in verschiedenen Ländern, z.T. in Japan selbst in höchsten Posten, dazu beitrugen, dass jüdische Menschen zu StaatsbürgerInnen Japans erklärt wurden bzw. Transit-Visa nach Japan, in die Mandschurei und, eher bekannt, nach dem durch Japan besetzten Shanghai erhielten, wo ca. 30.000 Jüdinnen und Juden einen sicheren Hafen fanden. Was den deutschen Judenjägern zwar nicht passte, aber mit dem mächtigen Verbündeten wollte man es sich deswegen nicht verderben.

      Es zeugt von der hohen Qualität fast aller dieser “Engel in Menschengestalt”, dass kaum eine/r sich ihrer/seiner Taten rühmte. Und es ist eine seltsame Ironie der Geschichte, dass nicht zu wenige von ihnen für ihre Aktionen mit Missachtung, ja selbst dem Tode “belohnt” wurden. Wie Wallenberg. Deshalb kann Yad Vashem und seinen HelferInnen und ZuträgerInnen nicht genug gedankt sein dafür, diese Menschen dem Vergessen entrissen zu haben, sie, falls nötig, in jeder Hinsicht zu rehabilitieren.

  • Robert Schlickewitz

    Es lohnt ein Blick in den Wallenberg-Beitrag bei Wikipedia. Dort kann man die zahlreichen Spekulationen zu seinem möglichen weiteren und bis heute ungeklärten Schicksal nachlesen. Auch auf den Schauprozess in Ungarn 1953, der beweisen sollte, dass die Zionisten im Zentralrat der Juden in Ungarn den Schweden auf dem Gewissen hatten, wird kurz eingegangen.