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Menora

Parascha 383. Ansprache für Freitag, den 10. Juni 2011 …

Von Prof. Dr. Daniel Krochmalnik, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Unser Wochenabschnitt beginnt mit einem Gebot für den Hohenpriester: „Wenn du Lichter anzündest (Beha’alotcha) (Num 8, 2). Gemeint sind die Lichter des siebenarmigen Leuchters – der Menora.  Von allen Tempelgeräten hat sich die Menora am längsten gehalten. Nach der Zerstörung des Tempels wurde sie zum Icon der Juden, wie das Kreuz das Icon der Christen war.

Das ist sinnig, weil sich das jüdische Leben auf die Zahl 7 reimt: man braucht nur an die Siebendheiten des jüdischen Kalenders zu erinnern – die Siebentagewoche, der vier mal siebentägige Mondmonat, die siebenwöchige Pfingstperiode, das Neujahrfest im siebten Monat, das Brach- und Erlassjahr alle sieben Jahre, das Jubeljahr alle sieben mal siebten Jahre. Aber die Menora symbolisiert das Leben noch auf direktere Weise. Der aus einem Goldstück getriebene Stamm, die Zweige, Kelche, Knospe und Blüten des Leuchters bilden nach der Bibel einen Baum ab, nämlich den frühzeitig blühenden, darum als wach und „wachsam“ (Schakud) geltenden Mandelbaum (Schaked, Ex 25, 31 ff., 37, 17 ff.).

Das Öl für die Lampen stammte zudem vom immergrünen Olivenbaum. Der immer blühende und nie verwelkende Baum, der immer brennende und nie verlöschende Leuchter Menora (Ner Tamid) verkörpern den paradiesischen „Baum des Lebens“ (Ez Chajim). Auch deshalb ziert die Menora seit der Antike jüdische Sarkophage und Grabsteine.

In Zeiten nationaler Not erschien dieser leuchtende Lebensbaum als Zeichen der Hoffnung – so nach der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil angesichts der Trümmer des Tempels, angesichts der unüberwindlichen politischen Hindernisse, die einem Wiederaufbau entgegenstanden. In einer Vision des Propheten Sacharia, die wir im Anschluss an unseren Wochenabschnitt hören, erschien der goldene Leuchter von zwei Ölbäumen flankiert. Das Öl floss über eine Schale und Kanäle direkt in die sieben leuchtenden Lampen des Leuchters (4, 2-3) – gleichsam ein Dauerbrenner mit natürlichem Brennstofflager. Dieses Bild unerschöpflichen
Überflusses in dürftiger Zeit sollte die Juden ermutigen. Das Bild des von selbst brennenden Leuchters wurde allerdings von einem deutlichen Kommentar begleitet: „nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch Gottes Geist“ (4, 6) soll der Tempel wiedererrichtet werden.

Der jüdische Bibelausleger Raschi verstand den Spruch so: Wie die Olivenbäume von selbst wachsen und ihr Öl von selbst in die Flamme gießen, so wird der Geist Gottes den Machthabern schon die rechte Gesinnung einflössen.  Dies eine Mal hat das Rezept auch funktioniert, der 2. Tempel wurde unter dem Schutz der Perser wiederaufgebaut.

Soviel fromme Geduld brachten die Makkabäer nach der Tempelschändung der Hellenisten nicht auf. Sie erhoben sich und eroberten den Tempel mit Waffengewalt zurück. Nach der Überlieferung galt ihre erste Sorge bezeichnenderweise dem erloschenen „ewigen Licht“. Doch fand sich kein taugliches Öl. Schließlich tauchte eine Eintagesration auf, die acht Tage hielt, bis frisches Öl eintraf. Bis heute feiern Juden dieses Lichtwunder mit dem Lichterfest Chanukka auf einem achtarmigen Leuchter – der Chanukkia. Die Heldensagen der Makkabäer haben die Juden aber nicht in ihre Heiligen Schriften aufgenommen, vielmehr schrieben sie als Pflichtlektüre für das Lichterfest die Leuchter-Vision Sacharjas mit der pazifistischen Botschaft vor: „nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch Gottes Geist“ (4, 6).

Der siegreiche Makkabäer-Aufstand hat zweifellos auch den Aufstand gegen Rom befeuert. Dabei ging der von Herodes großartig erweiterte und verschönerte 2. Tempel in Flammen auf, der 7-armige herodianische Leuchter wurde im Triumphzug in Rom vorgeführt. Ein Relief im Titusbogen auf dem Forum Romanum hat die Niederlage in Stein verewigt. Eben auf diese römische Darstellung des Leuchters griffen die Staatsgründer Israels zurück,
setzten sie zwischen die friedlichen Ölzweige Sacharjas und erhob sie zum Hoheitszeichen Israels. Die Schmach der Niederlage und des Exils, sollte das heißen, ist getilgt, das Zeichen Hoffnung wieder unser.

Die Zionisten sympathisierten aber eigentlich mit den wehrhaften Makkabäern. Sie gründeten überall in der Diaspora Maccabi-Sportclubs für den neuen „Muskeljuden“ (M. Nordau) und veranstalten jüdische Olympiaden – Makkabiaden. Theodor Herzl erzählte 1897 im zionistischen Organ Die Welt die Geschichte eines zum Zionismus bekehrten Künstlers, der über die Chanukkia sinniert und die „Menorah“ als Symbol der nationalen Wiedergeburt gestaltet. Der wieder belebte Baum, das zunehmende Licht, die Kriegshelden – das alles passte zum nationalen Mythos.

Einen solchen Künstler hat es später wirklich gegeben: Benno Elkan (1877-1960), der Schöpfer der Großen Menora von Jerusalem. Dieser jüdische Bildhauer aus Dortmund war vor den Nazis nach England geflüchtet. Er hatte eine Reihe von Figuren-Leuchtern geschaffen, darunter einen Chanukka-Leuchter mit den fünf Makkabäern (1925). Aber den Höhe- und Schlusspunkt dieser Reihe bildet die 4, 5 m hohe und 3, 5 m breite Große Menora von Jerusalem. Elkan hatte von 1947 bis 1956 fast ununterbrochen daran gearbeitet. 1956 schenkte das britische Parlament die Große Menora dem israelischen Parlament zum 8. Geburtstag des jungen Staates. 1966 fand er schließlich seinen heutigen Platz vor der Knesset.

Die Träume Elkans gingen weiter: Er wollte, dass sein Leuchter in zehn- oder zwanzigfacher Vergrößerung als Kolossal-Kandelaber in einem Hafen Palästinas als „Liberty Statue of Judah in the Holy Land“ aufgestellt werde. Dazu ist es nicht gekommen, aber die Silhouette seines Leuchters mit den angewinkelten, wie zum Gebet erhobenen Armen hat als Ikone Israels und Jerusalems den halbkreisförmigen Leuchter des Herodes verdrängt. Auf den 29 Reliefs dieses Leuchters hat der Künstler alle Metamorphosen des Lichterbaumes gestaltet: den Hohepriester im Tempel, die Zerstörung des 1. Tempels, die Leuchtervision Sacharjas, die Makkabäerkriege, die Zerstörung des
2. Tempel und das Exil, die Wiedereinpflanzung im Land – ein Wurzelwerk, ein Stamm und ein dichtes Zweigwerk von historischen Bezügen.

Radio Schalom. Sendung des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern auf Bayern 2, Freitag um 15:05 Uhr

1 comment to Menora

  • Pietz Raimund

    Ich sehe nur sechs Arme. Der Kerzenhalter in der Mitte ist gerade nach oben gerichtet.
    Kennen sie den Chanukka Kerzenleuchter.
    Wieviel Arme hat der Leuchter und wieviel Kerzenhalter.