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Bürgerkrieg in Syrien

Präsident Baschar Assad verliert offenbar zunehmend die Kontrolle über Syrien. Das staatliche syrische Fernsehen, „dessen Glaubwürdigkeit mit Vorsicht genossen werden muss“, so israelische Reporter, berichtete am Montag von mindestens 120 getöteten syrischen Soldaten in der Ortschaft Jisr A-Schrur im Norden des Landes nahe der türkischen Grenze…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 7. Juni 2011

„Bewaffnete Verbrecherbanden“ hätten die Soldaten angegriffen und getötet, so die offizielle Darstellung in Damaskus. Gemäß anderen Quellen hätte Bewohner der Ortschaft einen Militärstützpunkt überfallen, sich dort Waffen und Sprengstoff besorgt und Rache an den Soldaten verübt. Gemäß wiederum anderen Quellen, die alle nicht nachgeprüft werden können, hätten Soldaten eines Militärstützpunktes gemeutert und versucht, über die Grenze in die Türkei zu fliehen. Dabei sollen sie von ihren Regimetreuen Kameraden erschossen worden sein. Bei diesen Zwischenfällen habe es auch Opfer unter der Zivilbevölkerung gegeben, angeblich einige Dutzend Tote und Verletzte, doch Zahlen wurden nicht berichtet. Seit Ausbruch der Unruhen in Syrien habe es nach Angaben der syrischen Opposition im Ausland mindestens 1300 Tote gegeben.

Einen anderen überraschenden Zwischenfall gab es am Montag nach dem Begräbnis von Toten, die bei dem Sturm auf die israelische Grenze auf den Golanhöhen um Leben gekommen sind. Niemand konnte bisher die genaue Zahl der Toten dieser Grenzdemonstrationen vom Sonntag ermitteln, nicht einmal der Rote Halbmond. Unklar ist auch ob und wie viele dieser Demonstranten durch Schüsse israelischer Scharfschützen in deren Beine getötet wurden. Die meisten Toten und Verletzten hat es angeblich bei Kuneitra gegeben, wo die Demonstranten Molotowcocktails in Richtung der israelischen Grenze warfen. Dabei entzündete sich das Gestrüpp, was wiederum mindestens eine Anti-Tank-Mine zur Explosion brachte. Schon am Sonntag wurde von „vielen Verletzten und Toten“ an der Stelle berichtet.

Etwa hunderttausend palästinensische Trauernde zogen nach den Begräbnissen am Montag im „inoffiziellen Flüchtlingslager Al Jarmuk in Damaskus“ zum Hauptquartier der PFLP (Palästinensische Befreiungsfront) des Ahmad Dschibril. Die PFLP ist eine der radikalsten Palästinenserorganisation, die in den siebziger Jahren mehrere Flugzeugentführungen durchgeführt hatte. Die palästinensischen Nachrichtenagenturen WAFA und Maan berichteten am Dienstag, dass die Angehörigen der „zwischen zehn und 23 Getöteten vom Sonntag“ das Hauptquartier gestürmt hätten. Daraufhin schossen Angehörige der PFLP auf die demonstrierenden Palästinenser. Mitarbeiter eines Hospitals in dem Flüchtlingslager hätten 14 Demonstranten für tot erklärt und 43 Verletzte behandelt. Die Trauernden warfen der PFLP vor, die Demonstrationen an der Grenze zu Israel organisiert und die jungen Männer verhetzt zu haben, in den Tod zu gehen, „wegen Interessen, die nichts mit den Zielen der Palästinenser zu tun haben, sondern nur, um Assad zu helfen, von den Aufständen in Syrien abzulenken.“ Das Hauptquartier der PFLP sei in Brand gesteckt worden.

Die oppositionelle syrische „Reformpartei“ behauptete in Washington zudem, dass das syrische Regime jedem Palästinenser tausend Dollar versprochen habe, der sich an dem Sturm auf die Grenze zu Israel beteiligt. Familienangehörigen von Demonstranten, die dabei ums Leben kommen, seien 10.000 Dollar versprochen worden.

Offenbar sehen die betroffenen Palästinenser die Vorgänge an der Grenze ähnlich wie die israelische Regierung. Ohne Duldung und Billigung der syrischen Regierung könnten die Demonstranten gar nicht bis zum militärischen Sperrgebiet entlang der Grenze vordringen. So liegt auch auf der Hand, dass das Assad-Regime die Unruhen an der Grenze zu Israel nutzen wollte, um von den Aufständen im eigenen Land abzulenken. Während das syrische Staatsfernsehen zu den blutigen Aufständen in Dara, Homs und Hama, Banias und bei Damaskus schweigt, hatte es vom Sturm auf die Grenze zu Israel mehrere Stunden lang live berichtet und Israel eines „Massakers“ bezichtigt. Als aber gegen 14 Uhr am Sonntag klar war, dass diesmal die palästinensischen Flüchtlinge nicht bis zum Grenzzaun vorrückten könnten, weil die israelische Armee die Lage einigermaßen unter Kontrolle hatte, wurden die live-Sendungen beendet.

Derweil macht auch die Türkei eine Kehrtwende. Außenminister Ahmet Davutoglu erklärte in einem Interview mit der Zeitung Zaman, dass die radikale Organisation IHH ihren erneuten Versuch, mit dem Schiff Mavi Marama die israelische Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen, „überdenken“ sollte. Vor einem Jahr gab es bei einem ersten Versuch neun Tote unter den mitreisenden „Friedensaktivisten“, als israelische Elitesoldaten das Schiff enterten. Davutoglu rief die IHH auf, abzuwarten und zu prüfen, welche Auswirkungen die Öffnung der Grenze zu Ägypten auf den Gazastreifen habe. Letztlich verlor so die israelische Blockade ihre Wirkung. Gleichwohl könne die Türkei die Pläne der IHH nicht stoppen, weil es sich um eine „private Organisation“ handle.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com

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