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Zum vierten Mal: LIMMUD Deutschland

Zum vierten Mal hat eine Handvoll Ehrenamtlicher mit einer Vielzahl enthusiastischer Helferinnen und Helfer unter der Leitung von Toby Axelrod (New York/Berlin) das kleine Wunder vollbracht, mehr als vierhundert jüdische Frauen und Männer aller Alter, religiöser wie weltlicher Grundauffassungen und Lebensweisen, zu einer temporären jüdischen Gemeinschaft zu verschmelzen, bei dem sich im WIR jedes einzelne Ich gefallen kann. Mitten in Deutschland, nicht anders als seit über 30 Jahren in England, erheblich kürzere Zeit den USA, Südafrika, in den Niederlanden, in Istanbul wie St.Petersburg und anderswo…

Von Irene Runge

Nordöstlich von Berlin ist die ehemalige DDR-Pionierrepublik am Werbellinsee der ideale Ort für diese Art Zusammentreffen von jüdischen Kleinstkindern, sehr – und weniger jungen Männern und Frauen, mit solchen im allerbesten Alter und jenen, die wie ich längst darüber hinaus sind. Die Sprachen wechselten zwischen deutsch, englisch, hebräisch, russisch, französisch, sogar tschechisch und ungarisch waren zu hören. Simultan, mehr noch privat wurde gedolmetscht. Für Vorträge und Diskussionen reichten Deutsch, Englisch und Russisch, israelische Filme führten englische Untertitel.

Am Ende dieses langen Wochenendes war erneut klar, warum Mitglieder der verzweigten jüdischen Großfamilie in aller Welt dem Aufruf zu fast pausenlosem Lernen, zu geselligen und besinnlichen Stunden, zu gemeinsamem Rückzug und zu überbordender Kommunikation folgen. Auch am Werbellinsee ging es in Kurz-, Kino- und Fernsehfilmen, Vorträgen, Diskussionen, Lesungen, Podien und beim Essen vorrangig und nachdrücklich um das Jüdische als mannigfachen Lebensentwurf, als ethische Maxime, um Alltagserfahrungen, Religionskritik, Glaubensfragen, um die Erkenntnis, dass die jüdische Realität gestaltbar ist. Immer wieder fügten sich aus dem Tross der vielen Anwesenden Kleingruppen von Lern- und Lehrwilligen gemäß ihrer jeweiligen Interessenslage und gegenseitiger Sympathie.

Mich selbst zog überraschend die israelische Fernsehserie „Srugim“ in ihren Bann. Hinreißend schön, ebenso klug und komödiantisch moderierte Havva Deevon, die orthodoxe „Erfinderin“ und Autorin der verblüffenden Soap-Opera ihre Serie. Ihre Anmerkungen machten mich (rein theoretisch) fast auf das gesetzestreue Leben neidisch. Allgemein, ganz menschlich und wahrheitsgemäß, somit auch in unseren Lebenswelten nachvollziehbar, spielt sich in jeweils 28 Minuten das schiefe Beziehungsgefälle ab, das typisch für heute 30jährige ledige Angehörige der hochschulgebildeten orthodoxen Jerusalemer Single-Kultur ist. In dieser neuen sozialen Mitte geht es heiß, witzig, pointiert, aber im religiösen Detail penibel genau zu. Das, so die Autorin, scheint der Schlüssel zum Erfolg. Oberflächlich lässt sich an „Sex in the City“ denken, aber für diese Liebeshungrigen setzt Sex die Hochzeit voraus, so wird das Heitere nach und nach zur menschlichen Tragödie, weil die verspätete Suche nach Liebe nicht nur mit dem religiösen Kodex, sondern auch mit der biologischen Uhr kollidiert. Die spannenden Akteure, Einblicke ins intime Reglement der modernen Orthodoxie, die Dialoge, alles verführte dazu, bis in den frühen Morgen auf die Leinwand zu starren und anderes nicht zu erleben. Das Thema war bitter auch in israelischen Dokumentarfilmen zu sehen. Aber nur bei LIMMUD kann zeitgleich Rebbezin Dvora über Schiduchim, also Heiratsvermittlungen, sprechen und das persönliche Beratungsgespräch offerieren, kann eine israelische Staranwältin ihre harten Berufserfahrungen mit jüdischem Familienrecht und bei Ehescheidungen vorstellen. Das Thema „Gender“ ist auf Jüdisch immens.

Tora und Talmud, Auslegungen und Deutungen, orthodox bis liberal, das war den religiös Interessierteren so wichtig wie mir diesmal das Kino. Zu „Tikkun Olam“ gehörten auch Themen wie jüdische Entwicklungsarbeit in der Dritten Welt oder das Neue Israel Forum und die Unterstützung dortiger linker Projekte. Biblische Quellen, rabbinische Auslegungen, jüdische Ethik, ganz allgemein und besonders ging es um die Vorgeschichte, Israel, den Holocaust, die Zukunft. Es gab viel zu lernen, doch wurde nicht nur geredet, sondern auch getanzt, gesungen, spaziert, getöpfert und geflirtet. Am Schabbat ließ sich beten oder jenseits des Eruv spazieren. Mich zog es Erew zur traditionellen Orthodoxie und zum jungen Brandenburger Landesrabbiner Shaul Nekrich, doch als Vorbeter firmierte Abe, ein junger New Yorker, zur Zeit Doktorand in Berlin. Nekrich, einst Mathematiker, war mit Familie angereist und nahm freundlich und bestimmt die halachische Oberaufsicht wahr. Zudem bot er auf Russisch sehr gut besuchte Vorträge an, wie übrigens alle anwesenden Rabbiner, Rabbinerinnen und Kantoren. Nicht nur die orthodoxe Betstube, auch die der Reform, Masorti, Rekonstruktionalisten und der egalitär Orthodoxen waren sehr gut besucht. Am Schabbat drängte ich mich in Eldad Becks Vortrag, der unter anderem über mögliche Entspannung im Nahen Osten und Säkularisierung der arabischen Welt nachdachte. Auf der Wiese gab es täglich Atemgymnastik, doch der liberale Rabbiner Tom Kucera erörterte unabhängig davon sein Konzept der Seele und des Atems anhand jüdischer Theologie, was die Streitlust anwesender Mediziner schürte.

Oft war vom jüdischen Leben im heutigen Deutschland die Rede, das am Werbellinsee sehr spür- und hörbar stattfand, heftig debattiert und unterschiedlich wahrgenommen. Erneut war das Essen der israelischen Köche und dank des Mashgiach der Lauder-Foundation „kosher – and very good“, alle Mitwirkenden der Küche gaben ihr Bestes. Kaffee, Tee und Kuchen gab es unentgeltlich an mehreren Orten. Beim Shuk wurden Bücher, Kultgegenstände, Süßigkeiten und Kunstgewerbe verkauft.

Mir hat dieses vierte Limmud-Festival ausgesprochen gut gefallen. Aber warum? War ich entspannter als sonst? Ergab die Zusammensetzung der Teilnehmenden diesmal ganz besonders produktive Konstellationen und Kräfte? Natürlich diente die Sonne der guten Stimmung, den kleinen Gesprächen am Rande, dem Tratsch unter Bäumen, der Ernsthaftigkeit des Austauschs, dem Kennenlernen am Rande und mitten im Geschehen. Mir erschienen alle und alles herzlich und offen, sogar mein schäbiges Russisch wurde liebevoll von Eingewanderten gelobt. Diesmal schienen alle mit allen kommunizieren zu wollen. Und wenn es sie gab, dann blieben Störungen im Ablauf unbemerkt, selbst die übliche Hysterie beim organisatorischen Ablauf fehlte, und man hatte sinnvollerweise auf überflüssige Redemarathons von durchziehenden Ehrengästen verzichtet. Auf den kleinen Schildern, die stets zu tragen waren, standen fett die Vornamen, die Heimatstädte galt es zu erfragen. Jede Begegnung war auf Augenhöhe möglich.

Ein solch‘ ungezwungenes jüdisches Miteinander lebt natürlich nicht allein von der großen Begeisterung. Unbezahlbare Ideen, der Vernetzungsgewinn, die Hilfe aller sind eine Seite der Medaille, die andere gehört den Sponsoren. Für deren finanzielles Wohlergehen werden für 2012 wohl vermutlich noch manche Stoßgebete nötig sein, damit LIMMUD Nr. 5 um den 1. Mai wieder am Werbellinsee stattfinden kann. Ich bin mir sicher, dass in einem Jahr vertraute und neue Limmudniks aus ganz Deutschland und aller Welt anreisen wollen, weil sie neugierig aufeinander und auf der Suche nach Erkenntnissen aus den altneuen jüdischen Themen sind.

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