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Omerzählung

Parascha 380. Ansprache für Freitag, den 20. Mai 2011 …

Von Prof. Dr. Daniel Krochmalnik, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Wie die fünfzig Tage zwischen Ostern und Pfingsten im Kirchenjahr so sind die fünfzig Tage zwischen dem Pessach- und dem Schawuotfest im Synagogenjahr eine besondere Zeit. Sie wird nach der ersten Garbe der neuen Ernte – hebräisch: „Omer“ – Omerzeit genannt und Tag für Tag feierlich abgezählt. Heute ist z. B. der 31. Tag der Omerzählung.

Nach der geschichtlichen Sinngebung der jüdischen Wallfahrtsfeste Pessach und Schawuot entspricht die Omerperiode der Zeit zwischen dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten (15. Nissan) und der Gesetzgebung am Sinai (6. Siwan). So wie es an Pessach jedes Jahr Pflicht ist, „sich vorzustellen, man sei selbst aus der Sklaverei in Ägypten ausgezogen“ (Haggada), so ist es in der Omerzeit Pflicht, sich vorzustellen, man sei selbst unterwegs zum Empfang des göttlichen Gesetzes.

Zur Vorbereitung auf das Offenbarungsfest ist es in dieser Zeit z. B. üblich, an jedem Schabbat ein Kapitel aus dem Talmudtraktat Sprüche der Väter zu lesen. Im sechsten Kapitel werden die achtundvierzig Kompetenzen aufgezählt, die zum Erwerb der Tora befähigen (Kinjan Tora). Dazu gehören Kompetenzen wie die Fähigkeit zum Zuhören (Schmiat HaOsen, Nr. 2) und die Freude am Lernen (Simcha, Nr. 9), die Bereitschaft, sich Lehrern anzuschließen (Schimusch Chachamim, Nr. 10) und die eigenen Bedürfnisse einzuschränken, etwa das Bedürfnis nach Schlaf, Unterhaltung, Lustbarkeiten (Nr. 18-20). Neben solchen pädagogischen Forderungen werden moralische Tugenden wie Geduld (Erech Apajim, Nr. 21) und eine korrekte Selbsteinschätzung (Makir Et Mekomo, Nr. 26) angeführt, aber auch zu meidende Laster des Schulbetriebes, wie Gelehrtendünkel (Lo Megis Libo BeTalmudo, Nr. 37) und Oberlehrergehabe (Ejno Sameach BeHora’a, Nr. 38). Die Liste legt großen Wert auf die Liebesfähigkeit des Studenten: Gottesliebe, Menschenliebe, Liebe der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit (Nr. 30-35). Wenn man jedem Tag der Omerzeit eine der 48 Eigenschaften zuordnet, dann war gestern z. B. der Tag der „Beliebtheit“ (Ahuw, Nr. 30). Das heißt, keiner kann die Tora besitzen, wenn er sich – etwa durch seine hohen religiösen Ansprüche – allgemein unbeliebt macht. Toraerwerb ist offensichtlich ein schwieriges Geschäft.

Größerer Bekanntheit erfreut sich eine andere Charakterisierung der Omertage. In der Omerzeit soll man sich auf den mystischen Aufstieg des Menschen zu Gott bzw. auf den mystischen Abstieg Gottes zum Menschen vorbereiten. Nach der jüdischen Mystik, der Kabbala, erfolgt dieser Abstieg in zehn Stufen und Erscheinungsweisen der Gottheit – „Sfirot“ genannt. Die sieben unteren, in der Reichweite des Menschen liegenden Sfirot werden nach dem Gebet Davids im 1. Buch der Chronik aufgezählt: die „Großzügigkeit“ der Gnade, die „Strenge des Gerichts, die „Herrlichkeit“, der „Triumph“, die „Pracht“, die „Gerechtigkeit“ und die „Herrschaft“ (29,11). Jedem der neunundvierzig Tage der Omerzeit wird nun eine Paarung dieser sieben Sfirot zugeordnet. Dadurch steht jeder der neunundvierzig Tage im Zeichen einer einzigartigen mystischen Konstellation, der gestrige Tag stand z. B. im Zeichen des „Gerichts in der Pracht“. Die Kombination gibt zu denken, denn in unserer Welt überstrahlt die Pracht oft die Gerechtigkeit und die Gerechtigkeit wird unterdrückt. Ganz anders sieht das göttliche Ideal aus: Die Gerechtigkeit soll prächtig und die Pracht gerecht sein.  

Die Omerzeit ist aber vor allem eine Trauerzeit, in der jüdische Männer sich Haupt- und Barthaar nicht scheren und keine fröhlichen Feste feiern. Ausnahme ist der 33. Tag des Omer – hebräisch: Lag BaOmer – am kommenden Sonntag. Es ist ein spezieller Freudentag für Schüler, an dem sie fröhliche Ausflüge in die Natur unternehmen, Lagerfeuer anzünden und mit Pfeil und Bogen spielen. Die Trauerperiode davor wird auf eine verhängnisvolle Epidemie unter den Schülern des großen Rabbi Akiwa zurückgeführt. Der Talmud erzählt: „Zwölftausend Schülerpaare hatte Rabbi Akiwa, und sie alle starben in demselben Zeitraum – nämlich von Pessach bis Schawuot (…). Und die ganze Welt lag wüst, bis R. Akiwa zu unseren Lehrern im Süden kam und sie die Tora lehrte (…) Und sie, sie richteten die Tora in jener Zeit auf (Heemidu Tora)“ (bJew 62b). Am Lag BaOmer soll das Massensterben aufgehört haben. Die Kinderspiele mit Pfeil und Bogen weisen vielleicht auf einen anderen Grund für dieses Massensterben hin. Rabbi Akiwa hat den zweiten jüdischen Krieg gegen Rom unterstützt. Seit dem Mittelalter häuften sich in der Omerzeit weitere nationale Katastrophen: Die Massenmorde an den deutschen Juden im ersten Kreuzzug, die Massenmorde an den polnischen Juden während des großen Kosakenaufstandes (1648). Dieser Märtyrer wird in den Synagogen während der Omerzeit gedacht. Schließlich fiel während des Zweiten Weltkrieges in diese Zeit die Erhebung und der Untergang des Warschauer Ghettos. Darum wurde der offizielle israelische Holocaust-Gedenktag, der „Tag der Vernichtung und des Heroismus“ auf den 11. Tag der Omerzeit gelegt. Vielleicht übertreibt die talmudische Erzählung die Verluste unter den Schülern Rabbi Akiwas, doch sie sind nichts im Vergleich zu den Mordstatistiken unserer Zeit. Der Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, gab zu: „Die erreichte höchste Zahl innerhalb 24 Stunden an Vergasungen und Verbrennungen war etwas über 9000“. Wie einst Rabbi Akiwa nicht verzagte und wieder zu pflanzen begann, sodass bereits sein Enkelschüler, Rabbi Jehuda, den Grund zur talmudischen Literatur legen konnte, so haben die Überlebenden der Shoa die „verwüstete Welt“ wieder beackert und heute blühen weltweit mehr Talmudakademien als je zuvor.

Zwischen diesen traurigen Aspekten der Omerzeit und ihren ursprünglichen landwirtschaftlichen und geschichtlichen Bedeutungen gibt es einen scharfen Kontrast. In der Zeit, in der der Bauer in Israel seine Ernte reifen sah, holte der Tod in den späteren Jahrtausenden seine reiche Judenernte ein. Ausgerechnet die Vorbereitungszeit für den Empfang der göttlichen Lehre ist auch die Zeit des großen Schülersterbens. Das ist eine wichtige Lehre: Wachstum und Untergang, Empfang und Verlust der Tora liegen oft nahe beieinander!

Radio Schalom. Sendung des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern auf Bayern 2Freitag um 15:05 Uhr

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