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Passionsspiel in Oberammergau – immer noch antijüdisch

Die Autoren der neu aufgearbeiteten Passionsspiele in Oberammergau haben sich große Mühe gegeben, die lange Tradition anti-jüdischer Elemente in dem ältesten Passionsspiel der Welt zu unterbrechen. Gleichwohl enthält das Manuskript immer noch problematische Darstellungen. Zu diesem Schluss kommen Forscher und Experten des amerikanischen Rates der jüdisch-christlichen Beziehungen (CCJR). Deren Untersuchung wurde von der Anti-Diffamation-League verbreitet…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 17. Mai 2010

Zu den positiven Aspekten der Neubearbeitung des Passionsspiels heben die Autoren des Reports hervor, dass die jüdische Gesellschft in der Zeit Jesu als „vielfältig und vibrierend“ dargestellt wird. Jesus werde wird eindeutig als Jude beschrieben. Die Beziehungen zwischen dem Hohepriester Kaifas und Pontius Pilatus seien „nüanciert“.

Negativ angemerkt werden Verknüpfungen zwischen dem Alten und NeuenTestament, wobei die Erwähnung der biblischen Episode des Goldenen Kalbes in Exeodus 32 von den Experten als „besonders problematisch“ gesehen wird. Die Priester des Jerusalemer Tempels seien „nicht akkurat“ vor allem mit ihrer „Reinheitsdoktrin“ beschäftigt. Typische Debatten in der damaligen Zeit zu Fragen des Religionsgesetzes seien in „erhebliche Verstöße“ umgewandelt worden. Anachronistisch bezeichne das Stück in der Folge Jesus als „Häretiker“ und „Ketzer“. Der Hohe Priester Kaifas, im Stück der zentrale Antagonist, sowie Annas, würden „unnötig und grundlos“ als Fanatiker porträtiert, die Jesus am Kreuz sehen wollten. Die Autoren des Reports kommen zum Schluss, dass die jüdischen Widersacher Jesu in „ungerechter Weise“ mit „extremen Bezeichnungen“ versehen wurden, was beim Publikum einen „negativen Eindruck über die gesamte jüdische Gemeinschaft“ hinterlassen könnte.

In der Vergangenheit habe das Passionsspiel von Oberammergau die Juden freilich als sündig gegen Gott und gar als „Gottesmörder“ präsentiert. Das habe zu gewalttätiger Feindschaft gegen Juden geführt. Erst nach dem Holocaust kam Kritik dagegen auf und seitdem sei das Manuskript überarbeitet worden.

In dem Report wird den Verfassern des Manuskripts der Passionsspiele empfohlen, den Text weiter zu bearbeiten und die noch verbliebenen anti-jüdischen Elemente zu entfernen.

Bei einem Treffen der Direktoren des CCJR erhielten die Wissenschaftler das Mandat, das Manuskript des Passionsspiels zu überprüfen, ob es dem heutigen Standard entspreche, die Passion Jesu nicht als Anklageschrift gegen alle Juden damals oder heute zu betrachten. Juden sollten nicht als Verstoßene oder Verfluchte Gottes vorgeführt werden. Die Forscher erhielten den Auftrag, die heutige geschichtliche und biblische Forschung zu berücksichtigen und die relevanten Erklärungen der Kirchen.

Das Oberammergauer Passionsspiel geht auf einen Eid der Dorfbewohner aus dem Jahr 1633 zurück, nachdem eine Epidemie viele von ihnen dahingerafft hatte. Seit 1634 wird alle zehn Jahre die Passion Jesu aufgeführt. In diesem Jahr wird es 102 Aufführungen zwischen dem 15. Mai und dem 3. Oktober vor jeweils 4700 Zuschauern geben. Insgesamt rechnet man mit einer halben Million Zuschauer bei dem ältesten bis heute regelmäßig aufgeführten Theaterstück.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com

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60 comments to Passionsspiel in Oberammergau – immer noch antijüdisch

  • Makirov

    Dazu möchte ich mich einer Empfehlung der Redaktion anschliessen:

    Jeder Mensch hat irgendwelche Grundprinzipien des Denkens und Handelns, die sich nicht mehr aus vorangehenden Prinzipien ableiten lassen, und die, logisch gesehen, “ideologisch” sind; das ist normal, und die Auseinandersetzung damit ist nicht unbedingt brisant. Die Sache ändert sich, wenn eine Ideologie fanatisch wird und beginnt, die Welt zu tyrannisieren. Es kommt dann zu den religiösen, rassischen, ideologischen oder ethnischen “Säuberungen”. Dies ist der Punkt, an dem nach einer aufklärerischen Gegenbewegung gerufen wird; aber sie hätte schon viel früher einsetzen müssen.

    Zwischen einer scheinbar harmlosen Ideologie und ihren gar nicht harmlosen, radikalen Anwendungen lassen sich keine klaren Grenzen ziehen. Deshalb muß die Aufklärung an der Wurzel des Übels ansetzen. Es rächt sich, wenn man den Glauben an Hexen und Zauberer respektiert und zugleich hofft, dass niemand diesen Glauben „missbrauchen” oder „radikal” interpretieren, d. h. auf die Jagd nach Hexen und Teufeln gehen wird.

    http://buecher.hagalil.com/2010/05/fundamentalismus-2/

  • Pat

    Mir fällt dazu Albert Einstein ein:
    Schau ich mir die Juden an,
    hab’ ich wenig Freud daran.
    Fallen mir die andern ein,
    bin ich froh ein Jud’ zu sein.

    Das Thema, wer hat Jesus umgebracht, und wer behauptet immer noch, es seien die Juden gewesen, wurde hier doch schon einmal ausführlich erörtert. Ich glaube im Forum. Scheint eben doch ein Dauerbrenner, so skuril sich das für manche, insbesondere wohl Atheisten, auch anhören mag.

  • Robert Schlickewitz

    @Luise
    “…allerdings ist ja das Christentum eher ein Problem der Christen”

    Ach ja, und was ist bitteschön mit den 2000 Jahren grausamster Verfolgungen von Juden durch Christen im Zeichen des christlichen Kreuzes?

    Und ob das Christentum ein Riesenproblem für jeden ist, der die christlich-jüdische Hassgeschichte kennt!

    Vergessen Sie bitte nicht, dass der Nationalsozialismus ‘nur’ der Höhepunkt einer jahrhundertealten ‘Evolution’ christlichen Judenhasses war! Alle Naziführer entstammten katholischen oder evangelischen Familien, waren mit christlichen Traditionen und Wertvorstellungen großgeworden und bauten schließlich ihre Ideologie konsequent auf dem alten christlichen Hass auf.
    Und die Kirchen, die evangelische wie die katholische, halfen tatkräftig mit, wenn es ums Ausrotten ging. Sie stellten die Taufregister und anderen Unterlagen den NS-Stellen zur Auswertung zur Verfügung, dann brauchte nur noch die Gestapo vorfahren und der Fall war erledigt…

    Sagen Sie mal, wie naiv sind Sie eigentlich, ‘liebe’ Luise?

    Bitte lesen Sie das und dann unterhalten wir uns weiter; der O-Text stammt von einem katholischen Geistlichen, Sie werden sich also schon nicht die Finger dran verbrennen:

    http://www.hagalil.com/archiv/2009/05/06/doellinger/

  • Robert Schlickewitz

    @Pat

    Von Einstein stammt auch das, deutlich und klar:

    “Wer von der kausalen Gesetzmäßigkeit allen Geschehens durchdrungen ist, für den ist die Idee eines Wesens, welches in den Gang des Weltgeschehens eingreift, ganz unmöglich…

    Die Furcht-Religion hat bei ihm keinen Platz, aber ebensowenig die soziale bzw. moralische Religion. Ein Gott, der belohnt und bestraft, ist für ihn schon darum undenkbar, weil der Mensch nach äußerer und innerer gesetzlicher Notwendigkeit handelt, vom Standpunkt Gottes aus also nicht verantwortlich wäre, sowenig wie ein lebloser Gegenstand für die von ihm ausgeführten Bewegungen…

    Das ethische Verhalten des Menschen ist wirksam auf Mitgefühl, Erziehung und soziale Bindung zu gründen und bedarf keiner religiösen Grundlage. Es stünde traurig um die Menschen, wenn sie durch Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Belohnung nach dem Tode gebändigt werden müßten”.

    Aus “Religion und Wissenschaft” / “Mein Weltbild”, 1930

  • udosefrioth

    R.Schlickewitz

    “Vergessen Sie bitte nicht, dass der Nationalsozialismus ‘nur’ der Höhepunkt einer jahrhundertealten ‘Evolution’ christlichen Judenhasses war! Alle Naziführer entstammten katholischen oder evangelischen Familien, waren mit christlichen Traditionen und Wertvorstellungen großgeworden und bauten schließlich ihre Ideologie konsequent auf dem alten christlichen Hass auf”

    Hmm, entgegen der Religionsvorstellung hing die NSDAP an den Wahn der Rasse! Das war zwar auch nicht NEU (Spanien war hier Vorreiter) … aber DER Unterschied zu den “Beiden” christlichen Hauptkirchen; hier reichte ein KONVERTIEREN, bei der NSDAP eben nicht!

  • Robert Schlickewitz

    @udosefrioth

    Wie möchten Sie denn gern, dass man Ihren Einwand interpretiert?

    Dass die Kirche(n) in den zwei Jahrtausenden, in denen sie Frauen (“Hexen”), Ketzer, Juden, Sinti und Homosexuelle grausam hetzte, verfolgte, ermordete – wesentlich humaner war(en) als die Nazis in zwölf Jahren?

    Oder, dass doch kein Zusammenhang zwischen kirchlichem Judenhass und Naziantisemitismus bestand?
    Sehr verworrene Sichtweise!

    Außerdem zu Ihrem “hier reichte ein KONVERTIEREN”:

    Es gab sehr viele Menschen, auch Juden, für die kam Konvertieren aus religiöser Überzeugung eben nicht in Frage und die wurden dann mit Feuer oder Schwert allergrausamst hingerichtet, im Zeichen des Unheils (des Kreuzes).
    Welch eine abscheulich inhumane Religion, diese christliche Religion doch ist.

    Juden haben nie Christen mit Gewalt zur Konversion ‘überredet’.
    Ist doch wesentlich sympathischer.
    Meinen Sie nicht auch?

  • paul

    Schlickewitz,
    wenn hier auf einen Poster “verworrene Sichtweise” zutrifft, dann wohl auf Sie. Selten haben Sie so krude Ansichten geäußert wie im Zusammenhang mit den Festspielen und dem Christlichen Glauben. Für viele schießen Sie weit über das Ziel hinaus. Ist das kein Anlass mal nachzudenken? Immerhin üben Sie hier harsche Religionskritik.

  • udosefrioth

    R.Schlickewitz
    “@udosefrioth, Wie möchten Sie denn gern, dass man Ihren Einwand interpretiert? “

    Mir ging es um die Mutation des Antisemitismuses; im 3ten Reich war das Fundament eben Rassismus und nicht die Religion.
    Mein Beispiel “Konvertieren” sollte dies aufzeigen. Für die Kirchen reichte dies aus; für den Staat aber nicht.
    Natürlich waren auch im 3ten Reich kirchliche Wurzeln für den Antisemitismus “Mit”-verantwortlich, dies kann und muß man anklagen, aber die NSDAP ging hier weiter.

  • Eine Schweizerin

    Ich sehe es so, dass die Kirche eigentlich nur ein Interpretationsgebäude der Bibel ist und die Bibel (auch das Neue Testament und deren größtenteils jüdischen Schreiber) nicht viel damit zu tun haben. Es war damals ein interjüdischer Konflikt, der von den später entstandenen Kirchen missbraucht wurde. Die ersten Christen waren Juden, blieben es auch und hielten die jüdische Religion weiterhin ein. Weitere Konflikte begannen erst aufzubrechen, als Nichtjuden Christen wurden. Trotzdem war es ihnen bewusst, dass der “Menschensohn”, auf den sie sich beriefen, Jude war, was ja wieder ein Kompliment für die Juden ist. Jesus hätte auch irgendein Barbar sein können oder ein Römer. Doch war er Jude, das war christlich gesehen Gottes Plan. Ich denke, die Kirchenchristen danach störten sich eben genau an diesem Umstand. Im Grunde genommen kreuzigten sie Jesus immer wieder, indem sie Juden verfolgten und töteten, wie es schon Jesus prophezeite. Jesus sah das Schicksal der Juden voraus, nicht als Strafe, sondern als Folge des Judenhasses in dieser Welt, ein Judenhass, der schon damals bestand. Jesus verhielt sich in seinem ganzen Gehabe wie ein alttestamentarischer Prophet. Er fühlte sich als Jude, deshalb war es für ihn selbstverständlich, Schelte auch gegen Juden auszusprechen, so wie es die Propheten des Pentateuch und der Tora auch selbstverständlich für sich in Anspruch nahmen. Überhaupt bestand unter Juden immer Meinungsfreiheit, was positiv zu werten ist. Jesus nannte sich stets nur Menschensohn und ließ sich nie als Gott ansprechen oder anbeten. Es gibt nur eine Stelle, welche die späteren dogmatischen Christen als solches missdeuteten, und zwar in der Apokalypse, wo der Träumer Jesus als Gestalt sah und deshalb demütig ansprach. Aber das war ein (symbolträchtiger) Traum und das Anbeten kam vom Träumer aus. Jesus war kein Gotteslästerer, auch nicht im weiteren Sinne. Es gab keinen Grund für die Juden, ihn deswegen anzuklagen. Nur die Römer mussten Jesus fürchten, weil dieser Jesus gerade unter den Juden sehr beliebt war und einige aufrührerische Juden (wie Barabbas) hofften, er würde sie gegen die Römer anführen. Johannes der Täufer wurde als (friedlicher) Aufrührer auch schon hingerichtet, so wie Barabbas (als gewaltsamer). Das ist der Beweis, dass die Römer die Schuldigen waren. Der Judenhass später verdrehte das alles gegen die Juden.

    Lieben Gruß

  • Robert Schlickewitz

    Wir waren beim Lieblingsdichter der Deutschen, beim Namensgeber der weltweiten Goethe-Institute und dessen Einschätzung der Kirche, des Katholizismus’, des christlichen Symbols und des “Gottessohnes” stehen geblieben.

    JWG hat sich recht differenziert und in seinen verschiedenen Schaffensphasen zu diesen Themen geäußert und seine Worte verdienen auch heute noch unsere Aufmerksamkeit.

    Während sich JWG in seinen früheren Jahren dem christlichen “Heiland” gegenüber ein wenig abschätzig geäußert hatte, revidierte er im vorgerückten Alter seine Meinung und gestand ein, Jesus habe an einen Gott geglaubt, “dem er alle die Eigenschaften beilegte, die er in sich selbst als Vollkommenheit empfand. Er ward das Wesen seines eigenen schönen Inneren, voll Güte und Liebe wie er selber, und ganz geeignet, daß gute Menschen sich ihm vertrauensvoll hingaben und diese Idee als die süßeste Verknüpfung nach oben in sich aufnahmen.”

    Das kirchliche Christentum hingegen lehnte JWG zeitlebens ab und schmähte es, sooft er nur konnte. Den kirchlichen Kult kritisierte er mit Worten wie: “Das Carneval muss man sehen, so wenig Vergnügen es gewährt: eben so ist’s mit den geistlichen Mummereien.” bzw. “Vom Theater und den kirchlichen Zeremonien bin ich gleich übel erbaut, die Schauspieler geben sich viel Mühe um Freude, die Pfaffen, um Andacht zu erregen.” Den Papst schilt JWG “den besten Schauspieler” Roms.

    Den Katholizismus nennt er eine “durch Pfaffenwesen verunstaltete Lehre”.

    Die Christologie, die Lehre von der Erbsünde, von der Erlösung, sowie von der Göttlichkeit Jesu – diesen Kram also lehnte er ebenfalls ab, weil er sie als Dogmen erkannte und nicht von Jesus vertreten ansah.

    In JWG’s Venezianischen Epigrammen kommt er zur Sache:

    “Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen Dinge
    Duld ich mit ruhigem Mut, wie es ein Gott mir gebeut.
    Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider
    Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und Kreuz:”

    (Klingt doch auch heute noch modern und vernünftig, abgesehen von seiner damals typisch deutschen Knoblauchfeindschaft!)

    Der “Lattengustl”, der omnipräsenten Jesus am Kreuze aus Holz, Eisen, Stein, also, rief bei JWG wie bei allen Menschen mit bon sense stärksten Widerwillen hervor:

    “Mir willst du zum Gotte machen
    Solch ein Jammerbild am Holze!”

    “Das leidige Marterholz, das Widerwärtigste unter der Sonne, sollte kein vernünftiger Mensch auszugraben und aufzupflanzen bemüht sein. Das war ein Werk für eine bigotte Kaiserin-Mutter: wir sollten uns schämen, ihre Schleppe zu tragen.”

    JWG über die Kirche: “Sie will herrschen, und dazu muß sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist, sich beherrschen zu lassen.” Und weiter, nichts fürchte die Kirche “mehr als die Aufklärung der unteren Masse”

    (Dies sind doch sensationelle Erkenntnisse, wen man bedenkt, dass JWGoethe an der Wende von 18. zum 19. Jahrhundert lebte und dachte!)

    Allgemein zum Christentum:

    “Den deutschen Mannen gereicht’s zum Ruhm,
    Daß sie gehaßt das Christentum.
    Bis Herrn Carolus leidigem Degen
    Die edlen Sachsen unterlegen.”

    Sich selbst bezeichnete der Dichtervater der Deutschen übrigens oft als “Heiden” oder als “dedizierte(n) Nichtchrist(en)”

    Und über seinen eigenen Sohn, der den Vater wohl zum Vorbild genommen hatte, schrieb JWG hoch erfreut: “Es scheint, das entschiedene Heidentum erbt auf ihn fort”.

    Auch in seinem Faust (I) kommt JWG nicht an einem Seitenhieb auf die “Hure Babylon” vorbei:

    “Die Kirche hat einen guten Magen,
    Hat ganze Länder aufgefressen
    Und doch noch nie sich übergessen.
    Die Kirch’ allein, meine lieben Frauen,
    Kann ungerechtes Gut verdauen.”
    (1808)

    Wirklich bedauerlich, dass unsere Kirchen den JWGoethe nicht für sich vereinnahmen können (“unser großer christlicher deutscher Dichter Johann Wolfgang von Goethe” geht ja nun wohl schlecht! “Unser großer heidnischer deutscher Dichter JWG” hingegen kommt eher hin.)

    Sollte ‘uns’ (vor allem ‘uns’ Katholiken) das nicht zum Nachdenken geben, dass unsere treudeutsche Identifikationsfigur Nummer Eins, die absolute Ikone der Deutschen (dessen Namen immerhin 53 % aller Deutschen korrekt schreiben können!) bereits vor 200 Jahren so kritisch über das Christentum dachte?

    Vielleicht ist ‘es’ ja tatsächlich Mist.

  • Eine Schweizerin

    Ganz ehrlich: Spätestens nach den aktuellen Missbrauchsfällen in den Kirchen wäre ich ausgetreten. Früher, als ich Goethe las und vortrug, fand ich seine Haltung etwas übertrieben, spürte aber, dass er seine Gründe gehabt haben musste. Trotzdem kenne ich einen alten Mönchspater, der wirklich sehr nett ist und eine tiefe Liebe ausstrahlt. Solche Kirchenmänner gibt es zum Glück auch. Bei der Beerdigung meines Onkels sprach ein alter reformierter Pfarrer eine sehr ergreifende Predigt über die Liebe und Gottesnähe eines jeden Menschen, fand ich auch sehr schön. Ich denke, diese beiden Männer haben verstanden, was Jesus mit der Liebe als Kennzeichen wahrer Nachfolge meinte. Sind aber eben nicht viele, die es wirklich verstehen. Allein an der Liebe sind sie zu erkennen. Schon Jesus sprach davon, dass viele in seinem Namen sprechen werden, in Wirklichkeit jedoch Irrlehrer und Heuchler sein werden. Wer, außer den Kirchen, spricht im Namen Jesus, ist also eigentlich ziemlich klar, dass er hier die Kirchen und ihre Taten voraussah.

  • Robert Schlickewitz

    @Eine Schweizerin

    Ich auch. Ich kannte auch einen lieben Benediktinermönch, der Mitte der 1920er Jahre Deutschland verließ (der erkannt hatte, dass Deutschland nicht mehr zu retten war) und sich in Brasilien dem Schicksal der Armen widmete, der im Laufe seines Lebens auch wirklich etwas Positives bewirkt hat, etwas was ihn selbst überlebt hat.
    Aber was hilft’s – zwei Anständige unter Hunderttausend Lumpen, die zuallererst an sich denken, die gut leben wollen auf Kosten der Allgemeinheit, die Wasser predigen und teuren Wein trinken (dazu Schweinebraten mit Rahmsauce genießen wollen wie unser kürzlich so schmählich gestürzter bayerischer Bischof Mixa) und die doch tatsächlich glauben, im “Himmel” sei ‘nachher’ noch was für sie frei (!).

    Goethe hatte schon recht von der römischen Kirche als von der “babylonischen Hure” zu sprechen.

    ============================================================

    Nach dem prominentesten der deutschen Heiden, Goethe, nun wieder ein Philosoph, ein Gegner Nietzsches, und doch in Sachen Christentum auf einer ähnlichen Linie mit diesem.

    Eduard von Hartmann (1842-1906), zitiert aus “Philosophie des Unbewussten” von 1869:

    “Die Mißachtung der Arbeit, des Eigentums und der Familienpflichten sind drei Punkte, die gerade für das jüdische Bewußtsein abstoßender als für das irgendeiner anderen Nation sein mußten. Jesus hatte das Handwerk des Zimmermanns erlernt, aber nirgends hören wir, daß er dasselbe ausgeübt hätte, obwohl doch gerade dieses Handwerk ein überall gesuchtes und verwendbares ist. Auch für die Ehre der Arbeit hat er schlechterdings kein Verständnis…
    In Bezug auf die Sphäre des Eigentums sind ihm alle unsere sittlichen Begriffe fremd, denn ihm gilt jeder Besitz als Torheit und Verbrechen…
    Der Familiensinn und die Anhänglichkeit an die Familie, einer der schönsten Züge des jüdischen Volkscharakters, geht ihm vollständig ab, und er schreitet konsequent bis zur Zerreißung aller natürlichen Pflichten fort…
    Fassen wir das Gesamtbild der Persönlichkeit Jesu noch einmal kurz zusammen, so ergibt sich folgendes: kein Genie, sondern ein Talent, das aber bei völligem Mangel gediegener Kultur im Durchschnitt nur Mittelmäßiges produziert.”

    Zum Vergleich noch George Bernard Shaw, ebenfalls zu Jesus, zitiert aus “Androcles and the Lion” von 1915:

    “Hätte Jesus vor einem modernen Gericht gestanden, dann wäre er von zwei Ärzten untersucht worden. Man hätte entdeckt, daß er an einer Zwangsvorstellung leidet. Er wäre für unzurechnungsfähig erklärt und in eine Anstalt gesteckt worden.”

  • paul

    Schlickewitz,

    Goethe nicht nur zitieren, sondern auch zu verstehen wäre angesagt! Er unterscheidet im Gegensatz zu Ihnen zwischen der Religion und der Kirche.

    Ich erspare Ihnen und den Lesern eine Retourkutsche mit den wenigen Leute, die bis heute dem Judentum anhängen.

  • Eine Schweizerin

    Ich persönlich unterscheide auch zwischen Religion, wie sie in den Anfängen entstand, und den Kirchen. Die Aussagen durch Shaw und von Hartmann gehen mir persönlich zu weit bzw. ich kann sie aus meiner Lektüre der Bibel so nicht bestätigen. Jesus predigte die Liebe und verhielt sich wohltätig. Seine Reden waren intelligent und pointiert und in keinster Weise krankhaft. Solche Aussagen träfen sonst auch auf die Propheten des Pentateuch zu (was wahrscheinlich auch in deren atheistischer Intension liegt). Die Propheten verhielten sich teilweise auch sehr ungewöhnlich, so sind eben Propheten, das ist ihre Berufung. Sie wollen und sollen etwas aufzeigen und dies durch ihr Leben darstellen. Was die Arbeit betrifft, wird dies auch sonst im Pentateuch nicht großartig thematisiert, gerade in Bezug zu den Propheten, die ein ähnliches Wanderleben aufwiesen wie Jesus. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass die Menschen damals einem geregelten (Handwerker-/ Fischer-) Arbeitsleben nachgingen, dasselbe trifft auf Jesus zu. Er fischte, verteilte Nahrung an die Armen, kümmerte sich um die Kranken etc. Seine Hirtengleichnisse weisen auch auf Erfahrungen als Hirte hin.

    Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, das Kinde mit dem Bade auszuschütten, um aufzuzeigen, wie sich die Kirchen fehlentwickelten. Jesus ist genauso wenig schuld wie die anderen Juden zu der damaligen Zeit. Wäre Jesus schuld, dann wären es auch die vielen jüdischen Anhänger zu seiner Zeit, welche seine Lehren weitertrugen und sein Werk unterstützten. Wieder wären also die Juden schuld, auch wenn man es so wendet. Jesus irgendwie herabzusetzen, würde auch bedeuten, ihn als Juden zu erniedrigen. Deshalb sehe ich auch in solchen Aussagen die Gefahr eines latenten Antisemitismus. Dass Jesus Jude war, ist ja der eigentliche Auslöser und Eckstein des Anstoßes, wie er es schon voraussah.

    Lieben Gruß

  • Robert Schlickewitz

    Ein interessanter und lange Zeit diskutierter Mann war der Philosoph und Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919).
    Aus seinem Werk “Das Welträtsel” von 1899 stammen folgende Zitate, bei denen vor allem seinen Aussagen zur Schädlichkeit des Christentums Beachtung verdienen:

    “Der unermeßliche Schaden, welchen der unvernünftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der gläubigen Menschheit angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends auffälliger als in dem unaufhörlichen ‘Kampfe der Glaubensbekenntnisse’. Unter allen Kriegen, welche die Völker mit Feuer und Schwert gegeneinander geführt haben, sind die Religionskriege die blutigsten gewesen: unter allen Formen der Zwietracht, welche das Glück der Familie und der einzelnen Personen zerstört haben, sind die religiösen, dem Glaubensunterschiede entsprungenen noch heute die gehässigsten. Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den Christen-Bekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskämpfen des Islam und der Reformation durch die Inquisition und die Hexen-Prozesse das Leben verloren haben…
    Unter den historischen Tatsachen, welche am einleuchtendsten die Verwerflichkeit der ultramontanen Geistestyrannen beweisen, interessiert uns vor allem ihre energische und konsequente Bekämpfung der wahren Wissenschaft…
    Wie erfolgreich der Papismus in seinem Kampfe gegen jedes selbständige wissenschaftliche Denken und Forschen war, beweist am besten der jammervolle Zustand der Naturerkenntnis und ihrer Literatur im Mittelalter. Nicht nur wurden die reichen Geistesschätze, welche das klassische Altertum hinterlassen hatte, zum größten Teil vernichtet oder der Verbreitung entzogen, sondern Folterknechte und Scheiterhaufen sorgten dafür, daß jeder ‘Ketzer’, d.h. jeder selbständige Denker, seine vernünftigen Gedanken für sich behielt.”

  • Paul

    über Ernst Haeckel:

    “Als einer der ersten deutschsprachigen Autoren, der die Tötung Schwerkranker – auf ihren Wunsch – und Schwerbehinderter – ohne ihre Zustimmung – forderte, wurde Haeckel auch zum Vordenker und Wegbereiter der freiwilligen und unfreiwilligen “Euthanasie” in Deutschland. Schon drei Jahre vor der Programmschrift “Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens” von Alfred Hoche und Karl Binding (1920) hatte er in „Ewigkeit“ (1917) über „die unheilbar an Geisteskrankheit, an Krebs oder Aussatz Leidenden, die selbst ihre Erlösung wünschen“, „neugeborene Kinder mit Defekten“ und „Mißgeburten“ unmissverständlich geschrieben: „Eine kleine Dosis Morphium oder Cyankali würde nicht nur diese bedauernswerten Geschöpfe selbst, sondern auch ihre Angehörigen von der Last eines langjährigen, wertlosen und qualvollen Daseins befreien.“”

  • Paul

    Schädlichkeit des Christentums:

    Empirisch gesehen hat unsere westlich geprägte Welt, auch Israel, durch das Christentum zu ihrem heutigen Wertesystem gefunden. In der Technik, Wirtschaft und im Sozialwesen zeigt sich der Christlich geprägte Zivilisationskreis weit überlegen.

    Alle anderen Religionen, ja einschließlich des Judentums, schufen keine vergleichbar fruchtbaren Zivilisationen.

    Also bitte nicht ständig solch einen Unsinn plappern, Schlickewitz.

  • Robert Schlickewitz

    Zwei katholische Stimmen, Kommentar erübrigt sich:

    “Die Shoah war das Werk eines typischen modernen neuheidnischen Regimes. Sein Antisemitismus hatte seine Wurzeln außerhalb des Christentums…”

    Die Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden, “Wir erinnern: Eine Reflexion über die Shoah”
    März 1998 (= die offizielle Meinung des Vatikan)

    ==========================================================

    “Der christliche Antijudaismus legte das Fundament für den rassischen, auf Völkermord zielenden Antisemitismus, indem er nicht nur das Judentum, sondern auch die Juden selbst stigmatisierte und der Schmähung und Verachtung aussetzte. Deshalb fielen die NS-Theorien tragischerweise auf fruchtbaren Boden, der das Grauen eines beispiellosen Völkermordversuchs ermöglichte.”

    United States Catholic Conference,
    Catholic Teaching on the Shoah: Implementing the Holy See’s We Remember (2001)(= die Meinung der US-amerikanischen Katholiken)

  • Eine Schweizerin

    Die heutige Zivilisation schreibe ich eher der Wissenschaft zu, getrennt von den Religionen.

    Liebe Grüße

  • gili

    @Robert Schlickewitz
    Himmel nochmal, soviel unkontollierter Hass! So werden sie Ihres Lebens nicht froh. Und uns allen erweisen sie einen Bärendienst.
    gili