Sarrazins Anhänger haben mal wieder was zu feiern. Ihr Idol hat sich wieder mal geäußert, in Wiesbaden auf einer Diskussionsveranstaltung im hessischen Justizministerium. Und diesmal hat er die Rechtfertigung für seine neuerlichen Entgleisungen gleich mitgeliefert: es herrsche “Not und ein Druck im Volke” – ja, der Mann redet wirklich so (!) – und deshalb fühlt sich er, Sarrazin, wohl als Erlöser und Befreier der gequälten deutschen Volksseele, um das zu sagen, was sich sonst keiner traut…
von Ramona Ambs
Don Sarrazin – der mutige Tabubrecher! Solche Tabubrecher gab es zwar schon öfters, aber daran muss man sich ja nicht stören. Möllemann hielt sich für einen Tabubrecher, weil er “israelische Politik” anprangerte, Walser hielt sich für einen Tabubrecher, weil er gegen die sogenannte “Auschwitzkeule” wetterte, Hohmann meinte, man könne ruhig auch mal über jüdische Verbrecher reden, bevor man immer weitere Zahlungen an Überlebende der Schoah zahle.
Und heute kommt Don Sarrazin und gibt den Retter des entrechteten deutschen Volkes. Und er kommt mit brillanten Ideen. So will er zukünftig das Kindergeld halbieren, wenn ein Kind zweimal keine Hausaufgaben gemacht hat. Das ist natürlich ein unglaublich genialer und hilfreicher Vorschlag – und so praxisnah. Das wird Deutschland retten! Und der Clou dabei: Sarrazin kennt das quasi aus eigener Erfahrung. Nachdem er nämlich seine “Hausaufgaben” bei der Bundesbank nicht ordentlich erledigt hatte, bekam er auch etwas halbiert: seinen Zuständigkeitsbereich. Bei gleichem Gehalt allerdings – das versteht sich doch von selbst. Schließlich will man ja nicht, dass ein Mitglied des Bundesbankvorstands darauf angewiesen ist, sich durch Schneeschippen noch ein paar Euro dazu zu verdienen.
Zumal Sarrazin in diesem Bereich bei sich keinen Spaß versteht. Als die Bundesbahn 2002 ihm sein Gehalt nicht weiter bezahlte, weil er mittlerweile Finanzsenator in Berlin war, klagte er sich ERFOLGLOS durch sämtliche Instanzen – schließlich war das Senatorengehalt von gerade mal 130.000 € jährlich eine finanzielle Zumutung für den passionierten Kaltduscher. Und Leistung – selbst wenn sie nicht erbracht wird – muss sich doch lohnen.
Schließlich wurde Sarrazin nach seinem Abgang bei der Bahn vertraglich ja quasi auch nur aufgrund seiner Existenz weiter bezahlt. Aber das sind natürlich Petitessen und bei Hartz-4-Empfängern geht sowas selbstverständlich nicht. Geld bekommen, einfach weil man existiert…
Deshalb lassen wir dieses Kapitel nun ruhen und wenden uns seinem neusten Vorschlag zu und stellen uns das Ganze einmal praktisch vor:
Selda hat also zum zweiten Mal vergessen ihre Hausaufgaben zu machen (natürlich muss unser Beispielkind Selda heißen, – denn laut Sarrazin sind es ja die Türken und die Araber, die sich nicht integrieren wollen, also heißt das Kind Selda und ist eines der vielen “Kopftuchmädchen”, die türkische Gemüsehändler, so Sarrazin, in Serie produzieren). Ihre Lehrerin, Frau Schmidtke, muss diesen Vorfall nun an die zuständige Behörde melden, in dem Fall wohl vorerst das Arbeitsamt, Dezernat 12.
Dort werden die Vorwürfe – nur der guten Ordnung halber – geprüft.
(Wer prüft? Und wer bezahlt das? Und was, wenn dann Aussage gegen Aussage stünde und Familie Özlem sagen würde, dass Tochter Selda die Hausaufgaben immer gemacht habe? Und was, wenn die Hausaufgaben nicht machbar waren? Oder wenn unklar war, ob etwas Hausaufgabe war oder nicht – egal, – lassen wir solche durchaus realistischen Probleme einfach beiseite).
Familie Özlem bekommt im Folgemonat einfach nur noch halb soviel Kindergeld ausgezahlt. Daraufhin wird Selda selbstverständlich immer ihre Hausaufgaben machen – schließlich ist sie jetzt motiviert. Vielleicht bekommt man ja sogar einen Zusatzeuro für besonders schön gemachte Hausaufgaben?
Das alles soll die Integration fördern, schließlich will Sarrazin nur das Gute. Selda wird bald ihr Kopftuch ablegen und ihre Hausaufgaben nie wieder vergessen.
Aber sagte nicht Sarrazin selbst, dass es garkeine Möglichkeit gibt, “diese Leute vernünftig einzubeziehen”? Aber vielleicht hat er das damals ja nicht so gemeint. Oder spekuliert er darauf, dass Selda einfach möglichst schnell die Schule verlässt? Und dann zuhause bleibt und die Kinder bekommt, mit der sie Deutschland unterwandern will? Dann wäre wenigstens Sarrazins Analyse richtig.
Schließlich hat er doch gesagt:”Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.”
Und das wäre höchstens hinnehmbar, wenn Selda & ihre Kinder osteuropäische Juden wären, die haben, so weiss es Sarrazin, einem um 15 Prozent höheren IQ als die deutsche Bevölkerung. Wow! Dumm gelaufen. Wo war eigentlich Sarrazin, als die Zuwanderund aus den ehemaligen GUS-Staaten gedrosselt wurde.
Wie dem auch sei. Selda kann da nicht mithalten. Sarrazin selbst allerdings auch nicht. Ich fürchte deshalb, der Thilo hat das mal wieder nicht so richtig durchdacht, und das obwohl er doch eigentlich, bei ungekürztem Gehalt, wirklich genug Zeit zum Nachdenken hätte. Vielleicht sollte man seinen Aufgabenbereich nochmal deutlich einschränken.
Man darf gespannt sein. Seine Anhänger jubeln sowieso, egal was er sagt. Hauptsache er tut es für Deutschland und “Meinungsfreiheit und Demokratie“! Neuerdings Synonyme für “Dummheit und Rassismus”.
Wer’s nicht glaubt: Hör-Passagen aus der neusten Wiesbadener Veranstaltung… Nur der guten Ordnung halber!
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>>> Kürzlich habe ich auf einem national konservativen Blog gelesen.
Muslime wurden grundsätzlich negativ beurteilt und mit den bekannten Schimpfwörtern versehen.
Solche Blogs sind nicht repräsentativ. Das Gros der “Islamkritiker” hat selbst islamische Wurzeln. (Man denke nur an Hamed Abdel-Samad, Mina Ahadi, Seyran Ateş, Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek und ganz besonders Ibn Warraq.) Einige waren in ihrer Jugend sogar radikale Muslime. Es ist also mitnichten so, dass hier der “Weiße Mann” mal wieder Rassismus und Kultur-Kolonialismus betreibt. Es ist ein Prozess der Selbstreflexion und Selbstkatharsis. Damit hat die islamische Zivilisation lange vor dem christlichen Abendland ihre ersten Erfahrungen gemacht.
Ihre größte Zeit hatte der Islam vor tausend Jahren, zur Zeit von Ibn Ruschd und Ibn Sīnā. Damals wurde die religiöse Orthodoxie zurückgedrängt, so dass Wissenschaft, Rationalismus und Aufklärung florierten konnten. Damit wurde später der Grundstein für das Ende des finsteren Mittelalters im christlichen Abendland gelegt. Da aber war die islamische Zivilisation selbst längst wieder ins finstere Mittelalter zurückgefallen und bis heute nicht wieder aufgestiegen, während der Westen nun erntete, was die islamische Kultur gesät und für sich leider wieder verworfen hatte. (Andernfalls hätte die Renaissance wahrscheinlich zuerst in der islamischen Welt stattgefunden, nicht in der christlichen.)
Für die islamische Welt wird es höchste Zeit, wieder aufzuerstehen, aus dem tausendjährigen Schatten hervorzutreten und ins Licht zurück zu finden. Tragt al-Ghazalis Geist endlich zu Grabe und lasst stattdessen den Geist der großen islamischen Aufklärer wieder leuchten!