Von Thomas Schmidinger
Aus: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Jahrbuch 2008, Wien u. a. 2008, S. 103–139
Die Juden des Islam
Angesichts dieser Vielzahl neuer Arbeiten, aber auch angesichts der ideologischen Einflüsse innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses, kann ein Blick auf die Entwicklung des islamischen Antisemitismus nur kursorisch bleiben. Wenn trotzdem Schlaglichter auf die Entwicklung des Antisemitismus in den islamisch geprägten Gesellschaften des Nahen Ostens geworfen werden, sollen diese zur weiteren Debatte auch hierzulande anregen.
Als Bernard Lewis’ Buch über die Geschichte der Juden in der islamischen Welt 1984 erstmals erschien, konnten es die englischsprachigen LeserInnen unter dem Titel „The Jews of Islam“[01] erstehen. Im Gegensatz zum späteren deutschen Titel „Die Juden in der islamischen Welt“[02] deutete der Titel „Die Juden des Islam“ einerseits die enge gegenseitige Beeinflussung von Juden und Muslimen an, andererseits jedoch auch das hierarchische Verhältnis zwischen ihnen.
So ist denn eine historische Betrachtung des Verhältnisses zwischen Islam und Judentum essenziell für das Verständnis sowohl der jüdischen als auch der islamischen Geschichte. Historisch war dieses Verhältnis vom Konzept der Schutzbefohlenheit, der Dhimma, geprägt. Dieser Status, der sich an den frühen Verträgen der islamischen Gemeinde mit unterworfenen jüdischen Stämmen in Zentralarabien orientierte, war ein Vertragsverhältnis und kein Gnadenakt – allerdings ein Vertragsverhältnis unter ungleichen Partnern, das zudem ausschließlich für monotheistische Buchreligionen galt. Dieser Status der „Leute des Buches“ bzw. „Ahl al-Kitab“ konnte jedoch ausgeweitet werden. Im Quran werden mehrmals auch andere religiöse Strömungen in keineswegs feindlicher Absicht erwähnt. An einigen Stellen im Quran wird eine gewisse Akzeptanz gegenüber anderen Religionen festgelegt. Da sich jedoch auch gegenteilige Stellen finden, die zum Bekämpfen Andersgläubiger aufrufen, bringt die Quranexegese wenig Erklärungswert für den islamischen Antisemitismus. Der Quran ist schlicht – wie alle heiligen Bücher – eine Sammlung unterschiedlichster Gedanken, die erst in ihrer konkreten Auslegung politisch relevant werden, also nicht Grund für eine politische Ideologie sind, sondern höchstens von einer politischen Ideologie als Begründung herangezogen werden.
Für das Verständnis des Verhältnisses von Muslimen und Juden bleibt damit die historische Realität und nicht die heiligen Bücher ausschlaggebend. In dieser historischen Realität, wie in der Theorie, zählten zwar die feindlichen Polytheisten Mekkas nie zu den Dhimmis – diese galt es also auf jeden Fall zu bekämpfen, bis sie den Islam angenommen hatten –, für alle anderen Gruppen erwies sich das Konzept jedoch als flexibel. Juden galten geradezu als Prototyp der Dhimma. Die jüdischen Stämme Zentralarabiens waren jene „Leute des Buches“, mit denen die muslimische Urgemeinde, die „Umma“, den meisten Kontakt hatte, und die deshalb auch häufiger im Quran erwähnt werden als andere Buchreligionen. Auch wenn sich insgesamt die Beurteilung des Judentums nicht von der anderer „Leute des Buches“ unterscheidet, so sind aufgrund der konkreten historischen Situation im Hejaz zur Zeit Muhammads doch einige Stellen zu finden, in denen Juden und Jüdinnen speziell negativ beurteilt werden.
Bereits in Yatrib, dem späteren Medina, war Muhammad nach seiner Auswanderung (arab. higra) 622 n. u. Z. mit starken jüdischen Bevölkerungsteilen konfrontiert. Sein anfänglich sehr gutes Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung in Yatrib änderte sich, als diese seine Prophetenschaft nicht anerkennen wollte und sich in den lokalen Machtkämpfen gegen die junge islamische Gemeinschaft wendete. Diese politischen Konflikte endeten in der Vertreibung der jüdischen Stämme der Banu Nadi und Banu Qainuqa. Noch strenger wurde mit den Banu Quraiza verfahren, deren Männer ermordet, Kinder und Frauen versklavt wurden. Auf diese Konflikte beziehen sich einige explizit antijüdische Stellen im Koran. Deutlicheren Niederschlag fanden diese Konflikte jedoch in den Hadithen, den überlieferten Aussprüchen des Propheten.
Während nach islamischer Lehre der Quran das direkte Wort Gottes ist, können die Hadithen eine solch absolute Autorität nicht in Anspruch nehmen. Sie werden als Richtschnur für Fälle herangezogen, in denen der Quran keine eindeutigen Aussagen trifft. Doch im Gegensatz zum Quran, dessen Wortlaut als authentisch gilt, ist die Echtheit vieler Hadithen umstritten. Sie wurden erst Jahrhunderte nach Muhammads Tod schriftlich niedergelegt. Dabei galt eine möglichst lückenlose Kette glaubhafter Überlieferer als wichtigster Beleg für die Echtheit eines Hadith. Viele Hadithen waren immer wieder Gegenstand der theologischen Debatte und sind keineswegs als sakrosankt zu betrachten. Im religiösen Textkorpus des Islam finden sich Stellen, die politisch für die unterschiedlichsten Ziele gebraucht werden können. Quranexegese macht damit nur wenig Sinn, um gegenwärtige soziale und politische Praxis zu erklären. Sie bietet höchstens Ansätze zum historischen Verständnis des Status der Dhimma als Konzept des Minderheitenstatus innerhalb der historischen islamischen Gesellschaften und ihrer politischen Systeme.
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- Bernard Lewis, The Jews of Islam, Princeton 1984. [↩]
- Bernard Lewis, Die Juden in der islamischen Welt, München 2004. [↩]
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@Simcha – ‘ich brauche dazu keine fremden quellen wie sie, sondern weiß es direkt’
Schön – das wäre ja noch ein Grund mehr zu erzählen.
@Jane
Nachdem Sie uns wieder eingedeckt haben mit Ihren Worten und Sätzen, mit Ihren sehr persönlichen Aussagen und Meinungen, mit Ihrem Dafürhalten und Ihren Mahnungen, möchte ich gerne Eines von Ihnen wissen:
Was motiviert Sie, Jane?
Sie geben offen zu, dass Sie über die eigene (deutsche) Geschichte zu wenig wissen, aber Sie fühlen sich berechtigt und in der Lage, Israel und der Welt gute Ratschläge zu erteilen, Kritik zu üben und Sie hegen den Anspruch sich zu einer Art moralischer Instanz zu erheben.
Was ist der Impetus dahinter?
Welche persönlichen Bezüge hat der Mensch Jane zum Judentum, zu Israel, zum Geschehen im Nahen Osten?
Haben Sie je Auschwitz besucht? Waren Sie schon einmal in Israel? Haben/hatten Sie israelische oder jüdische Freunde, Verwandte, Bekannte, Nachbarn? Spielen christliche Beweggründe bei Ihnen eine große Rolle?
Oder gab es in Ihrer Familie eine oder zwei Generationen vor Ihnen solche Bezüge?
Waren etwa Ihr Vater, Großvater, Onkel etc. bei der Wehrmacht, bei der SS oder gehörten sie dem T4-Komplex an?
Verzeihen Sie meine möglicherweise als unangenehm empfundenen Fragen, aber, wenn sich ein Mensch (wie Sie) derart Mühe, Arbeit, Aufwand für eine Sache macht, dann muss ihn doch, nach allem menschlichen Ermessen, irgendetwas sehr Starkes dazu motivieren. Und so ist es doch nur natürlich, dass Ihre Leser darüber gerne Bescheid wüssten.
‘Sie geben offen zu, dass Sie über die eigene (deutsche) Geschichte zu wenig wissen’
Unsinn – bzgl. der Vertreibung der Ostdeutschen bin ich freilich nicht gerade ein Experte und nicht mehr und nicht weniger habe ich gesagt. Über Nazi-Deutschland im Allgemeinen bin ich durchaus ganz gut informiert.
‘aber Sie fühlen sich berechtigt und in der Lage, Israel und der Welt gute Ratschläge zu erteilen, Kritik zu üben und Sie hegen den Anspruch sich zu einer Art moralischer Instanz zu erheben ‘
Ist es nicht das, was hier mehr oder weniger alle tun?
Meine persönlichen Bezüge – ich habe verwandschaftliche Bezüge nach Israel, ein guten Freund, der in der West-Bank groß wurde, eine Halbjüdin in meiner Familie, einige Freunde die einen jüdischen Elternteil haben und darüberhinaus mehrere europäische Nationen in der Familie, deutsche Großeltern, die man wohl eindeutig als Mitläufer in NaziDeutschland klassifizieren sollte und ein anderes Großelternpaar, das jüdische Freunde hatte und unvoreingenommen Juden gegenüber war – soweit möglicherweise der große Rundumschlag, der hier für viele nur schwer nachzuvollziehen ist.
Meine Gesinnung ist aber auch keine andere, als die jüdischer Dissidenten, die sich dringend deultichere Kritik wünschen und denen fühle ich mich verwand im Geiste, genauso wie es solche in muslimischen Ländern oder sonstwo gibt – dafür gibt es keine nationalen, religiösen oder andere rassistische Demarkationslinien.
Darüberhinaus finde ich die angebliche Unlösbarkeit des Nah-Ost-Konflikts absurd und falsch und frage mich wieviele Generationen noch geboren und sterben werden, ohne dass es hierbei zu einem Ende kommt. In meinen Augen knickt der Holocaust die Optik allzu sehr und es sollte möglich sein die israelische Politik angemessen (und das ist in meinen Augen durchaus scharf) zu kritisieren, ohne deshalb den Holocaust zu relativieren, was überhaupt nicht meine Absicht ist und was ich auch nicht tue, auch wenn einem dass dann in einem nur scheinbar logischen Schluss dauernd unterstellt wird.
Ich finde das westliche Projekt im großen und ganzen vergleichsweise gut, aber fürchte, dass wir unsere Chance durch unsere doppelten Standards und auch durch Doppelzüngigkeit möglicherweise verspielen werden – das finde ich sehr schade.
Ach noch was – was ist denn ein T4- Komplex?
Christliche Bezüge – ich mag Jesus, aber aus der Kirche bin ich ausgetreten. Die Grenzen die die Religion zwischen den Menschen zieht sind mir suspekt, ganz egal welche.
“was ist denn ein T4- Komplex”
ich denke sie sind gut informiert? googeln sie mal: tiergartenstraße 4 in berlin während der nazizeit.
“Halbjüdin”
sie entlarven sich immer mehr.
@Robert Schlickewitz
@simcha
Ist es nicht auffallend, dass besonders viele von den aktiven Antisemiten große Mengen an “jüdischen Freunden” vorweisen können?
Dadurch sollen ihre Gehirnabsonderungen den kaschrut-Zertifikat bekommen.
“halbjüdin” klingt gut. So ein Nazisprach. Aber Fünfachteljude wäre natürlich viel lüstiger. Ich kenne einen dreiviertel Buddhisten. Ich kann daher ohne weiteres mich als Buddhismusexperte bezeichnen und die Vorgänge im Thailand zu kritisieren. Und weil ich einen Halbmoslem zu meinem Bekanntenkreis zähle, bin ich fähig das Handeln von PA in Rammalah besonders kritisch zu beurteilen. Tue ich das aber nicht. Ich bin nämlich weder bescheuert noch bekloppt.
T4:
http://www.klick-nach-rechts.de/ticker/2004/02/t4.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/Holocaust/t4.html
http://www.euthanasie.net/
http://www.lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/Filter/Aktion-T4/385
http://www.deathcamps.org/euthanasia/T4intro_d.html
Reinhard D.
ja, es ist auffällig. ich stelle mir vor, in ihrer familie gäbe es “halb”kirgisen, was da wohl los wäre.
die ohne hemmungen verwendete nazidefinition “halbjüdin” hat aber letztendlich alles klar gemacht. “ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.”