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Brauner Quark mit roter Soße

Ein Artikel von Adriana Stern über den Autor Werner Rügemer und seine Weltsicht hat kontroverse und teilweise heftige Reaktionen hervor gerufen. Der vorliegende Text möchte den theoretischen Kontext genauer ins Blickfeld nehmen…

Von Gerrit Liskow

Ich möchte eine Erörterung darüber vorbringen, was an Ausführungen jener Art problematisch ist, wie sie die Herren Rügemer und Senf auf einer Website namens „gulli.com“ machen. Die Protagonisten sind dabei vollkommen nebensächlich und akzidentiell, lässt sich derlei verkürzte Kapitalismuskritik doch tatsächlich fast überall finden. Diese kommt, indem sie sich allein auf die Zirkulationssphäre des warenförmigen Gesellschaftsverhältnisses beschränkt, auf nur einem theoretischen Bein zwar etwas lahm daher gehumpelt, aber Mitleid ist dennoch völlig fehl am Platze, war es doch ihr eigener Entschluss, das andere Bein, auf dem die Theorie, die auch die verkürzte Kritik bemüht – und das nicht etwa, um sie zu bereichern, sondern um sie zu missbrauchen – nicht zu verwenden. Das andere Bein ist die warenförmige Vergesellschaftung, in der sowohl der Mensch als auch das Geld nur Ware sind. Damit soll angedeutet sein, dass die unzutreffende Privilegierung der Zirkulationssphäre in der Gesellschaftskritik ebenso falsch wie ärgerlich ist; ärgerlich allein, weil jene, die derlei betreiben, sehr wohl wissen, was sie damit tun, und sich auch durch die unmenschlichsten Konsequenzen, die aus ihrem Treiben folgen könnten, nicht davon abhalten lassen, solange sich noch ein Mensch findet, der sich derlei ins Regal stellt.

Notwendig ist, um der intellektuellen Entstellung der Theorie zu begegnen, zunächst in gewissem Umfang ein Rekurs auf die politische Ökonomie, damit ein Mindestmaß an Verständnis über die inhaltliche Fehlleistung einer auf die Zirkulationssphäre verkürzten Gesellschaftskritik geschieht; ein Exkurs, den ich auf das unbedingt Notwendige zu beschränken verspreche. Wer Ausflüge in die Theorie schlecht verträgt, betrachte es bitte als intellektuelle Herausforderung, sich in ein theoretisches Konstrukt hineinzudenken, das – wird es an bestimmten Stellen gepfuscht – regelmäßig Ideologeme reproduziert, die sich gegenüber antisemitisch motiviertem Denken und Handeln als ebenso fruchtbar, wie diese sich gegenüber den Einsichten der menschlichen Vernunft als haltbar erweisen. Ich möchte dabei vorausschicken, dass es dabei mein Anliegen ist, eine Kritik der politischen Ökonomie vor Desavouierungsversuchen in Schutz zu nehmen, die aufgrund der historischen Resultate derartiger Verzerrungen nur zu verständlich sind, und daran erinnern, dass die solcherart diskreditierte sich doch in den lichteren ihrer vielen Momenten die Aufhebung aller Umstände zum Ziel gemacht hatte, unter denen der Mensch ein einsames, verlassenes, erniedrigtes und verächtliche Wesen ist.

Meine Ausführungen möchte ich ferner als würdigende Erweiterung der verdienstvollen Arbeit von Adriana Stern verstanden wissen, die das Ergebnis ihrer Überlegungen bereits bei haGalil veröffentlicht hat. Auf Herrn Senf und „gulli.com“ wurde ich aufmerksam durch einen Leserkommentar zum Artikel von Frau Stern. Ich habe diesen Kommentar als symptomatisch erachtet für eine Gesellschaftskritik, die vordergründig den Eindruck zu erwecken trachtet, es gut mit dem Menschen zu meinen, aber aus fehlender Reflexion in Kauf nimmt, dass die einen den Preis für das Glück der anderen bezahlen werden. Das derlei insbesondere bei jungen Menschen, wenn sie es goutieren, mehr schadet als nützt, sollte keiner Erklärung bedürfen. Damit sei vorausschickend der Rahmen abgesteckt, in dem sich der folgende Gedankengang entfaltet.

Nach dieser Einleitung nunmehr zur Sache: Was machen Gedanken, wie sie die beiden Herren Rügemer und Senf äußern, und wie sie „gulli.com“ öffentlich in Verkehr bringt? Die Rede ist, wie so oft, von der Krise, und nennt man sie eine Finanzkrise, ist damit bereits eine wesentliche Akzentsetzung geschehen, indem nämlich die Ursache des Dilemmas auf der zirkulären Ebene des Gesellschaftsverhältnisses vermutet und in der Folge auch dort gelöst werden soll: innerhalb und/oder mittels des Geldes. Das Dilemma erscheint in dieser fatal falschen theoretischen Weichenstellung als das der Finanz, ihrer Institutionen, möglicherweise auch ihrer Personen, und einmal aufs falsche Gleis gesetzt, bleiben die Lokführer einer derartigen Pseudo-Kritik sich auch dann noch treu, wenn sich die Passagiere bereits lautstark beschweren, dass die Reise aber in die falsche Richtung geht. Dies ist allein deshalb bemerkenswert, weil jene Akzentsetzung der Öffentlichkeit ebenso nebensächlich wie lässlich erscheint, zumal es allgemein gängige Mode ist, von einer Krise, die ohne Frage ihre Auswirkungen auch auf den Finanzsektor hat, als Finanzkrise zu reden, und zwar so, als wäre damit bereits alles gesagt, womit für derartige Verdrehung der Tatsachen auch noch Verständnis erheischt werden soll.

Wenn es um die Einsicht in den theoretischen Fehler geht, ist nunmehr der Exkurs unerlässlich, um klar zu machen, wie aus schlecht verstandener Theorie eine verkürzte Kritik abgeleitet wird, die ihrerseits wiederum einen Kurzpass zum menschenverachtenden Wahnsystem des Antisemitismus ergibt.

Tatsächlich vertauscht die Rede von der „Finanzkrise“ Ursache und Wirkung, denn viel spricht dafür, dass die Krise unter den historischen Bedingungen ihrer Entstehung weit weniger dem konkreten Tun und Lassen identifizierbarer „Finanzakteure“ geschuldet ist, als vielmehr einem Mangel an verwertbarer Mehrwertmasse in Zeiten der voranschreitenden Automatisierung, mithin der „dritten industrieller Revolution“ durch Computerisierung all jener Bereichen, in denen Waren entstehen. Robert Kurz verweist, aus meiner Sicht zutreffend, auf die Potenziale der Mikroelektronik um zu erklären, warum es wirtschaftlich immer weniger sinnvoll erscheint, einmal investiertes, fixes Kapital plus Gewinn, auf dem Umweg durch die menschliche Ware „Arbeitskraft“ zu reproduzieren. Oder anders herum gesagt: Die Finanzmittel, die angesichts der aktuellen Produktivkraftentwicklung nötig werden, um im wirtschaftlichen Wettbewerb überhaupt teilnehmen zu können, lassen sich innerhalb der zur Totalität gemachten warenförmigen Vergesellschaftung nur mit immer größerem technischen Aufwand reproduzieren, wobei menschliche Arbeitskraft einzelwirtschaftlich obsolet wird. Damit ist die gesamtgesellschaftliche Mehrwertmasse, genau wie der einzelwirtschaftliche Gewinn aus der Ware Arbeitskraft, fatalerweise gerade durch die zunehmende technische Entwicklung der Produktivkräfte und umgekehrt proportional zu ihr, unaufhaltsam im Schwinden begriffen.

Unwahrscheinlich wäre, wenn die Anhänger der verkürzten Kritik von der Produktionssphäre nichts wüssten. Tatsächlich aber verschweigen sie sie, denn die wirklichen Ursachen der Krise sind bei weitem prosaischer, abstrakter und inhärenter, als es das andeutungsvolle öffentliche Raunen über angebliche „Finanzakteure“ wahr haben will; dramatischer, weil plakativer, ist derlei schlechtes Theorietheater sowieso. Die logische Ursache der Wertverwertung, der gesellschaftlich vermittelte Zwang, aus Geld mehr Geld zu machen, ist bei weitem subtiler, als die Rede von „Finanzakteuren“ es vermuten lässt; sublimer ist er sowieso. Die Ursache für den krisenhaften Verlauf kapitalistischer Entwicklung allein auf der Zirkulationsebene zu behaupten, ist nur um den Preis der Unwahrheit zu haben. Hingegen spricht viel dafür, dass sie in der gleichermaßen inneren wie äußeren, einzel- wie gesamtwirtschaftlichen gesellschaftlichen Totalität einer Warenproduktion zwecks Wertverwertung zu verorten ist. Jene Wertverwertung, die kapitalistisch nur durch das Nadelöhr der warenförmigen Verausgabung menschlichen Lebens geschehen kann, in Form von Arbeitskraft, und so nebenbei auch noch als quasi naturgesetzliche Notwendigkeit erscheint, durch den Fortschritt technischer Produktivkraftentwicklung aber immer weniger Rentabilität verspricht.

Dass Geld keine Kinder bekommt, sich nicht aus sich selbst heraus fortpflanzen und vermehren kann, und dass die Verwertung des Wertes, das Geld heckende Geld, angesichts der aktuellen Progression in der Entfaltung der Produktivkräfte immer mehr zur Unmöglichkeit wird, wissen womöglich auch Menschen, die so oder so ähnlich denken wie Herr Rügemer und Herr Senf. Aber: Sie sehen die Ursachen dafür nicht auf der Ebene der technischen Produktivkräfte, sondern führen die zunehmende Unmöglichkeit von Kapitalismus wahlweise auf die herbei halluzinierten unheilvollen Machenschaften irgendwelcher „Finanzakteure“ zurück oder haben für den Versuch einer Geldvermehrung unter scheinbarer Ausschaltung des unrentablen Nadelöhrs keine anderen Erklärungen als „Spekulation“ und „Gier“. All das könnte falscher nicht sein.

Als die Automatisierung der Produktion es noch erlaubte, jene Bevölkerungsteile, die von ihr außer Kurs gesetzt wurden, an anderen Stelle wieder gewinnbringend zur Warenproduktion einzusetzen, ließ sich das Dilemma der Wertverwertung durch Warenproduktion gesamtgesellschaftlich umgehen. Auf dem mittlerweile erreichten Produktivkräfteniveau lässt es sich jedoch weder gesamt- noch einzelwirtschaftlich lösen, zumindest nicht im Rahmen warenförmiger Vergesellschaftung. Der relative Mehrwert pro Produkt sinkt bis auf homöopathische Dosen, und selbst wenn die Menge der gesellschaftlich produzierten Waren weiter steigt, könnte die gesamtgesellschaftlich produzierte Mehrwertmasse durch weitere Fortschritte bei der Produktivkraftentwicklung in Zukunft sinken, mit allen unangenehmen Folgen, die das für die von ihr betroffene Gesellschaft haben würde (ausführlich hierzu: Claus Peter Ortlieb, Ein Widerspruch von Stoff und Form, 2008). Die gestellte Prognose ist selbstredend nicht nur ein Grund zur Freude, und womöglich bleibt tatsächlich einzig die Hoffnung, dass der Mensch die warenförmige Vergesellschaftung in seiner bewusstlosen Vorgeschichte gerade noch rechtzeitig diese emanzipativ aufhebend überwindet.
Das also ist die Seite des Dilemmas, die eine verkürzte Kritik nach der Fasson der Herren Rügemer und Senf verschweigt, als ob seit der von Rosa Luxemburg bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts vorhergesagten inneren Schranke des Kapitalismus theoretisch nichts gelaufen wäre, und als ob sie es nicht besser wüssten.

Nach dem theoretischen Exkurs nun im einzelnen zunächst zu Herrn Senf. Er wird schon wissen, an welcher Stelle er sich von dem von ihm ansonsten über alle Grenzen des guten Geschmacks idealisierten Silvio Gesell („genial“ nennt er dessen „Freiwirtschaftslehre“ in seinem Interview mit „gulli.com“) zu distanzieren hat, nämlich spätestens bei Gesells freiwilliger Mitgliedschaft in der Laubenkolonie „Eden“, die laut Satzung allein den „deutschen Ariern“ offen stand. Aber auch Gesells sogenannte „Freiwirtschaftslehre“ hat es in sich, erträumt sie doch nichts weniger als eine Heilung des Kapitalismus dadurch, dass der Geldwirtschaft die Verwertung des Wertes ausgetrieben werde, vulgo: der Wucher und Schacher, der Zins im Allgemeinen, das Couponschneiden aber im Besonderen. Zwar kommt das schriftliche Hauptwerk Gesells an keiner Stelle nicht einmal über die eigene falsche Unmittelbarkeit hinaus, im Rahmen dieser wird aber auch nirgends ausgeschlossen, dass die Heilung des Kapitalismus durch Heilung des Geldes nicht auch durch die handgreifliche Außerkurssetzung von Menschen geschehen dürfte, insbesondere der „Finanzakteure“.

Elmar Altvater stellte die zutreffende Diagnose: „Nun ist es tatsächlich nur ein kleiner Schritt von der Konstatierung der “Macht des Geldes” zu der Identifizierung und Diffamierung einer “Jüdischen Clique von internationalen Bankiers”. Es sei an dieser Stelle Elmar Altvaters Privileg – dessen Schriften nicht zu kennen Herr Senf in seiner Funktion als pensionierte Lehrkraft an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin nur wider jede Vernunft behaupten könnte – die „Freiwirtschaftslehre“ als eine theoretische Basis der NS-Wirtschaftstheorie zu benennen. Deren Ziel: die von der „raffenden“ Geldwirtschaft geheilte, „schaffende“, als natürlich und gesund – vor allem aber stramm deutsch-national – imaginierte „Markt“- bzw. „Freiwirtschaft“, in der es übrigens auch auf sozialer Ebene viel gerechter als im bösen „Manchester-Kapitalismus“ zugehen würde, wenn nach der „Brechung der Zinsknechtschaft“ endlich wieder „dem Tüchtigen die Welt“ gehörte. Dieser arbeitsfetischistische Zusammenhang von Gesellschaftsform und Denkform reicht bis in das dumme Gerede, mit dem heutzutage gefordert wird: „Leistung muss sich wieder lohnen“, als ob bei der warenförmigen Prä- und Deformation des Menschen längst noch nicht alles erreicht wäre. Jedoch: Vor der personalen Zuspitzung der „Finanzakteure“ scheut Herr Senf nach meinem Kenntnisstand zurück, ebenso wie es sein Idol Silvio Gesell es tat, und vermutlich gibt es der Wahrheit die Ehre, wenn Robert Kurz in seinem Beitrag „Politische Ökonomie des Antisemitismus“ Gesell als „strukturell antisemtisch“ definiert und damit sagen möchte: nicht der Mensch ist hier das Problem, sondern das, was er denkt (wenn er denkt, dass er denkt, wie ich hinzufügen möchte).

Selbst wenn der Grad der Konkretisierung der „Ursache“ – und die Personalisierung der „Schuldigen“ am Dilemma – der kapitalistischen Wirtschaftsweise nur dem Anstand derer geschuldet wäre, die eine symptomatisch verkürzte Kapitalismuskritik propagieren und goutieren, ist zunächst mit Elmar Altvater festzuhalten, dass solche Ideologeme, wie sie auch die Herren Rügemer und Senf mithilfe von „gulli.com“ in den öffentlichen Verkehr der Gedanken und Meinungen bringen, „anschlussfähig an rassistische und antisemitische Positionen“ sind. Wenn Herr Altvater im Zusammenhang derselben Analyse dann allerdings darzulegen bemüht scheint, dass es etwas ganz Anderes wäre, wenn seine „globalisierungskritischen“ Schäflein von „Attac“ das selbe machten, indem sie in der selben halbseitigen Blindheit nur auf die Zirkulationssphäre der „Globalisierung“ starren, mag das als Versuch intellektueller Selbsthypnose interessant sein, als kritisches Bewusstsein kann derlei aber vermutlich noch nicht einmal innerhalb seines NGO-Moralkommandos wirklich überzeugen.

Soweit zu historischen Vorläufern und ideologischen Ausläufern einer auf die Zirkulationssphäre der Sozialbeziehung Ware-Geld verkürzten und damit um ihren zentralen Begriff der „Reichtums, der nur in Form einer Warensammlung aufscheinen kann“ gebrachten antikapitalistischen Pseudo-Kritik, die in höchster Regelmäßigkeit nichts weiter als falsches Bewusstsein produziert, an dem nichts notwendig wäre, wenn sie nicht in diesem Verblendungszusammenhang zudem als strukturelle Basis für substanziell antisemitische Projektionen herhalten sollten. Im Weiteren somit zu Herrn Rügemer.

Herr Rügemer zeigt bei der Identifizierung der „Finanzakteure“ mehr Mut, als das Gespann Senf/Gesell, wie im folgenden zu zeigen sein wird. Wenn Herr Rügemer in dem hier verlinkten Interview auf „gulli.com“ die Behauptung aufstellt: „Mit dem eigentlich anachronistischen Begriff “Wall Street” ist also das konzeptionelle und weltweit ausstrahlende Zentrum der neoliberalen Finanzwelt gemeint, das aus mehreren Orten mit vielen Mittätern besteht“ so tut er damit folgendes: Er postuliert eine geheimbündlerische Weltverschwörung, die um ein geheimnisvolles Machtzentrum gruppiert auf die ganze Welt ausstrahlt, sich ferner organisiert um die Welt zu beherrschen und zu verderben und schließt sich selbst von all dem feinsäuberlich aus – so, als prozessiere der Selbstwiderspruch der warenförmigen Vergesellschaftung nicht durch ihn hindurch, als reproduziere der perpetuelle Selbstwiderspruch, der zum Subjekt gemachte Wert, sich auf einer abgegrenzten Ebene, der Zirkulationssphäre, quasi als von Menschen getrenntes Objekt, auch ohne ihn. Dergestalt externalisiert, projiziert Herr Rügemer sodann den von ihm nach Lage seiner Begriffe offenbar nicht verstandenen prozessierenden Selbstwiderspruch und die damit verbundene Kränkung auf das, was er dämonisierend „Wall Street“ nennt.

Wall Street. Das ist als Codewort und Chiffre für die Finanzwelt gerade dann selbstverständlich, wenn man es, wie auf „gulli.com“ geschehen, in Gänsefüßchen setzt, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass man nicht den geographischen Ort im Süden der Halbinsel Manhattan meint, sondern vielmehr: das Symbol. So, wie der Erfolg der antisemitischen Propaganda von jeher vom Reden in Andeutungen, Anspielungen und Auslassungen aller Art abhing, solange derartige Reden und jene, die sie führen, den Gegenstand ihres Hasses nicht unmittelbar zu benennen wagten, fehlt auch hier vermutlich nur wenig, damit besagter Groschen fällt. Es ist dennoch unerlässlich, die Dinge in dem Zusammenhang zu zeigen, in dem sie für Herrn Rügemer anscheinend stehen, insbesondere, zumal in seinen schriftlichen und mündlichen Veröffentlichungen so prominente Namen wie Oppenheimer, Goldmann/Sachs und Warburg stets dann an vorderster Front zu stehen scheinen, wenn es um angebliche Machenschaften der „Wirtschaftskriminalität“ geht, und wenn von Herrn Rügemer ostentativ auf die jüdischen Wurzeln dieser Institute verwiesen wird.

Spätestens, wenn in seinen Veröffentlichungen zur „Wirtschaftskriminalität“ eine Kollaboration jüdischer Bankiers mit dem NS-Staat herbeigeredet werden soll, scheint mir in diesem Fall die Grenze zur geistigen Barbarei überschritten. Wenn es Herrn Rügemer tatsächlich nicht darum ginge, willfährig das Horn des „Antikapitalismus der dummen Kerle“ zu blasen, als welchen August Bebel den Antisemitismus in den 1930er Jahren bezeichnet hat, wäre der Verweis auf die jüdischen Wurzeln dieser Institute nicht mehr als das, was er im besten theoretischen Sinne ist: überflüssig. Wenn Herr Rügemer jedoch, an anderer Stelle im selben Interview, das so genannte Cross Border Leasing erläutert, und es so klingt, als sollte das böse, „raffende“ internationale Finanzkapital gegen das gute, „schaffende“ deutsche Volkskapital in Stellung gebracht werden, dann klingt das nicht bloß entfernt nach NS-Wirtschaftsideologie.

Man erweist Äußerungen wie denen von Herrn Rügemer also bereits eine Ehre, indem man sie überhaupt ernst nimmt. Es ging mir deshalb auch nur darum zu zeigen, was geschieht, wenn mit geringer Lauterkeit in der Theorie der politischen Ökonomie herum gepfuscht wird. Die Verkürzung der Kritik allein auf die Zirkulationsseite der zur gesellschaftlichen Totalität gemachten Ware-Geld-Dynamik erzeugt Vorstellungen, die antisemtischen Vorstellungen besonders dienstbar sind. Indem sie in der Erscheinung ihre eigene Ursache wahrzunehmen wähnen, dienen sich Vorschläge zur zirkulationsseitigen Lösung des Dilemmas antisemitischer Lesarten an oder legen diese mehr oder weniger unvermittelt nahe. Wem Raunen à la Rügemer nicht bekannt erscheinen mag, dem empfehle ich einen Vergleich mit den sattsam überlieferten antisemitischen Klischees, auch denen nationalsozialistischen Zuschnitts. Es wird sich erweisen, dass die wesentlichen Merkmale, mit denen hier wie dort dem Geist Gewalt geschieht, identisch sind, und eben deshalb ist es zutreffend, im vorliegenden Fall von strukturellem Antisemitismus nicht nur zu reden, sondern vor ihm zu warnen, denn Menschen, die sich dieser gegenaufklärerischen Ideologie aussetzen, ahnen womöglich nicht mal, in was für einen Sumpf sie geraten.

PS: Möglicherweise wird Herr Rügemer, kritisiert, mal um mal versuchen, sich als Opfer zu inszenieren, so wie er es getan hat, nachdem ihm Hermann Gremliza die Leviten gelesen hatte, und das viel pointierter, als ich es vermag, nämlich mit den Worten : “Dieser Dreck läßt sich nicht mehr kommentieren.” (Hermann Gremliza bezog sich mit dem harschen Wort „Dreck“ angeblich auf Herrn Rügemers Bericht über dessen Besuch in einer Kölner Synagoge; er schreibt immer nach den alten Rechtschreibregeln). Herr Rügemer selbst wird möglicherweise ferner versuchen, denen Bosheit nachzuweisen, die ihm nach seiner, doch recht eigentümlichen, Sicht „Böses unterstellen“, um so die Rollen von Täter und Opfer umdrehen zu können. Nach meiner persönlichen Sicht auf die Dinge sagt bereits der Name der Veröffentlichung, in der solche Hirngespinste verbreitet werden, wohin derlei Äußerungen gehören: in den Gulli.

Zum Abschnitt über Altvater ist vergleichsweise und kritisch nachzulesen in: „Eine andere Welt mit welchem Geld?“. Veröffentlicht bei: Wissenschaftlicher Beirat von Attac-Deutschland, Globalisierungskritik und Antisemitismus – Zur Antisemitismusdiskussion in Attac (Reader Nr. 3), Frankfurt 2004, S. 3, 19, 25 und 34.
Zu Robert Kurz siehe bitte insbesondere seine Schrift zu Silvio Gesell:„Die politische Ökonomie des Antisemitismus“ (1995). Sowie sein Aufsatz: „Geld und Antisemitismus – der strukturelle Wahn in der warenproduzierenden Moderne“ (2003), dort vor allem Abschnitt 8, der das antisemitische Wahnsystem in Struktur und Genese analysiert. Beides ist zu finden bei „exit-online.org“.
Claus Peter Ortliebs Aufsatz „Ein Widerspruch von Stoff und Form“, der die autodestruktive Tendenz der zur gesellschaftlichen Totalität gemachten Warenproduktion unter den Bedingungen der mikroelektronischen dritten industriellen Revolution beschreibt, ist ebenfalls bei „exit-online.org“ zu finden.
Hermann Gremliza ist hier zitiert nach einem Leserbrief auf „Gremlizas Express“ in der „konkret“ 08/2009.

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89 comments to Brauner Quark mit roter Soße

  • jim

    @ “meier”


    Horst Gerlich: Sekundärer Antisemitismus in Deutschland nach 89

    2.2 Krypto-Antisemitismus
     

    Unter dem Druck öffentlicher Tabuisierung sind auch die Äußerungsformen judenfeindlicher Vorurteile einem Wandel unterzogen. Für die Analyse des Antisemitismus nach Auschwitz sind weniger jene offenen Formen von Interesse, wie sie nach wie vor auf seiten der extremen Rechten artikuliert werden, sondern „vielmehr … die subtilen, latenten, neuen Äußerungsformen relevant, die z.T. Anspielungscharakter besitzen,“ und sich so gesetzlichen und politischen Barrieren entziehen und trotzdem judenfeindliche Wirkungen erzielen.

    Auf diese verdeckten und modernisierten Formen der Judenfeindschaft, die auf Wiedererkennung tradierter Sterotype setzen, hat Adorno bereits 1962 hingewiesen. Als „Krypto-Antisemitismus“ bezeichnete er „… das Phänomen des versteckten Antisemitismus …, mit dem man es auf Grund der offiziellen Tabus zu tun hat.“ und verweist auf die „vielen Äußerungen …, die man als krypto-antisemitisch zu deklarieren vermag, die durch ihre Implikationen, auch durch einen gewissen Gestus des Augenzwinkerns, den Antisemitismus nähren.“

    Für Antisemiten bedeutet das gesellschaftliche öffentliche Kommunikationsverbot, dass Antisemitismus latent bleiben muss und ihr Hass nicht öffentlich artikuliert werden darf. Dies führt jedoch in folgendes psychologische Dilemma: das als wichtig angesehene Kollektiv, das durch die Juden bedroht zu sein scheint, lässt als seine moralische Instanz das Reden über die Gefahr nicht zu. Einen Ausweg bietet eine Form von Kommunikation, die auf Assoziationen im entsprechenden Kontext setzt und letztendlich antisemitisch ist, ohne Juden zu benennen.

    Krypto-antisemitische Äußerungen lassen sich nicht selten wieder finden in verbalen Angriffen auf ‚Amerika’, ‚die Intellektuellen’, das ‚Finanzkapital’, die ‚US-Ostküste’ oder die ‚Macht der Medien’. Man kann ihnen bis heute „auf Schritt und Tritt begegnen, keineswegs nur bei Rechtsradikalen, …”

  • hanna.a

    also wenn ich das hier alles so richtig verstanden habe,
    ist es krypto-antisemitisch , oder hat zumindest antisemitischen Anspielungscharakter,

    “Wall Street. Das ist als Codewort und Chiffre für die Finanzwelt gerade dann selbstverständlich, wenn man es, wie auf „gulli.com“ geschehen, in Gänsefüßchen setzt, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass man nicht den geographischen Ort im Süden der Halbinsel Manhattan meint, sondern vielmehr: das Symbol”

    wenn man die Machenschaften, pardon, Geschäftspraktiken von grossen Investmentbanken kritisiert.

    Nach Ansicht vieler Diskussions-Teilnehmer, sollte man das alles in einem anderen Zusammenhang sehen und am besten gar nicht kritisieren denn die Banker als Täter hinzustellen, ist ein ganz fieser Trick von Antisemiten:

    “…und es so klingt, als sollte das böse, „raffende“ internationale Finanzkapital gegen das gute, „schaffende“ deutsche Volkskapital in Stellung gebracht werden, dann klingt das nicht bloß entfernt nach NS-Wirtschaftsideologie.”

    Na wie schön dass diese Herren sich darauf verlassen können, daß die Kritiker ihres Tuns, Adorno sei Dank, mit der maximalmöglichen Stigmatisierung mundtot gemacht werden.

    http://www.newsweek.com/id/159439

  • jim

    “Nach Ansicht vieler Diskussions-Teilnehmer, sollte man das alles in einem anderen Zusammenhang sehen und am besten gar nicht kritisieren denn die Banker als Täter hinzustellen, ist ein ganz fieser Trick von Antisemiten …”

    Da fällt mir Einer ein: Sitzen zwei Bettler am Eingang zum Vatikan, einer hält ein Kreuz vor sich, der andre nen Davidstern.
    Geschäftig eilen Priester, Diakone und Kaplane, die ganze Hierarchie an ihnen vorüber, der Korb des Bettlers mit dem Kreuz füllt sich zusehends mit Münzen und so manchem buntem Geldschein, wohingegen der mit dem Davidstern, bloß verlegen, so aus den Augenwinkeln, du verstehst …

    Kommt Einer vorbei und hat Mitleid: “Nimm doch auch ein Kreuz, Freund, ist effizienter, …”

    Meint der eine Bettler zum andern: “Du Moishe, schau mal, da iss einer, der will uns Marketing beibringen!”

  • Schula

    “Adorno sei Dank”

    Adorno sagte auch das: “Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden.” Danke für die Bestätigung Ihres eigenen. :D

  • florian

    hmm können wir uns jetzt langsam wieder vertragen? is doch furchtbar, sich gegenseitig so fertigzumachen :( lg flo

  • hanna a

    Es gibt übrigens Neues von Werner Rügemer :
    Die Lügen der noblen Bankiers

    http://www.ossietzky.net/2-2010&textfile=875

    und schon wieder wimmelt es von antisemitischen Anspielungen !
    “Im Zentrum der Dekadenz stehen ein Gemisch aus Größenwahn, Gutgläubigkeit, Habgier und Dilettantismus und das jämmerliche Beteuern, man habe nichts als Gutes im Sinne geführt. Bis zuletzt haben die persönlich haftenden Gesellschafter die Wirklichkeit geleugnet. Man werde durch die schwere Zeit aus eigner Kraft steuern, hieß es noch im Sommer, eine Behauptung, die wenige Wochen später nur noch eine Lüge war.”
    oops , das war jetzt aber nicht er, der über das Treiben der Bank Sal. Oppenheim urteite : das stand in der FAZ.
    Er hat aber immerhin das Zitat gebracht und sich somit mitschuldig gemacht , oder wie sehen Sie dass Herr Liskow ??
    Zeigt sich hier nicht eine besonders perfide Art des Antisemitismus , wenn man nun auch Zeitungen, ja die Zeitung des bürgerlichen Lagers als Kronzeugen der Authentizität seiner eigenen Nachforschungen bemüht ?
    Und wo bleibt in diesem Zusammenhang der Aufschrei gegen diese Zeitung die es wagt einer renommierten Bank immerhin gegr. von einem Salomon Oppenheim ein  solches Testat auszustellen ?
    Hat diese Zeitung damit nicht bereits ,
    die Grenze zur geistigen Barbarei überschritten.
    Und kann man davon ausgehen dass Artikel dieser Zeitung künftig auch unter der Rubrik Rechtsextremismus eingeordnet, abgelegt werden ?

  • florian

    huhu

    also ich habe nun viel über antisemitismus gelesen,liebe dejana, lieber jim. also die verschiedenen arten des antisemitismus etc. auch den sogenannten krypto – antisemitismus.

    nun bei allem respekt: die grenzen zwischen krypto – antisemitismus und paranoia verschwimmen. http://de.wikipedia.org/wiki/Paranoia

    dies kann man am beitrag von hanna vor mir gut sehen. hier wird eine fürchterliche verschwörung heraufbeschworen, die es gar nicht gibt. rügemer kritisiert wirtschaftskriminelle. im beschriebenen beitrag die sal. oppenheim bank, welche sich nebenbei während des dritten reiches mal schnell in eine “arische” bank unter der leitung des herrn pferdmenges verwandelt hat, um sich 1947 wieder in sal oppenheim umzubenennen. diese bank hat das judentum verraten, und sie verteidigen sie auch noch. ja suuuuper.

    wir sollten versuchen, den guten adorno neu zu definieren. eine derartig abartig schwammige definition von antisemitismus kann man nicht so stehen lassen, sie ist einfach nur lächerlich und paranoid. es tut mir sehr leid, dass sie unter dieser art des verfolgungswahnes leiden (müssen). nicht alles, was systemkritisch oder bankenkritisch ist, ist gleich
    antisemitismus, obwohl sie dies behaupten. stellen sie sich einmal vor, wie sich die leute vorkommen, die nix mit antisemitismus amhut haben, einfach nur frieden und gerechtigkeit auf der welt wollen, und sich dann vorhalten lassen müssen, sie wären JUDENHASSER. ich lasse das nicht auf mir sitzen.

    PEACE!

    euer flo

  • flo

    also langsam kommt es doch ans tageslicht, herr rügemer hatte wohl nicht umsonst die oppenheimerzz auf dem kieker.

    http://www.tagesschau.de/wirtschaft/saloppenheim108.html

    wie schon gesagt geht es herrn rügemer nicht um irgendwelche religionen sondern um wirtschaftskriminalität.

  • @flo:

    er macht das aber mit antisemitischen konstruktionen, verstehst du das, wenn du angeblich adorno (und horkheimer) gelesen hast?!?

    was ist denn sog. “wirtschaftskriminalität” für dich?

    kennst du eine fundiertere/breitere kapitalismuskritik als das?

    wenn nicht, dann versuch dich mal darin. dann wirst du vielleicht den unterschied zwischen sog. “paranoia”, was nichts als eine weitere antisemitische diffamierung (hier auch von dir) ist und genauigkeit kennenlernen.

    game over.