Wie in meinem Beitrag zur Judenmission im „Schtetl“ bereits angesprochen, gab es in der deutschen Geschichte keine vergleichbare bedeutende Persönlichkeit, die über Jahrhunderte so starken antijudaistischen Einfluss ausübte, wie der Reformator Martin Luther. Nicht nur der „Stürmer“-Herausgeber Julius Streicher glaubte sich bekanntlich beim Nürnberger Prozess zu seiner Verteidigung auf ihn berufen zu können, sondern ungezählte andere Deutsche, die allerschwerste Schuld auf sich geladen hatten, versuchten mit Luthers Worten im Kopf ihr Gewissen zu beruhigen. Aus diesen beiden Sätzen geht bereits hervor, dass wir es hier mit einem Tabuthema zu tun haben, denn annähernd die Hälfte unserer Landsleute ist oder war protestantisch und Kritik an Luther wird von vielen von ihnen als Kritik an ihrem Selbstverständnis aufgefasst. Umso interessanter erscheint es daher zu untersuchen, wie deutsche Nachschlagewerke, deutsche Historiker und deutsche Medien bei ihrer Luthereinschätzung mit diesem Komplex umzugehen pflegten und pflegen…
Von Robert Schlickewitz
„Ich will meinen treuen Rat geben: Erstlich, daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, daß kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich… Zum anderen, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre… Zum dritten, daß man ihnen nehme all ihre Betbüchlein und Talmudisten… Zum vierten, daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete hinfort zu lehren… Zum fünften, daß man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe…“. Neben diesem Zitat Luthers aus dessen Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ von 1543 stehen diverse weitere Schmähungen und Verwünschungen, in denen Juden als „Mörder“ von Christen, als „Plage, Pestilenz und eitel Unglück“ etc. bezeichnet werden und die in einer Zeit, in der höhere Bildung und freie Meinungsbildung nur kleinen Minderheiten unter den Deutschen vorbehalten waren, sehr viel zum allgemeinen Zerrbild vom Juden als dem ‚Fremden‘ bzw. dem Nichtdazugehörigen beitrugen.
Auch wenn von engagierter protestantischer Seite heute gern der Einwand erhoben wird, dieses negative Judenbild habe doch „nur“ der alte Luther, nicht hingegen der junge, dynamische, idealistische Luther der frühen Jahre vertreten, so sei erwidert, dass das ganze Lebenswerk das Profil einer Persönlichkeit bestimmt, nicht nur dessen subjektiv als Höhepunkte verstandenen Frühjahre.
Ferner macht es einen großen Unterschied, ob ein junger, noch ungebildeter, unreifer Mensch sich despektierlich über eine Minderheit äußert und später seine Haltung auch öffentlich revidiert, wie das Beispiel Thomas Mann so anschaulich und überzeugend gezeigt hat, oder ob ein Individuum in seinen Spätjahren, die doch als die Jahre der Besinnung, des Resümierens, der auf Altersweisheit beruhenden Reflexion angesehen werden, sich voller Hass über Juden und leider auch über Sinti und Roma auslässt, wie eben jener ausSachsen-Anhalt stammende Stifter der größten Konfession in Deutschland.
Es ist nicht meine Absicht die unbestrittenen Verdienste Luthers um die deutsche Kultur (Sprache, Literatur etc.) und um die Bekämpfung des schädlichen Einflussmonopols der gewissenlosen Papisten-Katholiken zu schmälern, nur bin ich der Ansicht, dass Deutschland heute allmählich die Reife besitzen sollte, auch die Schattenseiten, noch dazu, da diese so weitreichende Folgen hatten, seines großen Sohnes zu kennen und offiziell anzuerkennen.
In chronologischer Reihenfolge untersuche ich im Folgenden allgemeine und biografische Nachschlagewerke aus den letzten einhundert Jahren auf ihre Informationen zu Luther und den Juden. Ein zweiter Teil wird das Thema in Lutherbiografien und in allgemeinen bzw. religionsbezogenen Geschichtsbüchern sowie in den Medien behandeln.
Meyers Großes Konversations-Lexikon in 20 Bänden, 6. Aufl. von 1906, enthält einen sehr ausführlichen, idealisierenden Beitrag zu Martin Luther, in dem Juden an keiner Stelle erwähnt werden.
Bereits Mitte der 1930er Jahre erschien im Berliner Propyläen-Verlag eine mehrbändige deutsche Biografie mit dem Titel Die grossen Deutschen, die besonders in gutbürgerlichen Haushalten in hohem Ansehen stand. Nach dem Krieg erlebte sie, unter Hermann Heimpel, Theodor Heuss und Benno Reifenberg als Herausgebern eine aktualisierte und ergänzte Neuauflage (1956) und wurde noch bis in die 1990er Jahre, u. a. in Taschenbuchform, mehrfach nachgedruckt. Ihre Einträge, so auch der zu Martin Luther, kennzeichnen schwerfälliger, nationaler Pathos und unsachlich-schwelgerische Schwärmerei für den jeweiligen Beschriebenen. In einem solchen Rahmen kann es nicht verwundern, dass das Verhältnis des Reformators zu Juden darin keinen Platz fand.
Die erste nach 1945 erschienene Ausgabe des Brockhaus’, Der Kleine Brockhaus (2bändig, 1950), verhält sich, auf Informationen zu Juden bezogen, entsprechend.
Der Grosse Brockhaus (16. Aufl., zwölf Bände, 1955) hingegen nennt in einem tabellarisch angelegten Lebenslauf des Reformators, also außerhalb des zusammenhängenden Textes seines Eintrags, unter der Jahreszahl 1543 (4. 1.) dessen Publikation „Von den Juden und ihren Lügen“.
Der Grosse Herder (5. Aufl., Freiburg 1955) konzentriert sich unter seinem Stichwort Luther, Martin auf rein christliche Aspekte.
Einer der umfang- und faktenreichsten Einträge im dreibändigen Biographischen Wörterbuch zur deutschen Geschichte von 1973 aus dem auf die Herausgabe anerkannter biografischer Nachschlagewerke spezialisierten K. G. Saur Verlag ist dem Reformator aus Eisleben gewidmet. Bedauerlicherweise jedoch kam diese Auskunftsbereitschaft nicht dem hier interessierenden Verhältnis Luthers zu den Juden zugute. Mit geradezu peinlicher Rücksichtnahme wird wortklauberisch formuliert/fabuliert:
„In der Innigkeit seines Glaubens, der Sprachkunst seiner Bibelübersetzung, der Wortgewalt seiner Flugschriften, in denen er im Zorn, dem Grobianismus der Zeit entsprechend, oft jedes Maß verlor, wurde dieser in der bürgerl. Welt seiner Zeit stehende und ihr verhaftete Prof. doch zu dem die Menschen über seine Zeit hinaus prägenden Lehrer. Noch im MA. verwurzelt, etwa auch in seinem wirtschaftlichen Denken (Stellungnahme gegen die Fuggerei, wie, v. a. im Alter, gegen die Juden) wie seiner Gesellschaftslehre (…) und mit einem tiefen Mißtrauen gegen die menschliche Vernunft (…) erfüllt, steht er doch am Beginn der NZ (=Neuzeit), in der das Verhältnis von Bindung und Freiheit im Gewissen des Christen immer erneut Antwort heischt.“
Meyers Enzyklopädisches Lexikon (9. Aufl., 25 Bde., 1975) belegt in seinem Luther-Artikel, dass die Redaktion des Nachschlagewerkes offensichtlich den Auftrag erhalten hatte, zumindest zu versuchen das vorübergehend umstrittene Image des Reformators wieder ‚gerade zu rücken‘:
„L. hat mehrfach zu wirtschaftl. Fragen Stellung genommen. Dabei hat er sich nachdrückl. gegen die Finanzmonopole seiner Zeit und den Machtmißbrauch in Wirtschaft und Handel gewandt (Kleiner und Großer ‚Sermon von dem Wucher‘, 1519/20; ‚Von Kaufshandlung und Wucher‘, 1524; ‚An die Pfarrherrn, wider den Wucher zu predigen‘, 1540). L. hat sich auch wiederholt zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen (z. B. zur Judenfrage) und polit. Problemen (z. B. ‚Von weltlicher Obrigkeit, wieweit man ihr Gehorsam schuldig sei‘, 1523) öffentl. geäußert. Aber etwa seine Schriften über die Juden (zunächst 1523 für, dann ab 1538 mehrfach gegen sie) sind fehlinterpretiert, wenn man sie in die Geschichte des säkularen Philo- oder Antisemitismus einreiht, mag der moderne Antisemitismus sich auch vielfach (bis hin zu J. Streicher im Nürnberger Prozeß) auf ihn berufen. L. schrieb in erster Linie als Schriftausleger (nicht der Bluts- oder ‚Rassen‘-gegensatz ist für ihn entscheidend, sondern der des Glaubens); der an Christus glaubende Jude ist ihm der ‚liebe Bruder‘.“
Das für einfache Ansprüche konzipierte Goldmann Lexikon (24 Bde., 1998) beschränkt sich auf rein christliche Gesichtspunkte.
Eine schwere Enttäuschung ist das 1998 im renommierten Stuttgarter Kröner Verlag erschienene Lexikon der deutschen Geschichte bis 1945, für dessen Herausgabe der Leitende Archivdirektor Dr. Gerhard Taddey verantwortlich zeichnet. Gerade von Taddey, der als Autor mindestens zweier Bücher zur regionalen Geschichte der Juden im deutschen Südwesten hervortrat, hätte man bei der Bearbeitung des Luther-Artikels (der von ihm persönlich stammt!) mehr Mut erwartet. Über manche Nebensächlichkeit aus dem Leben des Reformators informiert er bereitwilligst, nur über Luthers so schmerzlich folgenreiche Haltung gegenüber den Angehörigen der Minderheit mag er kein Wort verlieren.
Vollkommen uninformativ in Sachen Juden ist auch der Eintrag zu Martin Luther im Biographischen Lexikon zur deutschen Geschichte des Tübinger Professors Udo Sautter von 2002, das der angesehene Münchner C. H. Beck Verlag in seinem Programm führt.
Die Zeit. Das Lexikon in 20 Bänden (2005) hat ebenfalls kein Interesse daran zu einer möglichen Kontroverse beizutragen. Ganz besonders ärgerlich wirkt hier das trivial-gefällige Luther-Essay (neben dem regulären Luther-Eintrag) des Star-Autors des bürgerlichen Intelligenzlerblattes Robert Leicht.
Die Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden (21. Aufl., 2006) gibt nur knappe und ebenfalls nicht (mehr) provokante Informationen zu Luther und den Juden preis:
„L. selbst äußerte sich in seinen letzten Lebensjahren zunehmend polemisch und meinte, den ‚Feinden Christi‘ mit schärfstem Zorn begegnen zu müssen, so etwa in den Schriften ‚Von den Juden und ihren Lügen‘ (1543) und ‚Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet‘ (1545).“ Bzw.: „Lutherforschung. … Bes. lebhaft erörtert wurden L.s Zweireichelehre, Zeitpunkt und Charakter der reformator. Erkenntnis L.s (…), der Thesenanschlag, L.s Verhältnis zur mittelalterl. Tradition der Scholastik, der Mystik, der Schriftauslegung und zum Augustinismus seines Ordens, seine Stellungnahme gegen die Bauern und die Juden.“
Nicht ganz in die Reihe der bisher zitierten oder genannten Werke mag das Jugendsachbuch Wer war das? Menschen der Geschichte von Christine Schulz-Reiss aus dem Jahre 2007 passen. Ich führe es dennoch auf, da es meines Erachtens einen richtigen, ehrlichen Weg beschreitet:
„In den nächsten Jahren veröffentlichte er immer neue Anklagen gegen die ‚Feinde Christi‘, zu denen er nun offen das ‚Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet‘, aber auch die ‚Juden und ihre Lügen‘ zählte. Er rief sogar dazu auf, den Juden das Bleiberecht in Deutschland zu versagen – weil sie Christus nicht anerkannten.“ Bzw.: „Die Hasstiraden gegen die Juden sind das düstere Kapitel in Luthers Schriften. Die evangelische Kirche distanzierte sich später davon.“
Fazit:
Eine durch einen breiten Konsens weiter Teile der bundesdeutschen Gesellschaft gedeckte Feigheit im Umgang mit der eigenen Geschichte und eine übertriebene Rücksichtnahme gegenüber den ‚Gefühlen‘ einer satten, denkfaulen, national wie religiös eigenverliebten Bevölkerung verhinderte bis in die Gegenwart die längst überfällige Aufklärung über eine sehr wesentliche Seite der Persönlichkeit des Reformators Martin Luther, die gut zu kennen unerlässlich wäre, bei der Beantwortung elementarster Fragen zu unserer nationalen Geschichte.
Anmerkung:
Die Textauszüge wurden in ihrer Originalschreibweise wiedergegeben.
Literatur:
Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, München 1973/Augsburg 1995, Stichwort: Luther, Martin
Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig u. Mannheim 2006, Stichwort: Luther, Martin
Der Grosse Brockhaus in 12 Bänden, 16. Aufl., Wiesbaden 1955, Stichwort: Luther, Martin
Der Grosse Herder, 5. Aufl., Freiburg 1955, Stichwort: Luther, Martin
Der Kleine Brockhaus, Wiesbaden 1950, Stichwort: Luther, Martin
Die Zeit. Das Lexikon in 20 Bänden, Hamburg 2005, Stichwort: Luther, Martin; Essay „Glaube allein“ von Robert Leicht
Goldmann Lexikon, München 1998 (24 Bde., Bertelsmann/Random House), Stichwort: Luther, Martin
Lexikon der deutschen Geschichte bis 1945, (Hg.) G. Taddey, Stuttgart 1998, 3., überarbeitete Aufl., Stichwort: Luther, Martin
Meyers Enzyklopädisches Lexikon, 9. Aufl., Mannheim u. a. 1975, Stichwort: Luther, Martin
Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Aufl., Leipzig und Wien 1906, Stichwort: Luther, Martin
Neues Lexikon des Judentums, (Hg.) J. H. Schoeps, Gütersloh/München 1998, Essay: „Kirche und Judentum“ von Edna Brocke, S. 463-467
U. Sautter, Biographisches Lexikon zur deutschen Geschichte, München 2002, Stichwort: Luther, Martin
C. Schulz-Reiss, Wer war das. Menschen der Geschichte, Bindlach 2007, S.86-94
E. Zeeden, Martin Luther 1483-1546. In: Die grossen Deutschen, (Hg.) Hermann Heimpel u.a., Berlin u.a. 1956/1966, S. 418-432
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“Der Reformator und Kämpfer gegen religiöse Vorurteile war von religiöser Toleranz weit entfernt. Er war mitschuldig daran, daß die protestantischen Fürsten und Völker noch gehässiger mit den J. verfuhren als die Katholiken.”
Willy Cohn
Das „Neue Lexikon des Judentums“ (Gütersloh/München 1998) gibt unter „Luther, Martin“ lediglich den Hinweis auf ein Essay „Kirche und Judentum“ von Edna Brocke, wenige Buchseiten weiter vorne, an. Dort lesen wir u.a. (S.465f):
„… Auch der Reformator Martin Luther (1483-1546) entwarf in seinen Spätschriften ein Zerrbild der Juden. Er behauptete, Juden seien Mörder von Christen und insgesamt eine ‚Plage, Pestilenz und eitel Unglück‘. Und so schrieb er in seiner Schrift ‚Von den Juden und ihren Lügen‘ (1543): ‚Ich will meinen treuen Rat geben: Erstlich, daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, daß kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich… Zum anderen, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre… Zum dritten, daß man ihnen nehme all ihre Betbüchlein und Talmudisten ((die erste öffentliche Talmudverbrennung hatte 1242 in Paris stattgefunden, und im 13. Jahrhundert wurden in Frankreich wiederholt jüdische Auslegungsschriften verbrannt))… Zum vierten, daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete hinfort zu lehren… Zum fünften, daß man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe…‘ – ‚Ratschläge‘, die in ihrer Summe im 20. Jahrhundert befolgt werden sollten. An der Aufzählung der Aspekte, die für Luther Stein des Anstoßes waren, läßt sich das Muster christlicher Feindschaft gegen Juden deutlich ablesen. Die Treue des Judentums zu sich selbst und die des religiösen Judentums zu seinem Gott, aber auch die Tatsache, daß Juden zu allen Zeiten bereit waren, ihr Leben zu wagen, um sich nicht zwangstaufen zu lassen, war und ist für das Christentum eine bleibende Herausforderung im Hinblick auf seine eigene Identität. Daran änderte sich auch durch Aufklärung und Säkularisierung nichts. Die christlichen Denkmuster, Urteilskategorien und Maßstäbe – im Sprachlichen, Künstlerischen, ja im Kulturellen überhaupt – sind geblieben, auch wenn sie fortan ein säkulares Gewand tragen. Deshalb ist auch die Ausgrenzung von Juden im 19. und 20. Jahrhundert weit stärker von christlich geprägten Denkmustern beeinflußt, als gemeinhin angenommen wird…
Wie wenig sogar die ‚Deklaration der Menschenrechte‘ vom 27. August 1789 gegen antijüdische Einstellungen und Emotionen wirklich auszurichten vermochte, zeigen etwa für Frankreich der Dreyfus-Prozeß von 1894 und für Preußen der evangelische Hofprediger Adolf Stoecker (1835-1909), der bis heute als Gründer der Berliner Stadtmission 1876 – ein geschätzter Kirchenmann ist. Für seine 1878 gegründete ‚Christlich-Soziale Arbeiterpartei‘ fand er Formulierungen wie diese: ‚Kräftigung des christlich-germanischen Geistes…, um dem Überwuchern des Judentums im germanischen Leben… entgegenzutreten.‘ Wie stark religiös motiviert die Ausgrenzungstendenzen selbst noch im 20. Jahrhundert waren, zeigt sich in den Richtlinien der ‚Glaubensbewegung Deutsche Christen‘ vom 26. Mai 1932. Dort heißt es unter anderem: ‚Wir lehnen die Judenmission in Deutschland ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besitzen und damit die Gefahr der Rassenverschleierung und Bastardisierung besteht. Die Heilige Schrift weiß auch etwas zu sagen von heiligem Zorn und versagender Liebe. Insbesondere ist die Eheschließung zwischen Deutschen und Juden zu verbieten.‘ Die ‚Bekennende Kirche‘, die noch im September 1933 den ‚Arierparagraphen‘ als bekenntniswidrig abgelehnt hatte und seine Einführung in die Kirche verweigerte, verabschiedete ein knappes Jahr später, am 31. Mai 1934, auf der ersten Bekenntnissynode in Barmen die Barmer Theologische Erklärung ‚Zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche‘. Keiner ihrer sechs Abschnitte geht theologisch auf die Bedeutung des Judentums für das Christentum ein, geschweige denn auf die Lage der Juden in Deutschland. Die ‚Bekennende Kirche‘ bekannte zwar in eigener Sache, schwieg jedoch zu Verfolgung anderer, die ihr eigenes Bekenntnis bezeugten…“
Ein Anrufer möchte gerne wissen, wie denn die evangelisch-lutherischen Kirchen im Ausland mit dem Judenhass ihres großen moralischen Vorbildes bzw. mit den so unheilvollen Folgen von dessen Antijudaismus umgehen.
Ich habe eine mögliche Antwort hierauf in „Die katholische Kirche und der Holocaust – Untersuchung über Schuld und Sühne“ von Daniel Jonah Goldhagen, Berlin 2002, S. 304f gefunden:
„… 1994 erklärte die evangelisch-lutherische Kirche in Amerika, wie unentrinnbar der Antisemitismus ihrer Kirche und wie katastrophal die Folgen waren:
‚In der langen Geschichte des Christentums gibt es keine tragischere Entwicklung als die der Behandlung jüdischer Menschen, der sie durch Christen ausgesetzt waren. Sehr wenige christliche Glaubensgemeinschaften waren stark genug, der Versuchung durch Anti-Judaismus und seinen modernen Nachfolger Anti-Semitismus zu entrinnen.
Lutheraner (…) empfinden in dieser Hinsicht eine besondere Bürde, einmal wegen bestimmter Teile in Martin Luthers Vermächtnis, zum anderen wegen des Unheils, einschließlich des Holocaust im 20. Jahrhundert, das Juden gerade an Orten erleiden mussten, an denen lutherische Kirchen stark vertreten waren. (…)
Im Geist dieser Benennung der Wahrheit müssen wir, die seinen Namen und sein Erbe tragen, mit Schmerzen auch Luthers antijüdische Schmähungen und gewalttätige Empfehlungen in seinen späten Schriften zur Kenntnis nehmen. Wie es viele von Luthers Zeitgenossen im 16. Jahrhundert taten, weisen wir diese gewalttätigen Schmähungen zurück und mehr noch, wir drücken unseren tiefen und bleibenden Kummer aus über ihre tragische Wirkung auf folgende Generationen. (…)
Wir beklagen die Mitschuld unserer eigenen Tradition in dieser Geschichte des Hasses; überdies drücken wir unseren dringenden Wunsch aus, dass wir unseren Glauben an Jesus Christus mit Liebe und Respekt für die jüdischen Menschen leben.‘ “
Wie schätzt der große jüdische Historiker Heinrich Graetz (1817-1891) Martin Luther ein? Teil 1
Ziehen wir seine „Volkstümliche Geschichte der Juden“ zu Rate; mein Exemplar seines dreibändigen Werkes stammt aus dem Jahre 1889. Ich zitiere von den Seiten 212, 214-216, 217, 219, 227:
„… Als das Interesse an dem Reuchlin’schen Streit lauer zu werden anfing, tauchte eine andere Bewegung in Deutschland auf, welche das fortsetzte, was jener angebahnt hatte, die festen Säulen des Papsttums und der katholischen Kirche bis auf den Grund zu erschüttern und eine Neugestaltung Europa’s vorzubereiten. Die so weittragende Reformation hatte erst durch den ursprünglich sich um den Talmud drehenden Streit einen günstigen Luftzug vorgefunden, ohne welchen sie weder hätte entstehen, noch wachsen können. Aber die reformatorische Bewegung, welche in kurzer Zeit eine weltgeschichtlich wirkende Macht wurde, aus winzigen Anfängen entstanden, bedurfte eines kräftigen Rückhaltes, wenn sie nicht im Keim erstickt werden sollte. Martin Luther, eine kräftige, derbe, eigensinnige und leidenschaftlich erregte Natur, die mit Zähigkeit an ihren Überzeugungen und Irrtümern festhielt, gab ihr diesen Rückhalt. Der willensstarke Luther wurde durch den Widerspruch allmählich zu der Überzeugung geführt, daß der jedesmalige Papst, und dann noch weiter, daß das Papsttum überhaupt nicht unfehlbar sei, und daß der Glaubensgrund nicht der päpstliche Wille, sondern das Schriftwerk sei…
Schon lagen die Verhältnisse derart, daß jeder Luftzug den Brand nur noch mehr begünstigte. Luther hatte auf dem Reichstage zu Worms Standhaftigkeit und Mut erlangt und durch ein Festigkeit verratendes Wort den Bruch mit dem Papsttum vollendet. Obwohl der Kaiser Karl, durch eigenen stockkirchlichen Sinn und von Finsterlingen belagert und ermahnt, geneigt war, den Reformator als Ketzer dem Scheiterhaufen zu überliefern, so ließ er ihn doch aus politischer Berechnung, den Papst dadurch in Händen zu haben, ungefährdet abziehen und erklärte ihn erst später in die Reichsacht. Indessen war Luther bereits auf seinem Patmos, der Wartburg, verborgen und geborgen. Während er hier in der Stille an einer deutschen Übersetzung der Bibel arbeitete, wurde im Wittenbergischen von den reformatorischen Heißspornen alle kirchliche Ordnung umgestoßen, der Gottesdienst in den Kirchen verändert, Messe und Priesterornamente abgeschafft, die Mönchsgelübde aufgehoben und Priesterehen eingeführt – d. h., die Priester erklärten ihre bisherigen heimlichen Konkubinen öffentlich als ihre Gattinnen. Die Gemüter waren für die Reformation vorbereitet. Sie faßte daher in Norddeutschland, Dänemark, und Schweden feste Wurzel, drang in Preußen, Polen und andererseits in Frankreich und sogar in Spanien ein, in das Land düsterer, dumpfer Kirchlichkeit und blutdürstiger Verfolgungssucht…
Für die Juden hatte Luther’s Reformation anfangs nur eine geringe Wirkung. Indem sich Katholiken und Neuerer namentlich in Deutschland in jeder Stadt in den Haaren lagen, hatten sie keine Muße zu Judenverfolgungen, es trat daher hier eine kleine Pause ein. Luther selbst, dessen Stimme bereits mächtiger als die Fürsten klang, nahm sich ihrer anfangs an und strafte die vielfachen Beschuldigungen gegen sie Lügen. In seiner derben und innigen Weise äußerte er sich gleich anfangs darüber: ‚Diese Wut (gegen Juden) verteidigen noch einige sehr abgeschmackte Theologen und reden ihr das Wort, indem sie aus großem Hochmut daher plaudern: die Juden wären den Christen Knechte und dem Kaiser unterworfen. Ich bitte Euch darum, sagt mir: wer wird zu unserer Religion übertreten, wenn es auch der allersanftmütigste und geduldigste Mensch wäre, wenn er sieht, daß sie so grausam und feindselig und nicht allein nicht christlich, sondern mehr als viehisch von uns traktiert werden?‘
In einer eigenen Schrift, deren Titel schon die verbissenen Judenfeinde stutzig zu machen geeignet war: ‚Daß Jesus ein geborener Jude gewesen‘ (1523), sprach sich Luther noch derber gegen den unvertilgbaren Judenhaß aus: ‚Unsere Narren, die Papisten, Bischöfe, Sophisten und Mönche, haben bisher also mit den Juden verfahren, daß wer ein guter Christ gewesen, hätte wohl mögen ein Jude werden. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre, und hätte solche Tölpel und Knebel den Christenglauben regieren und lehren gesehen, so wäre ich eher eine Sau geworden als ein Christ. Denn sie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen, haben nichts mehr thun können, als sie schelten. Sie sind Blutsfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn; darum, wenn man sich des Blutes und Fleisches rühmen soll, so gehören die Juden Christo mehr an, denn wir. Ich bitte daher meine lieben Papisten, wenn sie müde geworden, mich Ketzer zu schimpfen, daß sie nun anfangen, mich einen Juden zu schelten.‘ ‚Darum wäre mein Rat‘, so fährt Luther fort, ‚daß man säuberlich mit ihnen (den Juden) umgehe; aber nun wir mit Gewalt sie treiben und gehen mit Lügenteiding um und geben ihnen schuld, sie müßten Christenblut haben, daß sie nicht stinken und weiß nicht, was des Narrenkrams mehr ist, – auch daß man ihnen verbietet, unter uns zu arbeiten, hantieren und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, damit man sie zu wuchern treibt, wie sollen sie zu uns kommen? Will man ihnen helfen, so muß man nicht des Papstes, sondern der christlichen Liebe Gesetz an ihnen üben und sie freundlich annehmen, mit lassen werben und arbeiten, damit sie Ursache und Raum gewinnen, bei uns und um uns zu sein.‘ Das war ein Wort, wie es die Juden seit einem Jahrtausend nicht gehört hatten. Man kann darin Reuchlin’s milde Verwendung für sie nicht verkennen.
Manche heißblütige Juden sahen in der Auflehnung der Lutheraner gegen das Papsttum den Untergang der Jesuslehre überhaupt und den Triumph des Judentums. Drei gelehrte Juden kamen zu Luther, um ihn für das Judentum zu gewinnen. Schwärmerische Gemüter unter den Juden knüpften gar an diesen unerwarteten Umschwung und namentlich an die Erschütterungen, welche das Papsttum und der abgöttische Reliquien- und Bilderdienst erfahren, die kühnsten Hoffnungen von dem baldigen Untergange Roms und dem Herannahen der messianischen Zeit der Erlösung. – Mehr als der jüdische Stamm gewann die jüdische Lehre durch die Reformation. Bis dahin wenig beachtet, kam sie in der ersten Zeit der Reformation gewissermaßen in Mode…
Wenige Jahre vorher galt den Vertretern der Kirche die Kenntnis des Hebräischen als Luxus oder gar als ein verderbliches Übel, an Ketzerei auftreifend; durch die Reformation dagegen wurde es in die notwendigen Fächer der Gottesgelehrtheit eingereiht. Luther selbst lernte hebräisch, um gründlicher in den Sinn der Bibel eindringen zu können…
Durch die Reuchlinische und Lutherische Bewegung kam auch die so lange vernachlässigte Bibelkenntnis einigermaßen in Schwung…
Selbst Geistliche fanden sich nicht heimisch darin, weil sie sie nur aus der lateinischen Sprache der Vulgata kannten, und diese den Grundgedanken der biblischen Wahrheit durch Unverstand und Verkehrtheit verwischt hatte. Es war daher eine wichtige That, als Luther in seiner Einsamkeit auf der Wartburg die Bibel, das alte und neue Testament, in die deutsche Sprache übersetzte. Luther mußte dazu, wie schon angegeben, etwas Hebräisch lernen und Juden um Auskunft fragen. Es war den damals Lebenden, als wenn das Gottesbuch erst neu geoffenbart worden wäre; diese reine Stimme hatten sie noch nicht vernommen. Ein frischer Hauch strömte den Menschen daraus entgegen, als die Wälle entfernt waren, welche diese Lebenslust des Geistes so lange abgesperrt hatten…
Die reformatorische Bewegung in Deutschland hatte auch in Spanien einen Wiederhall gefunden. Luther’s und Calvin’s Lehre von der Verwerflichkeit des Papsttums, der Priesterschaft und des Ceremoniendienstes war durch die Verbindung Spaniens mit Deutschland infolge der Personal-Union des Kaisers Karl auch über die Pyrenäen gedrungen. Der Kaiser, dem die Reformation in Deutschland so viel zu schaffen machte, gab dem heiligen Offizium die Weisung, streng gegen die lutherisch Gesinnten in Spanien zu verfahren. Dem blutdürstigen Ungetüme war die ihm zugewiesene Beute willkommen, und fortan ließ es eine Art Gleichheit gegen Juden, Mohammedaner und lutherische Christen eintreten. Jedes Auto da Fé verkohlte in gleicher Weise die Märtyrer der drei verschiedenen Religionsbekenntnisse…“
Hervorhebungen (Sperrdruck): Heinrich Graetz
RS
Evangelisch-Lutherische Christen, wo bleibt Ihr?
Engagierte Gläubige, Pastorinnen und Pastoren, Bischöfinnen und Bischöfe, Frau Käßmann, Ihr kennt natürlich das von mir hier wiedergegebene Material, die Aussprüche Luthers ebenso wie die Sekundärliteratur und Ihr kennt die tödlichen Folgen, die die menschenfeindlichen Aufrufe des Reformators im NS hatten.
Meint Ihr nicht auch, es wäre allmählich an der Zeit Euer ‘elitäres Gehabe’ abzulegen und nun Euren Leuten an der Basis endlich ‘reinen Wein einzuschenken’ ?
Als ‘elitäres Gehabe’ bezeichne ich die immer wieder bei Euch angetroffene Haltung “Huch – es ist schlimm genug, dass wir das Alles wissen, aber dies dürfen wir doch dem einfachen Mann/der einfachen Frau, ‘unten’, unter gar keinen Umständen zumuten, denn die laufen uns doch in Scharen davon…”
Vertraut dem einfachen Mann, der einfachen Frau – ich hab’ mich bereits mit ihnen unterhalten – sie laufen Euch nicht weg – aber sie haben ein Recht darauf, und sie erwarten es, von Euch, endlich vollständig und überall (in Nachschlagewerken, Schulbüchern, modernen Medien etc.) über Luthers Einstellung zu Juden und Sinti und Roma aufgeklärt zu werden und wichtiger noch, darüber belehrt zu werden, was der Luthersche Antijudaismus noch viele Jahrhunderte nach Ableben des Reformators angerichtet hat.
Dabei muss ganz ausdrücklich auch der abscheuliche deutsche Antiziganismus mit einbezogen werden, denn Ihr wisst ja, dass “Zigeuner” mit Juden gemeinsam von ‘ihm’ geschmäht und verteufelt wurden.
Für ein besseres und minderheitenfreundlicheres Deutschland, das Ihr doch ebenfalls anstrebt, so tönt(e) es jedenfalls so häufig aus Euren Mündern, rufe ich Euch auf – beginnt mit der neuen deutschen Aufklärung – beginnt jetzt damit!
Oder wollt Ihr, dass auch noch unsere Kinder, Enkel und Urenkel in Lüge und Heuchelei großwerden und weitere Generationen die Wahrheit beugen müssen?
Denkt auch and die Nachkommen der von unseren (deutschen) Vorfahren Gemeuchelten – sie haben gleichfalls ein Recht darauf, dass alle Schuldigen beim Namen genannt, dass Verantwortungen klar bezeichnet werden und dies nicht in einigen wenigen, schwer erreichbaren Fachbüchern, sondern überall da, wo man sich danach erkundigen möchte.
Ich appelliere daher an Euer Gewissen und Euren Anstand – sorgt dafür, dass in allen deutschsprachigen Nachschlagewerken und anderen Konsultationsmedien für jeden und jederzeit nachzulesen steht, was ich hier auch im Namen meiner nichtdeutschen Vorfahren und Verwandten fordere.
Habt Mut und Vertrauen und wartet nicht länger!
Euer Mitbürger
Robert Schlickewitz
PS: Ihr tut mit dieser neuen deutschen Aufklärung noch zusätzlich ein gutes Werk: Habt Ihr einmal damit begonnen die Wahrheit zu verkünden, so bleibt auch den Papisten nichts Anderes übrig als ‘auf den fahrenden Zug aufzuspringen’. Und dass es bei denen sehr viel mehr zu ‘beichten’ gibt, als aus dem “Pirzel einer Sau spritzet”, dürfte Euch ja wohl bekannt sein.
Erfreulich. Die Diskussion kommt in Schwung:
http://www.theologe.de/martin_luther_juden.htm