Fast jeder Grabstein auf Kalavrytas Friedhof trägt das gleiche Todesdatum: 13. Dezember 1943. Es ist der Tag, an dem drei Generationen sterben mussten – Großväter, Väter, Söhne. Der Tag, an dem die deutsche Wehrmacht das griechische Kalavryta zur Stadt der Witwen und Waisen machte…
Von Nicole Quint
Die Löcher sind seltsam klein: Zwei schwarze Punkte an der rechten Schulter und ein erbsengroßer Kreis in der Mitte des Mantelrückens. Die Ränder sind vollkommen glatt. Der hellgraue Stoff ist an keiner Stelle ausgefranst. Hinterlassen Maschinengewehrsalven nicht größere Einschüsse? Sechsundsechzig Jahre ist es her, dass der Träger des Wintermantels von drei Kugeln getroffen zu Boden stürzte. Mit ihm und über und neben ihn fielen 498 Jungen und Männer. Falls die drei Schüsse auf den Mann im grauen Mantel nicht tödlich waren, dann war es der Pistolenschuss direkt in den Kopf, den die Soldaten der 117. Jägerdivision noch sicherheitshalber abfeuerten – niemand sollte überleben. Diesen Teil der Exekution erzählt der Mantel nicht. Das übernehmen andere Ausstellungsstücke des Holocaust Museums von Kalavryta, einer Stadt in den Bergen, hoch im Norden des Peloponnes.

Kalavryta ist heute ein beliebtes Urlaubsziel für Wintersportler. Ferienhäuser im Stil Schweizer Chalets, Restaurants, Cafés und Souvenirläden prägen den Ortskern. Mit ihren hellgetünchten Fassaden, den ziegelroten Dächern und gusseisernen Straßenlaternen wirkt die Stadt wie aus dem Bausatz für Modelleisenbahndörfer. Alles ist ein wenig zu hübsch, zu sauber und zu makellos. Nur die ramponierte Kirchturmuhr passt nicht in das Bild des schicken Städtchens. Das schmutziggraue Ziffernblatt neigt sich weit nach vorn, so als stürze es bald herunter. Seine Zeiger stehen still – schon seit sechsundsechzig Jahren. Solange ist es bereits 14.34 Uhr. Genau in dieser Minute hallten am 13. Dezember 1943 die letzten Schüsse über die Stadt. Es war das Ende einer fünf Stunden dauernden Hinrichtung. Angeordnet von Generalmajor Karl von Le Suire, mussten 498 Kalavryter sterben, um den Tod von 83 Soldaten eines deutschen Jägerregiments zu rächen. Die Deutschen waren in einen Hinterhalt der griechischen Widerstandsorganisation ELAS geraten, die mit ihren Geiseln die Freilassung griechischer Häftlinge erpressen wollte. Als dieser Versuch jedoch scheiterte, erschossen die ELAS-Kämpfer ihre deutschen Gefangenen. Die Wehrmacht nahm Vergeltung: Ihre Soldaten brannten achtundzwanzig Dörfer und Klöster nieder und ermordeten mehr als 1.300 Griechen.
In Kalavryta hatten die Herzen von 498 Menschen zu schlagen aufgehört, als dort am 13. Dezember 1943 die Kirchturmuhr die Zeit anhielt. So wenig wie die Zeit auf dieser Uhr, so wenig vergeht die Erinnerung an das alte Kalavryta und seine Menschen. Sie sind alle noch da – der deutsche Kommandant, der den Kalavrytern sein Soldatenehrenwort gegeben und versprochen hatte, ihnen nichts zu tun, der fünfzehnjährige Junge, der die Soldaten des Exekutionskommandos anflehte, ihn am Leben zu lassen und auch die Frauen Kalavrytas, die für ihre toten Väter, Brüder, Ehemänner und Söhne Gräber aus dem gefrorenen Boden hoben.
Sichtbar wird die Erinnerung an diese Menschen durch eine stillstehende Kirchturmuhr und durch ein massiges Betonkreuz. Milchweiß leuchtet der fünf Meter hohe Kreuzriese vom Kapi-Hügel herunter auf die Stadt. Von fast jedem Punkt in Kalavryta aus ist das Kreuz zu sehen. Jeden Tag schauen Einwohner und Feriengäste von ihren Wohnungsfenstern und den Hotelbalkonen darauf, schieben sich seine weißen Betonbalken in ihre Augenwinkel, wenn sie auf dem Weg zum Bäcker sind, im Restaurant sitzen oder ins Nachbardorf fahren. Und nachts, wenn auch die Lichterketten über den Café-Terrassen endlich verlöscht sind, wird das Kreuz von Dutzenden Scheinwerfern angestrahlt und brennt sich neonhell auf die Netzhäute. Unmöglich, zu vergessen, was da oben geschah.

Dort hinauf hatten die deutschen Soldaten alle männlichen Einwohner Kalavrytas gebracht, die älter als zwölf Jahre waren. Ihre Frauen, Mütter und Schwestern pferchten sie hingegen in die engen Klassenräume der Grundschule. Das Schreien und Weinen der Frauen drang bis zu den Männern auf den Kapi-Hügel hoch. Solange die deutschen Soldaten die Frauen als Geiseln hatten, konnten sie sich sicher sein, dass die Männer keinen Widerstand leisten würden, und so begannen sie, das Dorf zu plündern und alle Gebäude in Brand zu setzen. Vom Hügel aus blickten die Männer auf die Wolken aus Rauch und Staub, die sich über ihre Stadt legten, hörten den Lärm der einstürzenden Häuser und sahen schließlich um die Mittagszeit grüne und rote Signallichter aufsteigen – Zeichen für die deutschen Soldaten, mit der Exekution zu beginnen.
Großväter mit buschigen Schnauzbärten standen in der Menge, Teenager, denen die Ponyfransen in den Augen hingen, Lehrer mit strengen Seitenscheiteln und auch Priester waren darunter. Drei Generationen von Männern wurden an diesem Tag ausgelöscht. Das älteste Opfer war über achtzig, das jüngste zwölf Jahre alt. Der Junge musste wahrscheinlich nur deshalb sterben, weil er an diesem Tag die langen Hosen seines älteren Bruders angezogen hatte und die Deutschen ihm sein wahres Alter nicht glaubten. Seine jüngeren Geschwister flüchteten mit der Mutter aus dem brennenden Kalavryta auf die umliegenden Felder. Auch sie sahen die Signalleuchten und hörten die Maschinengewehrsalven. Wie die anderen Kinder liefen sie später mit den Frauen den steilen Weg zum Kapi-Hügel hinauf. Sie wateten durch die Blutlachen, riefen die Namen ihrer Angehörigen und halfen der Mutter die Leichen von Vater, Bruder, Großvater und Onkel über den gefrorenen Boden zum Dorf hinunter zu ziehen. Am 13. Dezember 1943 endete ihre Kindheit. Ohne Häuser, ohne Nahrung, ohne Geld, ohne Familien – mit Müttern, die weiterleben mussten, weil sie überlebende Kinder hatten. Die meisten Frauen aus Kalavryta waren im Jahr des Massakers unter dreißig, nur vier haben später wieder geheiratet.
Keine der Frauen hat je Hilfe oder materielle Wiedergutmachung erhalten, weder vom griechischen Staat noch von der Bundesrepublik und das, obwohl das oberste Gericht Griechenlands, der Areopag, Deutschland im Jahr 2000 zur Zahlung von Kriegsentschädigung in Höhe von fünfundfünfzig Millionen Mark verurteilte. Die Bundesrepublik erklärte das Urteil für rechtsungültig. Klagen von Angehörigen der Opfer auf Wiedergutmachung wurden abgelehnt, da Deutschland als souveräner Staat Immunität genießt. Das Gericht eines Staates – in diesem Fall Griechenland – kann demnach einen anderen Staat – Deutschland – nicht verklagen. Auch der Europäische Gerichtshof wies Ansprüche auf Schadensersatz wegen der Massenexekution in Kalavryta im Februar 2007 ab. So blieb es bei einem Scheck in Höhe von fünfzigtausend Mark, den Bundeskanzler Konrad Adenauer 1954 der Kalavryta-Hilfe überreichte und den zehntausend Mark der Bremer Bürgerschaft zur Anschaffung neuer Webstühle. Als Bundespräsident Johannes Rau Kalavryta im Jahr 2000 besuchte, hofften viele dort auf eine Entschuldigung. Rau sprach von Trauer und Scham, nicht aber von Reue und Verantwortung. Auch daran erinnert das Kreuz.
Die verantwortlichen Befehlshaber der Aktion Kalavryta gelten seit 1945 als vermisst. Die Schützen des Exekutionskommandos konnten nicht ermittelt werden. Die Verbitterung darüber ist zu spüren, wenn sich die Einwohner Kalavrytas alljährlich am 13. Dezember unterhalb des Kreuzes versammeln und um Frieden und Gerechtigkeit bitten. Auf großen Transparenten steht geschrieben: “Nie wieder Krieg, nie wieder Nazis!” Salutschüsse hallen über den Hügel ins Tal hinab. Dann verliest der Bürgermeister die Namen der Ermordeten in alphabetischer Reihenfolge.

498 Namen – 498 Geschichten von Trauer, Schmerz und Verlust. Ihnen allen ist das im Jahr 2005 eröffnete Holocaust Museum “Haus unserer Helden” gewidmet. In den Räumen des alten Schulgebäudes wurde die Ausstellung eingerichtet, jenem Ort, an dem sich 498 Menschen für immer von ihren Familien verabschiedeten. Ihre Namen sind im Museum auf einer hohen Tafel nachzulesen. Einigen hundert Hingerichteten kann man dort auch in die Augen sehen. Ihre Porträtfotos füllen die hohe Wand im letzten Saal des Holocaust Museums vollständig aus.
Vermutlich ist auch das Foto des Jungen darunter, der das dreiblättrige Kleeblatt in das Holzpult schnitzte, das gleich im ersten Raum neben alten Landkarten, Schulbüchern und Tintenfässern ausgestellt ist. Wahrscheinlich ist auch das Porträt des Mannes dabei, der seine Tochter nie kennenlernte, weil sie an seinem Todestag, dem 13. Dezember 1943, geboren wurde. Aus einer der Reihen dieser Totengalerie lacht vielleicht der Mann, der am Morgen des 13. Dezember 1943 zum letzten Mal seinen hellgrauen Wintermantel anzog.
Fotos: © Thomas Schneider / bildbaendiger
>> Mehr von Nicole Quint: http://www.quint-und-quer.de/
Related posts:
- Nägel von Jesu Kreuz entdeckt?
Zwei kleine römische Nägel, 1990 im Jerusalemer „Friedenspark“ südlich des Tempelbergs in einer Grabhöhle entdeckt, könnten jene Nägel... - “Blauer Strich heißt Leben, Rotes Kreuz bedeutet Tod”
70 Jahre nach Beginn der nationalsozialistischen Euthanasieverbrechen… Eine Spurensuche von Maximiliane Saalfrank und Thies Marsen „Immer gegen halb... - Das Kreuz: Bischöfe und Zentralrat der Juden setzen Dialog fort
Die Deutsche Bischofskonferenz und der Zentralrat der Juden in Deutschland wollen sich gemeinsam dafür einsetzen, dass religiöse Symbole... - Rotes Kreuz bedauert: Hamas verweigert Besuch bei Gilad Shalit
Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes teilte mit, dass sie zwar häufig die Hamas gebeten habe, zu dem...




![[Druckerfreundliche Version] [Druckerfreundliche Version]](http://www.hagalil.com/archiv/wp-content/plugins/wp-print/images/printer_famfamfam.gif)
Leserbriefe