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Sarrazins willige Vollstrecker

Ein Streifzug durch die Leserkommentare im Netz – ein Lehrstück über Meinungsfreiheit…

Von Ramona Ambs

Die ganze Debatte begann mit einem Interview Thilo Sarrazins mit der Zeitschrift Lettre International. In diesem Interview gab Sarrazin Sprüche zum Besten, die nicht nur ausgesprochen dumm und Menschen verachtend sind, sondern eben auch eindeutig rassistisch. Er schwadronierte von der altdeutschen Arbeitsauffassung der Deutschrussen und von dem 15 % höheren IQ der osteuropäischen Juden, von der Integrationsunfähigkeit der Türken und Araber und von der Größe des deutschen Volkes im Jahre 1939.

Diese Äußerungen wurden dann scharf kritisiert. Die türkische Gemeinschaft forderte den Rücktritt Sarrazins und Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland sagte: “Ich habe den Eindruck, dass Herr Sarrazin mit seinen Äußerungen und seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler wirklich große Ehre macht”.

Wie immer bei solchen Darlegungen gehen die Meinungen der Kommentatoren weit auseinander. Während die einen Sarrazins Äußerungen ganz klar als rassistisch und somit letztlich untragbar kategorisieren, halten andere die Äußerungen lediglich für sprachlich verunglückt, und wieder andere halten Sarrazin für einen mutigen Tabubrecher, der endlich einmal ausspricht, was viele denken, aber nicht zu sagen wagen. Blickt man in den Kommentarbereich der verschiedenen Zeitungen, so muss man feststellen, dass die letzte Gruppe von den Lesern sehr goutiert wird. Denn offenbar brodelt die gequälte deutsche Volksseele und findet ihr Ventil in den Kommentarspalten der verschiedenen Magazine.

Beim Berliner Tagesspiegel schreibt Michael Wolffsohn, dass er sich gerade als Jude für Kramers Äußerungen schämt (warum er gerade auch als Deutscher sich nicht auch noch für Sarrazin mitschämt bleibt sein Geheimnis). Das führt zu viel Beifall und wohlmeinenden Ratschlägen bei der Leserschaft. So empfiehlt ein Leser:

“Ich kann hier nur die in Deutschland lebenden Juden auffordern, sich dort etwas mehr einzumischen und den ZdJ wieder zu einer Institution zu machen, die das Zusammenleben verbessert, nicht es unnötig belastet.”

Ähnliche Leserkommentare findet man auch bei der Welt. Dort nimmt der Vorstandsvorsitzende der Axel-Springer-Stiftung Ernst Cramer die Äußerungen Sarrazins in Schutz. Er schreibt unter anderem:

“Der ehemalige Berliner Senator ist ein Kenner der Situation(…)Die Debatte um eine richtige Einwanderungspolitik in Deutschland und ebenso um die angemessene Reaktion der Zuwanderer ist jetzt entfacht.(…)Für viele auf allen Seiten bedeutet das Umdenken, auf jeden Fall Kompromissbereitschaft. Das trifft übrigens auch für die Juden in Deutschland zu, deren große Mehrheit Immigranten aus der früheren Sowjetunion sind. Auch deren Integration lässt viel zu wünschen übrig. Da bleibt – auch für Stephan Kramer – noch viel zu tun.”

Dem pflichtet ein Leser eifrig bei, der offenbar findet, dass es Juden nichts angeht, was hier in Deutschland debattiert wird:
“Die Äußerungen des Zentralrats der Juden gegen Herrn Dr. Sarrazin sind unsachlich und nicht mehr zeitgemäß. Statt weiter den Weg der Versöhnung und Vertändigung zu betreiben, wird in unverständlicher Weise polemisiert und das auch noch zu einer Sache, die die Juden in Deutschland nicht betrifft.”

In der FAZ beschreibt Holger Appel Sarrazin als couragierten Mann, woraufhin ein Leser bestätigt: “An anderer Stelle wird doch immer nach Zivilcourage gerufen, jetzt hat mal einer den Mumm sich gegen das bundesdeutsche Meinungskartell aufzulehnen und prompt wird er mit einem Berufsverbot belegt.”

In der Süddeutschen Zeitung beschreibt Helga Einecke Sarrazin als Provokateur am falschen Platz. Dahinter wittert so mancher Leser bereits eine jüdisch-amerikanische Verschwörung gegen Sarrazin. Einer fordert: “Ihr müsst vor niemanden Angst haben. weder die USA noch Israel sind in der Lage uns die Wahrheit vorzuenthalten, geschweige denn unseren Gedanken Einhalt zu bieten.
Also liebe SZ trau euch, die Wahrheit ist nicht immer schön, aber dafür Richtig.”

Ein anderer Leser warnt die Zeitung: “(..)mit Lügen und Augenwischerei kann man nur eine Zelt lang Geld verdienen… aber macht nur weiter so, mal sehen wer dann am Ende das Lachen hat…”

Die schlimmsten Leser-Kommentare finden sich aber in den rechten elektronischen Postillen wie den PI-News. Dort hat man einen Kritiker Sarrazins besonders ins Visier genommen. Alan Posener hatte in einem Videokommentar die Originalaussagen Sarrazins verlesen und analysiert.

Das war offensichtlich zu viel inhaltliche Kritik an Sarazin. Denn inhaltlich auseinandersetzen will man sich natürlich nicht. In dem Artikel bei PI-News geht es dann auch ausschließlich darum, Posener zu diskreditieren. So etwas inspiriert dann die Leser zu Kommentaren wie diesen:

“Na hoffentlich kriegt er (Posener) von einem Murat oder Yüksel mal ordentlich eins auf den Hinterkopf; vielleicht wird er dann geheilt von seiner Gutmenschenkrankheit.” Andere Leser stellen seine Adresse ein und einer meint: “Ne also wirklich.. sowas wie der atmet UNSERE Luft weg.. Wäre mal ein Anfang das zu unterbinden..? das ist ein Fortschritt in Sachen Klimaschutz”

Anhand all dieser Kommentare stellt sich eine Frage: Wie kommt es, dass eindeutig rassistische Sprüche so massiv verteidigt werden und Kritiker Sarrazins auf so üble Weise verleumdet und sogar bedroht werden?

Offenbar gibt es hier ein Missverständnis von Meinungsfreiheit. Das Verbreiten rassistischer Statements wie die Sarrazins sollen durch die Meinungsfreiheit gedeckt sein- die Kritik daran aber eben nicht. Anders lassen sich die Kommentare nicht lesen. Hier hat Deutschland noch viel zu tun. Und Sarrazins willige Vollstrecker – um den von Joachim Frank geprägten Begriff noch ein wenig zu etablieren – werden diese Lektion hoffentlich auch noch lernen.

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88 comments to Sarrazins willige Vollstrecker

  • Jacob P.

    >>> jeder der sich weigert die Integrationsunwilligkeit arabischer und türkischer,und anderer Moslems nicht zu tolerieren,der soll mit Feuer und Schwert überzogen werden.
     
    Sachte, sachte! Bitte nicht alle Muslime bzw. Einwanderer und Kinder von Einwanderern aus islamischen Ländern über einen Kamm scheren. Der Großteil ist kaum religiöser oder fanatischer als der bayerische Otto-Normal-Katholik, eher sogar weniger. Man denke bspw. an die Ex-Muslime oder die Aleviten. Diese sind hervorragend integriert, und ich würde mir wünschen, dass alle Muslime so tolerant und liberal wären. Man trifft im Alltag glücklicherweise noch viele türkische Mädchen und Frauen, die kein Kopftuch tragen und einwandfrei deutsch sprechen, sowie Jungen und Männer ohne latente Gewaltbereitschaft oder Macho-Allüren. Sicher, es könnten ruhig noch einige mehr sein. Aber bei aller berechtigten Sorge, wir sollten nicht den Blick für das vorhandene Positive verlieren. Fanatiker gibt es leider auf beiden Seiten. Mühsam immer darauf hinweisen zu müssen, aber offenbar notwendig.

    Ich persönlich kann radikale, fanatische Muslime ebenso wenig leiden wie christliche Fundamentalisten oder ultraorthodoxe Juden.

  • Antifo

    @Jacob P.
    Von bayerischen “Otto-Normal-Katholiken” haben Sie nicht den Hauch einer Ahnung. Trotzdem bringen Sie es fertig, bayerische Katholiken rhetorisch auszubürgern!

  • Pavlík

    Dieselben “Israel-Freunde”, die in Jubel ausbrachen, als Broder am 1. Mai 2009 in Kreuzberg marodierende SA-Horden ausmachte, können jetzt ihre Begeisterung kaum mehr zügeln über “SS-Kramer”, nur weil der Zentralratssprecher dem Pöbel-Sozi Sarrazin, mit wirklich völlig unpassender Wortwahl, ins Wort fiel.

    Es geht also nicht darum, was jemand sagt, sondern darum wer etwas sagt und aus welchem Grüppchen man gerade sein Süppchen schlürft. Das ist doch offensichtlich. Sarrazin hätte noch viel mehr Mist reden können, solange er sich an der gerade so beliebten und so herrlich “politisch unkorrekten” Hatz auf Gutmenschen, Multi-Kulti, Migranten, gegen Moscheen, “Kopftuchmädchen” u. s. w. beteiligt.

  • Jacob P.

    >>> Trotzdem bringen Sie es fertig, bayerische Katholiken rhetorisch auszubürgern!
     
    *LOL* So viel hat da jemand verstanden… Leider ist das nicht sonderlich viel. Wenn das der bayerische Otto-Normal-Katholik ist, dann gute Nacht, Bayern!

  • jim

    *LOL* So viel hat da jemand verstanden… Leider ist das nicht sonderlich viel. Wenn das der bayerische Otto-Normal-Katholik ist, dann gute Nacht, Bayern!
     
    Weils mir nun schon paar mal auffällt – Frage, haben Sie hier schon mal geschrieben, unter andrem Nick?
    Wenn ja, nun …

  • [...] Erfreulicherweise hat jedoch haGalil (das größte, in deutscher Sprache erscheinende jüdische Onlinemagazin – pluralistisch, undogmatisch, antifundamentalistisch und überparteilich) den gesamten Text des Sarrazin-Interviews zum Nachlesen im Netz bereitgestellt. Es lohnt sich auch auf jeden Fall den Diskurs und die Postings über die Sarrazin-Äußerungen in haGalil nachzulesen. Ramona Ambs schreibt dazu unter dem Titel “Sarrazins willige Vollstrecker” [...]

  • [...] Posener liest Thilo Sarrazin. Großes Theater! Ergänzend dazu: Ramona Ambs über “Sarrazins willige Vollstrecker“. Share and [...]

  • [...] Anhänger haben mal wieder was zu feiern. Ihr Idol hat sich wieder mal geäußert, in Wiesbaden auf einer [...]