Papst Pius XII. ist noch immer hochumstritten: Von 1939 bis 1958 im Amt, prangerte er nie den Holocaust an. Der Vatikan will ihn trotzdem seligsprechen, eine Berliner Ausstellung dient diesem Ziel…
Von Philipp Gessler, taz v. 22.01.2009
Diese Ausstellung ist ein Skandal. Und sie zeigt, wie die Reaktionäre im Vatikan triumphieren.
Man könnte beides auch vorsichtiger formulieren, diplomatischer sozusagen. Oder ganz vornehm öffentlich schweigen, weil das Thema etwas Unangenehmes hat und man sich so Feinde schafft. So wie Papst Pius XII. das zu machen pflegte – ad maiora mala vitanda, um Schlimmeres zu verhindern. Womit wir mitten im Thema wären: bei einer Ausstellung des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften. Sie ist ab dem Freitag im Neuen Flügel des Berliner Schlosses Charlottenburg zu sehen und zeigt das Leben des umstrittensten Papstes der letzten hundert Jahre: Pius XII.
Eugenio Pacelli, so der bürgerliche Name von Pius XII., lebte von 1876 bis 1958 – in seinen letzten 19 Jahren saß er auf dem Thron Petri. Pacelli soll selig gesprochen werden, es ist die Vorstufe zur Heiligsprechung. Der heutige Papst Benedikt XVI. hat das Dekret zur Seligsprechung des asketischen Intellektuellen schon unterschriftsreif auf seinem Schreibtisch, wenn man richtig deutet, was sein Sprecher Federico Lombardi jüngst gesagt hat. Doch Joseph (“Wir sind Papst”) Ratzinger zögert noch, braucht noch Zeit “zur Vertiefung und zur Reflexion”, so Lombardi. Der Grund ist klar: Kann man einen Papst seligsprechen, der zum Holocaust schwieg?
Hoppla, das ist jetzt rausgerutscht! Die Berliner Ausstellung besagt dagegen: “Pius XII. hat zum Holocaust nicht geschwiegen”, so die Ausstellungsmacher in einem Begleittext. “Jeder, der die biografische Ausstellung über Pius XII. ohne ideologische Scheuklappen betrachtet, wird feststellen, dass der Vatikan hier nicht Apologetik, sondern sachliche Aufklärung leistet.” Die Ausstellung ist “auf Wunsch des Papstes organisiert worden”, betonte Walter Brandmüller bei der Vorstellung der Schau. Der Prälat ist der Präsident des päpstlichen Komitees und der Hauptverantwortliche für die Ausstellung mit dem Titel “Opus Iustitiae Pax. Eugenio Pacelli – Papst Pius XII”.
Der Kern der Ausstellung, die bisher nur in einem Flügel der Kolonnaden des Vatikans am Petersplatz zu sehen war: Raum 7. Mit der dreisten Überschrift an der Stirnwand: “Hier hören Sie das Schweigen des Papstes.” Zu sehen ist eine Bronzebüste von Pius XII. vor einem alten Mikrofon. Dahinter an der Wand der angebliche Beweis, dass der Schweige-Papst zum Völkermord an den Juden eben nicht geschwiegen habe.
Dieser angebliche Beweis ist ein Zitat aus der Weihnachtsansprache von Pius XII. am 24. Dezember 1942. Darin sagte der Papst: “Dieses Gelöbnis schuldet die Menschheit den Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder fortschreitender Verelendung preisgegeben sind.” Daneben steht, weil wohl doppelt gemoppelt besser hält, ein Zitat des Papstes vor seinen Kardinälen am 2. Juni 1943. Er sagte, seine “besonders innige und bewegte Anteilnahme” gelte denjenigen, “die wegen ihrer Nationalität oder wegen ihrer Rasse von größtem Unheil und stechenderen und schwereren Schmerzen gequält werden und auch ohne eigene Schuld bisweilen Einschränkungen unterworfen sind, die ihre Ausrottung bedeuten”.
Das wars. Das also ist der offizielle Beleg des Vatikans dafür, dass der erwiesenermaßen wohlinformierte Pius XII. angesichts eines Völkermords an sechs Millionen Menschen mitten in Europa nicht geschwiegen habe. Das Wort Juden kam Pacelli nicht über die Lippen, Massenmord oder Hitler erst recht nicht. Dafür irritierende Relativierungen wie “persönlich schuldlos bisweilen”, “auch ohne eigene Schuld bisweilen” oder “Einschränkungen”, was schon fast euphemistisch klingt. Der damalige britische Gesandte beim Heiligen Stuhl erklärte angesichts der mehr als schwammigen Worte des Papstes zum Judenmord, seine Rede könnte “ebenso gut das Bombardement deutscher Städte gemeint haben”. Und diese windelweichen Andeutungen von Pius XII. dienen dem heutigen Papst und den Ausstellungsmachern als Beleg dafür, dass der Schriftsteller Rolf Hochhuth völlig falsch lag, als er in seinem “Stellvertreter” 1963 schrieb: “Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, ein solcher Papst ist ein Verbrecher.”
Kein Wunder, dass sich Rolf Hochhuth schon im Vorfeld der Ausstellungseröffnung mit einem ihrer Macher öffentlich gestritten hat. Man kann seinen Ingrimm verstehen. Denn in der Ausstellung und bei der Vorstellung der Schau wurde und wird nicht nur sein epochemachendes Drama als unhistorisch abgekanzelt – als müsste ein Theaterstück geschichtswissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Auch die anhaltende Wut Hochhuths über den mutlos-sprachlosen Papst ist verständlich, vergleicht man etwa die verhuschte Reaktion von Pius XII. angesichts des Völkermords an den Juden mit seinem lauten, öffentlichen Protest bei der Verhaftung und Verurteilung eines einzelnen Menschen, nämlich von Kardinal Joseph Mindszenty. Dieser Primas der katholischen Kirche in Ungarn wurde von den Kommunisten im Februar 1949 wegen “Spionage” zu lebenslanger Haft verurteilt. Pius XII. protestierte prompt vor dem diplomatischen Korps gegen Mindszentys Prozess und hielt eine Solidaritätsmesse für ihn – die Millionen Tote der Shoah waren dem Römer dagegen keine Messe wert. Übrigens heißt die Mindszenty-Tafel in der Schau “Kirche des Schweigens”. Der schweigende Papst ist nicht gemeint.
Die Nicht-Haltung des Papstes gegenüber den Juden ist auch innerkirchlich ein Skandal: Während in Deutschland und im von den Nazis besetzten Teil Europas Tausende einfache katholische Geistliche öffentlich gegen den Judenmord protestierten, Juden halfen und ins KZ verschleppt wurden, wobei über 2.000 von ihnen starben, hielt Papst Pius XII. im fernen Rom diplomatische Leisetreterei gegenüber den Nazis für das einzig mögliche Mittel. Sicher, Pius XII. hat auch vielen Juden geholfen. Er hat sie, vor allem nach der deutschen Besetzung Roms im Herbst 1943, in Klöstern verstecken lassen, was in der Ausstellung groß gefeiert wird. Die katholischen Bischöfe der Niederlande protestierten nach der Besetzung ihres Landes durch die Wehrmacht öffentlich gegen die bevorstehenden Deportationen der Juden – was die kontraproduktive Folge hatte, dass die Besatzer jetzt erst recht gezielt zum Katholizismus konvertierte Juden jagten. Aber reicht diese mögliche Angst des Papstes um seine eigenen Schäfchen als Entschuldigung dafür, zum millionenfachen Mord an den Juden zu schweigen?
Unnötig zu erwähnen, dass die Ausstellung natürlich auch die “Rattenlinie” nicht erwähnt. Darunter versteht man die Hilfe unter anderem päpstlicher Behörden nach 1945 bei der Flucht von Nazi-Massenmördern wie Josef Mengele und Adolf Eichmann nach Lateinamerika. Darauf angesprochen, erklärte ein Mitarbeiter der Ausstellung, der Potsdamer Historiker Thomas Brechenmacher, bei der Vorstellung der Schau: Es sei klar, dass Papst Pius XII. bei dieser Hilfe für NS-Schwerverbrecher “keinen Anteil hatte” und dies auch niemals gebilligt hätte. Der Witz ist: Das kann mit letzter Sicherheit niemand sagen. Denn die vatikanischen Archive zur Amtszeit von Pius XII. von 1939 bis 1958 werden nach Auskunft des Papstsprechers Lombardi frühestens im Jahr 2014 geöffnet.
An dieser Stelle wird die Berliner Ausstellung und die geplante Seligsprechung des wortreich-schweigenden Papstes zum Politikum. Denn ungezählte jüdische Organisationen im In- und Ausland haben bereits gegen die wohl zu erwartende Beatifikation von Pius XII. protestiert – auch mit Verweis auf die noch nicht geöffneten Archive des Vatikans. Das Verhältnis jüdischer Verbände Italiens zum Papst ist wegen der Pius-Verehrung Ratzingers und wegen dessen Förderung der tridentinischen “lateinischen” Messe zerrüttet. Schließlich wird in dieser Liturgie für die Bekehrung der Juden gebetet. Benedikt XVI. aber pusht diese alte Messe, um den ultrakonservativen Kräfte in seiner Weltkirche zu gefallen. Diesem Ziel dienen auch die offiziellen Lobhudeleien für Papst Pius XII. Der vorkonziliäre Papst ist für viele Reaktionäre ein Symbol der angeblich so guten alten Welt des Katholizismus. Da ist es fast frech, wenn die Ausstellungsmacher wie jüngst der Papst nun versuchen, den erzkonservativen Pius XII. als angeblichen Vorbereiter des Konzils darzustellen – um seinen Kritikern Wind aus den Segeln zu nehmen. Übrigens besuchte am Donnerstag Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) im Vatikan auch das Grab Pius XII. Ausgerechnet.
So sucht das Gespenst des Pius XII. die Kirche noch heute heim. Nicht zuletzt die Pius-Verehrung hat zwischen dem Vatikan und Israel in letzter Zeit zu heftigem Streit geführt. Unter diesem schlechten Stern steht auch die für den Frühling geplante Reise des Papstes nach Israel. Im Oktober 2008 erklärte der israelische Minister Jitzhak Herzog, eine Selig- und Heiligsprechung von Pius XII. sei nicht hinnehmbar. Herzog ist ein Enkel des ersten aschkenasischen Oberrabbiners Israels, Isaac Herzog. Dieser hatte 1943 Papst Pius XII. um Hilfe bei der Rettung ungarischer Juden gebeten. “Mein Großvater spürte nach einer Audienz beim Papst das Bedürfnis, ein Reinigungsbad in der Mikwe in Rom zu nehmen”, erzählte sein Enkel. Man kann Isaac Herzog gut verstehen.
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Verehrte Bedenkenträgerin,
finden Sie nicht, dass Sie Ihre Kritik etwas einseitig austeilen?
Ich habe Herrn Hesemann der mehrfachen Unsachlichkeit, der Polemik und der Diffamierung (“geifernder Fanatiker” etc.)überführt.
Auch Herr Huber und jim kritisierten seine fragwürdige Argumentation, bzw. konnten dieser nicht folgen.
An Herrn Hesemann finden Sie nichts auszusetzen?
Sind Sie seine Parteigängerin, kämpfen Sie mit für seine Sache? Für die fortgesetzte Verdummung Deutschlands, gegen Aufklärung und Durchblick für den Bürger? Oder warum kritisieren Sie nur mich?
Bezüglich “halluzinatorischer Paranoia”: Maßen Sie sich wirklich an, dies gerecht beurteilen zu können?
Überlegen Sie einmal! Da kommt einer auf die Idee, über Minderheiten zu forschen, aus eigenem Antrieb und auf eigene Kosten, ohne Unterstützung vom Staat, ohne Geld von einem Sponsor oder von sonst wem. Forscht über ein Unthema, über ein Thema, das Deutsche meiden wie der Teufel das Weihwasser, über die misslungene Integration von Ausländern (ich habe zunächst über Jugoslawen bzw. Serben in Berlin geschrieben).
Es gibt Studien, die nachweisen, dass in keinem westeuropäischen Land Migranten es mit der Akzeptanz durch die Bevölkerung so schwer hatten wie bei uns. Studien, deren Resultate von den Soziologen wie von der Presse zurückgehalten und nicht veröffentlicht wurden und werden. Wegen ihrer wahrlich erschütternden Charakterisierung unserer deutschen, arbeitsorientierten, inhumanen Gesellschaft.
Dann komme ich und breche mit meinen Forschungen und deren Veröffentlichung dieses Tabu. Mehr noch, ich widme mich auch noch einem Kapitel deutscher Sozialgeschichte, dass bewusst totgeschwiegen wurde, zu dem es bis dahin keine einzige umfassende Studie je gab, aus guten Gründen, wie Sie meiner Sinti-und-Roma-Chronik entnehmen können.
Absehbaren Wiedergutmachungsforderungen in Milliardenhöhe durch Angehörige dieser Minderheit in Europa wollte man bei uns dadurch entgehen, dass man bewusst nicht näher und mehr zum Thema “Zigeuner” forschte.
Während etwa in Frankreich und in der Slowakei seit langem Institute zur Erforschung von Sinti und Roma existieren, gab es bei uns sehr lange gar nichts und erst seit relativ kurzer Zeit zwei Einrichtungen, deren Forschungen noch am Anfang stehen und deren Tätigkeiten jedenfalls noch zu keiner umfassenden Studie geführt haben, die allgemein erhältlich oder einsehbar wäre.
Mit meiner Chronik habe ich als erster so eine Studie vorgelegt.
Die Rezeption bzw. Akzeptanz jedoch war bescheiden. Außer von den Angehörigen der Minderheit, außer von deren Betreuern und einigen wenigen Spezialisten kaum ein Interesse an meiner Arbeit. Vor allem die etablierte Wissenschaft rümpfte die Nase. Die Presse ließ ebenfalls nach kurzem anfänglichem Interesse lieber die Finger von einer derart ‘heißen Kartoffel’.
Ich greife in der Chronik schließlich die Politik, die Kirchen, die Parteien, Ikonen deutschen Kulturlebens, deutsche Mythen und das deutsche, geradezu lächerlich idealisierte, Eigenbild an.
Alles Dinge, die man lieber nicht an- oder aufgreift in einem Land, das Jahrhunderte lang an Minderheiten solche Verbrechen verübt hat, wie nirgendwo sonst. Denn, wie Sie allen gängigen Nachschlagewerken entnehmen können, man verschwieg und verschweigt, die Minderheitengeschichte soweit wie möglich.
In meinen Beiträgen für haGalil habe ich den Umgang der Lexika mit Angaben zu Martin Luther und den Juden, zu Brunnenvergiftungslegenden, zu Ritualmordmärchen etc. untersucht und beschrieben; Sie können sie gerne nachlesen; Fazit – unsere Nachschlagewerke unterschlagen uns die historische Wahrheit, verschweigen uns unsere eigene, wenig ruhmreiche Minderheitengeschichte.
Was glauben Sie, was passierte, wenn der deutsche Bürger großflächig feststellen würde, dass er von seinen Gelehrten, seinen Eliten, von seinen Politikern so betrogen, so um seine eigene Geschichte gebracht wurde?
Ein breiter Vertrauensverlust in die Politik wäre die Folge. Gerade jetzt, in wirtschaftlich schweren Zeiten ein höchst unerwünschter Verunsicherungsfaktor!
Was liegt also näher, als den Verursacher solchen möglichen Aufruhrs zum Schweigen zu bringen, ihn so einzuschüchtern, dass er endlich Ruhe gibt und nicht mehr an den liebgewonnenen Selbstlügen der Deutschen rütteln kann.
Ich habe dem, was unter “In eigener Sache” zu lesen ist, nichts hinzuzufügen. Ich werde weiterhin behelligt, wenn auch die schmerzhaften Attacken inzwischen auf ein schwächeres Maß heruntergefahren wurden.
Deutschland hatte einmal eine Verfassung, die dem Bürger die Freiheit des Wortes garantierte und auf die man sich in der Regel verlassen konnte. Leider haben sich die Zeiten geändert und ich musste es büßen, weil ich für die Wahrheit eintrat.
Mir diese Dinge zu glauben, fällt gewiss schwer, kann ich Ihnen gut nachfühlen. Ich hätte es wohl vorher auch niemandem abgenommen. Aber es ist die traurige Wahrheit.
RS
Würde mir wünschen, dass das hier ein Ende findet, es ist festgefahren und Neues wohl kaum mehr zu erwarten.
Bleibt die Hoffnung, dass die Archive des Vatikan möglichst bald zugänglich gemacht werden.
Fakt allerdings ist und bleibt unwidersprechbar, dass der christliche Antijudaismus das jüdisch-christliche Verhältnis über die Jahrhunderte außerordentlich geprägt, das Denken und Fühlen weitester Teile der Bevölkerungen und auch des Klerus, selbstverständlich, im Zuge eines tatsächlich phylogenetischen Lernprozesses bestimmend determiniert hat.
Der moderne Antisemitismus und damit auch der Rassenantisemitismus, Staatsideologie des nationalsozialistischen Deutschland, ist ohne christlichen Antijudaismus, dem Jahrhunderte lang andauernden Hass auf die Juden, als Vorläufer nicht denkbar.
Hass ist, psychoanalytisch, immer mit dem Wunsch verbunden, dass gehasste Objekt zum Verschwinden bringen zu wollen, aus der Welt zu schaffen.
Hier liegt auch die Erklärung dafür, dass im nationalsozialistischen Deutschland, in der Wehrmacht und auch innerhalb der von diesem besetzten Gebieten durchgängig sowohl kein Mangel an willigen Helfern herrschte, als auch das Verschwinden der Juden derart widerstandslos hingenommen worden ist.
Bis heute fehlt die Einsicht, fehlt jegliches Verlustgefühl, ist die Annahme der Shoa in Verbindung mit Empathie, mit echt empfundener Trauer um die Opfer völlig abwesend.
Statt dessen wird mit großem Aufwand nur Schuldabwehr und immer nur Schuldabwehr kultiviert, so auch von der Kirche, leider.
Also – ich würde mir wirklich wünschen, dass, nicht zuletzt im Bewusstsein um den Holocaust, dieses unwürdige Geplänkel hier nun endlich ein Ende finden könnte!
.
@Hesemann
“Ich habe nichts dagegen, dass Sie Nazi-Schärgen als “Kretins” bezeichnen, das hat dieser verbrecherische Abschaum verdient.”
Nein, Nazi Schergen haben sich bewusst zur NS Mordmaschinerie bekannt und ihre Ziele umgesetzt—gewöhnliche Bürger, keine Kretins.
Zur Info:
http://www.pathologie.uni-wuerzburg.de/geschichte/virchow_in_wuerzburg/forschung/kretinismus/
Wenn schon überhaupt in diesem Zusammenhang das Wort “Kretin” in Erwähnung gebracht werden könnte, dann nur so, dass als “Kretin” bezeichnete von den Nazi-Herrenmenschen als lebensunwert betrachtet und ermordet wurden.
Es ist schon traurig, wie wenig Diskussionskultur gewahrt wird, wie schnell zivilisatorische Standards über Bord gehen. Trotzdem war die Diskussion über weite Strecken sehr interessant. Mich interessiert dabei auch immer etwas über das Selbstverständnis der Akteure zu erfahren.
Es bleibt: Wer sonst hatte, während der gesamten Nazizeit, die Gelegenheit große Teile der Bevölkerung mindestens einmal wöchentlich anzusprechen, von der Kanzel herab?
Zwölf Jahre lang von solch exaltierter Position, vor einem dringend auf moralische Wegweisung angewiesenen Volk zu stehen und zu schweigen, das ist ein Menschheitsverbrechen, ein bitteres Versagen, ohne Vergleich. In Ewigkeit, Schande! In Ewigkeit sollten sie schweigen auch weiterhin. Pfui Teufel!!!
Lieber Herr Hesemann,
ich kann Ihre Zahl nicht überprüfen. 850.000 scheint mir extrem hoch. Sie huldigen hier einem ethischen Konsequentialismus, von dem sich ansonsten gläubige Christen vehement distanzieren.
Mixa “hat Frauen nicht als Gebärmaschinen bezeichnet.” Ja hat er von Eichhörnchen geredet!? Quatsch. Mixa hat Frauen (nicht alle) als Gebärmaschinen bezeichnet. Das ist vom Standpunkt eines katholischen, zolibitären Mannes > 60 Jahre verständlich. In der Kath. Kirche hat die Frau noch nie viel gegolten. Ihr Sklavenbeispiel unterstützt meine Position.
Wer sagt: In manchen Kulturen werden Frauen wie Eigentum, wie Sklaven behandelt werden, dann ist das eine wertende, verurteilende Feststellung. Richtig: wertden und verurteilend. Ebenso wertend und verurteilend hat Mixa Frauen (nicht alle) als Gebärmaschinen bezeichnet.
Zu IHrem 4. Auch diese Zahl bzw. daraus resultierende Relation bezweifle ich. Wahrscheinlich sind hier reine Zwangsmassnahmen gezählt. Doch manche mutige Priester erfuhren viele Zwangsmassnahmen. Von 12.105 Zwangsmassnahmen kann man nicht gültig auf Zwangsmassnahmen gegen 12.105 Priester schliessen.
Es ist IMO auch wenig zielführend diese Zahlen hochzuhalten, da es sehr viele Gegenargumente gibt.
1) Tausende von Priester waren dem NS-Regime willfährig.
2) Bischöfe waren nicht im KZ. Warum wohl?
3) Faulhaber in einer Predigt am 6. Nov. 1938: 1. Pflicht ist es den rechtmässigen Staat zu bejahen; einordnen! 2. Pflicht: Ehrfurcht und Gehorsam der weltlichen Obrigkeit.
Bedeutend deutlicher als in der Enzyklika wird hier Unterordnung, Ehrfucht und Gehorsam vor den NS-Verbrechern verlangt.
Edi,
er hat ja nicht geschwiegen. Es gab Enzyklika um Enzyklika, in denen die braune Ideologie und der braune Rassismus angeprangert wurden, nach Mit brennender Sorge (1937) noch in Summi Pontificatus (1939) und Mystici Corporis (1943). Dazu die Weihnachtsansprache von 1942 und die Allukation von 1943. Nur dass seit 1939 das deutsche Volk und damit die eigentlichen Adressaten von der Nazi-Propaganda systematisch abgeschirmt wurden…
Der Begriff “Kretin” gehört auch nicht zu meinem Sprachgebrauch, doch wenn Herr Schlickewitz ihn gerne benutzen möchte, bin ich der letzte, der die Nazi-Verbrecher und KZ-Schärgen in Schutz nehmen würde. Ich würde allerdings einfach nur das Wort “Abschaum” wählen. Inakzeptabel dagegen ist es, einen Historiker und Jesuitenpater als “Affenpinscher” und “Pavian” zu bezeichnen.
Herr Huber,
Es wurden nicht 12.105 Zwangsmaßnahmen ergriffen, sondern Zwangsmaßnahmen gegen 12.105 Priester. Die Bischöfe hat sich Hitler für die Zeit nach dem Endsieg “aufgehoben”, um nicht zu viel Unruhe bei der Bevölkerung zu verursachen. Das war eiskaltes Kalkül. Im besetzten Polen wurden vier Bischöfe ermordet!
Kardinal Faulhaber hatte seine starken und seine schwachen Momente. Aber um ihn geht es hier nicht, sondern im Pius XII.!
Lieber Herr Hesemann,
Sie argumentierten geschickt. Ich habe aber schon sehr oft mit Christen diskutiert, so dass die Arg.figuren kenne. Und ich habe die folgende auch schon hier als unzulässig verworfen. Ich tue es nochmals.
Wenn es um die guten Taten geht, wird es meistens der Organisation (hier: kath. Kirche) oder dem Obersten (hier: Pius XII.) zugeschrieben. Sie werden wohl kaum behaupten Pius XII. habe persönlich 850.000 Juden vorm Tod gerettet. Wenn überhaupt, dann waren da viele Retter beteiligt.
Wenn es um schlechte Taten geht, dann wird differenziert. Die Organisation ist es keinesfalls; sie besteht ja nur aus Einzelnen. Und was Faulhaber tat oder andere Bischöfe (Hudal; Linzer Bischof etc.) geht allein auf deren Konto.
Also, ich greife Ihre Anregung auf: um die zahlreichen “Guten” in der kath. Kirche geht es hier nicht, sondern um Pius XII.!
Es geht also nicht um die 850.000, die von vielen Guten gerettet wurden, und nicht um die 12.105 Priester (gab es so viele überhaupt in Deutschland!?), sondern um Pius XII. = Pacelli!
Von dem sind mir drei vage Enyzkliken, die den Angriffspunkt nicht mal benennen, und 2 öffentliche mündliche Verurteilungen der NS-Verbrecher in ca. 12 Jahren viel zu wenig.
Zurück zu Pius XII:
Besier, Gerhard; Piombo, Francesca: Der Heilige Stuhl und Hitler-Deutschland. München 2004.
“Dennoch waren laut Besier Pius XI. und sein Staatssekretär Pacelli überzeugt, das katholische Programm in den autoritären Staaten Europas durchsetzen zu können. Der Kardinalfehler des Vatikans und insbesondere Pacellis hätte dabei darin bestanden, trotz intimer Kenntnisse Deutschlands die dortigen Verhältnisse zu sehr durch die italienische Brille wahrzunehmen, sprich: Die radikalen Kräfte des Nationalsozialismus wurden bei weitem unterschätzt …”
“Im Gegensatz zu anderen politisch handelnden Gemeinwesen wird der Vatikan jedoch nicht primär als Staatswesen, sondern als moralische Institution gesehen, die Wertmaßstäbe ausgibt, mit denen sie sich auch selbst messen lassen muss. Dieses Ergebnis fällt bei Besier kaum zugunsten der Nachfolger Petri aus. Der Vatikan konnte der nationalsozialistischen Weltanschauung inhaltlich nichts abgewinnen und stand ihr teilweise scharf ablehnend gegenüber, gleichwohl habe er – so Besier – den Nationalsozialismus wie die anderen faschistischen Systeme Europas zur Durchsetzung eigener weltanschaulicher Interessen benützen wollen. Dies sei im Falle Hitler-Deutschlands jedoch fundamental gescheitert und mündete in einer Katastrophe.”
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-052
Das bestätigt meine Einschätzung: der Kath. Kirche ging und geht es primär um “das katholische Programm”. Wenn es der “Durchsetzung eigener weltanschaulicher Interessen” dient schließt sie auch einen Pakt mit dem Teufel (Pius XI. Zitat nach Hesemann, siehe weiter oben im Thread).