Ab 1946 wurden in Oberbayern Hagana-Kämpfer ausgebildet:
"Sie sind Bürger Israels"
Königsdorf, nach dem Krieg: Wie Überlebende des Holocaust für den Kampf in
Palästina übten
Von Jim G.
Tobias,
SZ vom 03.11.2000
Sommer 1946: Scharfe militärische Kommandos in hebräischer Sprache
durchschneiden die kühle Morgenluft eines sonnigen Julitages. Etwa 80 Männer
und Frauen stehen in Reih und Glied; die Augen starr geradeaus. Die Blicke
richten sie auf ihren Ausbilder. Dabei präsentieren die Rekruten stolz einen
Holzstab: Gewehre haben sie nicht.
Diese Szene spielt nicht in Palästina, wo sich die jüdische Untergrundtruppe
"Hagana", die Vorläuferin der späteren israelischen Armee, auf den Ernstfall
vorbereitete. In geheimen Trainingslagern erhielten jüdische Flüchtlinge eine
militärische Grundausbildung. Bisher war
unbekannt, dass die Hagana auch in Deutschland jüdische Rekruten trainierte,
und zwar im Lager Hochland beim bayerischen Königsdorf. Einer von ihnen war
der heute 70-jährige Fritz Will, der mit Stolz zurückblickt: "Im
Hochland-Lager wurden wir Holocaust-Überlebende zu Soldaten für den
bevorstehenden Befreiungskrieg ausgebildet. "
Der gebürtige Wiener Jude lebt seit über einem halben Jahrhundert in einem
Kibbuz in Israel. Als Jugendlicher zählte er zu den ersten jüdischen Rekruten,
die in Hochland militärisch gedrillt wurden und die nach jahrelanger Verfolgung
endlich lernten, sich zur Wehr zu setzen. Fritz Will hatte den Holocaust in
Ungarn im Untergrund überlebt, aber fast seine gesamte Familie verloren. Er war
während der Verfolgung durch die Deutschen ein glühender Anhänger der
zionistischen Ideale geworden und wollte lieber heute als morgen nach Palästina
- um einen jüdischen Staat aufzubauen und dafür zu kämpfen.
Hochland liegt eingebettet zwischen saftigen Wiesen und dichten Wäldern, direkt
am Ufer der Isar. Im Juli 1936 vom bayerischen NSDAP-Gauleiter Adolf Wagner
eröffnet, wurden dort unter der Devise "Disziplin und Glaube" Tausende
Hitlerjungen und BDM-Mädels zu fanatischen Nationalsozialisten erzogen. Anfang
1950 verwandelte sich das Camp in eine Freizeit- und Bildungsstätte und bietet
seitdem gestressten Großstadtkindern Spaß und Abenteuer.
Steine statt Handgranaten
Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges beschlagnahmte die amerikanische
Militärregierung das ehemalige NS-Lager und quartierte im Frühjahr 1946 etwa 300
jüdische DPs, Displaced Persons, dort ein. Überall in der US-Zone entstanden
solche Camps für jüdische Überlebenden des Genozids, etwa in Pocking oder
Landsberg, in denen jeweils etwa 5 000 Juden lebten. Hochland unterschied sich
aber schnell von diesen großen Flüchtlingslagern: Hier entstand eine
landwirtschaftliche Kollektivsiedlung, ein sogenannter Trainings-Kibbuz.
Hunderte jüdische DPs wurden hier in Ackerbau und Viehzucht unterwiesen. Denn
zum Aufbau des Staates Israel benötigte man Bauern. Dieser besondere Charakter
des Lagers machte wohl auch die Hagana auf Hochland aufmerksam.
Und die Hagana brauchte dringend Soldaten. Ab 1946 rekrutierte die zionistische
Wehrorganisation die ersten jungen Männer und Frauen aus dem Heer der
Überlebenden. "Ich möchte, dass sich die Juden aus den Lagern melden",
appellierte der Kommandeur des europäischen Zweigs der Hagana, Nahum Shadmi, an
die in Deutschland lebenden jüdischen DPs. "Sie sind praktisch Bürger Israels. "
Die einzige militärische Ausbildung auf
deutschem Boden aber, die sich belegen lässt, fand im Kibbuz Hochland statt. Und
sie nahm erhebliche Ausmaße an. "Unsere Ausbilder waren Offiziere der Jüdischen
Brigade", berichtet Fritz Will. Die Brigade war eine jüdische
Freiwilligeneinheit innerhalb der britischen Armee, die im Zweiten Weltkrieg
gekämpft hatte. Obwohl es in Hochland auch einige Revolver und Maschinenpistolen
gab, erfolgte die Ausbildung der Rekruten mit Stöcken. "Wir wollten nicht
auffallen. Das Handgranatenwerfen lernten wir mit Steinen", erzählt Will.
Nach Besatzungsrecht waren militärische Übungen solcher Art strengstens
untersagt. Allerdings wussten die Amerikaner genau Bescheid.
Schon im Frühsommer 1946 beobachtete der
US-Geheimdienst die militärischen Übungen. In einem Bericht des Office of
Military Government für den Landkreis Wolfratshausen vom 7. Mai 1946 ist
nachzulesen: "Soldaten der Jewish Brigade führen verstärkt militärisches
Training durch. Am 15. April 1946 hielten die DPs eine große Truppenparade im
Hochland-Lager ab. "
Bereits im Januar 1947 erteilte die Besatzungsmacht allerdings den Befehl, "alle
militärischen Übungen sofort zu stoppen". Offiziell konnten die amerikanischen
Behörden den Aktivitäten der Hagana nicht zustimmen. Faktisch tolerierten sie
aber die Rekrutenausbildung.
Im Frühjahr 1948 endeten die Lehrgänge im Hochland-Camp abrupt. Der Ernstfall,
für den die Überlebenden trainiert hatten, war gekommen. Am 14. Mai 1948
proklamierte David Ben-Gurion den Staat Israel. Am Tag danach griffen die Armeen
Ägyptens, Jordaniens, Syriens, Libanons und Iraks an. Der erste
arabisch-israelische Krieg begann.
Insgesamt 22 000 Holocaust-Überlebende verteidigten den jungen Staat aktiv mit
der Waffe in der Hand. Einige hundert dieser Soldaten hatten das militärische
Handwerk in den bayerischen Bergen gelernt. Fritz Will verließ das
Hochland-Lager im Mai 1948 und erreichte einen Monat später per Schiff den
israelischen Kriegsschauplatz. Als Unteroffizier befehligte er eine Gruppe
tschechischer Juden. Es war der erste von vielen Kriegen um Israel, die er noch
erleben sollte.
Der Autor arbeitet zur Zeit an einer Dokumentation
zur Geschichte der jüdischen DP-Camps und Kibbuzim.
haGalil onLine 10-11-2000 |