Rüstet Ungarn geistig auf?

Am 31. Januar diesen Jahres wurde in Ungarn der sogenannte Nationale Rahmenlehrplan verabschiedet. Vorangehende Konsultationen mit dem Lehrkörper und gesellschaftlichen Gruppen erwiesen sich als weitestgehend überflüssig. Dieser Meinung schien zumindest die Orbán-Administration gewesen zu sein. Proteste der Lehrerschaft und zahlreicher Intellektueller kann man, einer im politischen Leben nicht nur Ungarns beliebten Methode zufolge, getrost aussitzen! Vielleicht wird man ja sogar kleine Zugeständnisse machen, die aber an der Reformstruktur nichts Wesentliches ändern dürften…

Von Hans-Henning Paetzke

Diese Taktik zieht sich durch alle Bereiche des staatlich dominierten gesellschaftlichen Lebens. Entscheidend ist eine wirkungsvolle Kontrolle des politischen und kulturellen Lebens. Schon der Tito-Freund Milovan Djilas berichtete in seinem Buch The new class vom Kontrollwahn der kommunistischen Machthaber, was ihm letztlich einen weniger behaglichen Aufenthalt in einer Gefängniszelle einbrachte, um seine Erziehung zu einem besseren Menschen zu gewährleisten.

Ich war nie ein Linker und nie ein Rechter, immer eher ein Eklektiker. Schon dem Wort von den politischen Lagern begegne ich mit Argwohn. Es erinnert mich an Gefängnisse, aus denen man nur um den Preis des Außenseitertums ausbricht. Mein Freund György Konrád war einer der Wenigen, die den Mut dazu hatten. Zunächst sprach er sich gegen das Holocaust-Mahnmal im Herzen Berlins aus, um es später jedoch ohne wirkliche innere Überzeugung doch zu begrüßen. 1999 verurteilte er den Nato-Einsatz in Jugoslawien, und kurz vor seinem Tod im vergangenen September nannte er trotz eines sonstigen Generalangriffs auf den Soft-Diktator Viktor Orbán dessen Analyse in der Migrationsfrage zutreffend. Der ungarische Ministerpräsident schrieb ihm in einem versöhnlichen, durch einen Boten überbrachten Privatbrief, dass man seine Politik dereinst verstehen werde. Selbst György Konrád vermochte diese Äußerung nicht zu deuten.

Ich habe inzwischen eine Idee, die mich erschreckt oder zumindest ratlos macht. Als erstes kommt mir dabei das 2014 auf dem Budapester Freiheitsplatz gegen öffentlichen Protest und unter Ausschluss der Öffentlichkeit eingeweihte Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der deutschen Okkupation von 1944 in den Sinn. Es handelt sich hierbei um ein ästhetisch durchaus beeindruckendes Denkmal. Sein Schönheitsfehler besteht lediglich in der Suggestion, dass Ungarn keine Mitverantwortung an den Schrecken des Zweiten Weltkriegs treffe. Nicht nur die Juden, alle Ungarn seien Opfer des Hitlerismus gewesen. Geflissentlich verschwiegen wird, dass Ungarn Deutschlands Verbündeter war.

Vor zweieinhalb Jahren wurde im III. Budapester Stadtbezirk auf dem Hof des Hotels Attila, schamhaft versteckt, eine Büste des Reichsverwesers Miklós Horthy enthüllt. Sie ist nicht das einzige Denkmal für das bis 1944 amtierenden Staatsoberhaupt. Und weitere sollen folgen. Viktor Orbán erklärte Ende 2015 dazu: „Ich persönlich werde übrigens das Aufstellen von Horthy-Denkmälern nicht unterstützen.“ Horthy habe die politische Führung Ungarns in einer Periode innegehabt, als das Land laut Verfassung die nationale Souveränität eingebüßt habe. Er, Orbán, wolle festhalten, dass seine Regierung das Denkmal eines Politikers – unabhängig von dessen sonstigen Verdiensten – nicht unterstützen könne, der mit Unterdrückern kollaboriert habe. Anderthalb Jahre später, im Juni 2017, bezeichnete Orbán Horthy bereits als Ausnahme-Staatsmann. Horthys Rehabilitierung scheint mir ein wichtiger Baustein in Orbáns nationalen Visionen zu sein. Die Nation über alles! Amerika first! Ungarn first!

Nun, am 19. März 1944 marschierten deutsche Truppen tatsächlich in Ungarn ein, wenn auch nicht gegen Horthys öffentlich erklärten Willen. Auch kenne ich keine Dokumente, wonach er gegen die Deportation von rund einer halben Million ungarischer Juden nach Auschwitz protestiert hätte. Im Gegenteil, selbst Adolf Eichmann lobte die Zusammenarbeit mit den ungarischen Behörden. Irgendwie schien es Ungarn eilig zu haben, judenfrei zu werden. Jedenfalls haben sich keine anderen Länder Europas, die Hitlers Einflussbereich zugefallen waren, so gern in vorauseilendem Gehorsam geübt wie Ungarn.

1943 opferte Horthy am Don die ungarische 2. Armee im Kampf gegen die Rote Armee, vermutlich um nicht die Gunst Deutschlands zu verlieren. Hitler soll die ungarischen Verluste abschätzig kommentiert haben. Dieses Debakel wird auch als das ungarische Stalingrad bezeichnet. Von den 200000 ungarischen Soldaten und den meist jüdischen 50.000 Zwangsarbeitern fielen bei den Kämpfen im Januar 1943 ungefähr 100.000, weitere 35.000 wurden verwundet und 60.000 gerieten in Gefangenschaft. Nur 40.000 Soldaten kehrten später aus der Gefangenschaft nach Ungarn zurück.

Und die Judengesetze unter Horthy? Schon 1920 wurde der Numerus clausus eingeführt, nach andauernden Protesten jedoch acht Jahre später wieder aufgehoben. Zwischen 1938 und 1943 wurden drei Judengesetze verabschiedet, die teils noch restriktiver waren als die deutschen.

Der Wiener Schiedsspruch vom 30. August 1940 zwang Rumänien, dem Druck des nationalsozialistischen Deutschen Reichs und des faschistischen Italien nachzugeben und große Teile der nach dem Friedensvertrag von Trianon an Rumänien gefallenen Gebiete an Ungarn abzutreten. Damit war Horthys Traum von der Wiederherstellung Groß-Ungarns teilweise erfüllt, die Revision des Trianoner Friedensvertrags von 1920 war gelungen. Dafür konnte man getrost ein Dankesopfer bringen. Zwischen 1943 und 1945 wurden rund 700000 Menschen, Bauernopfer, auf dem Altar der Nation dargebracht: 200000 christliche, 500000 jüdische Ungarn, von den vielen tausend Sinti und Roma nicht zu reden.

Die mehr als zwanzig Jahre zwischen dem Trianoner Friedensvertrag und dessen Revision andauernde nationalistische Gehirnwäsche hatte Früchte getragen. Jeden Morgen in der Schule hatten die Kinder den Tag mit einem erhebenden Spruch begonnen: „Rumpf-Ungarn ist nichts, Groß-Ungarn der Himmel auf Erden.“

Wenn ich von einem neuen Lehrplan für die ungarischen Schulen höre, der gerade in die Medien gelangt ist und der Landesverteidigung einen höheren Stellenwert einräumt, bemächtigt sich meiner eine Fantasie. Als altem Pazifisten, der in der DDR für seine Wehrdienstverweigerung 1963/64 im Gefängnis saß, sträuben sich mir die Nackenhaare. Und schon wieder sehe ich, wie sich Bertha von Suttners Traum von einer Welt ohne Waffen in Luft auflöst.

Aber auch die geistige Aufrüstung könnte weitergehen, wenn Imre Kertész´ „Roman eines Schicksallosen“ im Literaturunterricht nur noch eine untergeordnete Rolle spielen soll. Stattdessen sollen Schriftsteller wie Albert Wass und József Nyirő, literarisch gesehen zwar keine schlechten Autoren, aber ausgewiesene Nationalsozialisten, sowie Ferencz Herczeg, ein konservativer Nationalist, Revisionist und Horthy-Anhänger, im Ungarn der Zwischenkriegszeit meistgelesener Autor, Mitte der zwanziger Jahre sogar für den Nobelpreis nominiert, im Unterricht dominieren.

Vor drei Jahren wurde in Budapest das Imre-Kertész-Institut gegründet. Verantwortlich dafür zeichnet Mária Schmidt, Orbáns Chefideologin, Historikerin und Generaldirektorin des Museums Haus des Terrors. Wie soll man Kertész´ weitestgehende Verdrängung aus dem Schulunterricht angesichts eines funktionierenden Imre-Kertész-Instituts verstehen? Nun diese Zweigleisigkeit scheint mir Methode zu haben, scheint mir darauf ausgerichtet zu sein, Vorwürfen der ungarischen und der internationalen Öffentlichkeit gegenüber zwecks Selbstverteidigung nicht zu widerlegende Argumente in der Hand zu haben. Entscheidend könnte dennoch die Absicht sein, die Jugend von verderblichen Einflüssen einer Holocaust-Literatur fern zu halten, um sie für nationalistische Ideologie empfänglicher zu machen.

Wie also soll ich die skizzierten Tendenzen verstehen? Wie soll ich sie einordnen in Orbáns nebulöse Erklärung, dass man seine Politik dereinst verstehen werde? Träumt er etwa von einem weiteren Wiener Schiedsspruch? Zugegeben, auch mein Herz schlägt für die einst zu Ungarn gehörenden Gebiete und Menschen. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass geistiges Waffenklirren gelegentlich zwar die Welt beeinflusst, Gutes indes kaum bewirkt.

Hans-Henning Paetzke (1943-), Schriftsteller und literarischer Übersetzer, biografisches Interview (von der ungarischen Zeitschrift Szombat übernommen). Jüngste Romanveröffentlichung (2019) im Mitteldeutschen Verlag: heimatfremd.

Bild oben: Am 29. Mai 2010 wählte das Parlament Orbán zum Ministerpräsidenten, (c) Dodann, wikicommons

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