Dreimal jeck – Karnevalwagen gegen Antisemitismus und Homophobie

Im Düsseldorfer Karneval setzt ein Wagen aus Juden, Christen und Muslimen ein Zeichen für Toleranz…

Von Roland Kaufhold

„Es gibt auch Muslime, die gerne Raki und Efes trinken.“ Ataman Yildirim von den „engagierten Muslimen im Rheinland“ brachte in seiner lockeren Art Stimmung in die Düsseldorfer Pressekonferenz. Er konterte auf eine Bemerkung von Michael Szentei-Heise, langjähriger Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorfs, mit dem dieser zuvor für Heiterkeit gesorgt hatte: „Wir werden oft gefragt, wie wir als Zusammenschluss von Juden, Christen und Moslems mit dem Thema Alkohol im Karneval umgehen. Das Problem ist gelöst, die kriegen keinen! Für uns bleibt dann halt mehr übrig.“ Überhaupt sei seit dieser interreligiösen Problemlösung die Situation zwischen ihnen deutlich entspannter, auch während des Karnevalzuges selbst.

Die Atmosphäre zwischen den Beiden stimmt, das wurde den knapp 30 Journalisten, darunter mehrere Kamerateams, rasch deutlich. Thomas Geisel, Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf und seit Jahren auch familiär sehr eng mit der jüdischen Gemeinde Düsseldorfs vertraut, war zur Ankündigung des gemeinsamen Karnevalwagens auf dem Düsseldorfer Rosenmontagszuges erschienen, wie auch Walter Schuhen, Brauchtumsmanager der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf (JGD) sowie Heinrich Fucks und Frank Heidkamp von der evangelischen und der katholischen Kirche.

Schon eine Tradition

In Köln würde man sagen: Der Auftritt der Jüdischen Gemeinde Düsseldorfs am Rosenmontagszug ist bereits eine Tradition: Zum dritten Mal nimmt die Gemeinde hieran teil – und ist hiermit den Kölnern eindeutig voraus; die haben das bisher noch nicht hinbekommen. Und zum zweiten Mal treten sie nun mit einem gemeinsamen Toleranzwagen auf.

Michael Szentei-Heise rief die Besonderheit dieser interreligiösen karnevalistischen Tradition in Erinnerung: Als er bei einem drei Jahre zurückliegenden Gespräch mit Jacques Tilly, wegen seines Mutes und demokratischen Engagements gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus international renommierter Düsseldorfer Bildhauer und seit 35 Jahren als Gestalter von politisch-satirischer Wagen für den Rosenmontagszug das enfant terrible der Karnevalszene, mit Erstaunen zur Kenntnis nahm, dass auch Heinrich Heine beim Rosenmontagszug in Düsseldorf mitfuhr, fragte Szentei-Heise seinen Freund Tilly spontan: „Warum klauen die uns unseren Heine? Sollen wir Karneval auch mitmachen?“ „Geile Idee“, entgegnete ihm Tilly: „Aber ich mache den Wagen!“ 

So war es denn auch: 2018 feierte die Gemeinde mit einem eigenen Wagen – auf diesem fand sich ein liegend schreibender Heinrich Heine – einen der bedeutendsten Bürger Düsseldorfs. Tilly, dem erklärten Atheisten und scharfen Kritiker von kirchlichen Machtansprüchen – was er auf zahlreichen Düsseldorfer Karnevalwagen veranschaulichte, so 2019 mit einer deftigen Kritik am hartnäckigen Vertuschen des sexuellen Missbrauchs durch die katholisch Kirche  – war es ein Bedürfnis, Karneval an der Seite der Jüdischen Gemeinde zu stehen.

Als Szentei-Heise im Gemeindevorstand die Idee vortrug erntete er anfangs eine gewisse Skepsis: „Dann mach mal!“ Heute sei ihr gemeinsamer Auftritt mit 32 Teilnehmern auf dem Karnevalwagen ein riesiger Erfolg, gerade in den Zeiten wachsender Bedrohung, Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit. Einer der acht eigenen Plätze auf dem Karnevalwagen sei für Integrationsminister André Kuper reserviert, bemerkte Szentei-Heise. Der stellvertretende NRW-Ministerpräsident Joachim Stamp (FDP) sowie Staatssekretärin Serap-Güler (CDU) werden am 31.1. von den Initiatoren aller Religionsgemeinschaften auch mit dem eigenen „Toleranzorden“ ausgezeichnet.

Vor knapp drei Jahren nahm die Jüdische Gemeinde Düsseldorfs erstmals am Zug teil, was sogar internationale Aufmerksamkeit fand.

Als er auf das diesjährige Motto „Toleranzwagen 2020“ zu sprechen kam wurde Szentei-Heise nachdenklich: „Die Wirklichkeit hat das Motto eingeholt.“ Er sei sehr froh, dass auch Muslime am Karnevalwagen teilnähmen.

Oberbürgermeister Thomas Geisel stellte den Spendenaufruf vor, um die faszinierende Idee auch finanziell zu stemmen. Auch der Integrationsrat steuere 15.000 Euro bei. Weitere Spender seien sehr willkommen.

Jede Religionsgemeinde kümmere sich um ihr eigenes Wurfmaterial, erzählte Michael Szentei-Heise. Ihre eigenen Kamelle seien eindeutig koscher, das erfreue auch die muslimischen Freunde. Den Christen sei dies egal, die seien mit allem zufrieden. Die Sicherheit ihres Wagens während des Rosenmontagszuges werde durch ihren eigenen Sicherheitsdienst gewährleistet. Aber auch die Polizei sei für diese Aufgabe sensibilisiert.

Dann  erzählte Szentei-Heise auch, wie es 2018 dazu gekommen sei, dass die Düsseldorfer Punkband Die Toten Hosen mit einem eigenen Karnevalwagen den Zug rockte: Campino habe ihm erzählt, dass er nur mitgefahren sei, „weil wir auch mitgefahren sind“, erzählte er schmunzelnd. „Ich weiß ja nicht, ob das das wirklich der ausschlaggebende Grund war.“

Die Teilnahme des soeben neu gegründeten Karnevalvereins „Orient-Okzident-Express – engagierte Muslime im Rheinland“ – vermutlich der erste muslimische Karnevalverein – ist eine kleine Sensation. Ataman Yildirim, Vorsitzender des neu gegründeten Karnevalvereins und ansonsten im Hauptberuf Sozialarbeiter im Fachdienst Migration und Integration bei der Arbeiter Wohlfahrt (AWO), sorgte auf der Vorstellungsveranstaltung für gute Stimmung wie auch für Nachdenklichkeit: Ursprünglich stamme er aus Herten, da habe er von Karneval nichts gewusst bzw. er habe ihn nur aus dem Fernsehen gekannt. 2013 zog er nach Düsseldorf um: „In der Moschee habe ich oft gehört: „Im Himmel ist es bunt, es wird überall gefeiert. Als ich den Düsseldorfer Karneval das erste Mal erlebte, fühlte ich mich wie im Paradies auf Erden“, schwärmt Yildirim. Seit einigen Jahren sei er begeisterter Karnevalist.

Ataman Yildirim

Er wolle gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde und den Kirchen ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus und gegen Homophobie setzen. Dies sei ihm eine Herzensangelegenheit. Ihr Karnevalverein sei nicht ausdrücklich muslimisch und stehe allen Interessierten offen, „die ein offenes Herz haben.“ Ihr zweiter Vorsitzender, Amit-Elias Marcus, sei Jude; es seien auch Christen und Atheisten Mitglieder, darunter auch Homosexuelle und Heterosexuelle. Ihm und ihnen gehe es vor allem darum „gemeinsam jeck zu sein.“ Sein Traum sei eine eigene Sitzung und ein eigener Wagen. Aber zuerst suchten sie jemand, der ihre Facebookseite gestalte.

Orient-Okzident sei eigentlich eine gute Ergänzung zum vor zwei Jahren neu gegründeten jüdischen Kölner Karnevalverein „Kölsche Kippa Köpp“ – dem ersten jüdischen Karnevalverein überhaupt seit der Nazizeit – , dessen Entwicklung er mit Interesse verfolge, ergänzte Michael Szentei-Heise. Aber er selbst werde keinen eigenen jüdischen Karnevalverein mehr gründen, das müsse sein Nachfolger machen. Er selbst gehe in einigen Wochen, nach 33 Jahren verantwortlicher Tätigkeit, in den Ruhestand.

Eine kürzere Version dieses Beitrages ist in der Jüdischen Allgemeinen vom 30.1.2020 erschienen.
Fotos: Roland Kaufhold

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