Grüner Nachzügler

Umweltschutz und Klimawandel sind in Israel allenfalls Nischenthemen. Dabei ist das kleine Land von den Entwicklungen besonders stark betroffen. Doch langsam, aber sicher entwickelt sich ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit und den schonenden Umgang mit Ressourcen…

Von Ralf Balke

Es war kein schöner Anblick, der sich da bot. Wer unmittelbar nach Rosh Hashanah oder Yom Kippur in Israel einen Ausflug ins Grüne machte und beispielsweise nach einer anstrengenden Wanderung am Ufer des Dans, einem der Zuflüsse des Jordans, ein wenig entspannen wollte, konnte wohl vergeblich nach einer Stelle suchen, die nicht wie eine Müllhalde aussah. Überall lagen die Hinterlassenschaften unzähliger Barbecues – Einweg-Grills und Plastikteller so weit das Auge reichte. Und auch die eine oder andere vollgeschissene Babywindel trieb träge im Wasser an einem vorbei. Woanders im Lande sah es nicht unbedingt besser aus. Östlich von Tel Aviv gibt es unter anderem in Beit Leah, unweit von Neve Yarak, eine der wenigen freien Stellen, die Zugang zum Yarkon-Fluss und ein wenig Ruhe vor dem Großstadtlärm bieten. Doch nach den Feiertagen fand man dort allenfalls ein verwüstetes Gelände vor. Denn hunderte Israelis waren mit ihren SUVs nicht nur an das Wasser, sondern gleich direkt hineingefahren. Auch sie hinterließen nach den obligatorischen Familienpicknicks wahre Berge an Dreck und Abfall.

Israelis scheinen ein leicht schizophrenes Verhältnis zur Natur zu haben. Auf der einen Seite sind die Hügel, Flüsse und Täler seit Jahrzehnten Gegenstand unzähliger Lieder und Gedichte, die die einzigartige Schönheit der Landschaften zum Thema haben. Jedes Kind kennt sie. Und während der Schulzeit werden regelmäßig Klassenausflüge organisiert, um den Golan oder den Negev zu erkunden und bei den Schülern ein Gefühl für die Vielfalt der Natur zu entwickeln. Auf der anderen Seite sind Wasserfälle, Canyons und die Strände wohl genau die Orte, an denen man vorzugsweise Plastikflaschen und anderen Privatmüll entsorgt. Auch sind es die schieren Massen, die der Natur zu Leibe rücken und ihr schaden. So zählte die Nature and Parks Authority allein zu Sukkot eine Million Besucher in den von ihr verwalteten Naturschutzgebieten – satte 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Zu Pessach waren es sogar 1,5 Millionen Israelis, die in Ein Gedi, Ma’ayan Harod oder Gan Hashlosha und am Banias im wahrsten Sinne des Wortes einfielen.

Fakt ist ebenfalls, dass der Umweltschutz in Israel nur eine Minderheit der Menschen interessiert. So ist für die meisten Israelis nach wie vor keine Distanz zu kurz, als dass man sie nicht mit dem Auto zurücklegen könnte, was einer der Gründe dafür ist, warum in keinem anderen OECD-Land die Menschen mehr Stunden pro Jahr im Stau verbringen als in Israel. Nicht nur aus ökologischer Sicht ist das fatal, laut Expertenschätzung kostet das Ganze sogar zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Und auch auf politischer Ebene fällt das Land nicht unbedingt durch überzeugende Konzepte oder Aktionismus auf – manchmal scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Die Tatsache, dass im vergangenen Jahr aus dem Büro des Premierministers an das Umweltministerium der „Wunsch“ ging, mit den Richtlinien für die Luftqualität etwas lockerer umzugehen, wenn es um die Genehmigungen von Bauvorhaben für die Industrie geht, spricht Bände. Dabei sterben laut Umweltministerium bereits jetzt schon 2.200 Israelis pro Jahr an den Folgen der Luftverschmutzung. Laut OECD befindet sich das Land auf Platz 37 von 38 untersuchten Staaten, wenn es um die Qualität der Luft geht. Vor allem die Region Haifa gilt als Problemfall. Die Krebsraten liegen um 15 Prozent über dem nationalen Durchschnitt und doppelt so viele Kinder leiden an Asthma als anderswo in Israel.

Doch langsam, aber sicher mehren sich die Stimmen, die das alles nicht länger hinnehmen wollen. Und sie werden immer lauter, auch wenn es auf den ersten Blick nur um Kleinigkeiten geht. So hatten sich in jüngster Zeit in Tel Aviv und anderen Städten an Schulen und Kindergärten Elterninitiativen gebildet, die ein Verbot der in Israel omnipräsenten Plastikteller und des Einwegbestecks forderten. Allein in Tel Aviv würden pro Tag 100.000 davon dort benutzt, hieß es. Laut der Umweltschutzorganisation Adam Teva VeDin legen die Israelis im Jahr zwei Milliarden Schekel für derartige Produkte auf den Tisch, rund 500 Millionen Euro. Auch stieg der Absatz dieser Einwegartikel zwischen 2014 und 2018 um satte 51 Prozent. Der durchschnittliche israelische Haushalt kauft also jährlich für ungefähr 776 Schekel, knapp 190 Euro, Plastikteller und -besteck, die dann allzuoft in der Natur landen – rund 90 Prozent des Mülls an den Stränden ist Plastik. Größte Gruppe der Käufer sind übrigens religiöse Israelis, weil das Einweggeschirr das Einhalten der Kashrut-Vorschriften manchmal etwas einfacher für sie gestaltet.

Dem allen soll nun ein Riegel vorgeschoben werden, weshalb die Stadt Tel Aviv in ihren Schulen seit diesem Jahr auf Mehrweg umgeschwenkt ist, andere Kommunen wie Herzeliya und Eilat wollen sogar den Gebrauch von Plastikgeschirr am Strand verbieten. Auch Ikea verspricht, derartige Artikel aus dem Sortiment zu nehmen. Zwar gibt es in Israel ebenfalls die mittlerweile omnipräsenten blauen Tonnen für Altpapier oder andere für den Verpackungsmüll. Doch die Recyclingquote ist mit unter 20 Prozent noch deutlich zu niedrig. Zum Vergleich: In den Niederlanden liegt sie bei knapp 60 Prozent. Jeder Israeli produziert derzeit 1,7 Kilo Müll pro Tag und dieser wird zu mehr als 80 Prozent immer noch irgendwo im Negev verbuddelt oder verbrannt.

Der Klimawandel ist neuerdings gleichfalls ein Thema. So beteiligen sich seit dem September 2019 immer wieder einige Tausende Schülerinnen und Schüler in Tel Aviv an den weltweit stattfindenden Demonstrationen der Fridays-for-Future-Bewegung. Auch hier zeigt sich wie bei den Elterninitiativen gegen das Einweggeschirr, dass es eher die besser verdienenden und gut ausgebildeten  Menschen in den Metropolregionen sind, die auf die Umweltprobleme reagieren und Maßnahmen fordern – darin unterscheidet man sich wenig von den anderen entwickelten Industriestaaten. Wohl aber ist es in Israel schon etwas schwieriger als anderswo, überhaupt auf die drohende Klimakatastrophe hinzuweisen. Weltuntergangsszenarien kennt man dort zu Genüge und nickt sie allenfalls mit einem müden Lächeln ab – Armageddon kann schließlich warten.

Aber die Folgen der globalen Erwärmung sind mittlerweile auch in Israel deutlich spür- und messbar, und das liegt nicht nur an der Häufung von extremen Wetterphänomenen in jüngster Zeit. Zum einen warnen Experten vor den Folgen eines ungebremsten CO2-Ausstoßes für die Region, so wie im Dezember Professor Jim Salinger auf einer Fachtagung in Tel Aviv. Der Mitautor des UN-Special Report on Emissions Scenarios aus dem Jahr 2000 erklärte, dass sich die Israelis bis 2050 schon mal auf sommerliche Hitzewellen mit 46 Grad und mehr einstellen können, wenn Wirtschaft und Politik weiterhin so untätig blieben wie bisher. 2100 werden dann wohl auch Temperaturen von 50 Grad „normal“ sein, befürchtet der Neuseeländer. „An der Küste wird es natürlich auch weiterhin kühlere Brisen und eine hohe Luftfeuchtigkeit geben“, betont Salinger. „Aber in Jerusalem oder Petah Tikva sieht das schon anders aus.“ Zum anderen enthält auch der jüngste Bericht des Israel Meteorological Service (IMS) keine frohen Botschaften. So hat die Durchschnittstemperatur im Zeitraum von 1950 bis 2017 bereits um 1,4 Grad zugelegt. Und bis 2050 müsse man mit einem weiteren Anstieg von 0,9 bis 1,2 Grad rechnen.

Die in Israel omnipräsenten Klimaanlagen sowie die Tatsache, dass das Land Weltmeister auf dem Gebiet der Meereswasserentsalzungsanlagen ist, können einige der Auswirkungen für die Bevölkerung vor Ort zwar abfedern. Doch der steigende Meeresspiegel und die Erosion der Böden dürften volkswirtschaftliche Schäden gigantischen Ausmasses hervorrufen, von den sicherheitspolitischen Folgen, die Extremhitze und Wassermangel in der Region mit sich bringen, ganz zu schweigen. Dabei stammen aus Israel gerade einmal 0,2 Prozent der weltweit produzierten schädlichen Treibhausgase. Genau darum lohne es sich auch kaum, etwas gegen die Emissionen im eigenen Land zu unternehmen, erklären manche Politiker. Ihr Argument: Es bringe ja sowieso nichts, weil Israel viel zu klein sei. In der Hightechbranche ist man da schon ein ganzes Stück weiter. Zahlreiche Unternehmen sind in dem Bereich Cleantech erfolgreich tätig. Immer wieder machen Innovationen aus Israel Schlagzeilen, so wie kürzlich die Meldung, dass Forschern die Züchtung von Darmbakterien gelungen sei, die CO2 aus der Luft verspeisen. 

„Die Regierung sieht Israel als ‚Start-up-Nation‘ und betrachtet den Klimaschutz leider hauptsächlich als wirtschaftliche Chance für den Export vom technologischen Innovationen“, bringt es David Dunetz vom Heschel Center for Sustainability in Tel Aviv in einen Interview mit dem Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam auf den Punkt. „Dieses Bild ist nicht ganz falsch: Israel ist im Hinblick auf technologische Innovationen – etwa beim Wassermanagement für die Landwirtschaft sowie in den Bereichen Biotechnologie und Fintech – sehr agil.“ Wo es aber definitiv Nachholbedarf gibt, ist der Einsatz erneuerbarer Energien. Obwohl es fast das ganze Jahr über Sonne satt gibt, werden derzeit gerade einmal etwas mehr als vier Prozent der in Israel erzeugten Strommengen mit Hilfe von Solaranlagen oder Windkraftwerken produziert. Dabei hat die Politik 2015 versprochen, dass dieser Anteil 2020 bereits zehn Prozent betragen soll und 2030 immerhin 17 Prozent – doch dürften diese Zahlen aufgrund mangelnder Initiativen längst Makulatur geworden sein. Gleiches lässt sich über das Vorhaben sagen, dass der Pro-Kopf Ausstoss von CO2 von derzeit 9,5 Tonnen im Jahr auf 7,5 Tonnen reduziert werden soll. Die Tatsache, dass das Land seit bald einem Jahr über keine richtige Regierung verfügt, beschleunigt Entscheidungsprozesse und Projekte nicht unbedingt. 

Doch es gibt auch etwas Positives zu berichten. Aufgrund der Entdeckung riesiger Erdgasfelder vor der Küste Israels wird in den Kraftwerken des Landes deutlich weniger Kohle verfeuert als noch vor wenigen Jahren. So sank der Anteil dieses wenig umweltfreundlichen Energieträgers bei der Stromproduktion von 59 Prozent im Jahr 2010 auf mittlerweile unter 30 Prozent. Bis 2025 will man komplett weg von der Kohle sein. Vier alte Kraftwerksblöcke an der Küste bei Hadera werden derzeit sukzessive bis 2022 durch zwei moderne und effizientere erdgasbetriebene Einheiten ersetzt sein. Sollte das alles wirklich nach Plan geschehen, wären das endlich einmal gute Nachrichten für die von schlechter Luft geplagten Israelis.

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