„Gleiche unter Gleichen“

Als Hapoel Umm Al Fahm im israelischen Landespokal der israelische Rekordmeister und amtierende Meister, Maccabi Tel Aviv, zugelost wurde, erfüllte sich ein Wunsch der Bewohner der größten arabischen Stadt Israels, in der Fußball seit Monaten das alles beherrschende Thema ist. Der zweitligisten Verein, der Jahrzehnte lang nur auf den Nebenschauplätzen spielte, stand plötzlich im Rampenlicht gegen die reichste Mannschaft des Landes, den Meister und Erstplatzierten der Premier League, der die ganze Saison über nur ein Gegentor kassiert hat…

Autorenkollektiv Kaduregel Groundhopping Israel

Der Verein meldete nach der Auslosung, dass man auf ein größeres Stadion als die Heimspielstätte ausweichen wolle. Nachdem das Shalom Stadion in Umm Al Fahm, in dem letzte Saison rund 5000 Zuschauer pro Spiel den Aufstieg von Hapoel Umm Al Fahm aus der dritten Liga verfolgten, als nicht zweitligatauglich eingestuft wurde, muss der Verein mit der nur 3000 Zuschauer fassenden “Zuckerbox” in der nahe gelegenen Stadt Afula Vorlieb nehmen. Obwohl klar war, dass für das Spiel am Abend des 21.12. weit über 10.000 Karten verkauft werden könnten, kam der israelische Fußballverband dem Wunsch nach einer Verlegung des Spiels in eine größere Spielstätte nicht nach. Für den Kartenvorverkauf in der Geschäftsstelle am Shalom Stadion sechs Tage vor der Ansetzung war das Chaos vorprogrammiert und kam schlimmer als erwartet. Das Gedränge hunderter kräftiger und fanatischer Anhänger von Umm Al Fahm nahm so kriminelle Züge an, dass die Verantwortlichen des Vereins nach nur zehn Minuten die Flucht ergriffen. Als der Verkauf mehr als eine Stunde später an den Kassenhäuschen des Stadions wieder aufgenommen wurde, ging das Chaos weiter bis die letzte Karte nach einer weiteren Stunde weg war.

Das Spiel bot über den Fußball hinaus eine einmalige Chance für die Stadt Umm Al Fahm, von der nicht wenige Israelis glauben, dass man dort sein Leben lassen kann, wenn man sie nur betritt, und ganz sicher lässt, wenn man dort Hebräisch spricht. Shady Agbaraia, eingefleischter Fan von Hapoel Umm Al Fahm, erklärt, dass sich das Image der Stadt in den letzten Jahren bereits gewandelt und der Fußball einen großen Anteil daran hat. Der Kader von Hapoel Umm Al Fahm besteht zu über der Hälfte aus jüdischen Spielern und es gibt keinen Fan der Mannschaft, der dies nicht herausstreicht. Die jüdischen Spieler des Teams sind die besten Botschafter der Stadt, so Agbaraia. Darüber hinausgehende Bemühungen für Koexistenz zeigten sich jüngst bei einem Vorbereitungsspiel gegen die israelische U21 Nationalmannschaft und einem Vorstoß der Vereinsführung, dem notorisch anti-arabischen Verein Beitar Jerusalem ein Freundschaftsspiel anzubieten.

Tatsächlich liefert die jüngere Vergangenheit eindrucksvolle Beispiele für die jüdisch-arabische Verständigung via Fußball. Jüdische Gästefans, die sich letzte Saison ins Shalom Stadion getraut haben, genossen dort warmherzige Gastfreundschaft. Und Hapoel Umm Al Fahm steht mit der ausgestreckten Hand nicht alleine. So veröffentlichten die Ultras des arabischen Clubs MS Kfar Qasem und die Ultras von Beitar Nordia, einem jüdischen Team aus Jerusalem, nach ihrem Aufeinandertreffen in der letzten Saison im Forum der dritten Liga Süd ein Video, dass sie zusammen in einer Shisha-Bar in der arabischen Stadt zeigt, beim Kicker spielen, zündeln und Sprechchöre anstimmen. Vor dem Spiel von MS Kfar Qasim gegen Maccabi Sha’arayim waren die Gästefans eingeladen, in einem Lokal und einer Bäckerei der Stadt umsonst zu essen.

MS Kfar Qasim, © O. Vrankovic

Alaa Amer sagt, die Ultras von Kfar Qasem hätten sich 2013 zusammengefunden, um in der Stadt etwas Positives zu schaffen. Fußballfans der Stadt, zuvor meist Anhänger großer Vereine wie Maccabi Haifa oder Hapoel Tel Aviv, hätten beschlossen, die große Fußballatmosphäre aus der ersten Liga auf die Ränge des örtlichen Stadions zu bringen. Entsprechend erschallen die meisten Sprechchöre der Ultras des MS Kfar Qasem auf Hebräisch. Auch die 2015 gegründete Ultras Gruppe Red Dragons von Hapoel Umm al-Fahm singt zumeist auf Hebräisch.

Nachdem MS Kfar Qasem aus der dritten Liga Süd und Hapoel Umm al-Fahm aus der dritten Liga Nord aufgestiegen sind und Bnei Sakhnin, Pokalsieger 2004, aus der ersten Liga abgestiegen ist, wird diese Saison in der zweiten Liga der Wettstreit darum ausgetragen, wer die Nummer eins unter den israelischen Arabern ist – auf dem Platz und auf den Rängen.

Ein Fan von Umm Al Fahm, © Tuumas

Die Fans der genannten arabischen Vereine haben für ihre starken Auftritten auf den Rängen in dieser Saison viel staunende Bewunderung israelischer Fußballfans erhalten. Den Wettstreit um die beste Stimmung hat Umm Al Fahm nicht nur im Vergleich der arabischen Teams für sich entschieden. Verdiente Fanszenen wie die von Hapoel Petach Tikva lobten ganz dezidiert den Auftritt der Gäste aus der arabischen Stadt.

Dass Umm Al Fahm eine absolute Bereicherung für das israelische Oberhaus wäre, ist Konsens bei israelischen Fußballreportern. Vor Beginn des Pokalkrachers gegen Maccabi Tel Aviv haben die Red Dragons durch einen Drachen verkündet: „Wir erobern die Welt und verwandeln das Spielfeld in eine Hölle“ und wer ein Ticket für die Heimtribüne erstreiten konnte, machte sich mit an die Umsetzung des Mottos.

Als die Gäste nach einer halben Stunde aber bereits mit 2-0 führten und auf ihren Social Media Kanälen “mehr!” forderten, schien es statt eines Fußballfest, dass sich die Fans von Umm Al Fahm erhofft hatten, eine Machtdemonstration des israelischen Rekordmeisters, wie sie sich die Maccabi Tel Aviv Fans erwartet haben.

Es brauchte ein paar Minuten nach dem aussichtslos scheinenden Rückstand, bis die Red Dragons ihren Support konsolidierten und die Tribüne mit eingestiegen ist. Als der 12. Mann dann voll da war, fiel der Anschlusstreffer und wurde frenetisch gefeiert. Immerhin, so das Pausenfazit, ein Tor gegen Maccabi Tel Aviv.

Was dann nach der Pause auf dem Feld und auf den Rängen passierte ist, beschreibt der Ausdruck „Fußballmärchen“ nur unzureichend. Umm Al Fahm glich kurz nach der Halbzeit aus und ging eine Viertel Stunde vor Schluss nach einem 30 Meter Gewaltschuss 3-2 in Führung und brachte diese über die Zeit. Die Fans wussten kaum wohin mit ihrer Begeisterung und Freude.

Vor dem Stadion wurde getanzt bevor es im laut hupenden Autokorso Richtung Umm Al Fahm ging. Dort versammelten sich am Ortseingang schnell Hunderte, um auf den Mannschaftsbus zu warten, während Fußballfans aus verschiedenen arabischen Städten des Landes zum Feiern eintrafen. Fans von Bnei Sakhnin, MS Kfar Qasim und anderer arabischer aber auch vieler jüdischer Mannschaften gratulierten zur „Sensation des Jahrzehnts“ (sport5).

Die Fans feiern auf den Straßen, © Tuumas

„Es gibt keine Worte, um das Gefühl zu beschreiben. Aufregung, Euphorie, die Fans in den Wolken“ sagt Agbaraia. Die Feierlichkeiten in der Stadt dauerten entsprechend bis in die frühen Morgenstunden und waren am nächsten Tag Gegenstand der Berichterstattung in allen Hauptnachrichtensendungen. Agbaraia erzählt, dass die Familien der jüdischen Spieler, von denen viele noch nie in einer arabische Stadt waren, bis weit nach Mitternacht blieben, um zu feiern.

„Es ist ein Gefühl – wenn auch nur vorübergehend – dass wir Gleiche unter Gleichen sind“ sagt Agbaraia einige Tage nach dem Pokalspiel auf die Frage, welche Bedeutung der Sieg über den Fußball hinaus für die Stadt hat.

Und das nächste Fußballfest ist nur zwei Wochen entfernt. Dann ist im Achtelfinale das zweite Schwergewicht des israelischen Fußballs, Maccabi Haifa, zu Gast.

Bild oben: © Sb_1975 

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