Zur Sonne, zum Freibad

Als 1989 die Mauer fällt, darf die 12jährige Esther Zimmering nicht sofort wie die anderen Kinder ihrer Klasse Westberlin besichtigen, sondern muss allein mit ihrer Lehrerin in der Klasse ausharren; ihr Vater verbietet es, er ist als Militärarzt bei der NVA tätig und will noch abwarten, wie sich die neuen Verhältnisse gestalten. Doch schließlich ist es auch Esther möglich, den Teil der Stadt hinter der gefallenen Mauer zu bereisen – und auch ihre private Welt weitet sich nun über Deutschland hinaus: Sie hat noch Verwandte in Israel, zu denen der ostdeutsche Teil ihrer Familie jetzt wieder Kontakt aufnimmt…

Von Miriam N. Reinhard

In ihrem Dokumentarfilm „Swimmingpool am Golan“ ist die Schauspielerin Esther Zimmering ihrer durch die Geschichte geteilten Familie auf der Spur. Als Jugendliche, so erzählt sie, habe sie sich in Israel verliebt, besonders in den Kibbuz Kfar Szold, der sich in der Nähe des Golan befindet. Lore, die Cousine ihrer Großmutter Lizzi, hat den Kibbuz gemeinsam mit ihrem Mann Max aufgebaut und geleitet. Im Gegensatz zu Lore hat Lizzi nicht in Israel gelebt, sondern nach dem Krieg ihren Lebensmittelpunkt zunächst in der DDR gefunden.

Die Geschichte der Cousinen, die als junge Frauen sehr vertraut miteinander waren, dann aber getrennte Wege gingen, soll im Zentrum von Zimmerings Filmrecherche stehen.

Um die Geschichte von Lizzi und Lore greifbar zu machen, interviewt Zimmering ihre Eltern, ihre Tante in Deutschland und ihre Verwandten in Israel. Sie lässt uns an ihren Recherchereisen nach Israel teilhaben und schildert, wie sich ihr eigenes Verhältnis zu Israel im Laufe der Jahre verändert hat. Direkt nach der Wende, als die jugendliche Zimmering damit konfrontiert ist, dass es mit dem Fall der Mauer plötzlich auch „Pornos, Hubba-Bubba-Kaugummis und Neonazis“ in Berlin gibt, wird Israel zu einer zweiten Heimat für sie: „Seitdem bin ich immer wieder nach Israel gereist, denn hier war ich einfach nur Esther. (…) Israel war für mich Sonne, Früchte und Hormone. Ich fühlte mich hier sehr erwachsen. Ich schaute mir die hübschen Soldaten an und beschloss, irgendwann nach Israel auszuwandern.“ Zimmering trägt dies mit so entwaffnender Naivität vor, dass man den Eindruck bekommt, sie hält diese etwas konstruierten Dichotomien immer noch ganz selbstverständlich für konkurrierende Lebensentwürfe und politische Alternativen: „Früchte und Sonne“ statt „Hubba-Bubba-Kaugummis“, „Hormone“ statt „Pornos“, „israelische Soldaten“ statt „Neonazis“, denen man auf dem Schulhof begegnen kann. Es ist zuweilen etwas anstrengend, ihr in solche privaten Logiken zu folgen.

Zum Zeitpunkt des Drehs findet Zimmering den Kibbuz Kfar Szold nicht mehr in derselben Weise vor, wie sie ihn als Jugendliche erlebt hat: Lore und Max leben nicht mehr, das Gelände verfällt zunehmend. Der Pool im Kibbuz ist ihr in der Jugend als Pars pro toto eines gelebten Sozialismus erschienen: „Das Privateigentum war abgeschafft, und deswegen hatten alle zusammen einen großen Pool“ – doch führt jetzt kein direkter Weg mehr hinunter zu ihm, und niemand befindet sich dort, als sie ihre Kamera auf ihn richtet.

Zimmering verliert sich immer wieder in privaten Rückblenden und nostalgischen Reflexen sowohl auf ihren Routen durch Israel als auch auf ihren Fahrten durch Ostberlin, die sie mit ihrem Vater unternimmt; man weiß nicht genau, was man denken soll, wenn sie aus dem Off kommentiert: „Als Kind gefiel mir mein Vater in seiner Uniform. Mein Bruder und ich mussten immer allen erzählen, dass er bei der NVA arbeitet. Darauf waren wir stolz. Wir fuhren jeden Sommer ins Ferienlager der NVA, dort schmierten wir uns Tarnfarbe ins Gesicht und bekamen zum Abendbrot rote Grütze.“

Nur an den Stellen, an denen die Geschichten von Lore und Lizzi deutlicher rekonstruiert werden, gewinnt der Film wirkliche Tiefe. Wir erfahren, dass beide Frauen 1920 in Berlin geboren sind; sie schließen sich jüdischen Jugendbünden an: Lizzi einem kommunistischen und Lore einem zionistischen Bund. Schließlich fliehen sie ins Exil und sind die einzigen Mitglieder ihrer Familie, die den Holocaust überleben. An ihren Exilorten organisieren sie sich weiter politisch und kommen schließlich in den Ländern an, in denen sie ihre politischen Überzeugungen und Hoffnungen verwirklicht sehen.

Lore flüchtet 1938 in die Niederlande, sie wird dort Kämpferin im antifaschistischen Widerstand, flüchtet schließlich aus den Niederlanden über die Pyrenäen nach Spanien und schließlich nach Palästina. Dort lebt bereits wieder der 1938 in Berlin für die Jewsih Agency tätige Funktionär Max Zimel; Lore ist ihm kurz vor ihrer Flucht in Berlin in seinem Büro in der Jewish Agency begegnet und hat von ihm einen Stempel für die Ausreise erhalten; ihre Ankunft in Palästina kündigt sie ihm per Brief an – er holt sie vom Schiff ab, die beiden werden schließlich ein Ehepaar. Lore und Max widmen ihr Leben der Kibbuz-Bewegung und dem Aufbau Israels. Lore lebt und wirkt ihr ganzes weiteres Leben in dem Kibbuz Kfar Szold, bis sie zum Ende ihres Lebens in einem Pflegeheim untergebracht werden muss und dort stirbt.

Lizzi flüchtet 1939 nach England und trifft hier auf den Kommunisten Josef Zimmering; mit ihm gründet sie eine erste Gruppe der FDJ im Exil und folgt ihm nach dem Krieg schließlich in die sowjetisch besetzte Zone. 1959 kommt sie bei einem durch ihren Mann verschuldeten Autounfall in Genf ums Leben. In Genf lebt die Familie fünf Jahre, weil Josef Zimmering in der DDR politische Karriere macht: Er wird SED-Mitglied, ist schließlich Diplomat der DDR und ihr ständiger Vertreter bei der UN-Wirtschaftskommission für Europa in Genf; schließlich ist er in einer leitenden Funktion beim Deutschen Roten Kreuz der DDR tätig. Die beiden Kinder treten ebenfalls in den Staatsdienst der DDR ein; während die als Konferenzdolmetscherin tätige Tochter Monika zu DDR-Zeiten aber eine heimliche Brieffreundschaft mit Lore in Israel pflegt, hält der für die NVA arbeitende Sohn Klaus sich an das Verbot, keine Kontakte ins kapitalistische Ausland zu unterhalten.

Die beiden Cousinen verlieren sich nach ihrer Flucht Ende der 1930er Jahre aus den Augen – nur 1958 Jahren treffen sie sich in Genf ein einziges Mal wieder, als Lore und ihr Mann auf der Durchreise nach Israel sind, doch dann finden sie wohl keine gemeinsame Ebene mehr.

Geteilte (getrennte) Lebenswege, doch hat es vielleicht noch Vorstellungen gegeben, die eine geteilte (gemeinsame) Hoffnung geblieben sind? Ziemlich zu Beginn des Films berührt besonders ein von Zimmerings Tante vorgelesener Brief von Lore, in dem diese schreibt: „Du würdest erstaunt sein, wieviel Bekanntes du hier wiederfinden würdest: 1. Ich gehöre persönlich zum linkesten Flügel im Lande, 2. Ich war in einer Kommune (ein schwieriger, aber nicht uninteressanter Versuch in einer kapitalistischen Umwelt). Nach irgendwelchen offiziellen Beschlüssen der vier Mächte gehören wir nun geographisch zu zwei verschiedenen Lagern. Die Realität geht natürlich nicht nach Schema F.“ Leider erfahren wir nicht, wann genau dieser Brief datiert ist, auch wissen wir nicht, was Lore in Israel über die Realität in der DDR zu diesem Zeitpunkt gewusst hat – und Zimmering fragt ihre Tante auch nicht, was sie jetzt, im wiedervereinigten Deutschland, über diese Zeilen denkt.

Deutlich wird aber, dass der DDR-Funktionär Josef Zimmering die Auffassungen der Cousine seiner Frau über eine Ähnlichkeit zwischen Zionismus und Sozialismus nicht geteilt hat. Er und seine Frau seien, so hat er es formuliert, „als Erstes Kommunisten, als Zweites Deutsche und als Drittes Juden“. Möglicherweise unter politischem Druck stehend, ist es ihm 1953 wichtig, seiner Partei deutlich zu demonstrieren, dass er sich von Zionisten unterscheidet, und formuliert dazu in einem Bericht an die SED, die Zionisten seien „Handlanger der USA“, „der Zionismus eine imperialistische Spionagezentrale.“

Zimmering versucht, die beiden Teile ihrer Familie immer wieder mit der Verschiedenheit der Lebenswege zu konfrontieren und auch Verbindendes herauszustellen. Vor wirklichen Kontroversen mit ihren Verwandten schreckt sie dann aber zurück.

Teilt sie in den ersten Minuten ihres Films direkt mit, dass ihre Eltern an „die DDR geglaubt haben“, so kann man im Verlauf des Films den Eindruck gewinnen, dass sich diese Haltung der Eltern im Laufe der Jahre möglicherweise nicht entscheidend verändert hat. Zimmering stellt jedoch keine konkreten Fragen dazu; zwar fragt sie ihren Vater zaghaft zu seiner NVA-Tätigkeit: „Bereut hast du das nie?“, worauf er vorhersehbar mit „Nein, wieso, das ist doch mein Leben gewesen?!“ antwortet, doch was genau soll er denn auch bereuen, was von der DDR hat er vielleicht ausgeblendet, was deutet er sich bis heute noch um?

„Wir haben uns die DDR ja schöngeredet“, sagt Zimmerings Tante Monika an einer Stelle, die DDR sei an vielen Punkten „auf Illusionen“ aufgebaut gewesen; Antisemitismus hat existiert, aber ideologisch nicht existieren können, deswegen thematisierte man ihn nicht. Leider fragt auch hier Zimmering nicht genauer nach, sondern spielt stattdessen eine Darbietung von „Carpe diem“, einem DDR-Lied, ein.

So bleibt ihr Film höchst subjektiv eingefärbt, zum Teil unsicher wirkend, lückenhaft und gleitet immer wieder in einer Weise ins Nostalgische ab, dass einer westdeutschen Klassenfeindin wie mir das Verstehen zuweilen etwas schwer gemacht wird.

Hinzu kommt, dass Zimmering an manchen Stellen zuweilen Gefühl dafür fehlt, was in einem Dokumentarfilm gezeigt werden sollte: Da ist nicht nur ziemlich zu Beginn des Films die übergriffige Filmaufnahme der an Alzheimer erkrankten Lore im Pflegeheim, die überhaupt nicht mehr versteht, was gerade mit ihr geschieht; es erschließt sich auch nicht, warum Zimmering einen Falafel-Verkäufer in Israel danach fragen muss, ob er jemals in der DDR gewesen sei. Dass der überfallartig mit einer Interviewsituation konfrontierte Mann mit „DDR“ nicht sofort etwas anzufangen weiß, hat für die Erzählung keine Relevanz und auch darüber hinaus keine Aussagekraft.

Gegen Ende ihres Films erzählt uns Zimmering die Geschichte ihrer eigenen kleinen Familie: Sie hat mit dem Ende ihrer Recherchen entschieden, nicht nach Israel auszuwandern, sondern in Deutschland zu bleiben; hoffend, die „Willensstärke von Lore und Lizzi geerbt zu haben“, engagiert sie sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe in Berlin. So lernt sie den aus Ghana geflüchteten Majid kennen, sie verlieben sich und heiraten. Wir sehen Aufnahmen von Majid im Flüchtlingscamp, dann eine Filmsequenz, die vermutlich unmittelbar nach der Hochzeit entstanden ist, und schließlich auch Aufnahmen von dem gemeinsamen Baby. Zum Abschluss bricht Zimmering noch einmal zu ihrer Familie nach Israel auf und hat Majid und das Baby mit dabei.

Das ist ohne Frage eine schöne Geschichte, doch so platziert wirft sie Fragen auf: Sollen wir in dieser ihrer Ehe jetzt irgendeine besondere Bedeutung erkennen? Was will Zimmering uns genau damit sagen, was uns in dem Zusammenhang der Ausgangsfrage ihres Films etwas angehen muss? Soll die Geschichte Majids zu den recherchierten Exilgeschichten der Cousinen in einem spezifischen Verhältnis stehen? Oder sieht sie in ihrer Ehe ihren Weg in eine politische Utopie, wie all ihre Familienmitglieder auch utopischen Impulsen gefolgt sind?

Spätestens mit diesem Ende wird deutlich, dass es Zimmering nicht mehr primär um einen Dokumentarfilm geht, sondern darum, eine Reise zum Selbst zu dokumentieren. Die Geschichten von Lore und Lizzi wirken dann aber nur noch wie Stationen innerhalb einer Selbstfindung, die nun mit der Ehe mit Majid vorerst zum Abschluss gekommen ist.

Was trotz solcher zuweilen etwas zweifelhaften und angestrengt wirkenden Unternehmungen den Film sehenswert macht, sind die interessanten Fragen, die er aufwirft; etwa zu dem Verhältnis von Kommunismus und Zionismus, zu den antizionistischen Impulsen der DDR, zum jüdischen Leben und Selbstverständnis in der DDR überhaupt – und interessant werden dann besonders die Stellen des Films, an denen geschwiegen wird und Zimmering sich nicht traut, weiter zu fragen.

Es ist immer problematisch, sich selbst zum Bestandteil von Dokumentarfilmen zu machen, gerade dann, wenn man so nah involviert und selbst innerlich so auf der Suche ist, wie Zimmering; dazu braucht es sehr viel Reflexion über den eigenen Standpunkt im Geschehen, es braucht die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung. Vor allem benötigt man Mut zur Professionalität im Privaten, um die Überlieferung der Geschichte von den Irrtümern ihrer Überlieferer zu befreien – sicher kann der Vater interessante Geschichten erzählen; um eine Perspektive auf die Geschichte zu entwickeln, muss man Geschichten aber auch zu interpretieren lernen.

Mit der Auswahl ihrer Bilder, dem Arrangement des Materials in manchen Szenen, ihrem grundsätzlichen Gespür für erzählenswerte Konstellationen beweist die zweifellos talentierte Schauspielerin Esther Zimmering, dass sie durchaus auch eine interessante Regisseurin werden kann.

Vielleicht wählt sie für zukünftige Filme Themen aus, denen sie unabhängig von privaten Sehnsüchten Bedeutung zusprechen kann. Wenn ihr das gelingt, werden wir sicher irgendwann einen sehr guten Zimmering-Film zu sehen bekommen. Einen Film, mit dem sie dann hoffentlich etwas weniger ins Schwimmen gerät, als ihr dies mit ihrem Erstling „Swimmingpool am Golan“ in weiten Teilen leider geschieht.

„Swimmingpool am Golan“ ist zu sehen in

Berlin:

08.01.2020 im Kino Toni, in Anwesenheit von Esther Zimmering
10.01.2020 im Kino Toni
16.01.2020 im Moviemento, in Anwesenheit von Esther Zimmering
22.01.2020 im Kino&Bar in der Königsstadt
26.01.2020 im Bundesplatzkino, in Anwesenheit von Esther Zimmering

und anderen Städten:

06.01.-14.01.2020 Künslterhaus Hannover
26.01.2020 Oldenburg, in Anwesenheit von Esther Zimmering
06.04.2020 im Weltspiegel Kino in Cottbus, in Anwesenheit von Esther Zimmering
17.05.2020 neues Kino in Dresden, in Anwesenheit von Esther Zimmering

Weitere Termine sind in Planung.

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