Der identitäre Rausch

Ein Tagungsband über Rechtsextremismus in Südtirol…

Von Rainer Thiemann

„Die Vergangenheit lehrt……. das ein Rechtsextremismus (Der ITALOFASCHISMUS) den Geist gegen den anderen ( Den NAZISMUS) nicht immunisiert.
Und so wird es nötig sein, vor allem für die Jugend und bei der Jugend, die „volkspolitischen“ Parteien stets demokratisch zu hinterfragen“
Claus Gatterer

Die acht deutschen und zwei italienischen Berichte einer Tagung der Universität Bozen im Jahre 2018 , an der sich auch die ANPI (Associazione Nazionale Partigiani d’Italia, Nationale Vereinigung der Partisanen Italiens) beteiligte, setzen sich in profunder Weise mit den autochthonen völkischen Quellen Südtirols, aber auch mit der sehr starken Beeinflussung durch die rechtsextremistschen Bewegungen aus Österreich und Deutschland, sowie aus Gesamtitalien auseinander.

Noch marschieren in der Region Südtirol deutsche und italienische Rechtsextremisten getrennt und schüren nationale Auseinandersetzungen, um sie politisch auszuschlachten. Sie erstarken erstmals deutlich. Mit CasaPound ist der „Faschismus des dritten Jahrtausends“ bereits in den Bozener Gemeinderat eingezogen. Auf deutscher Seite spielen die Neonazis und rechtsgerichtete völkische Organisationen mit der Südtiroler Urangst des Identitätsverlustes. Beide rechtsextremen Strömungen sind nicht alleine – sie erhalten aus drei Ländern – Deutschland, Österreich und Gesamtitalien – ständig ideologischen Nachschub.

Die Berichte analysieren die erheblichen Schnittmengen zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus (Georgio Mezzalira/Günter Pllaver), analysieren den österreichischen Rechtsextremismus und seine Gewaltstrategien und geben einen historischen Überblick zur Strategie der österreichischen Burschenschaften als Anheizer völkischer Konfliktstrategien in Südtirol.

Ein Autorenteam beschreibt die neonazistische Szene von 1990 bis 2015. Nicht verwunderlich ist, dass einzelne Akteure dann immer wieder auf Listen der Freiheitlichen bei den Wahlen auftauchen. Erstaunlich ist auch der gesamtdeutsche Einfluss auf den Südtiroler Heimatbund und den Südtiroler Schützenbund.

Der 1984 verstorbene Historiker und Journalist Claus Gatterer beantwortete die Frage, warum gerade Südtirol nach 1945 für den deutschen und österreichischen Rechtsextremismus so beliebt war und ein Schwerpunkt ihrer politischen Aktionen ist, mit vier Punkten:

1. Man vermutete unter den Südtirolern ein radikalisierbares Menschenmaterial
2. Ähnlich wie gegenüber den slawischen Völkern des Ostens hatte man hier einen zweifachen Erbfeind, „den Italiener“ und die Kommunisten, die Roten, gegen sich.
3. In rechtsextremen Kreisen glaubte man ursprünglich wirklich, die Italiener aus Südtirol hinausterrorisieren und Südtirol damit (wie zuvor die Saar) zu einem Fanal für ein „gesamtdeutsches Recht auf Selbstbestimmung“ machen zu können.
4. Deutschvölkische Romantiker sehen in vielen Südtiroler Tälern den letzten Hort echten Bauerntums – die Bauern als Wahrer volklichen Brauchtums und nationaler Eigenheit.

Im kulturellen und politischen Milieu gibt es über zwei Generationen hinweg bis heute die Verbindungen und Kontinuitäten, die darauf hinweisen,
das die alten Parolen immer noch auf fruchtbaren Boden fallen.

Auch hier arbeiten die Autoren einige Besonderheiten heraus, die im politischen Alltag zu berücksichtigen wären: Der Rechtsextremismus kann sich in Südtirol in der Nähe der heute dominanten Kultur platzieren, indem er ideelle Brücken zu Mentalitäten baut, die in einer ethnischen Minderheit offenbar jederzeit abrufbar sind. Dies betrifft Begriffe wie „Heimat“, „Volk“, „Volkstumspolitik“, oder „deutsch“, die in Südtirol ohne kritische Selbstreflexion seit 1945 sehr positiv erhalten geblieben sind.

Der Einsatz für deutsche Kultur oder Identität erfolgt unabhängig, ob dies unter dem Vorzeichen der Inklusion oder Exklusion geschieht; unabhängig ob demokratisch oder autoritär, schmiedet dies also das gemeinsame Auftreten von politischen Kräften unter diesem Ethnos, die sonst unter demokratischen Vorzeichen einer pluralistischen Gesellschaft im Wettbewerb zueinander stehen würden.

Das Recht auf Selbstbestimmung wird aus der Logik des Nationalstaates als ethnisch vielfältiges Produkt eingefordert. Doch der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts, der auch das Recht auf Selbstbestimmung hervorgebracht hat, ist Vergangenheit. Die Staaten der Europäischen Union sollte eigentlich Pluralismus in Kultur, Sprache und Konfession prägen. Niederlassungsfreiheit, Reisefreiheit, Offenheit bilden die Antithese zu den ideologischen Mauern eines uniformen Nationalstaates.

Der Rechtsextremismus in Südtirol ist eine politische Bewegung, die sich gegen jede europäische Vielfalt und Durchlässigkeit wendet, ob es nun das politische Konstrukt der EU oder eine andere politische Ebene ist.

Aber das heutige Südtirol, in dem ökonomische und soziale Struktur sehr weit entwickelt sind, ist ein Produkt der Heterogenität und des kulturellen Pluralismus und nicht der Nationalstaatlichkeit, der Exklusion und autoritärer Ausgrenzung anderer kultureller Ethnien.

Günther Pallaver / Giogio Mezzalira: Der identitäre Rausch. Rechtsextremismus in Südtirol, Edition Raetia, Bozen 2019, 158 S., Euro 18,00, Bestellen?

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